17.11.2003

Einer von uns

Als Martin Hohmann in Neuhof gegen „die Juden“ hetzte, klatschten 160 Menschen. Weil sie dachten wie er? Weil Osthessen ein besonders deutsches Pflaster ist? Von Klaus Brinkbäumer
Es ist immer so in der Provinz, wenn plötzlich RTL kommt und N24, wenn Stammtische mit Scheinwerfern ausgeleuchtet werden und Putzhilfen mit Mikrofonen bedrängt; es ist dann so, dass die Menschen der Provinz viel zu schnell wichtig werden und deshalb sehr stolz. Man kann ihren Stolz sehen auf dem Bildschirm, und man sieht, dass die Menschen schwitzen vor Aufregung und dass sie Schnauzbärte haben und Lederwesten von Woolworth. Im Fernsehen ist Provinz immer peinlich.
Solingen kennt das, Sebnitz kennt das, Neuhof kennt das jetzt auch. Es ist immer das Gleiche: Aus dem Nichts, diesmal vom Hessischen Rundfunk, kommt die Nachricht vom Skandal, dann kommt die Medienwelle, und damit schwappen auch jene Journalisten in die Provinz, die Zitate verdrehen, und immer findet sich ein Dummkopf, der etwas sagt, was er nicht mal denken sollte. Und wenn die Welle weg ist, sie rollt nach ungefähr zehn Tagen weiter, dann ist es in der Provinz so, dass die Menschen, die bleiben, sich missverstanden fühlen und gedemütigt. Was also ist in Neuhof anders?
Das Zentrum von Neuhof ist eine Straßenkreuzung. Das Rathaus liegt an der Kreuzung, ein gelber Bau, die Bürgermeisterin sitzt in Zimmer 106. "Sie sind über uns hergefallen", sagt sie, sonst sagt sie nichts mehr, sie sind die Medien.
Der "Schützenhof" liegt auch an der Kreuzung. Als der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann neulich einen Hirsch geschossen hatte, was heißt Hirsch, einen 21-Ender hatte er erlegt, da feierten sie
ihren Martin hier im Schützenhof, mit Bier und Schnaps, mit "Horrido" und "Waidmanns Heil". "Für ein neues Zeitalter der Freiheit für unser Volk", rief einer, und Hohmann sagte: "Das waren große, gute Worte. Das ist die Richtung, in die ich marschieren will." Dann aßen sie Jägerschnitzel mit Pommes, 10,20 Euro.
Neuhof hat 11 500 Einwohner, 8 Ortsteile und 9 Kirchen. Neuhof liegt auf Hügeln, Neuhof liegt 14 Kilometer südlich von Fulda im ehemaligen Zonenrandgebiet, Roland Kochs Wiesbaden ist weit weg hier und Angela Merkels Berlin in einer anderen Welt. Neuhof hat ein Sportgeschäft, ein Eiscafé, einen Blumenladen, Neuhof siegt und verliert mit der Kali und Salz GmbH, 640 Angestellte, 28 Auszubildende, vom Kaliberg leuchtet ein Kreuz ins Dorf. Noch was? Noch was: Neuhof ist die Heimat von Martin Hohmann. Und eine Wagenburg.
Was ist da passiert am 3. Oktober? 160 Menschen waren in der Wernher-von-Braun-Sporthalle von Neuhof, einer fleckigen Halle mit Parkettboden, nebenan entsteht das neue Bürgerhaus, und diese 160 Menschen hörten, wie Martin Hohmann von Juden als Mördern sprach, in Russland verantwortlich für den Tod von Millionen. 160 Menschen sahen, wie Hohmann eher steif neben zwei Topfpflanzen stand, und sie hörten, wie er sagte, dass man theoretisch die Juden ein "Tätervolk" nennen könne, in Wahrheit aber nicht, weil es Kollektivschuld nicht gebe, weshalb auch die Deutschen kein Tätervolk seien.
Um diesen Freispruch ging es ihm. Das Antisemitische daran war, wie Hohmann zuerst "die Juden" zu Ethnie und Rasse erklärte und wie er dann den Holocaust in Relation ausgerechnet zu vermeintlichen "jüdischen" Taten stellte. Der Zeuge Gerhard Vasters sagt, in der Mitte der Rede sei ihm "nicht ganz wohl" gewesen, am Ende, als die Juden kein Tätervolk mehr waren, ging es dann wieder.
Skandal? Welcher Skandal? Keiner pfiff. Keiner ging. Und die "Fuldaer Zeitung" hatte nur einen pensionierten Bankangestellten geschickt, knapp über 60, einen freien Mitarbeiter, der 50 Zeilen schrieb und ein kleines Foto ins Blatt brachte.
Die Rede ist nun fünf Wochen her, der Skandal ist drei Wochen alt, die CDU Osthessens hat die Reihen längst geschlossen, das Prinzip der geschlossenen Reihen funktionierte ja sogar, als Ministerpräsident Roland Koch nicht mehr zu halten war, eigentlich. In Hessen war Koch zu halten, denn Osthessen stützte Koch, die CDU Osthessens tickt militärisch: Wenn irgendwer von außen einen von uns angreift, verteidigen wir unseren Mann, bis zum letzten ... ja, was? Blutstropfen? Durchhalten ist ein Zeichen von Stärke hier.
Man kann also tagelang versuchen, die osthessischen CDU-Menschen zu einer Analyse der vergangenen fünf Wochen zu bewegen. Bürgermeisterin Maria Schultheis, fünf goldene Ringe an fünf Fingern, ist eine zarte Frau, eine dynamische Frau, eine, die als geschickt gilt im Spiel mit Wiesbaden, aber sie braucht in dieser Sache eine Woche. Dann tritt sie mit einer Erklärung an und liest vor: "Hören Sie bitte auf, Neuhof an den Pranger zu stellen. Neuhof ist eine moderne, weltoffene, tolerante und lebenswerte Gemeinde." Frau Schultheis kommentiert die Affäre Hohmann nicht, sie traut sich nicht, niemand traut sich.
Und so lassen sie es zu, dass die Männer von den Stammtischen sagen: "Recht hat er, der Hohmann, sind doch selbst keine Heiligen, die Juden, wir zahlen eh viel zu viel." Das Problem ist, dass die osthessischen CDU-Menschen tatsächlich glauben, da sei nichts Außergewöhnliches passiert. Einer der höheren von diesen osthessischen CDU-Menschen erklärt das alles, anonym natürlich, wörtlich so:
"Der 3. Oktober ist doch seit Jahren Martins Tag. Am 3. Oktober kommt der Martin immer aus Berlin. Die deutsche Einheit ist sein Thema. Die Nation ist das, was er liebt, das wissen alle hier, der Martin war ja 14 Jahre lang Bürgermeister, ehe er Alfred Dreggers Wahlkreis übernahm und nach Berlin ging. Und wissen Sie was, der Martin war ein guter Bürgermeister, der hat zugehört und angepackt. Der Martin hat den Namenszug der ,Neuhofer Rundschau'' wieder in altdeutscher Schrift setzen lassen, er mag alle drei Strophen der Nationalhymne, verstehen Sie?"
Nein.
Also, sagt der Mann von der Union: "Der Martin hat doch an jedem 3. Oktober so geredet. 1996 hat er, warten Sie mal, also hier haben wir es, 1996 hat er von der ''angeblichen deutschen Schuld'' geredet, und dann, schauen Sie hier: ''Wir sind kein Volk der Täter und keine Nachkommen der Täter. Interessierte treiben geradezu einen Kult der Schuld, nutzen sie als Herrschaftsinstrument.'' Und am Ende: ''Gottes Segen für unser Land! Es lebe Deutschland!'' Oder hier, schauen Sie, der 3. Oktober 2000 war das: ''Wenn Lehren aus der Vergangenheit des letzten Jahrhunderts zu ziehen sind, dann die, dass gottlose totalitäre Ideologen zwei europäische Völker in ihren Bann schlugen und sie zum Werkzeug ihrer Staatsverbrechen machten.'' Das ist seine These, die jetzige Argumentation mit den Juden war bloß eine Umdrehung mehr, verstehen Sie jetzt, dass keiner protestiert hat?"
Nicht wirklich.
Vielleicht kann es der SPD-Mann Horst Michel erklären. Michel ist 57 Jahre alt, SPD-Mitglied seit 1968, Sonderschullehrer und Kommunalpolitiker, nie hat er auch nur für den Kreistag kandidiert. Jetzt ist Michel Ortsvorsteher im Ortsteil Rommerz, er sitzt da mit offenem Hemd und Strickjacke, die Hände hat er auf den Bauch gelegt, er sagt: "Man muss auch sehen, dass zu so einer Veranstaltung die Vereinsvertreter gehen sollen, und wenn die gefragt werden, was hat der Hohmann heute gesagt, sagen sie: Tja, was hat er noch mal gesagt?" Das sagt Horst Michel, weil er "die Menschen verteidigen will, denn es sind gute Menschen", aber richtig ist schon auch, dass Michel seit Jahren nicht mehr zu den Reden zum 3. Oktober geht: "Es ging da immer nur um Asylmissbrauch, Ungleichbehandlung der Deutschen, Gottlosigkeit, Homosexualität ..."
Die hat Hohmann vermutlich abgelehnt?
"... ja, ja, ja, natürlich, die hat er abgelehnt. Er war eben fanatisch, von missionarischem Eifer getrieben."
Wenn nun die guten Menschen diesen ihren Martin trotzdem wählen und gewähren lassen, wenn sie am Freitagmittag seinen Rauswurf als Willkürakt gegen Neuhof und Osthessen deuten, was sagt das dann über die Menschen? Heißt das nicht, dass sie mehrheitlich denken wie er?
Burkard Dregger wird ziemlich wütend, wenn er fürchtet, dass alle Leute der Gegend als Antisemiten bezeichnet werden könnten und allen voran sein Vater. Burkard Dregger ist Alfred Dreggers Sohn, er wuchs in Fulda auf, machte 1983 in Fulda Abitur, seit 1995 ist er Anwalt. Burkard Dregger kuriert mit seiner Familie auf Rügen eine Grippe aus und sagt am Telefon: "Man muss ganz scharf trennen zwischen Konservativismus und Antisemitismus."
Muss man. Genau das ist der Punkt.
Und dann erzählt Burkard Dregger die Geschichte vom Aufstieg der osthessischen CDU, es ist die Geschichte seines Vaters.
Hessen war "Sozenland" nach dem Krieg, die CDU hatte 19 oder 24 Prozent. Dann kam Alfred Dregger. Er war viermal verwundet worden im Krieg, dann studierte er Jura, und 1956 wurde er in Fulda jüngster Oberbürgermeister der Republik. Dregger schoss gegen die Gesamtschule. Gegen die 68er. Gegen RAF, Friedensbewegung und Russen. Er kandidierte fürs Land und für den Bund, Freiheit statt Sozialismus, das war Dregger. Er war Kohls Fraktionsvorsitzender, er starb im Juni 2002.
Ein Scharfmacher? Immer. "Aber kein Antisemit, niemals, Alfred Dregger war präzise", sagt sein Sohn, und im Vergleich zum Nachfolger Hohmann stimmt das definitiv. Mit Dregger holte die hessische CDU 40 Prozent, und vor allem Alfred Dregger hat den Charakter der Hessen-CDU geprägt: Er hat diese straffe Führungsstruktur aufgebaut, Walter Wallmann, Christian Schwarz-Schilling, Heinz Riesenhuber und Manfred Kanther zählten zum schwarzen Männerbund, der zusammenhielt, nach außen hin. Die Reihen standen, egal, was da kam.
So wollen sie es auch heute halten in Neuhof und Fulda. Was fehlt, ist die Präzision, und es fehlen die Trennlinien. Darum standen die Reihen, als Koch seine erste Wahl mit der Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft gewann. Sie standen, als ermordete Juden, ausgerechnet, für schwarze Konten missbraucht wurden. Und sie stehen jetzt. Was müsste passieren, damit ein osthessisches CDU-Mitglied ein anderes kritisierte, inhaltlich, sachlich, und Konsequenzen forderte? Ein Mord? Wäre ein Mord schon ein Grund?
Natürlich, man soll ja gerecht sein, hat eine Affäre wie diese viele Ebenen. Menschen, die in der Provinz unter die Welle geraten, sind ziemlich überfordert.
Es ist Donnerstag, Neuhof versinkt in Nebel und Regen, es ist der Abend, bevor die Bundestagsfraktion Hohmann hinauswirft. Im Bürgerhaus des Ortsteils Hauswurz sitzt Gerhard Vasters, 66, CDU-Mann seit 31 Jahren. Vasters ist Vorsitzender der Gemeindevertretung, er sagt: "Wir sind doch alle keine Profis. Wie sollen wir reagieren, wenn die Bundespolitik acht Tage nach der gelben Karte plötzlich die rote zieht?" Es ist richtig: Es ist schwierig.
Vielleicht mit einer Diskussion? Vielleicht mit ein bisschen mehr Frischluft und ein bisschen weniger Korpsgeist, vielleicht durch ein Gespräch mit Linde Weiland, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Fulda, einer Frau, die Hohmann für nicht weiter gefährlich hält und fürchtet, dass die Gefährlichen erst noch kommen.
Aber nun ist Bürgerversammlung im Bürgerhaus, 120 Stühle stehen unter einem Basketballkorb, 80 sind besetzt. Und man redet über die Schulden der Gemeinde Neuhof, gesunken auf zwei Millionen Euro, man redet über Friedhofserweiterung, man redet von einer Pfütze, die im Winter gefrieren könnte. Das ist Kommunalpolitik wie überall, aber hier ist Kommunalpolitik auch, dass Fragen zur Affäre Hohmann verboten werden.
"Wir sind alle Menschen, Menschen passiert es, dass sie Fehler machen", sagt die Bürgermeisterin. Sie spricht von Menschen, die ein paar Bäume gefällt haben, die noch stehen bleiben sollten.
Burkard Dregger beschreibt den Kreis Fulda als Gegend "von fleißigen, anständigen Menschen, die Wert auf Geschichte und Kultur, auch auf Wohlstand legen". Und dann nennt er Hohmanns Rede "hochgradig dumm", sachlich wie politisch wie rhetorisch.
Er ist der einzige Konservative aus dem Kreis Fulda, der wenigstens das sagt. Burkard Dregger lebt in Berlin.
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 47/2003
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