11.07.1951

PROTESTANTENMacht die Macht böse?

Der Ring der Freistil-Ringer-Matadoren in den Messehallen am Berliner Funkturm war kaum abgebaut, da rollten die ersten 10 000 Stühle aus Hannover an, um drei der vier Arbeitsgruppen des Deutschen Evangelischen Kirchentages 1951*) unterbringen zu können. Die restlichen 21 500 Stühle wurden von den Berliner Brauereien ausgeliehen.
Ursprünglich sollte der Kirchentag 1951 nach Stuttgart einberufen werden. Aber dort bekamen Kirchentag-Präsident Reinold von Thadden-Trieglaff (SPIEGEL 33/50) und seine beiden Helfer, der frühere Kölner Studenten-Pfarrer Heinrich Giesen und der Stuttgarter Jugendpfarrer Eberhard Stammler, Briefe der Gemeinden aus der Sowjetzone: man möge doch in diesem Jahr zu ihnen kommen.
Die drei entschieden sich für Berlin. Auf dem Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt fiel ihnen während eines Wartens auf die Verkehrsmaschine nach Berlin ein, unter welche Losung der 1951er Kirchentag
gestellt werden müsse: "Wir sind doch Brüder!"
Der Kirchentag hat seinen Auftrag nicht von der offiziellen Kirche bekommen. Die Laien veranstalten ihn. Sie sind schließlich mehr als 99 Prozent des Kirchenvolks. In Essen bekannten sich 1950 180 000 unter dem "Kreuz auf den Trümmern" zu dem selbstgewählten Auftrag. Am 15. Juli 1951 im Olympia-Stadion und auf dem Maifeld werden es an die 300 000 sein.
Dieses Zusammenströmen von Menschen aus beiden Deutschländern begleitet die Sowjetzonen-Regierung offiziell mit Wohlwollen. Der scharfe Ostwind, der in der Sowjetzone Staats- und Kirchenschiff immer mehr auseinandertreibt, verwandelte sich zeitweise in ein lindes Lüftchen. Ostinnenminister Dr. Steinhoff wies alle untergeordneten Dienststellen durch einen Runderlaß an, den Kirchentag nach Kräften zu fördern. Fritz Eberts Ostberliner Magistrat stiftete 100 000 DM-Ost und 60 000 Stadtpläne mit östlich berichtigten Straßennamen.
Fritz Eberts Stadtpläne tragen freilich "Ohne-uns"-Parolen, und der ministerielle Unterstützungs-Runderlaß lief mit vertraulichen Schreiben parallel. Da hieß es, daß alle Funktionäre während des Kirchentages ihre "gesamtdeutsche Initiative" zu beweisen hätten, die Gelegenheit zu einem gesamtdeutschen Gespräch mit den westdeutschen Teilnehmern nicht vorübergehen lassen sollten, und daß eine namentliche Liste aller Geistlichen und aller Laienhelfer, die zum Kirchentag fahren wollen, anzulegen und rechtzeitig den Landesregierungen zur Ueberprüfung zuzuleiten sei.
Trotz allen ost-regierungsamtlichen Entgegenkommens blieb den Kirchentag-Vorbereitern in der Berliner Jebensstraße am Bahnhof Zoo der übliche Eiertanz zwischen östlichen und westlichen Vorbehalten nicht erspart.
Für Ost und West gesondert mußten die Vorbereitungshefte gedruckt werden. für den Osten mit der Zulassungsnummer 14 243/51 von Eislers Informationsamt. Die Plaketten - über eine Million Stück - waren in ost- und westzonaler Prägung herauszubringen. Dabei passierte das Mißgeschick, daß der Preß-Stoff für die Plaketten in der Ostrepublik gerade in dem Augenblick wieder bewirtschaftet wurde, in dem Eislers Zensoren den Entwurf freigegeben hatten. Doch Plankommissar Heinrich Rau eiste auf dringendes Ersuchen einige 100 Kilo los.
Schließlich sind 80 Prozent der Sowjetzonen-Bürger Protestanten. Nur zwölf Prozent sind Katholiken. In Adenauers Bundesrepublik sind 45,2 Prozent der Menschen Katholiken (50 Prozent Protestanten). Für dialektisch geschulte Kommunistenhirne ist der Gedanke verlockend, der Bundesrepublik (von der der protestantische hessische Kirchenpräsident Niemöller sagte, sie sei ein katholischer Staat) eine protestantenfreundliche Sowjetzonenrepublik gegenüberzustellen.
Der Berliner Bischof D. Dibelius wird beim Eröffnungsgottesdienst im ostsektoralen Propagandabau der Werner-Seelenbinder-Halle predigen. Martin Niemöller, von der SED-Presse oft und lobend zitiert, hat das Walter-Ulbricht-Stadion zu seiner Verfügung.
Tausende von Protestanten in West- und Ostberlin werden über Fragen wie "Macht die Macht böse?", "Wofür arbeiten wir eigentlich?", "Wem gehören unsere Kinder?" offen diskutieren.
Der Osten läßt eine ganze Garde Pfarrer aufmarschieren, die wegen allzu fortschrittlicher ost-politischer Betätigung von der Kirchenleitung relegiert wurden, wie den Pfarrer Gerhard Kehnscherper, der im Ostberliner Rundfunk allzu SED-treue Morgenfeiern abhält. Am Sonntag Reminiscere rezitierte er an Stelle eines biblischen Kanzelgrußes den zweiten Vers
der Becherschen Sowjetzonen-Nationalhymne und wurde so Delegierter auf dem "2. Weltfriedenskongreß" in Warschau.
Auch der mecklenburgische Landespastor Heinrich Schwartze, bewährter SED-Routinesprecher auf Nationalkongressen und SED-Parteitagen, wird kommen, und das Paradepferd des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, der Schweriner Domprediger Pastor Kleinschmidt. Der pflegt von der Kanzel zu sprechen: "Kain, das ist der Jäger, das ist der Räuber, das sind die USA. Abel, das ist der friedliche Ackersmann, das ist die Sowjetunion, das ist Vietnam, Indonesien und China. Und die räuberischen Imperialisten überfallen den friedlichen sowjetischen Ackersmann und seine friedlichen Freunde".
"Allerlei Zäune stehen heute auch zwischen den Christen in Deutschland", sagt Kirchentag - Präsident Reinold von Thadden-Trieglaff. "Der Kirchentag soll und wird sie sichtbar machen. Aber so sichtbar, daß zugleich ihre Ueberwindung deutlich wird ... durch die Kraft, die vom Kreuze unseres Bruders Christus ausgeht." Sein Helfer Heinrich Giesen: "Wir haben unser Thema, das Thema der christlichen Bruderschaft, aber wir sind kein gesamtdeutsches Gespräch".
Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" verbreitet da allerdings eine andere Meinung. Es veröffentlichte eine Zuschrift angeblich "aus Kreisen der evangelischen Kirche". Der Kirchentag sei ein "gesamtdeutsches Gespräch der evangelischen Christen", die "den imperialistischen Spaltern Deutschlands ihren Willen zur Einheit kundtun" wollten. In den Aussprachen der Tagung würden zwar nicht die gleichen Worte gebraucht werden wie auf einer Tagung der "Friedenskämpfer". "Aber dennoch verfolgt der Kirchentag das gleiche Anliegen."
*) Den Deutschen Evangelischen Kirchentag als ständige Einrichtung gibt es seit 1949. Die beiden ersten Kirchentage waren 1949 in Hannover und 1950 in Essen.

DER SPIEGEL 28/1951
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