01.08.1951

HERR SORGE SASS MIT ZU TISCH

Porträt eines Spions
Der deutsche Journalist Dr. Richard Sorge hat mit Hilfe des Funkers Klausen in Tokio ein Spionagenetz aufgebaut. Er ist Familienfreund beim deutschen Botschafter, Generalmajor Ott. Otts Ernennung im April 1938 setzte den Schlußstrich unter die chinafreundliche Politik der Reichsregierung und leitete eine Aera stürmischer Werbung um die japanische Schwertgenossenschaft ein.
7. Fortsetzung
Richard Sorge verfärbte sich vor Zorn, wenn er etwa chinesische oder englische Delegationen in Tokio auftauchen sah, die mit den Japanern kollaborieren wollten. "Verräter, schon wieder Verräter!" stieß er verächtlich hervor, als er die wundervollen taubengrauen Seidengewänder einer Delegation des japanfreundlichen Bürgermeisters von Nanking in der internationalen Hotelhalle des "Imperial" erblickte. Solche Heftigkeiten verwunderten seine Schutzbefohlenen selten, denn die Aversion gegen die rabiaten Japaner war im Fernen Osten weitverbreitet. Allerdings galt Sorge für einen "hoffnungslosen Chinesen". Sorge hatte immer die Photographien einer schreienden Kriegerfratze und eines sanften Buddha-Kopfes parat. "Die Fratze", spann er, "ist ursprünglich japanisch und stammt aus den Tiefen des japanischen Wesens. Der sanfte Buddha hingegen ist das Zeugnis einer später eingeführten Zivilisation, die eigentlich nicht hierhergehört."
Ueber Sorges Leben und Gewohnheiten in all diesen Jahren weiß man Genaueres als über das Leben irgendeines anderen Spions, teils aus prominenter Quelle, teils von ganz unbekannten Zeitgenossen. Die genaueste und intimste Schilderung stammt zweifellos von seiner langjährigen Hausfreundin und Geliebten Hanako Miyake, die das Buch geschrieben hat "Der Mensch Sorge". Es erschien in dem gleichen Verlag, der das japanische "Wörterbuch des Kommunismus" und das Buch "Kommunistische Erzählungen" herausgegeben hat. Im Juli 1949 erschien die erste Auflage, im August die zweite. Seitdem ist das Buch vergriffen.
Tagebuch zu führen ist in Japan eine bei Frauen und Mädchen weitverbreitete Sitte oder Unsitte. Um die Neujahrszeit werden unvorstellbare Massen von Tagebüchern abgesetzt. Der Polizei hilft das sehr, sich zu informieren. Die Aufzeichnungen von Hanako Miyake über den Menschen Sorge entstammen solch einem Tagebuch.
Sie war Animiermädchen und Kellnerin in der Bar "Rheingold", die in seliger Erinnerung an das Berliner Rheingold so benannt war, in dem viele der 600 Japaner, die ständig in Berlin weilten, zu Tanz, Tee und Liebe aufkreuzten. Das japanische "Rheingold" lag in einer Parallelstraße zur Ginza, der Hauptstraße Tokios, und der deutsche Wirt Ketel führte als Spezialität deutsches Bier und Eisbein mit Sauerkraut. In der gleichen Straße war die Fleischerei und später das große Restaurant des alten Tsingtau-Kämpfers Lohmeier, in dem es vom Baumkuchen und vom Lübecker Marzipan bis zum Berliner Pfannkuchen alles gab. Die Deutschen hatten sich in dieser Sparte so bewährt, daß das Vergnügungsleben auch nach dem Erscheinen MacArthurs bald wieder fest in deutscher Hand war.
Im "Rheingold" hatten die Kellnerinnen, von denen es für jeden Gast eine gab, deutsche Namen nach dem ABC, sie hießen Agnes, Berta, Cecilie, Dora usw. Sie waren auf Trinkgelder angewiesen und standen sich mit etwa 150 Yen (= 100 DM) monatlich nicht schlecht.
Hanako Miyake trat 1935 ein und bekam den Namen "Agnes". Sie vermerkt, "Rheingold" sei ein feines Lokal gewesen, in dem selbst der frühere Ministerpräsident Inukai verkehrt habe. Man betrat das Lokal durch eine Art Drehtür, die unter der Attrappe eines riesigen Fasses angebracht war. Der Raum im Erdgeschoß war in viele Plaudernischen abgeteilt, in denen man sich mit den Mädchen vergnügen konnte, in denen aber auch ein Gespräch zwischen Europäern und Japanern unauffällig möglich war, was überall sonst auf Schwierigkeiten stieß.
Agnes erzählt: "Im Jahre 1935 arbeitete ich im ''Rheingold'', einer Restaurationsbar, die von dem Deutschen Herrn Ketel geführt wurde, der Kriegsgefangener in Japan aus der Zeit des I. Weltkrieges war. Die Kunden waren zur Hälfte Ausländer, zur Hälfte Japaner. Unter ihnen waren Beamte der Deutschen Botschaft, Geschäftsleute, Reisende, japanische Intellektuelle, Offiziere, Journalisten."
Agnes wohnt in einer Vorstadt, hat einen Geliebten, der aber nicht bei ihr wohnt, einen früheren Schüler, der wegen seiner "roten" Einstellung des Gymnasiums verwiesen worden war und jetzt in einem Studio am Theater sein Geld verdient.
Tagesklatsch in den Umkleideräumen: Dora und Irmgard sind mit Mitgliedern der Deutschen Botschaft im Auto nach Yokosuka
Der Mensch Sorge in Otts Sommervilla am Meer
gefahren (Kriegshafen), dort wurden Aufnahmen gemacht. Der Filme konnte man wegen der Exterritorialität der Deutschen nicht habhaft werden, nur die Mädchen nahm man zur Polizei. Es seien nur Erinnerungsaufnahmen der Mädchen, hieß es, an den kriegerischen Hintergrund habe man nicht gedacht. Herr Ketel bekommt die Mädchen frei. Mädchen, die außerhalb des Lokals mit Ausländern verkehren, werden immer beobachtet.
4. Oktober, abends. Ausländischer Gast. Spricht mit "Papa", wie die Mädchen den Wirt Ketel nennen. Berta zu Agnes: "Alter Gast, war aber lange nicht da". Spricht nicht viel japanisch, ist aber angenehm. Breite Schultern, energisch in der Haltung. Ausdrucksvolle Züge. Bestellt Champagner, da er, wie "Papa" den Mädchen sagt, 40. Geburtstag feiert. "Bist Du Agnes, ich bin Sorge". Spricht jetzt japanisch, seine Stimme ist auffallend sanft im Gegensatz zu seiner ganzen Erscheinung. Fragt Agnes, die bei ihm Dienst hat, nach Alter, trinkt, spricht englisch, deutsch. Agnes versteht nur wenig. Versteht, daß er ihr etwas schenken will.
Verabredung zum nächsten Tag zu Schallplatteneinkauf. Er liebt Mozart und Bach. Essen bei Lohmeier. Stellt sich als Berichterstatter der Frankfurter Zeitung vor. "Er kam von da an nur noch in die Bar, um sich mit mir zu verabreden." Weihnachten drei Tage Gelage bei Ketel. Sorge macht vor der Bar Aufnahme von Ketel mit seiner japanischen Frau ("Mama"), 3 Kindern mit Boy der Bar und Mädchen, im ganzen 26 bis 27 Personen.
Affäre vom 26. Februar (Februar-Aufstand 1936). Tanks fahren durch Tokio. Ausnahme-Zustand verhängt. Höchste Mitglieder der Regierung ermordet. Unruhe in der Stadt, Gerüchte. Sorge ißt mit Agnes bei Lohmeier, fragt nach Volksmeinung. Agnes: "Mein Freund sagt: Japan hat die Mandschurei geraubt, die Militärs benehmen sich wie Wilde." Sorge stimmt zu, erzählt ihr, er fahre nach der Mongolei. Verspricht Mitbringsel. "Er fragte mich, was ich mir wünsche, und ich sagte nur zu erfreut: einen Photoapparat. Trotzdem war ich überrascht, als er mir die Kamera wirklich brachte."
Gleichzeitig mit der Geschenkübergabe erste Einladung nach Hause zu Sorge, Nagasaka-cho 30, im Stadtteil Azabu. "Vom Hauptweg gelangt man auf einem schmalen Weg zu drei Häusern, die mit dichten Hecken umstanden sind. Sie haben einen
Oberstock und wirken nach außen europäisch. Im hintersten wohnt Sorge. Ein einstöckiges Haus, in dem etwa ein Angehöriger des japanischen Mittelstandes wohnen würde, für einen Europäer indessen sehr bescheiden und anspruchslos. Keine Kanalisation. Ziehen Schuhe wie beim Betreten eines japanischen Hauses aus, da das Haus japanisch gebaut ist.
"Wir gehen nach oben. Im Flur ein Telefon, über dem Eingang zur Rechten eine Veranda, links ein Zimmer, anschließend hinten noch eins, in das wir gehen. Etwa 10 Matten (1 Matte = 90 X 180 cm) mit unauffälligen Teppichen ausgelegt. Vor der Papierschiebetür ein großer Schreibtisch mit Drehstuhl. Am Fenster auf der anderen Seite kleiner Tisch und Stühle, an der Wand niedriges Bett und Tischchen. Auf Tisch Schreibmaschine, in der Nähe Stehlampe, im übrigen ein wüstes Durcheinander von Büchern, Papier, Druckfahnen. In der Wandnische stand ein Koffergrammophon, in den Regalen nebenan Bücher, Uhr und Photoapparat. Alle Wände und auch die Papierschiebetüren waren mit Landkarten und Landkarten bedeckt, ohne einen freien Fleck zu lassen, gerade daß noch das Photo eines Buddha Platz hatte, das gleichfalls mit Reißnägeln angeheftet war. Lila Samtvorhänge hingen fast bis auf den Boden herunter, es war sein Arbeitszimmer. Dann zeigte er mir Mitbringsel aus der Mongolei, Ausgrabungsgegenstände mit vielen Erklärungen." Abspielen von Schallplatten, Mozart und Bach. Zudringlichkeiten - abgeblitzt.
Sorge wohnte, zufällig oder nicht, dicht an der weißgrauen Sowjet-Botschaft. Seinen Besuchern erzählte er im Vorüberfahren gern irgendeine Story, die sich mit der sehr zurückgezogen lebenden Botschaft beschäftigte.
"Kennen Sie die neueste Tour der Japaner? Die Polizei hat ein der Einfahrt der Sowjet-Botschaft gegenüberliegendes Haus gemietet. Sehen Sie - dieses Holzhaus hier - Tag und Nacht steht ein Beamter der Polizei mit Fernglas bewaffnet am Fenster und beobachtet durch ein Loch in der Papierscheibe das Kommen und Gehen auf der Botschaft. Biegen Sie nach links ein", schreit er den grinsenden, bebrillten Taxi-Chauffeur an.
Der Wagen fährt auf eine jener kleinen Polizei-Boxen zu, wie sie in jedem Viertel der Hauptstadt zu Dutzenden stehen. Nachts muß in Tokio in jeder Taxe das kleine Deckenlicht brennen. Teils aus moralischen, teils aus Polizeigründen. Wenn Sorge morgens nach Hause fährt, duckt sich der kleine grinsende Polizist vor seinem Häuschen stehend so tief, daß er in der Taxe die mattbeleuchteten Köpfe der Insassen sehen kann. Dann blickt er auf die Uhr und macht befriedigt seine Eintragung in das Notizbuch. Täglich dreimal geht dieser Bericht an die höhere Fremdenpolizeistelle der Polizeipräfektur von Tokio. Es gibt keinen Polizisten in Tokio, der Sorge nicht kennt. Das hat seinen Grund. Jedesmal beugt Sorge sich vor, daß das schwache Deckenlicht voll auf sein Gesicht fällt, und schreit: "Schau mich genau an, Du Kerl, so sieht meine Visage aus!"
Sorge war stolz darauf, in einem original-japanischen Häuschen mitten im engen Gewirr von Holz- und Papiergebäuden, dicht unter den China-Mauern eines alten Daimyo-(Lehnsherren-)Sitzes zu wohnen. Wellblechwände, über die kleine Krüppelkiefern lugen, schließen die winzigen Vorgärten des dunklen Häusergewinkels von der Gasse ab, die so eng ist, daß kein Taxi hineinfahren kann.
Friedrich Sieburg von der "Frankfurter Zeitung", kurz vor Ausbruch des europäischen Krieges einige Monate in Japan, schildert das Haus dieses Korrespondenten der "Frankfurter Zeitung" so: "Es war winzig, kaum mehr als eine Laube in einem Schrebergarten. Aber so waren die meisten Häuser in diesem Stadtviertel, in dem sich weit und breit kein europäisches Gebäude befand. Die 2 oder 3 Räume, die ich sah, waren kaum größer als ein Tisch, vollgepfropft mit Büchern, Papieren und allen möglichen Gegenständen des täglichen Gebrauchs, für die im Hause sonst kein Platz war. Man ging auf Strümpfen herum, weil die Strohmatten, mit denen der Fußboden belegt war, den harten Schuh des Europäers nicht ertragen. Die Unordnung in dem Hause war beträchtlich, aber es störte Sorge nicht im mindesten, daß ich sie bemerkte und, wenn auch schweigend, zur Kenntnis nahm."
Rudolf Weise, Kollege und Trinkkumpan Sorges, Chef des Deutschen Nachrichten-Büros in Tokio, nennt die Einrichtung des Häuschens "primitiv". "Unten hauste die Amah-San als Wirtschafterin zwischen einem staubigen Durcheinander von Weinflaschen, Bier, einer Art Küche und einem japanischen Holzbad. Eine steile Holztreppe führte in den ersten Stock mit zwei Räumen, deren Unzulänglichkeiten in Sachen Behaglichkeit oder gar Sauberkeit sich nicht leicht beschreiben lassen. Da war ein Büchergestell und ein Stilleben von Manuskripten, Tabak in jeder Form, Alkohol, Wandbilder, ein Grammophon, eine Ottomane und einige Sitzgelegenheiten. Ein paar merkwürdige Bronzen und Porzellane verrieten guten Geschmack, während eine kleine Eule den zahlreichen weiblichen Besuchern Freude bereiten sollte. Das sogenannte Schlafzimmer erschöpfte sich in einer japanischen Matratze, einigen Kissen und einer japanischen Freundin."
Fürst Albrecht Urach, Freund Sorges und VB-Korrespondent, verzeichnet noch die japanische Badestube, "wo der fanatisch reinliche Sorge sich täglich nach japanischer Sitte abschrubbt und dann mit angezogenen Knieen in die mit heißem Wasser gefüllte Holzwanne steigt*)." Auch Fürst Urach muß die mongolischen Ausgrabungen besichtigen, von denen das Paradestück ein Backstein ist, in den sich eine zierliche Hand abgedrückt hat. Selbst die Adern sind noch zu sehen. "Armes Ding", schüttelt sich Sorge, "sogar Kinder haben sie zum Ziegelmachen angestellt." - "Aber Sorge-San, da ist vor mehr als 1000 Jahren ein junges Mädchen an einer Ziegelei vorbeigelaufen und hat im Uebermut ihre kleine Hand in den frischgeformten Tonteig hineingedrückt!" - "Nein, nein", wehrt Sorge ab, "Kindersklavenarbeit".
In Fräulein Miyakes Tagebuch kommt nach Schilderung der Wohnung Sorges und nach der ersten abgeschlagenen Attacke der zweite Besuch. Sorge hatte in der "German Bakery" Schokoladenkeks gekauft. Er zündet die Petroleumlampe an und legt Bachs "Brandenburgisches Konzert" auf. "Ich saß in der Sofa-Ecke. Er kam an meine Seite, zog mich nieder und begrub mich in seinen Armen. Ich war erschrocken, das kam alles so überraschend. Mit seiner schweren Brust lag er auf mir, ich glaubte, ich würde ersticken.
"Ich sagte: ''Dame! Dame!'' (Laß! Laß!) Er atmete heftig und starrte mich an: ''Naze-naze?'' (Warum, warum?) Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, darum sagte ich ihm, ich hätte Angst.
"Sorge ließ mich los und guckte mich so merkwürdig an. Ich glaube, ich muß so ausgesehen haben, als wollte ich gleich losheulen. Er nahm meine Hand und half mir hoch. Ich war verlegen, und nachdem ich meine Kleider geordnet hatte, sagte ich, ich muß jetzt gehen.
"Wann wollen wir wieder zusammen essen, sagte er. Ich zierte mich nannte aber schließlich ein Datum. Er besorgte mir ein Taxi. Es war das letzte Mal, daß ich standhaft geblieben war."
Dritter Besuch. Er raucht Zigarren, Zigaretten, Pfeife. Erzählt ihr ausführlich von altjapanischer Literatur und Geschichte. Beweist - nach ihrer Meinung - große Kenntnisse darin. Hat viele Uebersetzungen, alles klassische Literatur. Mädchen kann nicht mitsprechen, kennt nur die leichte Lektüre französischer, englischer und durch ihren Freund auch russischer Novellen und Romane.
Er holt sie nun des öfteren mit seinem Motorrad nachts von der Bar ab. Meist kommt er von Domei (Japanische Nachrichtenagentur). Das Dienstmädchen, die alte Amah, kommt morgens früh und geht schon um 4 Uhr nachmittags. 6 Uhr morgens wird Sorge geweckt. Er badet. Noch dampfend vom heißen Bad, dem "Ofuro", turnt er intensiv mit dem Expander Rosiger, völlig durchtrainierter Körper. Breit, muskulös. Wirkt viel jünger als sein Gesicht. Nach Frühstück liest und tippt er und raucht dabei unaufhörlich. Ab und zu steht er auf und geht durchs Zimmer, um dann weiter zu schreiben. Die Hälfte der Woche lebt das Mädchen bei Sorge. Gegen Ende des Sommers fährt sie für drei Tage zu ihrem Freund, der jetzt in Osaka wohnt. Sorge drängt sehr darauf, daß sie wieder zurückkommt. Ist rührend besorgt um sie, holt sie vom Bahnhof ab.
Am 12. XII. fährt Sorge mit ihr nach Atami, wo Männlein und Weiblein in den heißen Quellen ungescheut nackt baden. Steigt im Sano-Hotel ab. Essen japanisch, wie denn überhaupt Sorge gern japanisch ißt, z. B. den "Sashimi", das ist roher in Scheiben geschnittener Fisch. Dazu trinkt er Sake. Am nächsten Morgen regnet es. Sorge schreibt auf seiner Portable. In seiner Arbeit hat er Mitchiko, so nennt er seine Geliebte fortab, ihren Namen Miyake umwechselnd, fast vergessen. Fragt nach ihren Familienverhältnissen. Große Fürsorge, fragt sie, was sie lernen möchte. Als sie ihm sagt, sie würde gern Gesang studieren, verspricht er ihr sofort, sich bei einem deutschen Musiker für sie zu verwenden. Sorge hält immer, was er verspricht, sagt sie.
Er geht mit ihr dann zu dem jetzt verstorbenen Prof. August Junker. Junker stellt Alt-Stimme fest. Sie lernt bei Junker auch Klavierspielen. Sorge kauft ihr ein Klavier und alles, was sie benötigt. Da mit dem Klavier und dem Gesangs-Klimbim ein Wohnen in dem Mietshaus nicht mehr möglich ist, läßt sie ihre Mutter und kleine Nichte aus der Heimat kommen und mietet im Januar 1937 ein Haus in der Nähe ihrer alten Wohnung.
Wer etwa an Fräulein Miyakes Angaben zweifeln wollte, der liest in Fürst Urachs Bekundung: "Sorge hatte sich die kleine Japanerin, die er Mitchiko und Michan nannte, aus dem Rheingold geholt; die überanstrengten Bar-Damen mußten dort ''Guten Abend'' und im weiteren Verlauf des Abends auch noch ''ich liebe dich'' auf deutsch sagen können. Sorge hatte eines Abends erkannt, daß die kleine Mitchiko eine niedliche Stimme hatte, etwas verräuchert zwar und mit einem kleinen alkoholischen Kratzen. Er beschloß, die Stimme ausbilden zu lassen. Das wurde ihm ein teurer, aber lieber Spaß."
Fürst Urach seinerseits wird in Fräulein Mitchikos Aufzeichnungen als ein "langer, schlanker, hübscher Deutscher" vorgestellt. "Er hat öfter bei uns (d. h. bei Sorge) übernachtet. Wenn ihm die Hotelrechnung zu hoch war, kam er zu uns." Bei solch einer Uebernachtung setzte Urach das Seegrassofa, auf dem er lag, in Brand, ohne zu erwachen. Sorge schmiß das brennende Monstrum in den winzigen Vorgarten.
*) Ihre Holzbadewannen führten die Japaner selbst auf ihren Feldzügen mit. Wegen ihres Reinlichkeits-Fanatismus, der sie selbst im Freien heiß baden ließ, wurden sie von den Chinesen rechtschaffen verachtet.

DER SPIEGEL 31/1951
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