25.07.1951

ROULETTEDie Croupiers weinten

Des Prestiges wegen wurde der Chefcroupier Thomaschewsky, 56 Jahre alt, nicht in der Bad Dürkheimer Spielbank selbst, sondern in seiner Wohnung verhaftet, genau wie mehrere andere Croupiers und einige Spieler der Bad Dürkheimer Spielbank. So fand eine Affäre ihren Abschluß, von der Polizeichef Steinfelder einstweilen nur sagt: "Im Interesse ihrer Ermittlungen, die die Landespolizeistelle durch besondere Spezialisten durchführen läßt, können keinerlei Erklärungen abgegeben werden. Die Aktion ist noch keineswegs abgeschlossen und dürfte im Begriff sein, noch weit größere Kreise zu ziehen."
In Bad Dürkheim, dem Weinkurort in der Pfalz, kommen die Kasinogäste nicht wie anderswo im dunklen Anzug, sondern oft ohne Krawatte, manchmal mit Kniehosen und offenem Kragen. An der Garderobe der Bank kann man sich einen Schlips für eine D-Mark leihen, wenn man gerade von feuchtfröhlicher Weintour kommt und ein Spielchen machen will. Die Croupiers und die Direktion sehen ihren Gästen diesen Aufzug nach. Schließlich lebt die Bank - und lebten die jetzt verhafteten Croupiers - nicht von den Smokings, sondern von dem Geld der Spieler.
Wieviel der Chef-Croupier Thomasschewsky in den eineinhalb Jahren, die er in Bad Dürkheim arbeitete, durch einen raffiniert primitiven Trick in seine Taschen und die seiner Mit-Spieler stecken konnte, kann kaum vermutet werden. Es können Hunderttausende sein. Und ob Thomaschewsky, der seit 30 Jahren im Beruf ist, seine Methode schon früher, etwa in Danzig, Zoppot oder Bad Neuenahr angewandt hat, werden selbst Fachleute kaum noch mit Sicherheit feststellen können.
Thomaschewskys Methode ist die einzige, meinen Spielbank-Experten, durch die man
auf die Dauer mit Sicherheit die Bank betrügen kann, ohne daß die Direktion es merkt. Kommt diese Methode in die Oeffentlichkeit, ist sie möglicherweise der Tod der "Annonce", der aber erst durch einen langwierigen Prozeß des internationalen Spielbankausschusses beschlossen werden kann.
Was die "Annonce" ist, das versteht nur, wer dieses weiß: Jeder Roulette-Tisch hat ein Kapital von 30 000 DM. Bevor das Spiel beginnt, wird von der Hauptkasse unter Aufsicht eines Finanzbeamten, eines Saal-Chefs und zweier Chef-Croupiers das Geld in Form von Wertmarken (Jetons oder Chips) zum Spieltisch gebracht, gezählt und um die Maschine, das eigentliche Roulette, verteilt (Bild). Dann ruft der Croupier: "Das Spiel kann beginnen!" Der Croupier wirft die Kugel und die Spieler setzen ihre - eigenen - Jetons auf die Felder. Ist die Kugel auf einer Zahl des Roulettes zur Ruhe gekommen, bekomme alle, die auf dieses Feld setzten, ihren Gewinn. Das Geld der Verlierer wird zugunsten der Bank einkassiert.
Jeder Roulette-Tisch hat beim Spiel-Croupier zwei Schlitze. In den einen kommen alle Jetons, die die Bank gewinnt, d. h. alle jene, die den Grundbetrag von 30 000 DM übersteigen. In den anderen Schlitz kommen Trinkgelder, die Gewinner dem Croupier geben. Durch die Schlitze fallen die Jetons in Säcke. Dies, damit keiner Verlust oder Gewinn der Bank und die Trinkgelder - manchmal ganz schöne Beträge - sehen kann.
Nun gibt es aber in der Spielbankregel folgendes: Sitzen um einen Tisch sehr viele Spieler, so können alle, die nicht an das Tableau, auf dem gesetzt wird, herankommen können, dem erhöht sitzenden Chef-Croupier einen Zettel geben, auf dem die Nummer oder die Serie, die der Spieler setzen möchte, vermerkt ist, zusammen mit dem zu setzenden Betrag in Jetons. Nach der Vorschrift muß jede "Annonce" laut verkündet und vom Chef-Croupier wiederholt werden, der nun das Spiel für den Spieler übernimmt.
Dem Chef-Croupier Thomaschewsky wurden nun zwar die Zettel mit Aufschrift und die Jetons übergeben, aber nur stillschweigend. Der Chef-Croupier gab die "Annonce" auch nicht vor dem Spiel, sondern erst dann bekannt, wenn die Kugel in ein Feld gefallen war, auf das die "Annonce" gewann. Das wußte auch der Spiel-Croupier, der den Gewinn dann an den Spieler auszahlte. Und der Spieler teilte hinterher mit den eingeweihten Croupiers.
Obgleich 50 Prozent der Besucher routinierte Spieler waren, fiel das nicht auf. Denn hin und wieder verlor auch einmal eine "Annonce", und wenn die Croupiers nicht große Gelage abgehalten hätten, sich Autos anschafften und auch sonst mit teuren Freundinnen über ihre Verhältnisse gelebt hätten, wäre die Bank kaum mißtrauisch geworden.
So schickte die Kasino-Direktion als Spieler getarnte qualifizierte Kriminalbeamte an ihre Tische. Die Beamten merkten dann auch bald, daß die "Annoncen" immer von ganz bestimmten Besuchern an die gleichen Chef-Croupiers gegeben wurden. Es dauerte gar nicht lange, da hatten sie entdeckt, daß eben diese Croupiers mit den "Annoncen"-Spielern auch außerhalb der Bank engen Kontakt hatten.
Alle Croupiers weinten, als sie bei der Polizei vernommen wurden.

DER SPIEGEL 30/1951
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