11.07.1951

FREIES EUROPA / RUNDFUNKDen Vorhang lüften

Elfeinhalb Stunden täglich strahlt der stärkste Sender auf deutschem Boden sein Programm aus. Deutsche Hörer haben nicht viel davon. Der 135-Kilowatt-Sender Carola im oberbayerischen Holzkirchen sendet mit Richtstrahler nach der Tschechoslowakei. In tschechischer Sprache.
Großsender Carola ist nur Teil eines wesentlich größeren Propaganda - Programms, das Amerika unter dem Stichwort "Freies Europa" gestartet hat. Im Frühjahr 1949 wurde in den USA das Nationalkomitee für ein freies Europa mit dem Sitz in New York gegründet. Präsident ist der Herausgeber der Zeitschrift "Fortune", Charles Douglas Jackson, und der frühere US-Militärgouverneur für Deutschland, General Lucius D. Clay, wirkt entscheidend mit. September 1950 proklamierte Clay in Denver einen "Kreuzzug der Freiheit" unter dem Motto "Helft den Eisernen Vorhang lüften". Das "National Committee of a Free Europe" konnte nach Abschluß seiner Kampagne 16 Millionen Unterschriften mit entsprechender Spendenverpflichtung vorweisen. Für die speziellen Zwecke des Senders "Freies Europa" waren zusätzliche Spenden in Höhe von eineinviertel Millionen Dollar gezeichnet worden. Denn der Rundfunk soll in erster Linie den Vorhang lüften.
Der frühere Brigadegeneral David Sarnoff, der Vater des amerikanischen Rundfunks und Präsident der RCA (Radio Corporation of America), machte den Vorschlag, Miniaturempfänger in großen Serien zu bauen und sie in den UdSSR und in den Ostblockländern zu verteilen. Sarnoff verriet nicht, wie er sich das im einzelnen vorstellte.
Jedoch bewilligte das amerikanische Repräsentantenhaus im August 1950 tatsächlich einen Kredit von 3 Millionen Dollar für die Beschaffung von 200 000 Empfängern und ihre Verteilung in Staaten der sowjetischen Einflußsphäre. 50 000 Empfänger waren speziell für Osteuropa bestimmt.
1950 begannen über einen Sender, der in Holzkirchen bei München stand, die ersten Sendungen von "Freies Europa". Kurzwellensendungen für Jugoslawien,
Bulgarien, Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und Rumänien wurden aufgenommen.
Die Welle des Senders (417 Meter = 719 Kilohertz) war die bisherige Welle des RIAS-Senders in Hof, der nun auf die 439-Meter-Welle ausweichen mußte. Dadurch geriet dieser besonders für die Ostzone bestimmte Sender, der zusätzlich zu dem Berliner RIAS-Strahler arbeitet, auf die gleiche Welle, die der 150-Kilowatt-Sender Belgrad innehat, was ihm nicht gerade bekam.
Aber "Freies Europa" ging vor. Mr. Biggs, Public Relations-Manager der Holzkirchener Station, motiviert die Einrichtung des Senders damit, "daß eine Gruppe von Amerikanern die Notwendigkeit erkannte, eine Station zu schaffen, die nicht selchen Rücksichten und Beschränkungen unterliegt wie die ''Stimme Amerikas''."
Der Vorteil solcher Unabhängigkeit zeigte sich, als am 22. Mai die Prager Regierung gegen die Sendungen der Station Holzkirchen bei der amerikanischen Regierung protestierte. Die Antwort fiel Washington leicht: Dieser Sender sei eine unabhängige Radiostation, die nicht unter US-Protektorat stehe, eine private Einrichtung also, nicht Eigentum der US-Regierung und der US-Regierung nicht verantwortlich.
Holzkirchens komplettes Tagesprogramm besteht zwar nicht ausschließlich aus politischen Sendungen. Aber es wendet sich doch stets an die tschechische Volksdemokratie und soll Radio Prag und Radio Preßburg antisowjetische Konkurrenz machen.
Eine Million Dollar wurden für den Senderausbau in Holzkirchen bzw. München und für einen im Bau befindlichen, für Albanien bestimmten Sender in Frankfurt bereitgestellt. Für weitere Sender liegen Pläne in Baukostenhöhe von drei Millionen Dollar vor.
In der Münchener Sievertstraße 4, dem vorläufigen Dienstgebäude, wird "Freies
Europa" jetzt von einem Privatpolizisten in dunkelblauer Tuchuniform mit Gummiknüppel bewacht. Er trägt die Initialen des Senders: RFE (Radio Free Europe) in silberner Aluminiumstickerei an seiner Schirmmütze.
Die Hoffnungen auf eine Sendertätigkeit im Geist des oft diskutierten neuen Europa trübten sich allerdings. Der sudetendeutsche SPD-Bundestagsabgeordnete Richard Reitzner teilte auf der Grenzlandkundgebung der sudetendeutschen Landsmannschaft im Juni 51 in Simbach am Inn mit (SPD-Korrespondenz Nr. 252, Blatt 3), der Holzkirchener Sender habe noch am 29. Mai in einer Gedenksendung zu Beneschs Geburtstag Beneschs Lob nach Osten gefunkt mit der Feststellung, Benesch habe sich "nie an den Intrigen der westlichen Imperialisten gegen die Sowjetunion beteiligt".
Der Mann, der für diese Generallinie als tschechischer Betriebsleiter sorgt, Ferdinand Peroutka, war ehemals Propagandachef der nationalistischen Benesch-Partei. Leibiournalist und Freund des Dr. Benesch. Nach Befreiung aus KZ-Haft arbeitete er wieder als Journalist und brachte 1947 sein Buch über Clement Gottwalds Machtergreifung, "So oder so", heraus.
Darin schreibt der heutige Angestellte eines privaten amerikanischen Senders auf Seite 4: "Die Revolution in der CSR war unerläßlich, geschichtlich, natürlich und ehrenhaft. Spätere Geschlechter werden von ihren Ergebnissen friedlich leben. Das muß immer wieder jenen gesagt werden, die persönlich verletzt wurden und deshalb nicht begreifen." Peroutka selbst begriff erst den Februar-Putsch des Jahres 1948 nicht mehr. Er emigrierte.
Die Entscheidung über die Personalpolitik und damit über die wirkliche Politik des Münchner Senders "Freies Europa" trifft die tschechische Exilorganisation in Amerika, der "Rat der freien Tschechoslowakei" unter Dr. Peter Zenkl, dem früheren Vize-Premier Gottwalds.
Diese Organisation, die unter den tschechischen Flüchtlingen als Benesch-Partei bekannt ist, wurde nach den Februar-Ereignissen des Jahres 1948 als Zusammenschluß der tschechischen Exilpolitiker gebildet, die nach wie vor Gottwalds Kaschauer Deklaration von 1945 akzeptieren. In ihr, einer Art Regierungserklärung, war die volle Kooperation mit der Sowjetunion in politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht zum Programm erhoben. So oder So.
*) Eine Art Ableger von Radio "Freies Europa" ist der 750 Watt-Sender "Radio Freies Rußland", der auf Kurzwelle 46,5 Meter in Deutschland arbeitet. Er wird von der illegalen russischen Widerstandsbewegung NTS, "Nationalsolidaristen", betrieben. Mit dem Programm dieses Senders sollen die sowjetischen Soldaten angesprochen und für einen demokratischen Sozialismus gewonnen werden. - Inzwischen haben die sowjetischen Behörden in Ost-Deutschland angeordnet, daß in Königswusterhausen ein starker Störsender gebaut wird, um den Empfang der "Stimme Amerikas" in den Ostblockstaaten zu verhindern. Auch "Freies Europa" steht auf dem Programm sowjetischer Störsender.

DER SPIEGEL 28/1951
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