17.10.1951

FILM / PAULETTE GODDARD

So long, mein Junge

(s. Titel)

Seit vielen Wochen schon befindet sich die kapriziöse amerikanische Filmschauspielerin Paulette Goddard auf Porto Ronco, dem verschwiegenen Landsitz des Schriftstellers Erich Maria Remarque, zwischen Ascona und Brissago in der Schweiz. Aus ihrem Plan, mit Remarque, dessen ständige Begleiterin sie seit Jahren ist, München zu besuchen, ist noch immer nichts geworden, obwohl sie zur Begrüßung der Münchner schon das sinnige Sprüchlein "Eins, zwei, drei, gsuffa" auswendig gelernt hat.

Remarque hat seine Deutschlandreise, auf der er mit Verlegern über sein neuestes Buch ("Drei Kameraden") verhandeln will, vorläufig auf Anfang November verschoben. Paulette tröstet sich: "Wenn's zum Oktoberfest nicht mehr reicht, so reicht's jedenfalls fürs Hofbräuhaus!"

Anfang September noch war sie zu einem Besuch in Hollywood eingetroffen. In den Studios klaschte man, daß sie insgeheim hoffe, ihr ehemaliger Gatte Charlie Chaplin, den sie erst jüngst wieder als den größten Schauspieler und Regisseur der Gegenwart bezeichnet hat, werde ihr eine Rolle in seinem neuen Film anbieten. Chaplin hüllte sich jedoch in Schweigen.

Natürlich stand Paulette Goddard während ihres Aufenthaltes in der Filmkolonie wieder im Mittelpunkt des Klatsches,

denn Paulette Goddard gehört zum eisernen Bestand Hollywoods. Zumindest ist sie einer der wenigen amerikanischen Filmstars, die seit Beginn der Tonfilm-Aera regelmäßig auf der Leinwand erschienen und noch heute zu den Spitzenstars zählen.

Die Geschichte ihrer Karriere beweist, daß man es auch ohne nennenswerte schauspielerische Talente zum Hollywood-Star bringen kann. Darum zeigt sie auch heute über den Beginn ihrer Star-Laufbahn eine beinahe MacArthursche Vorliebe für Indirektheit.

Nicht einmal ihr Geburtsdatum steht mit Sicherheit fest. In "Who is Who" wird es mit 1915 angegeben. Doch dann müßte sie ihre erste Ehe mit Edgar James im zarten Alter von zwölf Jahren abgeschlossen haben. Als ein Reporter sie einmal auf diese unwahrscheinliche Frühehe aufmerksam machte, lächelte sie nur gewinnend: "Ach, ich war schon in der Schule schrecklich schlecht in Mathematik." Man kann mit Sicherheit sagen, daß ihr Geburtsjahr irgendwo zwischen 1905 und 1915 liegt.

Paulette muß jedenfalls zwischen 10 und 20 Jahre alt gewesen sein, als ein gemeinsamer Freund sie dem amerikanischen Revue-Manager Ziegfeld, dem "Großen Ziegfeld", vorstellte. Paulette brauchte kein Wort zu sagen und keine Note zu singen. Ihre angenehm langgestreckten Beine waren dem erfahrenen Revue-Mann über 300 Dollar pro Monat wert. Sie brauchte nur für die Dauer eines Revue-Aktes auf einer Mondsichel zu hocken, die über die Bühne schwebte.

In ihrem ersten Urlaub reiste sie in den Luxusbadeort Palm Beach, wo amerikanische Millionäre sich zu ergehen pflegen. Dort lernte sie Edgar James kennen, der in Nordkarolina ein großes Gut mit vielen Hunden und Silberfüchsen besaß. Die reizende Paulette verstand es, den Monologen des Hunde- und Fuchsbesitzers so

gespannt zu lauschen, daß er sie bald heiratete. Ein echtes Interesse für Silberfüchse und das Landleben in Nordkarolina vermochte sie jedoch nicht aufzubringen.

Schon bei ihrer Scheidung entpuppte sie sich als gewiefte Finanzspezialistin: Sie erkämpfte sich von Edgar James soviel Geld, daß man damit - nach den Worten eines amerikanischen Journalisten - "einer neuen Nation von der Größe Litauens auf die Beine hätte helfen können". Unter ihrem Beutegut befand sich auch ein 19 000-Dollar-Düsenberg-Sportwagen (das amerikanische Gegenstück zum Rolls Royce), mit dem sie dann ihren Einzug in dem aufblühenden Hollywood hielt. Dort lag sie wieder wie eine Spinne auf der Lauer.

Es dauerte natürlich nur bis zur ersten Party, daß Paulette ein Filmangebot erhielt. Der Produzent Hal Roach fand, daß sie sich in ihrem Düsenberg wie "Kleopatra auf dem Floß" ausnehme und gab ihr einen Kontrakt. Viel hatte sie in ihrem ersten Film nicht zu schauspielern, sie brauchte nur ihre reizvoll proportionierten Beine aus dem Auto heraushängen zu lassen. "Man sah zwar nur die Beine", erzählt Paulette heute, "aber, Kinder, was für Beine!" Eine Zeitlang machten sie sogar den berühmten Beinen der Dietrich ernsthafte Konkurrenz.

Nach dieser beinlichen Schaustellung kaufte sich Paulette unter großem Tamtam einen dritten Wagen. "Man sagte, ich sei verrückt. Ganz recht, dachte ich. Denn so eine Verrückte suchte Eddy Kantor für seinen neuen Film. Und da kam der Wendepunkt in meinem Leben: bei Eddie Kantor sah mich Charlie Chaplin. Er holte mich. Er wollte gerade 'Modern Times' drehen und suchte eine 'wilde Göre'. Wir arbeiteten pausenlos. Als wir fertig waren, erkannten wir, daß wir nun wohl heiraten könnten."

Anfang der Dreißiger Jahre war es in den USA ein beliebtes Gesellschaftsspiel,

an der Heirat oder Nicht-Heirat zwischen Charlie Chaplin und Paulette Goddard herumzuraten. Paulette gibt noch heute keine direkte Antwort auf die Frage, ob sie mit Charlie formell verheiratet gewesen sei oder nicht. Aber sie läßt in ihre Konversation gern kleine Sätze einfließen wie: "... das muß kurz nach meiner Hochzeit mit Charlie gewesen sein ..." Doch selbst nach ihrer Trauung, die für Charlie finanziell sehr schmerzlich gewesen sein soll, behaupteten einige Unentwegte, daß sie nie verheiratet gewesen seien.

Der Film mit Chaplin war jedenfalls der Beginn ihrer Hollywood-Karriere. Der große Chaplin versuchte mit der wiederkäuenden Geduld eines Lehrers für schwachbegabte Kinder, eine freundschaftliche Annäherung zwischen der schönen Paulette und der Schauspielkunst zustandezubringen. Er stopfte sie mit "Bildung" voll, bis Freunde schlechte Rückwirkungen auf ihren samtenen Teint diagnostizierten. Dann gab Chaplin seine heroischen Erziehungsexperimente auf.

Obwohl also bei Paulette Goddard Hollywoods Theorie versagt hat, wonach man selbst eine Fliege zur Schauspielerin machen könne, wenn man nur genügend Zeit investiere, obwohl sich die Kritiker noch heute einig sind, daß sie eine sehr mäßige Schauspielerin ist, begann ihr Aufstieg. Film folgte auf Film. Ihre blendende Schönheit täuschte über ihr schauspielerisches Manko hinweg. Sie sorgte schon damals dafür, daß die Hollywooder Klatschen stets etwas Neues über ihre Amouren zu erzählen wußten. "Treu sind an Paulette nur die Augen", kommentierte ein Filmmagazin.

Die geschäftstüchtige Paulette verstand es, unglaubliche Gagen zu bekommen. Trotzdem soll ihre Knauserigkeit sagenhaft sein. "So schön sie ist, so geizig ist sie auch", schrieb eine Zeitschrift und erzählte, Frau Goddard habe noch nie in ihrem Leben ein Trinkgeld gegeben.

Anfang der vierziger Jahre tauchte die ruhelose Paulette in Washington auf. Sie war bei Roosevelt im Weißen Haus zu Gast und wurde verschiedentlich in Gesellschaft des scheuen Harry Hopkins gesehen. Sie werde vielleicht noch eines Tages in die Politik gehen, wenn sie keine Filmmacht werden könne, orakeln heute ihre Freunde.

Eine Filmmacht versuchte sie zu werden, als sie zusammen mit dem französischen Meisterregisseur Jean Renoir und dem Produzenten Benedict Bogeaus die "Camden Corporation" gründete. In dem von Renoir inszenierten "Tagebuch einer Kammerzofe" spielte sie natürlich die Hauptrolle, was ihr neben mäßigem Kritikerapplaus ein hübsches, wenn auch zweideutiges Kompliment von Renoir einbrachte. "Das Tagebuch einer Kammerzofe" spielt in dem interessanten Nach-1870-Frankreich und seine Titelheldin schwelgt in recht pikanten Abenteuern. "Renoir sagte", berichtet Paulette, "daß dieser Film ein Dokument über mich gewesen wäre, wenn ich im Frankreich von 1885 gelebt hätte und eine Kammerzofe gewesen wäre".

Natürlich mußte sie auch Lukrezia Borgia spielen (1949), die allerdings in ihrer Hollywood-Version fatal an die Kammerzofe gemahnte. "Time" schrieb: "Miss Goddard, die sich in prunkvollen Gewändern umherschleppt, wartet vergebens auf eine Gelegenheit, verführerisch in eine Renaissance-Badewanne zu steigen."

Paulette versuchte sich dann noch als eine proletarische Kleinstadt-Lukrezia, die statt in Badewannen gewerbsmäßig in schäbige Stahlbetten steigt.

In den letzten Jahren ist Paulette Goddard ziemlich ruhelos zwischen Hollywood und New York und zwischen den USA und

Europa hin- und hergereist. In London verteilte sie Care-Pakete. In Rom wurde sie vom Papst empfangen. In New York wurde sie von Kunststudenten zum "Dream Girl" des "Dream Ball" erwählt. Im Waldorf-Astoria zeigte sie sich in Gesellschaft des jugoslawischen Ex-Königs Peter.

Eine Zeitlang war sie mit dem amerikanischen Schauspieler Burgess Meredith verheiratet. In letzter Zeit war der Diätspezialist Gaylord Hauser ("Iß dich schlank"), der einstmals eine viel publizierte Romanze mit der Garbo hatte, ihr Begleiter. In Paris zeigte sie sich mit dem französischen Modekönig Jacques Fath (siehe Rücktitel).

In Hollywood war man gespannt, wie sie die Nachricht von der überraschend schnellen Heirat Clark Gables mit der Witwe von Douglas Fairbanks, sen., aufnehmen würde. Den Reportern war bekannt, daß Gable ihr eine Zeitlang zu Füßen gelegen hatte.

Paulette zeigte ein unberührtes Gesicht, versank in kurzes Sinnen und sagte dann: "Also, das wäre dies, so long, mein Junge." Dann erzählte sie von einem herrlichen Schmuck, den sie soeben in einem Juweliergeschäft gesehen habe.

Eine Leidenschaft für Schmuck hat Paulette seit ihrer frühen Jugend. Ihre Mutter habe ihr einmal den Rat gegeben: "Kind, kauf dir niemals selbst Juwelen, das bringt nur Unglück." Die bissige Hollywooder Klatsch-Journalistin Hedda Hopper ergänzte: "Und so kam Paulette allmählich zur größten Schmucksammlung Kaliforniens." Kenner behaupten sogar, Paulette besitze die größte Juwelensammlung der Vereinigten Staaten. In den letzten Jahren hat sie noch angefangen, kostbare Gemälde zu sammeln. Auch diese Sammlung soll beachtlich sein.

Ihre Juwelen-Sammelwut hat sie geschickt mit ihrer sprichwörtlichen Geschäftstüchtigkeit, die alle Produzenten vor dem Akt eines Vertragsabschlusses mit ihr zittern läßt, verbunden: Sie ist Teilhaberin eines Juweliergeschäftes in New York. "Wirft das heute etwas ab, Frau Goddard?", fragte ein Reporter. "Lieber Freund", antwortete Paulette, "ich sage Ihnen, es läuft wie auf Rollschuhen!"


DER SPIEGEL 42/1951
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