20.06.1951

Walter von Reichenau

Walter von Reichenau
Vor der Spruchkammer Stuttgart I (Beisitzer: Schlotterbeck und Entenmann) sagte Ott aus: "Als die Machtübernahme am 29. Januar 1933 eine nahezu unabwendbare Tatsache schien, waren wir schließlich bereit, im kleinsten Kreis, unter dem Vorsitz des Generals von Hammerstein, zu einem Offiziersputsch zu greifen ..." Das war der erste, aber nicht der letzte Putsch von Offizieren gegen Hitler, der nicht stattfand.
Nach der Machtergreifung wollte der General von Hammerstein den begabten Ott, der sich ziemlich exponiert hatte, aus der Schußlinie bringen. "Wäre Ott zum Röhm-Putsch in Berlin gewesen, hätte er vermutlich mit Schleicher dran glauben müssen", war noch
1939 die Meinung des Generals von Reichenau. Von Reichenau, nach dem 30. Januar Otts unmittelbarer Dienstvorgesetzter, ist ein unverdächtiger Zeuge, denn die beiden standen herzlich schlecht miteinander. ("Ott ist ein listiger kleiner Schwabe, der sich so gebärdet, als sei er ein Preuße, wobei seine Kopie aber nur den preußischen Unteroffizier erreicht und nicht den Offizier.")
Gefragt also, wohin er versetzt werden wolle, sagte Ott, er wolle nach der Mandschurei. "Ich wollte so weit wie möglich von Berlin fort sein", sagt Ott heute. Aber da in der Mandschurei zwischen Japanern und Chinesen Ende Mai ein Waffenstillstand ausbrach, reiste Ott mit einer der Karten, die die großen Schiffahrtslinien dem Reichspräsidenten auf ihren Ueberseedampfern zur Verfügung stellten, nach Japan, wo er Anfang Juni eintraf.
In Nagoya fühlte sich der Reichswehrmann in der japanischen Artillerie-Uniform sehr einsam. Nach seiner Spruchkammer-Bekundung lebte er mit den japanischen Soldaten in ihren Baracken zusammen, "trotzdem ich die Sprache nicht beherrschte". Die einzigen deutschen Journalisten im Umkreis waren der frühere Chefredakteur der "BZ am Mittag", Wilhelm Schulze, und Sorge. Schulze lernte den Sorge bei einer Kalten Ente im Hause Ott kennen. Er brachte Vorbehalte mit. Nicht Ott, aber die Schleicher-Leute hatten ihm in Berlin manchen Streich gespielt, indem sie seiner "BZ" abends um 11 kurz vor Redaktionsschluß Falschmeldungen serviert hatten in der Hoffnung, man könne sie so spät nicht mehr überprüfen. Diese Hoffnung hatte einige Male auch nicht getrogen. So blieb für den Reichswehr-Offizier, der zum ersten Male im Ausland war und noch dazu gleich in Ostasien, nur Sorge. Sorge aber war das, was man einen "Kümmerer" nennt.
Es gehört zum Erfolgsgeheimnis dieses ungewöhnlichen Spions, daß er kaum eine Maske trug und daß er sich im wesentlichen so aufführte, wie er war. So ersparte er sich die Nervenanspannung, die es bedeutet, zusätzlich zu den eigentlichen Gefahren des Agentseins noch dauernd eine Rolle spielen zu müssen. So erwarb er sich Vertrauen, das er um so weniger enttäuschte, je echter er er selbst sein konnte. Als etwas hypochondrischer Junggeselle war er ein "Kümmerer", der allen möglichen Leuten aus Freundschaft oder aus weiß der Teufel was für Gründen einen Gefallen tat. Um so lieber ließ Ott sich von ihm in die Lebens-Tricks Ostasiens einführen und durch Schach die Zeit vertreiben. Ott: "Sorge war eingeführt durch ein Empfehlungsschreiben der Preußischen Staatsregierung. Es ist mir nicht mehr erinnerlich, welches Ministerium es war, das bat, Sorge zu unterstützen."
Ein japanischer Oberst, der in Lichterfelde war, ist beim Skat dritter Mann, und wenn ein böswilliges Gerücht wissen will, Sorge habe Ott auch in die leichtlebigeren Sphären Ostasiens eingeführt, so soll damit wohl nur der umfassende Rahmen dieser Sorge''schen Dienstleistungen angedeutet werden. Ott: "Diese Nächte am Schachbrett und die Gespräche mit dem intelligenten Sorge waren für mich eine Erfrischung. Sorge war mir sehr sympathisch. Er war einer der wenigen Leute, mit denen man sich offen über die neuen Verhältnisse aussprechen konnte."
Beide kannten den Nationalsozialismus, beide waren Gegner des Nationalsozialismus, beide konnten sich mit einiger Phantasie als Verfolgte und Verbannte des Nazi-Regimes betrachten, obwohl Hitler nach dem 30. Januar den künftigen Militärbeobachter schon
mit den Worten begrüßt hatte: "Ich freue mich, Sie wiederzusehen, wir kennen uns ja von Weimar her." Ott beeindruckte Hitler so, daß angeordnet wurde, Ott habe Hitler bei jeder Anwesenheit in Berlin aufzusuchen.
Daß Sorge geschichtlich und literarisch beschlagen gewesen sei, ist eine Ansicht, die außer bei Ott nicht wiederkehrt. Ueberall kehrt dagegen Otts Meinung wieder, Sorge sei Quartalsäufer gewesen: "Wenn es ihn überkam, verschwand er zeitweilig, und ich ließ ihn monatelang überwachen, da ich fürchtete, er könne in seinem Suff etwas von unseren Gesprächen ausplaudern." Das "zeitweilige Verschwinden" Sorges hatte freilich manchmal auch den Grund, daß er seine Berichte abfassen und per Mikrofilm oder per Funk zur Absendung bringen mußte.
Ott: "Es war für mich eine schwierige Aufgabe, den Stand der sich wie hinter einem eisernen Vorhang vollziehenden Ausbildung der japanischen Armee zu beobachten und darüber zu berichten. So blieb mir keine Muße, mich mit der japanischen Sprache zu beschäftigen, und ich freute mich um so mehr über die Bekanntschaft mit Sorge, dem es dank seiner Sprachkenntnisse leichter war, mit den Japanern Kontakt zu bekommen und von ihnen Informationen zu erhalten."
Ott ist schon in der Lage, sachdienliche Berichte nach Berlin zu liefern, noch ehe er sich akklimatisiert hat. Der damalige Oberst Georg Thomas, Chef des Wehrwirtschaftsstabes, bekommt eine Aufstellung in die Hand, die in Keitels "Wehrmachtsamt beim Reichskriegsministerium" gewaltig imponiert. Zudem gelingt es Ott, in der japanischen Armee tatsächlich Fuß zu fassen, er ist damals aufgeschlossen und fröhlich und noch nicht feierlich, er lernt General Doihara, den 13-sprachigen "Lawrence der Mandschurei", und den späteren Militärattaché Oshima kennen und wird von den "jungen Offizieren" herzlich begrüßt.
So wird der Oberstleutnant Ott im Februar 1934, noch bevor die Nazis den an seinem Schreibtisch sitzenden Schleicher ermorden, auf Vorschlag des Reichswehrministers von Blomberg zum Militär-Attaché bei der deutschen Botschaft in Tokio ernannt, woraus man allerdings schließen kann, daß seine Gefährdung durch den Röhm-Putsch nicht gerade tödlich gewesen sein kann. Er war nun einer von den 19 Militär-Attachés, deren Entsendung noch vom Kabinett seines drei Monate später ermordeten Förderers Schleicher beschlossen war und deren unmittelbarer Vorgesetzter der Generalstabschef Ludwig Beck war.
In Erinnerung an diese Zeit sagt Ott heute: "Der Fall Sorge war für mich eine große Enttäuschung. Ich habe die ganzen Jahre hindurch keine Sekunde an ihm gezweifelt, und auch noch nach seiner Verhaftung war ich der Ueberzeugung, daß alles auf einem Irrtum beruhen müsse. Heute gibt es an Sorges Agententätigkeit wohl keinen Zweifel mehr. Zumindest spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Berichte in der japanischen Presse über die bei Sorge aufgefundenen Funkgeräte und Code-Schlüssel wahr sind. Allerdings ist mir die Kraftleistung, ein solches Spiel zu treiben, noch heute unverständlich."
Die Kraftleistung war groß, aber Sorge erleichterte sie sich. Er tat seine Arbeit unter Einschaltung der Frauen, die ihn liebten.
Fortsetzung folgt
Copyright (inkl. aller Rechte für Funk und Verfilmung) by DER SPIEGEL
*) Der Beck des Jahres 1931, sagte Ott vor der Spruchkammer, sei ein "begeisterter Nationalsozialist" gewesen, der Ott beschimpft habe wegen seiner Hitler-feindlichen Politik.

DER SPIEGEL 25/1951
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/1951
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Walter von Reichenau

Video 01:16

Hawaii Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai

  • Video "Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber" Video 01:48
    Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber
  • Video "Doku über Boris Palmer: Provokateur aus Leidenschaft" Video 59:39
    Doku über Boris Palmer: Provokateur aus Leidenschaft
  • Video "Geschäftsaufgabe wegen Brexit: Verrückt ist noch nett gesagt" Video 03:11
    Geschäftsaufgabe wegen Brexit: "Verrückt ist noch nett gesagt"
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede" Video 04:34
    100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede
  • Video "Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner" Video 02:55
    Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner
  • Video "Fahrenheit 11/9 von Micheal Moore: Wie konnte das nur passieren?" Video 02:25
    "Fahrenheit 11/9" von Micheal Moore: "Wie konnte das nur passieren?"
  • Video "Beeindruckende Aufnahmen: Lawinensprengung in der Schweiz" Video 00:50
    Beeindruckende Aufnahmen: Lawinensprengung in der Schweiz
  • Video "Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee" Video 05:34
    Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee
  • Video "Amateurvideo: Explosion in Lyon" Video 00:46
    Amateurvideo: Explosion in Lyon
  • Video "Naturphänomen in Maine: Was steckt hinter dem Eiskreis?" Video 01:20
    Naturphänomen in Maine: Was steckt hinter dem Eiskreis?
  • Video "In Spanien vermisster Zweijähriger: Hoffnung, dass er noch lebt" Video 01:00
    In Spanien vermisster Zweijähriger: "Hoffnung, dass er noch lebt"
  • Video "Beinahesturz von LKW: Keine Angst, Hilfe naht" Video 00:30
    Beinahesturz von LKW: Keine Angst, Hilfe naht
  • Video "Schlagabtausch im Unterhaus: Das Land bemitleidet Sie" Video 03:18
    Schlagabtausch im Unterhaus: "Das Land bemitleidet Sie"
  • Video "Brexit-Krise: Je größer das Unternehmen, desto größer die Sorge" Video 03:14
    Brexit-Krise: "Je größer das Unternehmen, desto größer die Sorge"
  • Video "Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai" Video 01:16
    Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai