22.08.1951

HEARST / PRESSEKreisel auf dem Zauberhügel

Als Geschenk zum Weihnachtsfest 1885 bekamen die Professoren der amerikanischen Harvard-Universität luxuriös verpackte Nachttöpfe, in deren Boden die Empfänger ihre Porträts eingearbeitet fanden. Der Absender, ein langer, blonder, schlaksiger Student, wurde von der Anstalt verwiesen. Er hatte sich schon durch seine sarkastischen Beiträge über professorale Schwächen in der Studenten-Witzzeitung "Lampoon" reichlich unbeliebt gemacht. So endete die erste Etappe der aufsehenerregenden Laufbahn von William Randolph Hearst.
Als er daheim in San Francisco ankam, bot sein millionenschwerer Vater dem eben 23jährigen alles an, von einem großen Bergwerk bis zu einer riesigen Ranch in Mexiko. Nein, sagte Willie, er wolle ausgerechnet die bankrotte Zeitung "Examiner" (damalige Auflage: 5000 Exemplare), den traurigsten Posten im Vermögen von George Hearst.
Mit seiner barschen, schlechtgelaunten Leidenschaftlichkeit stürzte er sich "mangels eines besseren Zieles" in den Journalismus. Durch sensationelle Schlagzeilen, lärmende, aggressive Leitartikel, skandalös intime Klatschgeschichten und die bissige Vitalität, die Hearst dem Redaktionsstab einblies, lief der "Examiner" bald seinen verspießten Konkurrenzblättern davon und lieferte nach zwei Jahren schon einen beträchtlichen Profit.
"Mit der diskreten Heimlichkeit eines holzbeinigen Einbrechers, der auf einem Wellblechdach einen Tobsuchtsanfall bekommt", erreicht Hearst - der Beschreibung eines Zeitgenossen zufolge - 1896 New York, kaufte das "New York Journal", modelte es auf seinen Stil um, hob die Auflage des Blattes innerhalb eines Jahres von 77 000 auf 430 000 Exemplare und begann mit rechten und unrechten Mitteln einen erbarmungslosen Kampf mit der Zeitung "World", die von Joseph Pulitzer geleitet wurde, der selbst kein schlechter Zeitungsmann war (er stiftete
den Pulitzer-Preis, der jedes Jahr für die besten Leistungen auf sämtlichen Gebieten der Publizistik vergeben wird - Hearst-Leute werden nur selten ausgezeichnet).
1897 schickte Hearst einen Reporter nach Kuba, wo ein spanisch-amerikanischer Krieg zu drohen schien. "Alles ruhig. Es gibt keinen Krieg. Ich möchte zurückkehren", kabelte der Reporter. Wütend antwortete Hearst: "Sie bleiben und bringen die Bilder bei. Ich sorge für den Krieg." Auf Stichwort starteten die Hearst-Zeitungen eine gewaltige Hetzkampagne gegen Spanien. Sie war nicht der einzige Grund, wohl aber trug sie dazu bei, daß Hearst seinen Krieg ein paar Monate später tatsächlich hatte. Er selbst griff aktiv ein.
Als US-Admiral Dewey Manila besetzt hatte, kamen Gerüchte auf, Spanien wolle eine neue Flotte via Suez-Kanal zur Rückeroberung der Philippinen schicken. Sofort wies Hearst seinen Londoner Vertreter an, einen englischen Dampfer zu kaufen und ihn im Suez-Kanal zu versenken, um so den Kanal zu blockieren. Als das Schiff bei Port Said ankam, stellte sich heraus, daß keine spanische Flotte zu erwarten sei.
Hearsts Zeitungsorganisation dehnte sich von New York und San Francisco auf Boston, Chicago und Los Angeles aus. 1925 besaß er 25 Morgen- und Abendzeitungen in 17 Städten, hatte neun Magazine und Illustrierte aufgezogen*). Um von Hearst nicht überfahren zu werden, mußten sich Amerikas Zeitungen auf Hearsts Stil umstellen.
Er baute einen weltweiten Nachrichten- und Bilderdienst, den International News Service (INS) auf, der bald in den Ruf schneller, lebendiger, wenn auch nicht unbedingt "seriöser" Berichterstattung kam (heute liefert INS der Deutschen Nachrichtenagentur einen großen Teil ihrer Auslandsnachrichten).
Motor, Hirn und Temperament dieser Organisation blieb William Randolph Hearst. Langsam wuchs die knochige Figur des "Chefs" ins Legendäre. Durch die Jahre beeindruckte, belustigte, verwirrte und belästigte er Amerika und die Welt mit seinen zusammenhanglosen, anmaßenden, launisch wechselnden aber immer vehement vertretenen Ansichten. Er war gegen Amerikas Eintritt in Weltkrieg I, für die Beschwichtigung Japans im Weltkrieg II, gegen die Beschwichtigung Rotchinas. Er fiel mit wilden Verleumdungen über Aerzte her, die Forschungsexperimente an lebenden Tieren vornahmen.
Von Anfang an - auch während der Allianz im Weltkrieg II - schlug er pausenlos auf Kommunismus und Sowjetunion ein. Er wehrte sich erbittert gegen jede Form von Sozialismus, lärmte gegen die leisesten Absichten der Roosevelt- und Truman-Regierung, die vollkommene Freizügigkeit des mächtigen einzelnen einzuschränken, vor allem mit Truman beschimpfte er sich aufs originellste.
Durch seine selbstbewußte Machtlust, seine mürrische Freude, sich als einsamer Reaktionär gegen dieses jämmerliche Jahrhundert der Masse auszutoben, wurde er Erzfeind aller Linksstehenden. Die Kommunisten machten ihn zum verhaßten Symbol des faschistischen Monopolkapitalismus, der riesige Vermögen und die Existenz von Tausenden von Menschen kontrolliert und ganz nach Lust und Laune, ohne Rücksicht auf das öffentliche Interesse, damit umspringt.
William Randolph Hearst tat immer genau das und eben dadurch imponierte er seinen amerikanischen Zeitgenossen, für die der "Chef" in seiner rastlosen Gewaltsamkeit vor allem ein echter, alter Amerikaner war.
Für einen Kunstkenner hielt Hearst sich selbst. In Manhattan und San Francisco liegen Kunstschätze der Renaissance, für die er Millionen ausgab, ohne Zeit zu finden, sie auszupacken. In Kalifornien ließ er ein komplettes bayrisches Dorf errichten, er kaufte ein Zisterzienser-Kloster und eine spanische Burg, ließ sie demontieren, nach Amerika schaffen und wieder aufbauen, er erstand ein Schloß an Englands Glamorgan-Küste, ließ es für 2,5 Millionen Dollar modernisieren und erweitern, nur um ein einziges Mal für ein paar Wochen darin zu wohnen.
Auf einem 275 000 Morgen großen Landstrich bei San Simeon, halbwegs zwischen San Francisco und Los Angeles, lebte er in einem pompösen Palast, genannt "La Cuesta Encantada" (der verzauberte Hügel) komplett mit Zoo (der vier Wärter erforderte) und Schwimmbad. Gewöhnlich hatte er 80 Gäste plus einer Schar ergebener "Hearstlinge" (Bezeichnung für Hearst-Arbeitnehmer) in seinen Hallen. Viele Gäste mußten eine Woche warten, ehe sie den "Chef" sprechen durften.
Seit er 70 war, hat sich der wilde Betrieb auf dem Zauberhügel gelegt. Der "Chef" wurde milder; einmal wies er eine Dame zurecht, die an seiner Tafel "verdammt" sagte. Er übergab seinen fünf Söhnen seine größten Zeitungen, kontrollierte aber weiterhin eisern die redaktionelle Linie der Blätter, schrieb Anweisungen und großspurige Leitartikel und genoß
das einzige, was er je wirklich genossen hat: Den Anblick druckfrischer Abzüge der ersten Seite einer seiner Zeitungen, auf denen er mit einem dicken Bleistift seine Korrekturen anbringen konnte.
Ansonsten blieb ihm nur die Gesellschaft seiner alten Freundin, des Stummfilmstars Marion Davies, der gelegentliche Abendbesuch von Klatsch-Journalistin Louella Parsons und sein Privatkino, das er ebenso regelmäßig jeden Abend Punkt 11 Uhr betrat wie sein berühmter geistig Verwandter: Douglas MacArthur.
Im vorigen Jahr schrieb Hearst, 87: "Ich werde alt, laufe ab und schlafe ein wie ein Kreisel ... Wehe", drohte er seinen Söhnen und Redakteuren, "wenn ihr meine Zeitungen einschlafen laßt." Letzte Woche führten Hearsts Zeitungen Balkenschlagzeilen: Der "Chef", 88jährig, war gestorben.
Sein letzter Wille (in dem er 200 Millionen Dollar zu verteilen hat) enthielt seine letzte Laune: Im ersten Testamentszusatz vermachte er Marion Davies (im Testament Marion Douras genannt), seiner "loyalen Freundin" (die ihm in der 1930er Depression mit einer Million aus der Klemme half), den Zauberhügel. Im letzten Zusatz widerruft er dies Vermächtnis.
Auch seinem Isolationismus blieb er treu: Spenden aus seinem Vermögen dürfen nur an amerikanische Institutionen vergeben werden.
*) Von diesen sind die wichtigsten: San Francisco Examiner, Los Angeles Examiner, Chicago Herald - American, Boston American, Boston Sunday Advertiser, Boston Record, New York Journal-American, New York Mirror, Baltimore News-Post, Detroit Times, große Magazine und Illustrierte: Cosmopolitan, Good Housekeeping, Harper''s Bazaar.

DER SPIEGEL 34/1951
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