10.10.1951

ORDENIch bin wie erlöst

Von den zwei Maximen des Reichsministers a. D. Dr. Eugen Schiffer: "Ich gehöre nicht zur Gattung der Wiederkäuer" und "Es kitzelt mich immer, Parallelen zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu ziehen" siegte die letzte. Obgleich er nicht einer von denen sei, "die Memoiren sammeln, wenn sie ihre Laufbahn beginnen", hat sich der alte Herr Anfang 1950 mit seinen 90 Jahren hingesetzt und seiner Sekretärin ohne schriftliche Unterlagen aus dem Kopf "Ein Leben für den Liberalismus"*) herunterdiktiert. Das Buch ist nun erschienen. Er schrieb mit jener humorigen Diktion alter Liberaler, die sich auch zuweilen bei Theodor Heuss findet.
Er schrieb, weil er glaubte, "für die kommenden Geschlechter die Erfahrungen nutzbar machen" zu müssen. Der ehemalige preußische Amtsrichter in Zabrze - später Hindenburg/Oberschlesien - hat Erfahrungen aus 44 Jahren aktiver Politik. 1904 zog er für die Nationalliberalen in das preußische Abgeordnetenhaus, sieben Jahre später war er zusätzlich Mitglied des Reichstages, nach der Revolution Reichsschatzsekretär, Reichsfinanzminister, Reichsjustizminister und Vizekanzler und nach 1945 Chef der Justizverwaltung der Sowjetzone, bis 1948.
Aber über seine eigenen wesentlichen Funktionen in diesen Stellungen sagt Eugen Schiffer wenig. Sein Buch ist eine Abrechnung mit einer vergangenen Epoche - "ich bin Erz-Preuße" - , die mit der Reichsgründung 1871 begann und für Schiffer mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 46 vom 25. Februar 1947, das Preußen auslöschte, in ihrem wesenhaften Bestand endet. "Das hätte Bismarck, wenn er noch lebte, getroffen - mitten ins Herz. Mir ging es nicht anders."
Zwei von Schiffers 256 Memoirenseiten beschäftigen sich mit dem Ordenswesen bei Kaiser Wilhelm I. Der Reichsminister a. D. selbst hält nicht viel von solchen Dekorationen. In seinem Schreibtisch in der Westberliner Mommsenstraße 52 hat er eine ganze Reihe hoher Auszeichnungen aufbewahrt. "Wenn ich sie tragen würde, brauchte ich kein reines Oberhemd mehr anzuziehen."
Dr. Schiffers persönliche Animosität gegen die "an der Brust oder um den Hals baumelnden emaillierten Metallplättchen" läßt ihn dennoch politische Parallelen zwischen dem Roten Adler-Orden und dem Bundesverdienstkreuz ziehen. Schließlich "ist es die Tendenz eines sparsamen Staates, die unzulänglich bezahlten Beamten mit Titeln und Orden abzufinden, dann sind wenigstens die ehrgeizigen und ewig meckernden Ehefrauen zufrieden".
Und daß der erste Bundesordensträger Franz Brandl ein Bergmann ist, findet Dr. Schiffers ungeteilte Zustimmung. Man habe wenigstens in diesem Punkte zugelernt, "denn früher bekamen die Bergleute nur versilberte Ehrenhäckel, während der Herr Bergwerksdirektor einen
Orden überreicht bekam. Sowas verbitterte natürlich."
Wie das alles früher unter Kaiser Wilhelm I. war, schildert Eugen Schiffer in seinem Buch: "Das Ordenswesen spielte nicht nur bei denen eine große Rolle, die diese Bänder und Kreuze, diese Wappentiere und Embleme empfingen, sondern auch bei denen, die sie verliehen. Wilhelm I. war an ihm erstaunlich interessiert. Als er am 2. September 1870 dem Kaiser Napoleon in Donchéry begegnet war, sagte er zu seinem Gefolge: ''Ich weiß wohl, daß Sie jetzt eine Mitteilung über unser Gespräch wünschen; aber ich kann Ihnen nicht viel sagen, da meine Aufmerksamkeit abgelenkt war. Ich mußte nämlich immerfort auf den Orden sehen, den Napoleon trug, und konnte nicht darauf kommen, was das für ein Orden war. Es war ein senkrecht aufgestelltes Schwert.'' Einer der Offiziere fragte: ''Sollte es etwa der schwedische Wasaorden gewesen sein?'' Erfreut rief Wilhelm: ''Sie haben recht, der Wasaorden war es, ich bin wie erlöst.''
"Gerade die Monarchen betrachteten die Orden vielfach als sehr wichtig, obgleich sie wissen mußten, wie oft sie unverdient verliehen und verteilt wurden. Kaiser Wilhelm I. nahm diesen monarchischen ''Geschäftszweig'' besonders ernst und behandelte die ''Kreuzschmerzen'' seiner Untertanen in derselben peniblen Art, in der er wichtige Angelegenheiten überhaupt zu behandeln gewohnt war.
"Die Orden waren nicht gleichwertig. Der Rote Adlerorden stand höher im Kurse als der Kronenorden, dieser über dem Allgemeinen Ehrenzeichen, während der Hohenzollern, der Pour le mérite oder gar der Schwarze Adler, der erblichen Adel verlieh, hors de concours standen. Innerhalb der einzelnen Orden gab es dann vielfach auch noch Klassen, in die man regelmäßig nach der Ordensanciennität aufrückte, ganz abgesehen von den Zutaten der Schleife, des Sterns, der Schwerter, der Brillanten, wodurch reizvolle neue Kombinationen entstanden.
"Unsereiner erhielt also erst den Roten Adler IV., dann den Kronenorden III., den Roten Adler III. Klasse und so fort in buntem Wechsel, bis man endlich, wenn man Glück hatte und nicht vorher starb, den großen Tag erlebte, daß man einen Halsorden erhielt. ''Aus dem Halse ihm zum Lohne hängt die Krone, alles, was er spricht, ist Gold, dem ein jeder Beifall zollt.''
"Wurde nun jemand Minister, der für die dem Ministerrang entsprechenden Orden noch nicht ''dran'' war, so verlieh ihm der alte Herr nicht etwa sogleich den hohen Orden, sondern ließ ihn alle Zwischenstufen passieren, indem er ihn in kurzen Abständen in die Höhe dekorierte, bis er da angelangt war, wohin er ordnungs- und ordensmäßig gehörte.
"Waren die Ordensfeste volkstümlich inszeniert, so boten die Hofbälle das Bild strenger höfischer Exklusivität. In diesem Bild spielten die Orden eine beinahe noch größere Rolle, als bei den eigentlichen Ordensfesten, da zu den deutschen auch noch die ausländischen hinzukamen, in denen sich zurechtzufinden nicht immer leicht war.
"Dies führte einmal zu einer ergötzlichen Szene. Ein Herr fiel dem Kaiser auf, der einen unbekannten, besonders strahlenden Orden trug. Ein Adjutant wurde beauftragt, bei dem Ordensträger Erkundigungen einzuziehen; er erhielt die stolze Antwort: ''My invention, my own invention.''*) Es handelte sich um einen Amerikaner, der durch seinen Botschafter eingeführt worden war. Für diplomatische Einführungen
von Ausländern war die Hoffähigkeit nicht gefordert."
Dr. Schiffers Parallele: "Die heutigen amerikanischen Diplomaten dürften nicht viel anders sein. Es ist für das ausländische Diplomatische Corps Ehrensache, die erreichbaren Orden des Gastlandes mit Sammelleidenschaft zu häufen."
Dr. Schiffers Ordenserfahrungen nach 44 Jahren hoher Politik: "Das ist schon immer so gewesen: Wenn einer keinen Orden hat, dann lacht er über den Ordensschwindel. Hat er Aussicht auf ein Ordensbändchen, dann lächelt er nur noch. Hat er einen, dann schmunzelt er."
*) Eugen Schiffer: "Ein Leben für den Liberalismus", 256 Seiten, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung (Walter Kahnert), Berlin-Grunewald, 10,50 DM.
*) "Meine Erfindung - meine eigene Erfindung."

DER SPIEGEL 41/1951
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