31.10.1951

MÄDCHENHANDELBlonde Ware für Marokko

Wenn nachts um 4 Uhr an der Schmuckfassade des Mailänder Embassy-Nachtclubs in der Via Santa Sizilia die roten und grünen Glühbirnen verlöschen, hören die späten Gäste nur noch das Gezwitscher schwarzhaariger italienischer und spanischer Nachtvögel. Die deutsche Konkurrenz in blond - Otto Hörnkes Jungmädchenballett "Mille fleurs" ("Tausend Blüten") aus Hamburg - ist heimlich ausgeflogen.
Die Ballettmädchen flüchteten zum deutschen Generalkonsulat und fuhren zurück über den Brenner, arg zerrupft, mit Schatten unter den Augen und verwirrt von dem allnächtlichen erregenden Betrieb, wenn nach 22 Uhr die italienischen Bonvivants ihre Kreppsohlenschuhe unter die Embassy-Clubtische steckten und smarte amerikanische Globetrotter bei Chianti-Wein und Sekt das Land Boccaccios mit den Sinnen suchten.
Nur Mille-fleurs-Impresario Otto Hörnke, 34, mittelgroß und untersetzt, mit Favoritin Karin Thüren, 18jähriger Tänzerin aus Hamburg, blieb trotz peinlicher Auseinandersetzungen mit dem deutschen Generalkonsulat und der italienischen Polizei vorerst. Obwohl Hörnke ohne Truppe ruiniert ist.
Die gerupften Balletteusen behaupten, er habe sie unter Vorspiegelung eines langfristigen honorigen Auslands-Engagements in die Sackgasse des internationalen Mädchenhandels führen wollen. Daß über Italien häufig blonde Ware für Freudenhäuser in den Orient und nach Marokko in die Fremdenlegionärsbordelle von Meknes und Sidi-bel-Abbès geschleust wird, weiß die italienische Kripo aus Dutzenden von Alarm-Fällen.
In Turin nahm eine achtköpfige Westberliner Ballettgruppe Kripo-Hilfe in Anspruch, weil ihr Manager, der Oesterreicher Sachata, die bei italienischen Kleinkunstbühnen abgeblitzten Mädchen auf die schlüpfrige Orient-Piste bringen wollte.
"Auch wir sollten nach Marokko", erzählt die 17jährige Spitzentänzerin der kleinen Truppe, Christa Berg, begabte Elevin aus der Nachwuchsschule der Hamburger Staatsoper. "Obwohl Hörnke uns und unseren Eltern zugesichert hatte, daß wir nur in Mailand und dort nur im 'Odeon', einem erstklassigen Varieté, auftreten würden.
"Wir würden gut verdienen und er würde uns in den Spielpausen weiter ausbilden
lassen - bis zur Mailänder Scala Es war alles Schwindel. Als wir uns seinen Plänen nicht gefügig zeigten und uns dagegen sträubten, Dirnen zu werden, schlug er uns grün und blau."
Im Mai, als an der Alster in Hamburg der gelbe Phlox blühte, wollten Otto Hörnke die Bock- und Schinkenwürste nicht mehr munden, die Ehefrau Lieselotte Hörnke allabendlich in der kleinen Bude an Hamburgs Reeperbahn 155 den Nachtbummlern verkaufte.
Er ließ seinen Vertreterposten bei einer Hamburger Fleischwarenfabrik schwimmen und zog, angeregt durch die zahlreichen einträglichen Nachtvorstellungen in den illuminierten Nackedei-Spelunken von St. Pauli, ein Geschäft in einer anderen Spezies Fleisch auf.
Gelernter Fleischer Hörnke, mit 16 Jahren Schiffsjunge bei der christlichen Seefahrt, hatte schon manches versucht. In den dreißiger Jahren war er Steuermann auf großer Fahrt geworden. Dann hatte er sein Kapitänspatent gebaut und war schließlich während des Krieges bei Dönitz' Kriegsmarine zum Kapitänleutnant aufgestiegen. Nach dem Krieg, als in allen deutschen Seehäfen Flaute herrschte, stieg Hörnke ins Würstchengeschäft.
Nun sollte "Mille fleurs", Deckadresse Würstchenstand Reeperbahn 155, der Klimmzug zum Wohlstand sein. Hörnke, routinierter Kavalier, sah sich nach vakanten jungen Nachwuchstänzerinnen um, die sein Angebot: 250-300 DM Monatsgage, lockte. Als Gruppentänzerinnen in einem der üblichen Bühnenballetts verdienen sie höchstens 100 DM.
Straßenbekanntschaften, wie die 17jährige Kunstweberin Helga Schwarze aus
Hamburg, Im Tale 13, kamen zur Verstärkung des Buketts, das Hörnke, allenfalls sambakundig, sechs Wochen lang in einer Hamburger Tanzschule zurechtstutzen ließ. Inzwischen pries er seine arg durcheinander hoppelnden Häschen in Nachtlokalen an.
Göttingens "Rheinischer Hof" zeigte sich für Backfischjahrgänge besonders interessiert. Es kam zum Vertrag, den Hörnke dann in Hamburg bei der Internationalen Artistenloge, Besenbinderhof 56, vorlegte, wo Geschäftsführer Schröder die gewerkschaftlichen und arbeitsrechtlichen Interessen der Artisten, Tänzerinnen eingeschlossen, vertritt. (Wer hier solche Verträge vorlegen kann, gilt automatisch als Manager und braucht dazu weiter keine Konzession.)
Geschäftsführer Schröder, der Hörnke aus seiner Seemannspraxis von der Seefahrtsschule her kannte, zeichnete die Verträge gutgläubig ab und nahm ihn in die Artistenloge auf. Er durfte sich von nun ab Ballettleiter nennen.
Auch Würstchenverkäuferin Ehefrau Lieselotte Hörnke wurde formell zur Ballettratte gestempelt. Hörnke stellte sie bei der Artistenloge und den aktiven "Mille fleurs" als "meine Cousine" vor. Erst nach Monaten kamen die Mädchen dahinter, daß ihr Bel ami verheiratet und Vater von drei in Pflegeheimen untergebrachten Kindern ist. Darauf Ehefrau Hörnke: "Ich wollte meinem Mann den Start erleichtern. Er suchte doch weitere junge Mädchen. Sie sollten glauben, daß er noch ledig sei und ihm deshalb eher zulaufen."
Vom 15. Juli bis zum 12. September gastierten die "Mille fleurs" nun in der sonst so prüden Studenten- und Generalsstadt Göttingen. "Ich gehe ja nicht mehr in solche Lokale", sagt Göttingens voluminöser Jugendamtsleiter, Amtmann Wedemeyer. "Aber gewundert hat es mich doch, welche Menge Autos plötzlich vor dem 'Rheinischen Hof' in der Jüdenstraße bis in die Morgenfrühe parkten. Zum großen Teil durchreisende Gäste, aber auch alte Herren aus der näheren Umgebung fühlten sich plötzlich zum 'Rheinischen Hof' hingezogen."
Was dort geboten wurde, hatte Göttingen, Klein-Potsdam in Niedersachsen, lange nicht gehabt. Hörnke importierte ein Stück Reeperbahn. Tanzelevin Christa Berg mußte die im Schnellverfahren aufeinander abgestimmten Tanzblüten etwas legerer verteilen. "Die schwierigeren Passagen entfielen ..."
Dafür verlangte Hörnke Konzessionen an den senilen Publikumsgeschmack. Nicht klassisch, wie in der Petersburger Ballettschule, sondern die Brüste frei wie auf der Reeperbahn. Für den Reklameaushang knipste Bühnenfotograf Langen die attraktiven
Posen: Junges Blut im Bikini oder in noch schmalerer Bekleidung, so daß sich die Göttinger Studenten die Nasen an der Schaufensterscheibe in der Jüdenstraße plattdrückten. Das Geld für den Nachtlokalbesuch brachten jedoch die besseren älteren Herren.
"Die ausgebildeten Tänzerinnen hatten es nicht nötig, Schönheit zu tanzen", sagt Ingrid Burmester (17), langjährig geschulte Tänzerin des "Petersburger Balletts" in Hamburg, "aber von den Huppedohlen, die keinen Schritt Spitze können, verlangte Hörnke, den Oberkörper freizumachen ..."
So wurde Schönheit getanzt, obwohl davon vor dem Engagement nicht die Rede gewesen war. Huppedohle Helga Schwarze, die Hörnke von der Straße weg engagiert hatte, erinnert sich genau an Hörnkes stimulante Aufforderungen: "Ihr müßt eure Brüste ins Parkett werfen und den Männern Stielaugen machen, daß ihnen die Hosenknöpfe platzen ..."
"Nach den tänzerischen Darbietungen mußten wir unten bei den Gästen sitzen. Wir hatten keinen Animiervertrag, aber es wurde gern gesehen, daß wir uns nach dem Auftreten einladen ließen."
Mehrere Mädchen schrieben nach Hause, was sich im "Rheinischen Hof" zu Göttingen tat. Hörnke besänftigte die Mütter. Als Mutter Kreikenboom aus Hamburg sich im "Rheinischen Hof" mit eigenen Augen von der Tanzerei ihrer Tochter überzeugen wollte, beschwatzte Hörnke sie nach Aufführung eines harmlosen Parts: "Gehen Sie doch schlafen, gnädige Frau, Sie sind doch sicher sehr müde", und brachte sie an die Hotelzimmertür, während Tochter Aenne Kreikenboom jetzt auf der Bühne den Blusenoberteil abwerfen und sich im Schönheitsgruppentanz zu viert den Gästen präsentieren mußte.
Amtmann Wedemeyers Göttinger Jugendamt, sittlich entrüstet, konnte nicht eingreifen, da die Verträge der Ballettmädchen von den Eltern oder Erziehungsberechtigten mit unterschrieben waren. Da steckte sich Wedemeyer hinter das Gewerbeaufsichtsamt, das nach Jugendschutzgesetz § 16 "die Beschäftigung Jugendlicher unter 16 Jahren nach 20 Uhr untersagen oder von Bedingungen abhängig machen kann."
Wenn der Gewerbeaufsichtsbeamte kam, war Manager Hörnke aber nicht zu fassen. Er ventilierte inzwischen weitere Pläne. Die boten sich ihm aus der Bekanntschaft mit dem Göttinger Fotodrogisten Werner Lanz.
Lanz: "Es gibt heute eine Serie von Schmalfilmen, die zur Förderung der Freikörperkultur-Bewegung anspornen, z. B. Szenen mit Mädchen in der Sauna und so. Interessenten sehen hier unverhüllt das Schönheitsideal des gutgewachsenen reinen menschlichen Körpers. Ich kam mit Hörnke überein, daß wir mit seinen hübschen Ballettmädchen einen ähnlichen Film drehen wollten und schrieb des vorhandenen Interesses wegen an die Degeto (Deutsche Gesellschaft für Ton und Bild, Wiesbaden), die bereit war, 3000 DM für einen solchen Nacktfilm zu bezahlen."
Darauf machte Hörnke den Mille-fleurs-Mädchen das Angebot: 150 DM für eine Nacktparade. Auf dem Lanzschen Grundstück am Ebertal in Göttingen sollten die Mädchen unverhüllt aus einer Hecke im Freilauf in ein Wasserbecken springen. Lanz wollte filmen und sich den Rest der Degeto-Gage mit Hörnke teilen.
Inzwischen war es September geworden. Noch hatten nicht alle interessierten Göttinger alten Herren den halbnackten Tatsachen standhaft ins Auge gesehen, da gab es Ausfälle im Ballett - krankheitshalber. Hörnke inserierte inzwischen in den Göttinger Tageszeitungen wegen Ersatz. Es
meldeten sich aber nur dunkelhaarige Mädchen.
Hörnke war mehr für blond. Schließlich entdeckte er auf dem Göttinger Tanzboden Ingrid Quednau, eine 16jährige Schönheit, für die Mutter Liesel Quednau die Reklametrommel rührt und stolz herumzählt: Filmschauspieler Carl Ludwig Diehl in der jungen Filmstadt Göttingen habe ihrer Tochter einmal geschmeichelt: "Sie haben ein ausgesprochenes Filmgesicht."
Ingrids lebenshungrige Mutter witterte eine Chance, ihre Tochter aus dem ärmlichen
Barackenmilieu im Ebertal endlich in die große Welt hinauszuschleusen. Sie fand Hörnke scharmant und sagte ja zu seinem Vorschlag, Ingrid - illegitime Tochter eines Barons - als Ballettänzerin ausbilden zu lassen. Die schwärmte schon von Florentiner Hüten und langen weißen Handschuhen: "Mutti, ich werde berühmt."
Hörnke hatte inzwischen nach dem Grundsatz: "An einem Dornenstrauch können keine Feigen wachsen", einen neuen Engagementsabschluß in Italien getätigt. Eine Hamburger Agentur half ihm dabei. Hörnkes improvisiertes Ballett wurde dem Mailänder Generalmanager Severino Grata, Mailand, Via Durini, offeriert. Severino Grata versprach angeblich "Auftreten in besten Häusern". Hörnke machte daraus "'Odeon', nächst dem weltbekannten Varietétheater 'Astoria' das beste Haus Mailands".
Die Abreise wurde auf den 14. September festgesetzt. Entsprechende Verträge über die Internationale Artistenloge wurden fixiert; da erfuhr Hörnke, daß die Hamburger Jugendbehörde bei der Artistenloge quer schoß. Hörnkes Nachkriegslebenswandel sei nicht so makellos, um ihm bedenkenlos unschuldige Mädchen nach Italien anzuvertrauen. Er sei nach dem Krieg mit dem Strafgesetzbuch havariert, was die Artistenloge zur Kenntnis nehmen müsse, wenn sie eine verantwortungsbewußte berufsständische Organisation sei. IAL-Präsident Willi Feldmann, der in Hamburg vergeblich dagegen ankämpft, daß jugendliche Dilettantinnen nur durch Nacktrevuen volle Häuser machen und wirkliche Artisten ausstechen, versuchte das Placet unter Hörnkes gewerkschaftlich abgestempelten Verträgen zu annullieren. Aber es war zu spät.
Vergeblich versuchte die Paß-Stelle auf Anraten der Jugendbehörde, die bereits ausgehändigten Pässe und Visa zu sperren. Als Hörnke davon Wind bekam, fuhr er schleunigst nach Göttingen und alarmierte die Mädchen dort in der Nacht zum 12. September: "Wir müssen sofort abreisen. Der Geschäftsführer des 'Odeon' in Mailand will nicht länger warten." Hörnke hatte es auch noch aus einem anderen Grund plötzlich sehr eilig - Mitte September drohte ihm ein neuer Gerichtstermin, das hat er einem der Balletthasen später selbst anvertraut.
In fliegender Eile mußten die Mädchen ihre Bikinis und Kostüme in ihre Koffer stopfen, um noch den Frühzug nach München zu erreichen. Dort kurzer Aufenthalt. Hörnke verlangte: "Ihr müßt euch noch alle schnell aufblonden lassen, weil das 'Odeon' ein Faible für blond hat". Die Friseurrechnung mußten die Mädchen selber bezahlen.
"Bis München war er noch sehr nett", erzählt die in Göttingen gegen Protest ihres Vormundes für die Italientournee angeworbene 16jährige Ingrid Quednau. "Aber als wir weiter nach Süden fuhren, wurde er ruppig. In Verona kaufte er uns Wein. Wir mochten das Zeugs gar nicht, aber Harry (so ließ sich Hörnke von den Mädchen nennen) zwang uns immer wieder zu trinken. Als wir benebelt waren, sagte er uns, daß es mit dem 'Odeon' nichts würde. Wir wären für ein anderes Haus engagiert ..."
Was das für ein Haus war, erfuhren die Mädchen sehr bald. Ingrid Quednau: "Wir hatten am Abend dreimal auf der Bühne zu tanzen. Zwischendurch und nach dem Programm mußten wir unten am Tisch bei den Gästen sitzen. Wir sollten sie animieren und mit ihnen tanzen, und zwar in besonderer Art ..."
Hörnke hatte den naiven Backfischen eingeredet, im temperamentvollen Italien werde nur Backe an Backe getanzt. Auch sie sollten also ihre Pfirsichwangen an die
Stoppelbacken der Männer legen, auch wenn es amerikanische Negersoldaten seien.
"Die Neger waren noch die harmlosesten", plaudert Mille-fleurs-Aelteste Marlies Schneider (25). "Sie suchten ein Tänzchen und waren zufrieden. Viel unangenehmer war es, wenn die reichen Snobs mit ihren Wurstfingern sich uns näherten. Geschäftsführer Graziani vom Embassy schnitt drohende Grimassen. Wir sollten die Gäste zu Sekt und Brathuhn animieren.
"Wir stellten uns dumm und kühl. Dann schimpften sie, wir seien gewiß gar keine Wienerinnen, wie es draußen auf dem Plakat stand, denn wegen der Ressentiments vieler Italiener gegen die Deutschen - sagte Hörnke - wurden wir als 'Weaner Madln' angepriesen."
Die kühlen Hamburgerinnen ließen sich zu Gabelfrühstück und Autotouren einladen, schwätzten "Si, si, si" und "amore", aber enttäuschten sonst auf der ganzen Embassy-Linie. Hörnke bekam ernstliche Schwierigkeiten mit Geschäftsführer Graziani. Die ausgesetzte Gage wurde geschmälert, so daß die Mädchen außer Schlafgeld nur 300 Lire (knapp 2,10 DM) Verpflegungsgeld pro Tag bekamen. Das reichte für Spaghetti und Brötchen. Fleisch und Beikost sollten sie sich abends von den Gästen kaufen lassen gegen entsprechende Gefälligkeiten.
Ballettälteste Marlies Schneider: "Hörnke wurde von Tag zu Tag ruppiger und verprügelte uns bei der geringsten Kleinigkeit."
"Nur im Quartier in der Pension in der Meria Vigli wurde er zeitweise zärtlich und wollte bei uns schlafen", erinnert sich Balletteuse Ingrid Burmester nach Rückkehr in die ärmlichen vier Wände von Hamburgs Caffamacher-Reihe nahe an Hamburgs altstädtischem Roten-Laternen-Viertel, wo sich die puppenhafte kleine Tänzerin aus dem proletarischen Troß Terpsichores standhaft gegen den Unrat der Gosse verteidigt. Vater Burmesters bescheidene Wohnung ist Treffpunkt von Hamburgs kümmerndem klassischem Ballettnachwuchs.
Die verprügelten Tänzerinnen verschworen sich, als sie hörten, daß sie für ein neues Animier-Engagement in Venedigs Nachtlokal "Antico Pignolo" verpflichtet seien. Mille-fleurs-Aelteste Marlies Schneider, die von einem Gast die Anschrift des deutschen Generalkonsulats, Mailand, Via Solferino 40, erfahren hatte, schickte die Ballettjüngsten zum Konsulat.
Dort wußte man schon Bescheid. Eltern Berg hatten sich nach der überstürzten Abreise und den Klagebriefen ihrer Tochter sofort schriftlich an den Generalkonsul Dr. Kreutzwald gewandt und die Rückkehr der "Mille fleurs" verlangt.
Da Hörnke aber den Mädchen die Pässe abgenommen hatte, empfahlen die Konsulatsbeamten den Mädchen, erst einmal die Pässe aus Hörnkes Aktentasche zu nehmen. Noch ein Auftritt im Embassy bis morgens 4 Uhr. Dann brachte ein Nachttaxi die vier Verschworenen zunächst zu dem Auffangasyl der katholischen Grauen Schwestern. Am Tage gingen sie ins Generalkonsulat, das sie nach Deutschland zurückexpedierte.
Inzwischen ist auch Ballettküken Helga Schwarze, das noch in Venedig animieren mußte, vom Generalkonsulat auf die Rückreise geschickt worden.
Während sich die Hamburger Kripo bemüht, Hörnke wieder nach Hamburg zurückzubekommen, fordert der Präsident
der Internationalen Artistenloge, Willi Feldmann, von den Hamburger Behörden, daß aus dieser dunklen Ballettreise grundsätzliche Konsequenzen gezogen werden: "Das Schönheitstanzen von Jugendlichen ist eine Nachkriegsseuche, die vor allem in Deutschland grassiert. Ich kenne in Hamburg Nachtkabaretts, in denen sich 15jährige Mädchen mit Einwilligung ihrer Eltern halbnackt zur Schau stellen dürfen.
"Das Jugendschutzgesetz verbietet zwar Jugendlichen den Besuch von Varietéveranstaltungen, obwohl gutes Varieté und Kabarett keineswegs anstößig sind. Aber gegen die aktive Teilnahme von Jugendlichen an solchen Nuditätsveranstaltungen gibt es keinen Paragraphen, wenn die Eltern damit einverstanden sind"*).
Der Hamburger Star der seriösen Tanzkunst, Else Soltwedel, macht nicht nur den Behörden, sondern auch der Artistenloge den Vorwurf, "daß sich heutzutage jeder als Manager betätigen kann, schon wenn er ein paar Verträge vorweist". (Von Balletteusen und Ballettmeistern dagegen werden strenge Fachprüfungen und Qualifikationszeugnisse verlangt.)
"Sollten unsere Kultur- und Sittenpäpste sich nicht dazu verpflichtet fühlen, solche Ballettgruppen wie die 'Mille fleurs', wenn sie ins Ausland gehen und dort deutsche Tanzkunst repräsentieren, einschließlich Manager erst einmal gründlich auf künstlerische und moralische Sauberkeit zu prüfen?"

DER SPIEGEL 44/1951
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