19.09.1951

RABATZ-BANDEMarianne an der Grenze

Am letzten Drehtag des Stemmle-Films "Sündige Grenze", der den Kaffeeschmuggel der jugendlichen "Rabatz"-Bande**) zum Thema hat, meinten die mitwirkenden Aachener Zollbeamten, jetzt könnten sie es ja sagen: der jugendliche Bandenschmuggel im deutsch-belgischen Grenzgebiet habe durch diesen Film neuen Auftrieb erhalten. Während die verkleideten "Rabatzer" vor der Kamera mit grasgefüllten Säcken auf unwegsamen Schmuggelpfaden pirschten, wechselten ihre echten Kollegen knapp hundert Meter weiter mit richtigem Kaffee über die Grenze.
Artur Brauner, der Direktor der Berliner CCC (Central Cinéma Companie), hörte von ihnen, als er im Grenzgebiet zu tun hatte. Er war überzeugt, auf einen guten Filmstoff gestoßen zu sein und ließ monatelang alle Zeitungsberichte über den Kaffeeschmuggel sammeln. Die meisten Anregungen will sein Berliner Ausschnittbüro in der SPIEGEL-Serie "Am Caffeehandel betheiligt" gefunden haben. Im April 1951 ging dann Drehbuchautor und Regisseur R. A. Stemmle in Aachen zusätzlich selbst auf Jagd nach Filmmotiven.
Das Drehbuch zu "Sündige Grenze" ist hart und realistisch. Durch die eigenartige Grenzlandschaft mit den langgezogenen Hügelwäldern, den gesprengten Westwallbunkern, verrostetem Stacheldraht und den Betonklötzen der Panzersperren, durch die steile Schmuggelgasse der "Himmelsleiter" und den stockfinsteren Gymnicher Eisenbahntunnel läßt Regisseur Stemmle Scharen von halbwüchsigen Kaffeeschmugglern ziehen. Fünfhundert Kinder spielen mit.
Dem Kölner Oberfinanzpräsidenten, Professor Aprath, setzte Stemmle auseinander, daß die "Sündige Grenze" kein Sensationsfilm,
sondern ein abschreckendes Bild des Kinderschmuggels werden sollte. Das verschaffte ihm die Unterstützung der Behörden. Aprath erlaubte Stemmle, in der Sperrzone zu drehen, und die Polizei stellte einen kompletten D-Zug.
Der deutsche Zoll gab hundert Beamten als Komparsen dienstfrei. Der belgische Zoll öffnete den Filmschmugglern für einen Tag die Schlagbäume, nachdem sich Stemmle durch eine Kaution für sie verbürgt hatte. Gewöhnlich ging nämlich ein Teil der Rabatzer während der Drehpausen seinem eigentlichen Beruf nach.
Für die Hauptrolle der Marianne Mertens hatte sich Stemmle den österreichischen Nachwuchsstar Inge Egger ("Eva im Frack", "Das vierte Gebot") geholt. Die Marianne der "Sündigen Grenze" ist ein hübsches Proletarierkind mit gutem Kern, das durch seine Schwäche für schöne Kleider und den Bandenchef Jan Krapp auf die schiefe Bahn gerät.
Heinz Fischer, ein sympathischer Student, der seine Doktorarbeit über den Schmuggel schreibt, versucht Marianne zu bessern. Ob es ihm gelingt, bleibt offen, denn der Film hat kein Happy-end. Die edle Rolle des Fischer spielt (natürlich) Dieter Borsche, der während seiner Drehzeit über 800 Autogramme an die Rabatzer verteilte.
Inge Egger und Dieter Borsche sind die einzigen Stars der "Sündigen Grenze". Für die Cilly, ein kleines blondes Pflänzchen in der Art von Cécile Aubry, entdeckte Stemmle bei dem Regisseur Boleslaw Barlog in Berlin die 18jährige Julia Fjörsen.
Bei Barlog entdeckte er auch den 22jährigen Jan Hendriks, der sein Filmdebüt als brutaler, alle Frauen verführender Bandenkönig Krapp so glänzend bestand, daß ihm die CCC sofort einen Zweijahresvertrag anbot. Den Bandenchef Krapp ereilt am Schluß des Films die gerechte Strafe aus der Revolvermündung seiner Verfolger, denn das war Stemmle den Jugendämtern schuldig.
Das Jugendamt Aachen hatte ohnehin einen warnenden Finger erhoben: der Film "Sündige Grenze" könnte von weniger gefestigten Charakteren leicht als eine Verherrlichung des Bandenschmuggels aufgefaßt werden. Gegen Vorwürfe solcher Art wappnet sich Stemmle mit dem Argument, daß sein Film als "soziale Anklage" zu verstehen sei. Seine Rabatzer sind durchaus keine Helden, sondern gehetzte, im Grund ihres Herzens unglückliche Elendskinder. Viele werden durch soziale Not von ihren Eltern zum Schmuggeln getrieben.
Die sozialen Verhältnisse so darzustellen, wie sie im Aachener Revier wirklich sind, hat sich Stemmle versagt. Sein Film hätte dann vor der Zensur nicht bestehen können. Es gab Rabatzer, die ihre Komparsen-Gagen im Strumpf versteckten, weil die Mutter das Geld regelmäßig vertrank. Es kamen Jungens, die ihre Eltern beim Jugendamt angezeigt hatten, "damit sie uns von unserem Geld endlich einen neuen Anzug kaufen".
Den Hauptteil seines Filmes drehte Stemmle auf dem CCC-Gelände in Spandau. Als er den Berliner Rabatz-Akteuren den Sinn der "Sündigen Grenze" erklärte, stand einer von ihnen auf und sagte beeindruckt: "Aha, ick vastehe. Det soll so''ne Art Lehre sein."
Das Berliner Jugendamt hatte für die Filmarbeit eigens zwei Fürsorgerinnen abgestellt, die die Jugendlichen geistig betreuen sollten. In sichtlicher Verkennung der Situation kamen die beiden Damen mit Quartettspielen, Märchen zum Vorlesen mit verteilten Rollen und einer Laute. Die Jugendlichen saßen gelangweilt da, qualmten heftig und tranken sehr viel Rum.
"Aber Herr Stemmle", entsetzten sich die Fürsorgerinnen, "was sind das denn bloß für Jugendliche? Das sind ja Kriminelle!"
"Ja, das sind sie auch", grinste Stemmle.
Aber im Vergleich zu den echten Aachenern hätten sie alle einen Glorienschein, behauptet Aufnahmeleiter Gillmore.
Im Grenzgebiet hatte er sich der Aufgabe, echte Aachener Kinder für den Film anzuheuern, entledigt, indem er in berüchtigte Gegenden ging und Jugendliche, die ihm verdächtig erschienen, mit der Bitte um weitere Propaganda ansprach. Die Rabatzhorde, die am nächsten Morgen vor dem CCC-Standort, dem Hotel Hindenburg, auftauchte, schien echt zu sein. Alle erreichbaren Blumentöpfe, Türklinken und Autolampen waren in kürzester Frist lädiert.
Auch auf dem Filmgelände am Bergcafé benahmen sich die Rabatzer äußerst natürlich. Sie gingen mit steingefüllten Säcken aufeinander los, um sich die Köpfe einzuschlagen. Die älteren Kolonnenführer, die für Disziplin sorgen sollten, nahmen ihre Aufgabe so ernst, daß bald ein Sanitäter in Aktion treten mußte, der dann für die Aachener Drehzeit fest engagiert wurde und laufend zu tun hatte.
Wenn sie des Prügelns oder Schmuggelns müde waren, schwärmten die Rabatzer
mit dem Schrei "Jon mer schwellen" (= klauen) in die nachbarlichen Felder aus. "Ich weiß nicht", sagte Regieassistentin Gerda Corbett, "die Kinder müssen Betonbäuche haben. Sie essen haufenweise unreife Aepfel und trinken Wasser hinterher, ohne daß was passiert." Mit den restlichen Aepfeln bombardierten sie den Bauern, der mit einem Stock bewaffnet zur Produktion rannte, um Flurschaden anzumelden.
Die Berliner Jungens waren auch wild, aber wenn es um den Film ging, zeigten sie sich wißbegierig und diszipliniert. Mit den Aachenern war zunächst nichts anzufangen. Stemmle, der von 1928-30 Lehrer an der Versuchsschule für moderne Lehrmethoden in Magdeburg gewesen ist, bewährte sich als Pädagoge. Er blieb immer ruhig und packte die Schmuggler bei ihrer Berufsehre. Dann ging''s.
Ueberall, wo es gefährlich wurde, waren die Jungens mit Begeisterung dabei. Es machte ihnen nichts aus, zehnmal hintereinander steinige Abhänge herunterzuspringen und sich die Kniee aufzuschlagen. Kameramann Igor Oberberg war entsetzt, als die Rabatzer ihn fragten: "Sollen wir Ihnen mal vormachen, wie wir bei fahrenden Zügen auf- und abspringen?"
Wenn Stemmle anfänglich befürchtet hatte, sein Drehbuch wäre stellenweise zu sensationell, so verflüchtigte sich dieser Eindruck sofort, als ihm die Rabatzer aus ihrer Praxis erzählten. "Was Sie hier drehen, ist gar nichts", sagten sie enttäuscht.
Am ersten Drehtag gab es einige Szenen, die nicht im Drehbuch standen, nämlich als Stemmle die Zöllner-Komparserie gegen die Kinder einsetzte. Die Beamten erkannten unter den jugendlichen Komparsen sofort echte Rabatzer wieder, die sie schon lange gesucht hatten. "He, du da", schrie ein Zöllner in die Aufnahme, "deinen Bruder haben wir neulich gesehen, den schnappen wir auch noch, das kannst du ihm bestellen."
Als am dritten Drehtag Aufnahme für die Hauptdarsteller angesetzt war, fehlte Schauspieler Jan Hendriks. Stemmle tobte: Hendriks war mit drei Rabatzern heimlich über die Grenze gegangen, um wenigstens einmal richtig geschmuggelt zu haben. Er kam nicht wieder, denn auf der belgischen Seite hatte ihn der Zoll geschnappt. Da er Schmugglerkluft trug,
hielt ihn der Zöllner für einen Kolonnenführer und glaubte ihm nicht, daß er vom Film sei. Hendriks mußte zwei Stunden Holz sägen, dann durfte er wieder rüber.
Fast alle Aufnahmen zur "Sündigen Grenze" hat Stemmle in echter Szenerie gedreht - in Lumpenschuppen, in zerfallenen Bunkern, in Kesselräumen und auf Eisenbahnschienen. "Es hat viel Spaß gemacht", sagt Kameramann Igor Oberberg, "aber es war furchtbar dreckig. Ich sehne mich direkt nach einem Film, in dem es nur schöne Frauen gibt und saubere Dekorationen."
"Bei diesem Film habe ich immer gezittert", bekennt Stemmle, "und die Schauspieler geschunden." Zur letzten Aufnahme mußte Inge Egger getragen werden, sie konnte wegen einer Sehnenzerrung nicht mehr laufen. Viermal hatte man sie ins Wasser geworfen, eine Wendeltreppe rauf und runter gehetzt, geschlagen, mit Dreck beschmiert und immer wieder durch unterirdische Gänge kriechen lassen.
Jan Hendriks, als Bandenkönig, mußte sich unter einen fahrenden Lkw. hängen, abspringen und sich eine Böschung herunterrollen lassen. 26 scharfe Zollhunde wurden auf die Rabatzer gehetzt. Als Stemmle die Kinder bei Aufnahmen in Berlin vor einem langsam fahrenden D-Zug hin- und herspringen ließ, wandte sich Produktionsleiter Fiebig ab und stöhnte: "Nu is jenug". Stemmle: "Zwei Krankenschwestern, die die Szene gesehen hatten, dachten, mir mache das Spaß, und verschwanden in Richtung Jugendamt, um mich wegen Kindesmißhandlung anzuzeigen."
Einmal gab es eine gefährliche Situation. Das war, als im Gymnicher Tunnel der Film-D-Zug das Haltesignal überhörte und in die Apparatur hineinfuhr. Kamera-Assistent Knuth, der die 160 kg schwere Super-Pavo-Kamera retten wollte, stolperte und wurde von seinem Kollegen Grosser in letzter Sekunde zur Seite gerissen. Dann rollte der Zug über Stative, Podeste, Lampen und Kamera hinweg, ein Schaden von 80 000 DM.
Die erotischen Szenen, die für den Film "Sündige Grenze" das Jugendverbot in Aussicht stellen, haben die Rabatzer bereits im Original gesehen. Als Krapp die Cilly im Bunker lange und heftig küßte, kommentierten die Rabatzer sachlich: "Dat wor ooch emal nötig. Et wird nämlich bei uns nich nur jeschmuggelt."
*) Cornell Borchers spielte bisher in folgenden deutschen Filmen: "Anonyme Briefe", "Martina", "Absender unbekannt", "0.15 Uhr, Zimmer 9", "Die Lüge", "Die tödlichen Träume" und "Das ewige Spiel".
**) Die Bande hat ihren Namen von einem polnischen DP, der kurz nach Kriegsende im Aachener Revier auftauchte und Kinderkolonnen für den Kaffeeschmuggel organisierte.

DER SPIEGEL 38/1951
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