26.09.1951

KREDITEAlles was ich tue

Bundestagsabgeordneter Wilhelm Bahlburg spielte nervös mit den Händen, als ihm der junge Oberkreisdirektor Dr. Dehn auf einer vertraulichen Sitzung des Kreistages des Kreises Harburg (Niedersachsen) in Hollenstedt erregt ins Gesicht sagte: "Ich an Ihrer Stelle, Herr Bahlburg, wäre zu Hause geblieben und hätte mich geschämt."
Dehn war so aufgebracht, weil Bundestagsabgeordneter Bahlburg es wagte, überhaupt noch zu den Sitzungen des Kreistages zu erscheinen, nachdem deren Hauptthema seit jüngster Zeit fast ausschließlich in der Behandlung des "Falles Bahlburg" besteht.
Dieser "Fall Bahlburg" hat seine indirekte Ursache in den Vorgängen bei der Nebenstelle Jesteburg der Kreissparkasse in Winsen an der Luhe. In Jesteburg ist am 14. Juni 1951 folgendes geschehen: Um 6 Uhr morgens stoppt ein Kübel der Kriminalpolizei Harburg vor dem Gebäude der
Nebenstelle. Kurze Zeit später werden zwei schlaftrunkene, verstörte Männer aus dem Hause geführt und aufgefordert, in dem Fahrzeug Platz zu nehmen. Die beiden sind der Leiter der Nebenstelle, Adolf Kramer, und sein Angestellter Putensen.
Kramer, ein stiller, gewissenhafter Beamter, der seit Jahrzehnten treu und brav bei der Kreissparkasse sein Gehalt abgedient hatte, war in letzter Zeit seltsam fahrig gewesen. Einmal wurde beobachtet, wie er in einem Papierkorb wühlte, der auf seinem Schreibtisch stand. Kramer hatte aus Versehen die Tageseinnahme der Nebenstelle in den Papierkorb geworfen.
Die ungewöhnliche Verwirrung des kleinen Beamten Kramer klärte sich bald auf. Am selben 14. Juni, gleichfalls morgens um 6, wurden nämlich, parallel zu dem Zugriff in Jesteburg, die beiden Viehhändler Schumann in Harmstorf und Schulz in Hamburg-Niendorf aus den Federn geholt. Beide hatten in Zusammenarbeit mit Kramer der Kreissparkasse in Winsen insgesamt 318 000 D-Mark abgezapft.
Das war möglich gewesen durch die geschickte doppelte Buchführung Kramers, der echte und frisierte Konten führte, und durch die Sorglosigkeit des neunköpfigen Kreissparkassenvorstandes, der aus Abgeordneten des Kreises besteht. Der Vorsitzende dieses Vorstandes ist der jeweilige Landrat. Wilhelm Bahlburg war am längsten Landrat im Kreise Harburg gewesen.
Es wäre bei dem rein kriminellen Betrugsskandal geblieben, wenn nicht die aus diesem Anlaß vorgenommene Gesamtüberholung der Aktiva und Passiva der Kreissparkasse durch den Revisionsdirektor Hennings vom Sparkassenverband in Hannover eine andere, erstaunliche Tatsache ans Licht gebracht hätte: Eine ganze Reihe Konten war weit überzogen. Insbesondere aber stand auf dem Konto des Sägewerksbesitzers und DP-Bundestagsabgeordneten Wilhelm Bahlburg ein Kreditüberhang von 130 000 DM. Nebenstellenleiter Kramer hatte dafür eine ganze Reihe langfristiger Wechsel hereingenommen.
Diese Kredite konnte nur der aus Abgeordneten bestehende Sparkassenvorstand bewilligt haben, da er allein dazu befugt
ist. Bahlburg war lange Zeit Vorsitzender des Vorstandes gewesen. Insofern ist die Vermutung bis heute nicht widerlegt, daß sich Bahlburg entweder selbst Kredite bewilligt oder seine Freunde im Sparkassenvorstand veranlaßt hat, es gefälligkeitshalber für ihn zu tun.
Am 31. Juli 1951, anläßlich einer Kreistagssitzung im Gasthaus Buhr zu Jesteburg, fuhr denn auch der SPD-Kreistagsabgeordnete Hans Hellbach gegen Bahlburg auf. Hellbach, "Pottflicker" aus Meckelfeld, der reiche Erfahrungen bei der christlichen Seefahrt gesammelt hat, löste 1949 Bahlburg als Landrat ab.
"Ich war Landrat aus Idealismus", polterte er, "Bahlburg dagegen hat seine Stellung für eigene Zwecke mißbraucht." In einer Zeit, in der Kreditbeschränkungen an der Tagesordnung waren, habe sich Bahlburg als maßgebendes Mitglied des Sparkassenvorstandes große Darlehen zu verschaffen gewußt. Kleine Leute, die ein paar hundert Mark haben wollten, hätten keinen Pfennig bekommen.
Zu Hellbachs Zeit hingen auf Bahlburgs Konto bereits 68 000 DM über, für deren Abdeckung, trotz Hellbachs Aufforderung, Bahlburg nichts tat. Ab Januar 1951, unter der Aegide des Landrats Hermann Hartmann, eines behäbigen Landwirtes aus Dangelsen, erreichten dann Bahlburgs Kreditschulden bei der Kreissparkasse ihre letzte einsame Höhe.
Die kreditspendenden Euter der Kreissparkasse melken zu können, sei überhaupt vorwiegend der Zweck von Bahlburgs politischer Karriere seit 1945 gewesen, munkeln die Feinde des alten Welfen. Diese Karriere beginnt, als Bahlburg 1945 einmarschierte Briten auf seinen breiten, wuchtigen Niedersachsenhof in Jesteburg, an der Brücke, einlädt. Vom 28. Oktober 1946 bis zum 5. Januar 1949 ist Bahlburg dann ununterbrochen Landrat aus der Liste der Deutschen Partei in Harburg und damit Vorsitzender des Vorstandes der Kreissparkasse.
Als er einmal Gefahr läuft, die Mehrheit im Kreistag zu verlieren, bildet er aus seinen 17 DP-Abgeordneten und einer Anzahl Renegaten der anderen Parteien die "Arbeitsgemeinschaft für Gesetz und Recht", mit der er die erforderliche Mehrheit
von 21 Stimmen im 41köpfigen Kreistag behält. Der einzige Kommunist des Kreistages, der kleine, rhetorisch funkelnde Willi Kohrs, ist außerdem mit von der Koalition.
Der Name "König Willem" kam damals für Bahlburg auf. Der schwere, große Mann, 1888 geboren, mit spärlichem grauem Haarkranz, herrschte fast unumschränkt. Manche nannten ihn einen "Bullerballer". Das heißt, er war auffahrend und grob, wenn er etwas durchsetzen wollte. Einem Hausbesitzer, der sich weigerte, eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen, schlug er die Fensterscheibe ein und brach danach die Haustür gewaltsam auf.
Daß er sich vielfach für kleine Leute einsetzte und ihnen bereits vor der Währungsreform zu Siedlungshäuschen verhalf, rührte von seiner Frömmigkeit her. Im Hause Bahlburg werden noch heute regelmäßig Gebetstunden abgehalten, wozu auch die Bevölkerung Zutritt hat. Bahlburg liest selbst aus der Bibel vor. Seine Feinde sagen: "Jedes dritte Wort von ihm ist 'der liebe Gott' ..."
In diesen Kreisen werden auch angebliche Aussprüche Bahlburgs kolportiert, wie: "Alles, was ich tue, ist gottgewollt."
Andererseits war Bahlburg nicht geschäftsuntüchtig. Auch mit dem im Zusammenhang mit den Betrügereien bei der Kreissparkasse verhafteten Pferdehändler Schumann hat er Geschäfte gemacht. Die Mischung von Frömmigkeit und robustem Geschäftssinn imponierte Harburgs Wählern jedenfalls so, daß Wilhelm Bahlburg am 14. August 1949 als Abgeordneter des Kreises Harburg in den Bundestag einziehen konnte. Mit 26 503 Stimmen hatte er über seinen SPD-Rivalen Hans Hellbach (26 165 Stimmen) gesiegt.
Sein Kreistagsmandat aber behielt er weiter, um, meinen seine Gegner, die Kreissparkasse nicht aus dem Auge zu verlieren.
Inzwischen ist Bahlburgs Immunität vom Bundestag aufgehoben. Am 6. September ist er aus der DP ausgetreten. Die Staatsanwaltschaft in Stade wird in Kürze Anklage wegen Kreditbetruges (nach den Paragraphen 263, 264 und 266 StGB) gegen Bahlburg erheben, nachdem sich herausgestellt hat, daß die Voraussetzungen für eine Kreditgewährung nicht vorlagen.

DER SPIEGEL 39/1951
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