01.08.1951

KEMRITZFür Russen nicht brauchbar

Auf meinem Buckel wird der Machtkampf zweier Weltnationen gegeneinander ausgetragen. Und ich muß den Mund halten." Dr. jur. Hans Kemritz sitzt in der Villa, die ihm die Amerikaner im US-Compound (US-Viertel) von München zugewiesen haben und sieht zu, wie sein Name allmählich zum Symbol für einen Mann ohne politischen Charakter geworden ist.
Wenn er dürfte, könnte er seinen Rechtsvertreter Dr. Robert M. W. Kempner in Frankfurt am Main zu Berichtigungen und Protestaktionen animieren. Aber er darf es nicht und die Amerikaner weigern sich, kundzutun, welcher Art sein "Beitrag zur Sicherheit des Westens" gewesen ist (SPIEGEL 25/51). Amerikanische CIC-Leute in Bonn sind pikiert, wenn man es überhaupt wagt, sie um eine Stellungnahme zum Fall Kemritz anzugehen.
Aus den Aeußerungen des Dr. Kemritz, den Mitteilungen seiner nächsten Freunde und Worten, die gelegentlich zuviel gesprochen wurden, ließe sich aber schon ein Bild des Kemritzschen "Sicherheitsbeitrages" umreißen. Ein Amerikaner, der mit der Sache intensiv befaßt ist, hat bestätigt: Dieses Bild ist richtig. Es sieht so aus:
* Der ehemalige Abwehr-Major Dr. Kemritz, der ja ausdrücklich deswegen von den Amerikanern gedeckt wird, weil er einen "Beitrag für die Sicherheit des Westens" geleistet habe, stand schon, als er noch in Ost-Berlin wohnte, im Dienste der Amerikaner - nicht der Russen.
* Dr. Kemritz hat allerdings den ehemaligen Abwehrmann und Ufa-Direktor Jürgen von Hake in sowjetische Hände gespielt. Hake wäre mit großer Wahrscheinlichkeit auch von den Amerikanern verhaftet worden. Kemritz wollte
durch Hakes Opferung die mißtrauischen Sowjets von seiner östlichen Linientreue überzeugen.
* Bei in der Presse genannten anderen (ca. 20) Personen, die im Anschluß an Besuche bei Kemritz sofort in der Nähe von dessen Büro oder nach längerer Beschattung an anderen Orten von den Russen verhaftet wurden, handelt es sich aber um ehemalige Abwehrleute, die Kemritz als amerikanische Agenten in die Sowjetzone einzuschleusen gedachte. Die Russen brauchten, nachdem sie von dieser Tätigkeit des Dr. Kemritz Kenntnis erlangt hatten, nur die Besucher des Büros Dr. Kemritz zu beschatten bzw. zu verhaften, um die Tätigkeit des abwehrkundigen Dr. Kemritz für die Amerikaner lahmzulegen.
* Würde Dr. Kemritz Erlaubnis erhalten, diesen Sachverhalt zu bekunden und aussagen, wieviel Abwehrleute (etwa 140) er, zunächst von den Russen unbeargwöhnt, durchgeschleust hat, so wäre dies für die noch nicht erkannten, also drüben noch aktiven Abwehrfreunde des Dr. Kemritz und damit für den amerikanischen Geheimdienst von großem Schaden.
In der delikaten Behandlung dieses Falles ist freilich ein offensichtlicher Fehler begangen worden. Das US-Rechtsamt hat Interesse und Streuwirkung der Presse zu gering eingeschätzt. Seine durch keine juristische Stütze zu vertretende Einstellung (Verhaftungen waren legal, weil die Verhafteten "unter automatischen Arrest" gefallen seien), hat die Presse nicht zu einem lakonischen Kemritz - Schlußkommentar veranlaßt, sondern einen weltpolitischen Skandal hervorgerufen. Die Amerikaner sind nämlich in den Verdacht geraten, einen sowjetamtlichen Menschenräuber zu schützen, etwa weil sie einen Mitwisser in irgendeiner ungeraden, anderen Sache am Aussagen verhindern wollen.
Die Entsendung von V-Leuten und Nachrichtenmännern mit dienstlicher Vorbildung in die Reihen eines militärisch und politisch beobachteten Komplexes im Machtkampf der Welt entspricht aber durchaus den - erfolgreicheren - Methoden der Auskundschaftung, die der Konkurrent im Osten selber betreibt. Die Erklärung des US-Rechtsamtes hingegen mißlang so sehr in ihrer Wirkung, daß Kemritz vor der Empörung der deutschen Oeffentlichkeit schließlich in ein abgeriegeltes Camp im Oberursel gerettet werden mußte.
Könnte Dr. Kemritz offiziell den Mund auftun, so würde er mit großer Wahrscheinlichkeit anführen:
* Ich habe für die USA deutsche Abwehrspezialisten als Kundschafter in der Sowjetzone eingesetzt. Die Sowjetrussen hätten sich gefreut, solche ausgebildeten Leute, gegen die von russischer Seite doch gar nichts vorlag, in ihre Dienste zu übernehmen, statt sie einzusperren. Diese V-Männer sind in die Konzentrationslager des Ostens gewandert, weil sie als Westkundschafter für die Russen nicht mehr brauchbar waren.
* In meinem Büro in der Schadowstraße ist tatbestandsmäßig keiner verhaftet worden. Wäre es für die Russen nicht viel einfacher und unverdächtiger gewesen, in meinem Büro statt auf offener Straße zuzugreifen, wenn ich für sie gearbeitet hätte? Und welchen Grund hätten sie überhaupt gehabt, die Leute zu verhaften?
Würde dies alles US-amtlich publik gemacht, so wären die Amerikaner zwar des Verdachts enthoben, mit einem "sentimentalen Verbrechen" einen sowjetischen Menschenräuber geschützt zu haben. Aber die Sicherheit ihrer noch arbeitenden Ost-Agenten war ihnen diesen Verdacht bisher wert.

DER SPIEGEL 31/1951
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