19.09.1951

SOLDATENBUNDWenn das interessieren sollte

Die Bonner Bürger, zu "frohen Stunden und rechten Kirmesfreuden" gestimmt, hatten kaum ein Auge für die 40 bis 50 Herren, die am 8. September gegen 10 Uhr den Münsterplatz der Bundeshauptstadt in Richtung "Bergischer Hof" passierten. Am Hoteleingang schnarrte es gelegentlich: "... besondere Ehre. Herrn Generaloberst kennenlernen zu dürfen." Es war schwer, die einst nur zwischen Goldkordel und Eichenblatt bekannten Gesichter in der ungewohnten Umrahmung von verregneten Jägerhütchen und bürgerlichen Hemdkragen zu identifizieren.
Eigentlich hätte zu dieser Tagung, bei der - wie hervorgehoben wurde - die Generali- und Admiralität sich mit dem Unteroffiziersstand im Verhältnis 60 zu 40 zu einem zivilen Einerlei vereinte, die englische Military Police als ungebetener Gast erscheinen müssen. Die Versammlung hatte nämlich den kaum geheimgehaltenen Zweck, Westdeutschlands zahlreiche Soldaten-, Traditions- und Waffenbünde zu einem allgemeinen deutschen Soldatenbund zu summieren. Und das ist dem Buchstaben des Gesetzes Nr. 16 der Alliierten Hohen Kommission vom 16. Dezember 1949 nach bis auf den heutigen Tag verboten*).
Abgesehen von einem Coca-Cola-trinkenden englischen Soldaten war aber zwischen 10 und 18.30 Uhr (so lange dauerte es, abzüglich 2 Stunden Mittagspause, bis der
"Verband Deutscher Soldaten" geboren war) im "Bergischen Hof" kein Stückchen britisches Uniformtuch zu sehen. - Das war zwar keineswegs überraschend, aber doch deswegen interessant, weil es von vornherein als selbstverständlich galt.
Westdeutschlands Ent- und Remilitarisierer auf dem Petersberg haben seit langem zwischen den Soldatenbünden und der Frage eines deutschen Verteidigungsbeitrages gewisse Zusammenhänge entdeckt. Jedenfalls schlucken sie seit Korea ohne Reaktion Pressemeldungen über Treffen und Gründungen "militaristischer" Art.
Sie schluckten sogar die Verlautbarung, daß es in Westdeutschland nicht weniger als 326 örtliche Vereinigungen ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS gibt - eine Tatsache, die der Kessel-Spezialist der Ostfront, General der Waffen-SS und Kommandeur der "germanischen Freiwilligen-Division Wiking", Gille, in Stemmen bei Hannover mit Genugtuung aus der Tagespresse zitiert. Selbst das kollektive Kriegsverbrecher-Urteil des Nürnberger Gerichts gegen die Waffen-SS hat offenbar nur noch gelegentliche und dann auch nur rhetorische Bedeutung. Wenn das Gespräch mit dem 54jährigen Divisionär Gille (weißblond, im entmilitarisierten Waffenrock - "Ich bin noch ein ganz junger Mann") auf diesen Punkt kommt, dreht er auf:
"Dieses Urteil hat unsere Ehre nicht verletzt - konnte sie gar nicht verletzen. Wir waren Soldaten wie alle anderen auch. Von 950 000 Waffen-SS-Angehörigen sind 350 000 nicht zurückgekehrt. Daß wir Soldaten waren, ist von unseren Kameraden der ehemaligen Wehrmacht als selbstverständlich akzeptiert worden; sie haben uns von vornherein an den Verhandlungen zur Gründung eines Soldatenbundes beteiligt. Darüber gab es gar keine Debatte.
"Praktisch sind wir heute auch von den Alliierten als Soldaten anerkannt. Eine Ausnahme macht nur unser eigener Staat, die Bundesrepublik. Ausgerechnet der nimmt uns bei der Regelung der Bezüge der sogenannten 131er zusammen mit den Mitgliedern der ehemaligen Geheimen Staatspolizei und des Forschungsamtes des Reichsluftfahrtministeriums (der Telefonüberwachungsdienst des Dritten Reiches) von der Versorgung ehemaliger Berufssoldaten aus. Wir und die Hinterbliebenen unserer gefallenen Kameraden kriegen nichts."
Weniger aufgedreht ist Gille, wenn man ihn nach den außenpolitischen Aspekten der Gründung des "Verbandes Deutscher Soldaten" (VDS) fragt.
"Den Ohne-mich-Standpunkt lehnen wir restlos ab", kommt es aber dann doch sehr bestimmt. "Schließlich war ich mit meinen norwegischen und dänischen Freiwilligen, die sich ja ausschließlich zum Kampf gegen den Bolschewismus gemeldet hatten, nur an der Ostfront eingesetzt."
Irgendein "Aber", das nach dieser Erklärung zwischen den ländlichen Geräuschen des Dörfchens Stemmen in der Luft zu liegen scheint, schneidet der ehemalige Obergruppenführer mit der Bemerkung ab: "Weiter will ich nichts sagen. Ich will der bevorstehenden Erklärung des VDS zu dieser Frage nicht vorgreifen. Ueberhaupt: für mich ist im Augenblick die Frage der Versorgung für die Hinterbliebenen das Wichtigste."
Das war denn auch das Problem, an dessen Hand Deutschlands ehemalige Soldaten hinter dem aus fremdem Verbot, eigener Verbitterung und Desillusion gewobenen Schleier des Schweigens langsam wieder in das Licht traten.
Wie zögernd und vorsichtig sich das vollzog, geht schon daraus hervor, daß der kleine, drahtige Oberstleutnant a. D. Rilke ("Denken Sie an Rainer Maria - dann verjessen
Sie es nicht!") - jetzt Geschäftsführer des Landesverbandes Niedersachsen des Deutschen Soldatenbundes (DSB) - eigentlich kein genaues Gründungsdatum seines Bundes nennen kann. "Angefangen haben wir schon 1949. Den Bund haben wir seit Frühjahr 50. Aber richtige Statuten mit allem Drum und Dran gibt es erst seit Mai dieses Jahres."
Eigentlich hieß der DSB - und das charakterisiert jedenfalls den Beginn der neudeutschen Soldatenbündlerei - gar nicht DSB, sondern BvW, nämlich "Bund versorgungsberechtigter ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht und ihrer Hinterbliebenen". Initiator, Gründer und jetziger erster Vorsitzender des BvW-DSB ist der 1932 in den Ruhestand versetzte Admiral Gottfried Hansen, Kiel (71).
Sein Landesverbandsvorsitzender in Niedersachsen, der Panzergeneral a. D. Herr, charakterisiert ihn mit einem dreimaligen "Sehr", nämlich: "Herzensklug, bescheiden, würdig" und mit: "Christlich! - wenn das interessieren sollte."
Der Admiral hatte ehemalige Seemanns-Kenntnisse zu memorieren, um mit dem leckgeschlagenen Schifflein berufssoldatischer Interessen gegen die widrigen Winde des alliierten und allgemein-demokratischen Antimilitarismus kreuzen zu können. Er brachte es ohne große Flaggenparade zu Wasser, manövrierte in Gesprächen mit Bundeskanzler Adenauer, SPD-Schumacher und DGB-Fette insbesondere auf Backbord zu vermutende innerpolitische Untiefen aus und blieb mit wiederholten Erklärungen kontra alliierte Kriegsverbrecherjustiz einigermaßen im auffrischenden Wind des wieder erwachenden deutschen Selbstbewußtseins.
Diesen Erfolg - heute selbst bei den ehemaligen Soldaten als solcher nicht immer voll gewürdigt - verdankt Gottfried Hansen nicht zuletzt der Tatsache, daß Schumacher und Fette den deutschen Veteranen nicht gut das Recht auf "Vertretung ihrer Interessen und Pflege der Kameradschaft" absprechen konnten. Es blieb ihnen kaum etwas anderes übrig, als die zwangsläufigen
politischen Begleiterscheinungen mehr oder weniger geflissentlich zu übersehen.
General Herr: "Ich könnte Ihnen einen ganzen Waschkorb verzweifelter Briefe ehemaliger Unteroffiziere, die hier ringsum in der Heide mit ihren Familien nahe am Verhungern sind, auf den Tisch stellen. Wenn wir bis zum Winter keine befriedigende Lösung dieser Versorgungsprobleme haben, passiert was. Bei jahrelangem Hungern geht schließlich jedes Ideal zum Deubel und hört jede Vernunft auf.
"Von jenseits der Ostzonengrenze werden diesen Männern verlockende Angebote gemacht. Viele sind schon rübergegangen. Der Weg zum Rechts- oder Linksradikalismus ist für Tausende nicht mehr weit. Unterschätzen Sie nicht den mäßigenden Einfluß, den Admiral Hansen mit seiner Arbeit bisher ausgeübt hat und den nun auch der VDS ausüben soll."
Herrs Sorge gründet sich auf die Unzulänglichkeit des sogenannten 131er-Gesetzes vom 10. 4. 1951: "Die schlimmsten Verstöße gegen das alte Recht sind die Stichtage, die Degradierung durch Nichtanerkennung von rechtmäßigen Beförderungen und die völlig unzureichende Versorgung der Unteroffiziere und jungen Offiziere bei der Unterbringung." Das 131er-Gesetz verweigert allen nach dem 8. 5. 1935 hauptberuflich Soldat Gewordenen sowie ihren Hinterbliebenen die Versorgung und den Anspruch auf berufliche Unterbringung und die Anerkennung der nach diesem Termin ausgesprochenen Beförderungen. Generalfeldmarschall Rommel würde als 131er heute die Pension eines Oberstleutnants beziehen.
Unter dem sauber gebürsteten, etwas ärmlich gewordenen alten Waffenrock politisch verhältnismäßig zahmer Versorgungsansprüche blitzt zuweilen das Generalsgold weitergehender politischer Ziele und Absichten. Formuliert General Herr am Vorabend der Bonner VDS-Gründung:
"Der Bund ehemaliger Berufssoldaten ist dabei, sich mit den schon bestehenden anderen Soldatenbünden zusammenzuschließen. Er dokumentiert damit seine Absicht, sich nicht auf seine materiellen Versorgungsansprüche zu beschränken. Er will für das ''Ohne mich'' ein ''Nicht ohne mich'' setzen.
"Dieses ''Nicht ohne mich'' bedeutet, daß er sich beteiligen will am Aufbau und Schutz eines freien, demokratischen Deutschlands. Es bedeutet eine Absage an Radikalismus und Pazifismus, aber auch eine Absage an jede Regierung, die ihm nicht sein volles Recht zuteil werden läßt. Es bedeutet Kampf gegen jede Diffamierung, Kampf gegen den Ausschluß vom Recht auf Arbeit. Es bedeutet Kampf gegen Unsauberkeit, Parteihader, Disziplinlosigkeit und Egoismus. Kurz, es bedeutet ein Bekenntnis zum wahren Soldatentum und zur Kameradschaft aller Deutschen!"
Das streitbare Stakkato und der schmetternde Fanfarenton am Schluß sind nicht zu überhören.
Trotzdem: wenn unter ehemaligen Soldaten von dem BvW/DSB die Rede ist, schleicht sich leicht ein Unterton herablassender Anerkennung ein. Von Admiral Hansen spricht man gern als von dem "alten Herrn", und die Soldatenbündler sind kurz und knapp die "Versorgungsrechtler".
Dabei ist es für den Außenstehenden nicht einfach, behauptete Nuancen in der politischen Profilierung der verschiedenen Soldatenbünde zu erkennen. So schreibt man dem vorwiegend in Süddeutschland beheimateten "Schutzbund deutscher Soldaten e. V." (BDS) des Generals Krakau und des der SPD angehörenden ehemaligen Oberfeldwebels Volbracht zwar eine
größere politische Anfangsgeschwindigkeit zu, aber das dürfte nicht viel mehr als ein optischer Irrtum sein: die seit dem 22. 5. 51 vom BDS in Passau herausgegebene "Deutsche Soldatenzeitung" enthält schon mit ihrer bloßen Existenz den Zwang, sich zu allen möglichen politischen Fragen vor einer breiten Oeffentlichkeit soldatisch räuspern zu müssen.
Das gab dem Krakau-BDS, von vornherein eine größere Publizität als sie der Hansen-DSB jemals erzielt hatte, obgleich der Krakau''sche Schutzbund mit seinen kaum 10 000 Mitgliedern bei weitem nicht die Zahl der 85 000 Hansen-Männer erreicht. Im übrigen aber klingt es aus BDS-Mund haargenau so wie aus dem des DSB-Generals Herr:
Nur in der festen Geschlossenheit eines modernen Soldatentums der Frontgeneration des letzten Krieges liegt seine Stärke. Für Einigkeit und Recht und Freiheit! Europäische Sicherheit und Kameradschaft!"
Diese summarische Verlängerung des Deutschlandliedes ins Europäische und Kameradschaftliche reicht jedenfalls nicht aus, einen wesentlichen Unterschied zwischen BDS und DSB zu konstruieren. Sie erklärt auch kaum die anfänglichen Pannen bei den seit April dieses Jahres zwischen beiden Soldatenbünden geführten Fusionsverhandlungen.
Sie währten bis zum Sommer 1951, als mit den Traditionstreffen der Division "Großdeutschland" am 2./3. Juni in Kassel, der "Grünen Teufel" des Generals Ramcke in Braunschweig, des Rommelschen Afrika-Korps in Iserlohn usw. ein neuer Typ soldatischen Zusammenschlusses auftrat.
Den "Zweite-Phase-Impuls", der von hier aus auf die Bewegung zur Gründung eines allgemeinen deutschen Soldatenbundes ausgeübt wurde, datiert General der Panzertruppe a. D. Hasso v. Manteuffel ganz präzise: auf Sonnabend, den 23. Juni 1951.
An diesem Tage hatte Finanzminister a. D. Klepper - derzeitig Verlagsdirektor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung -
im Namen seiner "Wirtschaftspolitischen Vereinigung" preußisch-deutsche Geschichte nach Hattenheim am Rhein eingeladen. Fast jeder Name eine Schlacht: von Tippelskirch, von Vietinghoff, von Manteuffel, Heinrici, von der Groeben - der über 80 Jahre alte Kaiserliche Admiral Gladisch.
Diesmal sollte es jedenfalls bei Tisch "janz demokratisch" zugehen. Um den inneren Schweinehund militaristischer Dienstrangordnung zu überlisten, hatte man Lose ausgeschrieben. Wer zog, fand auf dem Zettel Tisch und Platz.
Zwischen Suppe und Hauptgang kam "ganz zufällig" das Gespräch auf die Soldatenbünde. Daß man statt mehrerer zumindest eine einzige Dachorganisation haben müsse, gehört seit jenem Tage zum Credo des Generals Manteuffel (jetzt Exportchef der weltberühmten Schraubenfirma Bauer und Schaurte im rheinischen Neuß).
"Damit nicht jeder olle Jeneral einzeln nach Bonn zittern muß", um dort bei den Kameraden Speidel und Heusinger seine Meinung über einen eventuellen deutschen Wehrbeitrag zum besten zu geben: das ist nach der Ansicht Manteuffels der gewichtigste Sinn eines westdeutschen Soldatenzusammenschlusses.
Mit demselben Argument plädiert er für mehr Jugend und nicht bloß berufssoldatisches Veteranentum in den Soldatenverbänden. "Die Jungen und die breite Masse der Nicht-Aktiven müßten stärker vertreten sein, denn sie geht die Frage eines deutschen Verteidigungsbeitrages viel unmittelbarer etwas an als uns ältere Herrn."
Ueberhaupt ist Manteuffel für "frisches Blut": "Wir brauchen Männer, die sich auch im zivilen Leben bewährt haben und dort heute ihren Mann stehen." Wie Manteuffel.
Vier Wochen nach der Hattenheimer Tischverlosung war die Debatte schon heftig im Gange. Mitte Juli traf sich bei dem Amateur-Politiker, "Fortschritt"-Herausgeber und rheinischen Textilindustriellen Gert Spindler, der durch Sozialexperimente in den sieben Werken seines Familienunternehmens
in Hilden/Rheinland von sich reden machte (SPIEGEL 10/51), eine Reihe von Generälen, darunter Fallschirm-Ramcke und der (außer Sepp Dietrich) einzige Oberstgruppenführer der Waffen-SS, Hausser (71), SS-General Gille und die Generalobersten Harpe und Frießner.
Diese Zusammenkunft wurde später Quelle einer Reihe von Kombinationen. Spindlers "Fortschritt"-Redakteur Rechenberg wurde wenige Wochen später bei dem Fallschirm-Treffen der "Grünen Teufel" in Braunschweig in der persönlichen Umgebung Ramckes beobachtet. Findige politische Spürnasen witterten bei den Fallschirmjägern - ähnlich wie bei den "Großdeutschland"-Traditionern, deren erster Vorsitzender v. Manteuffel FDP-Mitglied ist - freie demokratische Einflüsse. Die Witterung war falsch. Dem "Fortschritt"-Rechenberg fehlt das "von", um mit dem sonst gleichnamigen FDP-Bundestagsmitglied identifiziert werden zu können.
Politisch noch brenzlicher - aber vermutlich ebenso verfehlt - war die Kombination, die sich aus der Nachbarschaft von Ort, Zeit und Einladenden ergab, als Spindler kurz nach dem Generalsempfang Anfang August neben den Herren von Knüpfer und Dr. Brand*) von seiner "Tatgemeinschaft freier Deutscher" auch den ehemaligen HJ-Führer der "Deutschen Union", Griesmayr, den ehemaligen NSDAP-Landesgruppenleiter und späteren Hellwege-Referenten Dr. Emil Ehrich und das nordrhein-westfälische FDP-MdL Dr. Achenbach bei sich zu Gaste sah.
Man sagt dem Industriellen Spindler seit langem nach, er gehe mit einer neuen Rechtspartei schwanger. Informierte meinen allerdings, es sei nicht weit her mit der politischen Geburtenfreudigkeit Spindlers. Immerhin: die Spindlerschen Generals- und Politikerbesprechungen lagen zeitlich zu benachbart, als daß Kombinationen in Richtung einer neuen Rechtspartei mit soldatenbündischer Rückendekkung ausbleiben konnten. Schlagendes Gegenargument: zur Finanzierung eines solchen Unternehmens reichen selbst die Erlöse der Spindlerschen Fabriken nicht aus. Die Generäle zeigen auch wenig Lust, so dicht auf Tuchfühlung mit der Politik zu gehen - am wenigsten mit der Innenpolitik. "Wir Soldaten sind keine Politiker" (Ramcke in Braunschweig, Generaloberst Frießner in der "Deutschen Soldatenzeitung" vom 6. 9. 51).
Nun ist der Zusammenschluß von Veteranen als solcher schon ein Politikum. Was indessen mit politischer Abstinenz gemeint ist, kommt deutlicher zum Ausdruck in der Haltung der Soldatenbünde zu dem Kameraden General Remer; selbst der General der Waffen-SS Gille hält sich an die von Manteuffel in Kassel festgelegte Sprachregelung: "Militärisch hochgeschätzt, politisch auf einem völlig falschen Wege." Fügt Gille bedauernd hinzu: "Ich glaube, Remer ist in falsche Hände geraten."
Gegen welche Art von Politik sich die neuen Soldatenbündler sonst noch abschirmen möchten, wird erkennbar an ihrer Haltung gegenüber dem seit Monaten um ein neues Leben ringenden "Stahlhelm".
Bisher hieß es, daß der "Stahlhelm" einen deutschen Wehrbeitrag mehr oder weniger bejahe, daß er zu dem ebenfalls um eine Reinkarnation ringenden "Reichsbanner" kameradschaftliche Beziehungen zu unterhalten gedenke, und daß Neugründer Simon sich auf Versammlungen mit "Frontheil, Bundesführer!" begrüßen lasse.
Kommentar Hasso von Manteuffels: "Mattscheibe!"
Auch der silberne Stahlhelm des "Stahlhelm" war aber am 8. September im Bonner "Bergischen Hof" am Rockaufschlag zu sehen. Als dann aber gegen 18.30 Uhr der "Verband Deutscher Soldaten" fertig war, war der "Stahlhelm" nicht dabei. Offenbar befürchtete man zu viel parteipolitische Ueberlieferungen und Ressentiments.
Solche Erbschaft konnte man dem "Deutschen Frontkämpferbund" ("ein föderativer Zusammenschluß ehemaliger Truppenverbände und Soldatenvereinigungen") des Generals Leo Freiherr Geyr v. Schweppenburg nicht vorwerfen. Gleichwohl war auch er in Bonn nicht dabei. Mangels Masse. Niemand kann sagen, ob der Frontkämpferbund eigentlich schon oder noch existiert. Geyr von Schweppenburg, früher deutscher Militärattaché in London, soll sich inzwischen mit dem Plan eines Weltsoldatenbundes tragen.
Es blieb auch ohne "Stahlhelm" in Bonn genug an divergierenden Standpunkten und Ansprüchen zusammenzubringen. Noch kurz vor Beginn der Sitzung war man hinsichtlich eines Erfolges der Fusionsbemühungen nicht gerade optimistisch. Als es dann doch in 6 Stunden klappte: "Daß es so gut gehen würde, hatten wir nicht gedacht."
Das schwierigste Problem war, einen geeigneten Vorsitzenden zu finden. Obgleich nach den im Juli in Düsseldorf geführten Verhandlungen kaum mehr ein Zweifel sein konnte, daß kein anderer als der Generaloberst Frießner hierfür in Frage kam. Die konkurrierenden Anwärter waren:
* Guderian - zu sehr "Ohne-Mich-ler", jedenfalls in der Vorstellung der Oeffentlichkeit. Bei dem am 3. Juni in der Veersener "Deutschen Eiche" bei Uelzen exerzierten kommunistischen Versuch, einige hundert ehemalige Offiziere auf "Ohne mich" festzulegen, wurde laufend aus Guderians "So geht es nicht!" zitiert. Das hängt ihm jetzt an.
* Von Manteuffel - Zu prononziert prowestlich, zu bedingungslos pro Verteidigungsbeitrag. Zu "kavalleristisch".
* Ramcke - Zu sehr "Pulverkopp".
* Hausser - als SS-Offizier außenpolitisch unmöglich. "Leider!", sagten viele, die an dem ehemaligen Infanterieführer Magdeburg und späteren Oberstgruppenführer eine seltene Vereinigung von Klugheit, Mäßigung und Geradheit rühmen.
* Hansen - zu alt, kein Frontsoldat des letzten Krieges. Im übrigen soll er mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand selbst verzichtet haben.
Ansonsten wurden folgende Qualifikationen verlangt:
* ein Name als Frontsoldat und verantwortungsbewußter Truppenführer - kein "Schörner", sondern einer, der auch einmal Nein wenn nicht sagen, so doch "tun" konnte.
* Bewährung in der Gefangenschaft ("allzuviele haben sich würdelos aufgeführt")
* Klares Eintreten für die Kameraden in den alliierten Gefängnissen.
* Keine "20.-Juli-Vorbelastung" - weder pro noch kontra (General Gille: "Den 20. Juli sollte man heute nicht diskutieren. Hierüber wird die Geschichte entscheiden.")
All das fand man schließlich nach (und mit) einigen Wenn und Abers bei Generaloberst Frießner, einem Sachsen mit weißem Haar und rotem Gesicht, der jetzt in Chiemsee wohnt. Einige schnupperten zu viel Büroluft in der Karriere Frießners, des ehemaligen Inspekteurs des Wehrmacht-Erziehungs- und Bildungswesens. Aber seine Freunde wiesen auf erfolgreiche Abwehrkämpfe südlich Orel (an einer persönlich erkundeten Front) und auf seine Führung einer Heeresgruppe im Osten hin. Darüber
hinaus hielt man ihm seine auf der Dresdener Militär-Akademie bewährte Fähigkeit im Umgang mit der Jugend zugute.
Einfacher als die Wahl des Vorsitzenden war die des provisorischen Beirats. In seinem Alphabet hatte eine ganze Portion Preußens-Großdeutschlands Gloria Platz - vom A des Hamburger Vizeadmirals Aßmann bis zum V des Münchener Oberfeldwebels Volbracht.
Auch der alte General a. D. Reinhardt ist darin verzeichnet. "Der hat was an den Beinen" - wenn es auch vorläufig nur die Rechtsansprüche seines alten "Kyffhäuserbundes" auf inzwischen treuhandverwaltete Liegenschaften, Erholungsheime usw. sind.
Bereits an seinem Geburtstage wurde dem "Verband Deutscher Soldaten" bescheinigt, daß er mit seinen 2 bis 3 Millionen Mitgliedern neben dem Deutschen Gewerkschaftsbund nunmehr die einzige westdeutsche Massenorganisation sei. Bis zu einer Millionenmitgliedschaft dürfte jedoch der Weg für den VDS vorläufig noch weit sein. Immerhin: Frießner wurde von Theodor Heuss empfangen.
*) "Gesetz Nr. 16. Ausschaltung des Militarismus ... Artikel 1. (Verbotsnormen.) Verboten sind alle Organisationen der nachstehend bezeichneten Art: Organisationen, in denen verlangt wird, daß irgendein Mitglied ehemaliger Kriegsteilnehmer sein muß ... Artikel 3: Wer einer Vorschrift dieses Gesetzes zuwiderhandelt, wird mit einer Freiheitsstrafe, für die kein Höchstmaß besteht, unter Einschluß lebenslänglicher Freiheitsstrafe, und mit Geldstrafe bis zu 100 000 DM oder mit einer dieser beiden Strafen bestraft.
*) Dr. Brand ist Spindlers neuer politischer Sekretär; vor Jahren war er der des sudetendeutschen Konrad Henlein, bis ihn die Nationalsozialisten wegen Othmar Spannscher Ständestaats-Tendenzen entfernten.

DER SPIEGEL 38/1951
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