17.10.1951

DIE AKTION BEGINNT ABENDS

VON PROF. DR. WENZEL WEIGEL
Abgeordnetem der Christlich-Sozialen Union im Bayerischen Landtag
Heimatvertriebene Bundestagsabgeordnete der Christlich-Demokratischen Union, der Freien Demokraten, des Zentrums und des Blocks der Heimatvertriebenen haben die Bundesregierung aufgefordert, vor aller Welt gegen die Zwangsumsiedlung von zweihunderttausend Banater Schwaben in Rumänien nach dem Osten des Landes zu protestieren. Die Bundesregierung solle gleichzeitig bei den Vereinten Nationen Anklage erheben.
Was jetzt wieder auf dem Balkan mit den Deutschen geschieht, habe ich von dem 60jährigen Peter Horcher erfahren. Die Bewohner ganzer Dörfer, deutscher Dörfer, in Ungarn und Rumänien, im Banat, jenem einst so gesegneten Landstrich am Zusammenfluß von Theiß, Donau, Drau und Save, werden nach dem Osten verfrachtet. Das Ziel? Kein Mensch vermag es anzugeben. Unnötig heutzutage. Oder flüstert man bei Viehtransporten den Tieren das Reiseziel ins Ohr?
Horcher läutete spät abends an meiner Regensburger Wohnung, kam dann angsterfüllt und zitternd herein: "Herr Professor, ich habe eine große Bitte!" Der Mann ist derart erschüttert, daß er knien möchte: "Mein Bruder schreibt aus Oesterreich, wann denn seine Frau und seine Kinder endlich aus der Hölle von B. erlöst werden könnten? Ich war schon beim Roten Kreuz, ich habe schon um Zuzug gebeten. Hier haben Sie die Antwort: Alles abgelehnt!
"Herr Professor, helfen Sie unseren Leuten, sonst gehen sie alle zugrunde! Meine Schwester haben sie 1946 erschlagen, der Mann ist gefallen, von drei Kindern ist keine Spur mehr vorhanden. Nun kommt ein Brief nach dem anderen (er zieht ein Bündel Briefe aus der Tasche), in jedem weinen sie und bitten flehentlich um Rettung."
Dem alten Mann mit den schwieligen Händen treten die Tränen in die Augen: "Das Schlimmste für mich ist ja: Ich schreibe immer wieder: wir bemühen uns um den Zuzug! - Aber sie glauben mir schon nichts mehr!"
Ich sage Horcher, er soll mir am nächsten Tag die notwendigen Personalangaben bringen. Abends ist er wieder da: "Seien Sie nicht böse, ich habe noch andere Verwandte aufgeschrieben, die dort unten sind ..." Aus der Frau mit den Kindern sind 17 Personen geworden. Aber: "Sie gehen alle sicher zugrunde, wenn ihnen nicht sofort geholfen wird."
Das sind Abschiedsbriefe der Südostdeutschen:
* "Liebe Kinder und Enkel!
Ich will Euch ein paar Zeilen aus der neuen 'Heimat' schreiben. Ihr werdet von unserem Elend schon gehört haben ... Abends haben wir unser Dorf verlassen müssen. Es war eine wahre Völkerwanderung, wohin man nur schaute. Mit meinen Kindern Evi und Hans bin ich nicht mehr zusammengekommen. Ich weiß nicht, wo sie sind und sie wissen nichts von mir. Herzliche Grüße von Eurer Mutter und Eurem Onkel. Ein Wiedersehen gibt es nicht mehr."
Die Namen werden in den Briefen weggelassen, genaue Schilderungen fehlen aus Angst vor dem Zensor und vor den Folgen für die Betroffenen. Jedes
Schreiben ist nur ein Hilferuf und eine leiderfüllte Klage.
Was trotzdem über die Einzelheiten der Deportierung bekannt wurde, ist dies: Verschleppungsaktionen beginnen abends. Die betroffenen Dörfer werden von Truppen umzingelt, damit niemand mehr entkommen kann. Dann wird der Befehl verkündet: In zwei Stunden muß alles zum Abtransport bereit sein. Die Arbeitsfähigen werden von den Alten und Kränklichen getrennt - auch die Kinder unter 12 Jahren, die

Prof. Dr. Wenzel Weigel
Geboren 1888 bei Saaz (Westböhmen). Studium an der Deutschen Karls-Universität Prag. 1922 nach Hamburg, dort Lehrauftrag für Psychologie und Pädagogik an der Universität. 1927 zurück nach Prag, ab 1937 dort Direktor der Deutschen Pädagogischen Hochschule. 1945 nach Bayern ausgewiesen, hier wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Charakter- und Persönlichkeitsforschung.
noch nicht sklavenfähig sind. Sie werden in eigenen Lagern so nach den Methoden des Ostens betreut, daß sie nach einigen Wochen erledigt sind. Dafür sorgt der Hunger.
Auf zusammengeholten Wagen werden die Dorfbewohner bewacht zur nächsten Bahnstation geschafft und dort in Eisenbahnwagen gepfercht - Menschen, Rinder, Hühner, alles durcheinander. So rattern die Angsterfüllten in Viehwaggons nachts in das unbekannte Elend. Dort bekommen sie einige Bretter und müssen sich nach der Tradition von Höhlenbewohnern ein Loch ausgraben - ihre neue Unterkunft.
Dann beginnt die größte Sorge: einen Brunnen zu erschließen, denn die Verschleppten leben in der Steppe. Es ist - soweit ich Nachrichten erhalten konnte - die wasserarme Baragan-Steppe, wo der größte Teil von ihnen
jetzt vegetieren muß. Die anderen sind in einen versumpften Landstrich an der unteren Donau verpflanzt, zum Bau des Donau-Schwarzmeer-Kanals.
Unter den Arbeitssklaven befindet sich auch der 81jährige deutsche Bischof Msg. Pacha von Tschanad-Temeschwar (Temeschburg) und die Priorin der Lioba-Schwestern, Dr. Hildegardis Wulff.
Es ist sicher, daß hier eine ganze deutsche Volksgruppe von 200 000 bis 300 000 Menschen ausgerottet werden soll. Auch andere Anzeichen sprechen dafür: Trotz des eisernen Vorhangs habe ich erfahren, daß Volksdeutsche aus Rumänien, die aus den russischen Gefangenenlagern entlassen wurden, nicht zu ihren deutschen Angehörigen im rumänischen Banat oder nach Deutschland entlassen wurden, sondern in ein Sonderlager bei Bukarest, von wo aus sie als Arbeitssklaven weiter verfrachtet werden. Von ihren neuen Arbeitsplätzen darf keine Nachricht zu ihren Verwandten dringen.
In ähnlicher Weise geht man auch in Ungarn vor Drei Transporte deutscher Kriegsgefangener aus Ungarn sind im November, Dezember vergangenen Jahres aus der russischen Kriegsgefangenschaft angekommen. Sie wurden ebenfalls nicht zu ihren Angehörigen nach Deutschland oder in ihre ungarndeutschen Dörfer entlassen, sondern sie sind in der Nähe von Budapest konzentriert worden. Bis dahin war ein brieflicher Verkehr möglich. Von nun an geht jede Spur verloren. Die ungarische Regierung und auch das Rote Kreuz erklärten es seien keine Kriegsgefangenen-Transporte eingetroffen. Ich weiß aber von geflohenen Leidensgenossen, daß sie als Arbeitssklaven in den Kohlengruben und Steinbrüchen des Landes ausgebeutet werden.
So wird in der Geschichte der Donaudeutschen aus dem Banat der tragische und grandiose Beweis geliefert für die Binsenwahrheit vom Undank, der der Welt Lohn ist. Die Siedler hatten den ansässigen Völkern an der unteren Donau christliche Kultur und blühendes Leben gebracht 1945 werden die deutschen Bewohner dieses Gebietes rechtlos und vogelfrei, jedem Raub und jedem Mord ausgesetzt. Tausende werden ohne Grund erschlagen, anderen gelingt die Flucht nach Oesterreich oder Westdeutschland. Nach dem Potsdamer Abkommen werden schließlich auch diese Kulturpioniere des Südostens von Europa "human ausgesiedelt".
Es war die Frage, wie wir in dieser Not und mit unseren armseligen Mitteln helfen könnten. Verbundenheitsadressen und unverbindliche Floskeln konnten keine Lösung sein. Der Bayerische Landtag hat das sofort erkannt. Im Ausschuß für die Angelegenheiten der Heimatvertriebenen konnte ich als Referent zu einem Antrag sprechen, allen diesen schwergeprüften deutschen Menschen des Balkans die Zuzugsgenehmigung zu erteilen und die Tore Bayerns offen zu halten, wenn es ihnen gelingt, ihren Peinigern zu entkommen. Am 17. September wurde der Antrag einstimmig angenommen und ein ähnlicher Appell an die Bundesregierung in Bonn gerichtet.

DER SPIEGEL 42/1951
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