24.10.1951

FISCHEREIKRIEG / INTERNATIONALESEin Toter muß zeugen

Wenn der junge Hamburger Dr. jur. Walther Münchmeyer nicht im Weltkrieg II gefallen wäre, müßte er jetzt als Parlamentär in den feuchten Fischkrieg ziehen. Vielleicht würden die Engländer ihn sogar nach Den Haag holen, wo sie zur Zeit die norwegische Regierung wegen Völkerrechtsbruch verklagen.
Alles wegen schiefmäuliger Schollen und Dorsche, und weil das britische Außenministerium es wegen des ohnehin angeknacksten Empire-Prestiges nicht länger dulden will, daß norwegische Polizisten englischen Fischdampfer-Kapitänen Bajonettspitzen unter die Nase halten oder ihnen sogar Maschinengewehrgarben vor den Bug knallen. Das ist dutzende Male geschehen.
Das Foreign Office hat nun den internationalen Gerichtshof der UN in Den Haag angerufen, wo in diesen Wochen entschieden werden soll, wo Norwegens Seegrenzen tatsächlich liegen und wie weit englische Fischer rechtens nach Nordwesten fahren können, um ihre Grundschleppnetze in das norwegische Fischgewimmel zu stippen.
Bei dieser völkerrechtlichen Untersuchung rief Morrisons Hausjurist, Sir Eric Beckett, nun einen Toten, den Hamburger Arztsohn Dr. jur. Münchmeyer, noch posthum als Kronzeugen dafür an, daß Englands Sache gerecht sei.
Stud. jur. Münchmeyer hat 1936, damals knapp 25 Jahre, einige Monate als Leichtmatrose auf einem deutschen Hochsee-Fischereidampfer gearbeitet, bevor er dann 1939 ins Doktorexamen stieg. Das war bald nach der Neufestsetzung der norwegischen Fischerei- und Hoheitsgrenze, die Münchmeyer sehr gründlich studierte.
Norweger-König Haakon war damals den Wünschen seiner armen Fischersleute hoch im Norden gefolgt, deren Klippfischsuppe seit Jahren immer dünner geworden war, seit die englischen und deutschen Trawler mit ihren modernen Fanggeräten ihnen
die dicksten Schollen wegschnappen und gleich Berge von Heringen vor den Lofoten und der Finnmarkküste aus der See heben. Die norwegischen Küstenfischer aber sind nur kleine Tucker.
Was ein solcher Tucker mit langen Angelleinen in einem Jahr fischt, holt ein moderner Trawler in zwei Tagen mit Schleppnetzen vom Grund. Wenn im Frühjahr die Heringsschwärme von Schottland über die Doggerbank zu ihren Laichplätzen in die norwegischen Fjorde und Schärenhöfe strömen, folgen ihnen die großen Haie der Hochseefischerei, die Trawler.
Diese schon stark industrialisierten Dampfer haben sich in den letzten Jahrzehnten so vermehrt, daß die norwegischen Kutter-Fischer ernsthaft befürchten, eines Tages werde ihr Fischbottich ausgeschöpft sein; obwohl Fachwissenschaftler wie Prof. Dr. Willer vom Institut für Fischereiwissenschaft in Hamburg die Fjorde für ewig fruchtbare Fischhochzeitsplätze halten.
König Haakon hätte am liebsten - wie der große Krumme in Ibsens Peer Gynt - den großen Haien geraten: "Geht außen herum," aber da solche Ratschläge erfahrungsgemäß nichts nutzen, machte er dann 1935 sein Dekret, das Norwegens Fischereigrenze beträchtlich ins Meer vorschob.
Seit Jahrzehnten nehmen die Norweger wegen ihrer zerlappten Küste die Vier-Seemeilen-Grenze für sich in Anspruch (vier Seemeilen Abstand von der Küste). Sonst gilt seit Ende des 18. Jahrhunderts, bis auf jüngste Korrekturen, allgemein die Drei-Meilen-Grenze. Anhaltspunkt dafür war die frühere Reichweite der Kanonen - auch Nelsons Geschütze bei Trafalgar trugen 1805 nicht weiter als 3 Seemeilen = 5,556 km.
Dann ließen sich die Norweger auf früheren Kodifikationskonferenzen genehmigen, daß sie die vier Seemeilen von der Nullinie aus, also von der Küstenlinie bei Ebbe, berechnen könnten. Da das den rückständigen norwegischen Küstenfischern aber auf die Dauer noch nicht genügte, dekretierte der König 1935: Von nun ab ist nicht mehr die Null-Linie die Basis der Vier-Meilen-Berechnung, sondern das sogenannte Grundliniensystem.
Das Fischereiministerium in Oslo hatte die am weitesten ins Meer ragenden 48
Schärenklippen ausfindig gemacht und verband nun Klippe mit Klippe zu einer imaginären Grundlinie, von der aus die neue Fischerei- und Hoheitsgrenze 4 Meilen in See abgesteckt wurde. "So daß reiche Fischgründe, wie der Vestfjord mit einer Oeffnung von 39,5 Seemeilen und einer Tiefe von 100 Seemeilen, den ausländischen Fischern verschlossen sind", stellte Völkerrechtsstudiosus Münchmeyer auf seiner Volontärfahrt nach der neuen Grenzziehung fest.
Diese und andere Feststellungen Münchmeyers, der daraus 1939 seine Doktorarbeit baute, knallte Sir Eric Beckett jetzt in Den Haag auf den internationalen Richtertisch. Ein neuer Quisling hatte sie ihm zugesteckt: Advokat Annaeus Schjödt, geborener Norweger, der auch einen Rechtsberaterjob bei der englischen Regierung hat. Er entdeckte Münchmeyers Dissertation in der Universitätsbibliothek in Oslo und schickte sie umgehend an Sir Eric Beckett nach Den Haag.
Die Engländer haben Haakons neue Seegrenze nie anerkannt und drangen auch schon vor 1933 ungeniert in norwegische Jagdgründe ein, wenn sie 20pfündigen Schollen nachjagten. Dann kam der Krieg und die Norwegenbesetzung durch deutsche Truppen. Da wurden die Hoheitsgrenzen gleitend wie noch nie, Schnellboote und U-Boote steckten sie ab.
Erst als die Minen fortgeräumt waren, hob nach 1945 die Hochseefischerei wieder an. Zunächst noch ohne deutsche Beteiligung.
Inzwischen hat die deutsche Hochseefischflotte in Cuxhaven, Hamburg und Bremerhaven wieder aufgerüstet. Sie tut ihr Möglichstes, um dem westdeutschen Fischesser seine jährliche Durchschnittsportion von rund 12 kg (das ist der normale Friedensverzehr) anzulanden und trotzdem nicht mit den Norwegern wegen des bald nach dem Schießkrieg neu aufgeflammten Fischereikrieges in Kollision zu geraten.
Sie kämpft mehr gegen die Knödel-Spätzle-Linie am Main, über die der westdeutsche Fischhandel trotz vorzüglicher Kühlanlagen nur mühsam nach Süd- und Südwestdeutschland vordringt.
Vorsicht gegenüber den Norwegern war um so mehr geboten, als sie den deutschen Fischern wegen des Orlogs immer noch böse sind und ihnen bis vor kurzem Trinkwasser, Kohlen und Bunkeröl in ihren Häfen verweigerten.
Um allen Streitigkeiten aus dem Wege zu gehen, hat die deutsche Hochseefischerei Wissenschaftler beauftragt, neue Fanggeräte zu entwickeln, die auch auf offener See, etwas abseits von der norwegischen Hoheitsgrenze, noch ergiebige Fänge sichern. Das zur Zeit modernste angegewandte Gerät: eine Kombination von Echolot (das Fischschwärme nur am Meeresgrund ortet) und der Braunschen Röhre, die auch die zwischen Meeresgrund und Meeresspiegel durchziehenden Fischschwärme registriert und auf einem Bildschirm sichtbar macht.
Der Fischkrieg tobt ausschließlich zwischen Engländern und Norwegern. Elf britische Fischdampfer wurden seit September 1948 von der norwegischen Fischereipolizei wegen Grenzverletzungen aufgebracht.
Als der bei Vardö gestellte englische Trawler "Lord Nuffield" sich britisch empfehlen wollte, enterten ihn die Polizisten mit blanker Waffe. Sie brachten ihre Bajonette erst wieder an Ort, als "Lord Nuffield" die Leinen seiner Netze kappte und die ganze Fischbeute dem norwegischen Küstenmeer zurückgab. Dann wurde er im nächsten Hafen arretiert, bis der britische Konsul das Strafgeld - 20 000 Kronen - im voraus hinterlegte.
Ihren größten Triumph erlebten die norwegischen Fischkrieger im Mai dieses Jahres. Balkenüberschriften im Osloer Morgenbladet: "Spannende Jagd in der Mitternachtssonne". Norwegens aktivstes Fischereischutzboot "Andenes", das den Engländern dauernd in den Netzen dröhnt, brachte an der Ostfinnmarkenküste den Trawler "Lord Frazer" (Heimathafen Grimsby) auf.
Dann bekam "Andenes" aber Maschinenschaden und konnte "Churchill", einen weiteren Grenzpiraten, nicht mehr erwischen. "Churchill" stach in hohe See, kam aber wegen Oelmangels nicht weit und mußte notgedrungen Tromsö zum Oelbunkern anlaufen.
Tromsös oberster Fischerboß, Fregattenkapitän Coucheron-Aamot, dem der Vorfall bereits signalisiert worden war, schmunzelte und schickte gleich zwölf starke Polizisten an Bord mit der Order: "Arretiert". Die zwölf ledernen Polizisten mopsten sich bis zum Abend auf "Churchill" und gingen dann Essenfassen. An Bord blieben nur zwei Zöllner ohne Waffen. Da lichtete "Churchill" heimlich die Anker, stahl sich aus dem Hafen, gab dann volle Kraft voraus und nahm die fluchenden Zöllner mit.
Als die Polizisten zum Kai zurückkamen, schmeckten ihnen die von "Churchill" dedizierten Zigaretten nicht mehr, so kanzelte sie Fregattenkapitän Coucheron-Aamot ab. Dann setzte er sich ins Auto und fuhr zur Flugstation Skatteröya, alarmierte alle verfügbaren Flugzeuge und stieg selbst mit auf.
In der Mitternachtssonne wurde "Churchill" gesichtet. Als er auf Zeichen nicht stoppte, knallten ihm norwegische Jäger ihre Stakkatos vor den Bug. Da dampfte "Churchill" zurück nach Tromsö.
Das Seegerichts-Urteil für "Churchill"-Kapitän Henry Rogers lautete auf 25 000 Kronen Geldbuße, ersatzweise 90 Tage Haft, ferner 35 000 Kronen Wertersatz bei Freigabe des beschlagnahmten Dampfers und noch 5000 Kronen Sonderstrafe wegen der Flucht.
"Einige britische Trawler-Schiffer führen sich tatsächlich wie Seeräuber auf und
scheuen sich nicht, mit Absicht die Geräte der norwegischen Fischer zu zerstören", kritisiert Morray Williams, Norwegen-Korrespondent der schottischen "Sunday Mail", ein anderes Piratenstück der jüngsten Zeit:
Einem kleinen norwegischen Tucker knallten kürzlich Pistolenschüsse um die Ohren, als er auf einen Trawler zusteuerte, der in den norwegischen Territorialgewässern bei Helsöy fischte. Die Pistolenschützen hatten den Namen ihres Trawlers mit Netzen und Planen zum größten Teil verdeckt. Zu lesen war nur "LORD" und die Nummer 169. Das genügte aber, um im Schiffahrtsregister die Nationalität festzustellen. Es war der britische "Lord Mount Evans".
Als nun im September die norwegischen Fischkrieger wieder einen britischen Trawler attackierten und nach Tromsö aufbrachten, schlug der so oft gebeugte britische Stolz in hellen Zorn um. Englands erster Kronanwalt Sir Frank Soskice und Rechtsberater des Foreign Office, Sir Eric Beckett, mußten klageführend zum UN-Gerichtshof nach Den Haag.
Die Engländer klagen auf Schadenersatz und fordern vom Gerichtshof, daß er Norwegen wieder in seine alten Schranken von vor 1935 zurückweist. Norwegen beeinträchtige die Freiheit der Meere und habe sich Souveränitätsrechte angemaßt, die mit dem modernen Völkerrecht unvereinbar seien. Die Lehre vom mare clausum, die Norwegen hervorkrame, sei versunken wie die Zeit der Hansekoggen.
Norwegens oberster Regierungsadvokat Sven Arntzen griff an sein mitgebrachtes Gipsküstenmodell: "Hier haben sich die britischen Fischer dreihundert Jahre nicht sehen lassen. Nachdem nun an ihrer Küste die Schotten-Heringe knapp geworden sind, stoßen sie von Jahr zu Jahr unverschämter in unsere Gewässer und verunreinigen sie außerdem noch. Der ihnen minderwertig erscheinende Teil des Fanges wird über Bord gekippt, verfault dann und verjagt die Fische."
Das UN-Gericht hat sich trotz mehrwöchiger Sitzung und Münchmeyers Doktorarbeit in den Schären dieses Völkerrechtsstreites noch nicht zurechtgefunden. Es tagt unterbesetzt nur mit 12 Richtern statt mit 15. Einer der Richter ist über den Fischereikrieg gestorben, zwei sind erkrankt, darunter der russische Gerichtsvertreter, auffallenderweise bevor der Prozeß begann.
Die Russen haben in ihren Gewässern - gleich östlich von norwegisch Vardö - das Küstenmeer in 12-Seemeilen-Breite als Eigengewässer erklärt. Mit den Russen ist nicht gut Fischessen. Das merkten dänische und schwedische Schiffer auch in der Ostsee, wo die Sowjets ebenfalls 12-Meilen-Rechte geltend machen.
Kopenhagen und Stockholm protestierten vergeblich in Moskau wegen der Aufbringung mehrerer Schiffe durch die Sowjets in diesem strittigen Gebiet. Nun soll Den Haag in einem späteren Prozeß auch hierüber entscheiden. Präjudiz wird der Ausgang des englisch-norwegischen Prozesses sein. Davon wird es abhängen, ob die Hoheitsgrenzen auch noch an anderen Küsten gleitend werden.
Island will den Haager Urteilsspruch nicht mehr abwarten und in diesen Tagen seine Fischereigrenze bereits von drei auf vier Seemeilen vorverlegen. Auch Schweden und Finnland sind für 4 Seemeilen. Spanien und Portugal sogar für sechs und auch die arabischen Länder, Australien und Südamerika haben ähnliche Absichten.
Hauptargument: Heute wird nicht mehr wie bei der Kanonade von Valmy mit Feldschlangen und Kartätschen geschossen. Im Atomzeitalter sei die 3-Seemeilen-Grenze eben überholt.

DER SPIEGEL 43/1951
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 43/1951
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FISCHEREIKRIEG / INTERNATIONALES:
Ein Toter muß zeugen

Video 03:35

Seemann mit YouTube-Kanal Mitten durch die Monsterwellen

  • Video "Video zur Blutmondfinsternis: Wann, wie, weshalb?" Video 03:10
    Video zur Blutmondfinsternis: Wann, wie, weshalb?
  • Video "Missglückte Verkehrskontrolle(n): US-Motorradcops kollidieren" Video 00:56
    Missglückte Verkehrskontrolle(n): US-Motorradcops kollidieren
  • Video "Drohnenbilder: Flug über zeitweise abgeschnittenes Alpendorf" Video 01:23
    Drohnenbilder: Flug über zeitweise abgeschnittenes Alpendorf
  • Video "Bei Feyenoord-Niederlage in Zwolle: Traumtor von Altmeister van Persie" Video 00:45
    Bei Feyenoord-Niederlage in Zwolle: Traumtor von Altmeister van Persie
  • Video "Shutdown in den USA: Die Verzweiflung der Staatsbediensteten" Video 02:15
    Shutdown in den USA: Die Verzweiflung der Staatsbediensteten
  • Video "Erste Parlamentsrede: Ocasio-Cortez teilt gegen Trump aus" Video 01:08
    Erste Parlamentsrede: Ocasio-Cortez teilt gegen Trump aus
  • Video "Animation: Die Deutschen und der Müll" Video 02:03
    Animation: Die Deutschen und der Müll
  • Video "Speed-Junkies: Die Sucht nach Adrenalin" Video 23:10
    Speed-Junkies: Die Sucht nach Adrenalin
  • Video "Seehofers Abschied als CSU-Vorsitzender: Den richtigen Zeitpunkt verpasst" Video 03:35
    Seehofers Abschied als CSU-Vorsitzender: "Den richtigen Zeitpunkt verpasst"
  • Video "Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai" Video 01:16
    Hawaii: Taucher schwimmen mit riesigem Weißen Hai
  • Video "Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber" Video 01:48
    Neuer Porsche 911: Eine Runde mit Mark Webber
  • Video "Geschäftsaufgabe wegen Brexit: Verrückt ist noch nett gesagt" Video 03:11
    Geschäftsaufgabe wegen Brexit: "Verrückt ist noch nett gesagt"
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede" Video 04:34
    100 Jahre Frauenwahlrecht: Schauspielerin rezitiert aus historischer Rede
  • Video "Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner" Video 02:55
    Unterhaus-Sprecher John Bercow: Der einzige Gewinner
  • Video "Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee" Video 05:34
    Videoreportage zur Lawinengefahr: Herrn Bergmayrs Gespür für Schnee
  • Video "Seemann mit YouTube-Kanal: Mitten durch die Monsterwellen" Video 03:35
    Seemann mit YouTube-Kanal: Mitten durch die Monsterwellen