Von Beyer, Susanne und Knöfel, Ulrike
Foster, 68, gilt als einer der wichtigsten Architekten der Gegenwart. Der Meister der Hightech-Bauweise und seine 500 Mitarbeiter planen weltweit gigantische, ästhetisch und technisch innovative Hochhäuser, auch am Wiederaufbau von Ground Zero in New York sind sie beteiligt. In Deutschland ist Foster vor allem durch die eigenwillige Kuppel-Lösung für den Berliner Reichstag und den kühnen Neubau der Commerzbank in Frankfurt am Main bekannt geworden. Sein jüngster Wolkenkratzer für die Schweizer Versicherungsfirma Swiss Re steht im Londoner Finanzviertel und wird Anfang 2004 bezogen. Foster stammt aus einer Arbeiterfamilie in Manchester und wurde 1990 von der britischen Queen in den Adelsstand erhoben. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Lord Foster, Sie haben soeben eines der wenigen Hochhäuser in der City von London fertig gestellt und dabei einen völlig neuen, auf exzentrische Weise gerundeten Typus Wolkenkratzer geschaffen. Die Londoner spötteln schon über die "erotische Gurke". Mögen Sie den Spitznamen?
Foster: Nun ja. Immerhin ist es so: Wenn jemand einem Gebäude einen Namen gibt, dann ist das ein Eingeständnis, dass das Gebäude eine Persönlichkeit hat.
SPIEGEL: Welche Art von Persönlichkeit hat eine erotische Gurke?
Foster: Da fragen Sie den Falschen. Ein Spitzname sagt dann doch mehr über denjenigen, der ihn erfindet, als über dasjenige, das bezeichnet wird. Die Briten haben bekanntermaßen eine sehr spezielle Art von Humor. Aber es ist nicht meine Aufgabe, die Psyche einer Nation zu analysieren. Ich ziehe es vor, über Architektur zu sprechen.
SPIEGEL: Wie Sie wollen. Sie haben also ein Hochhaus gebaut, das wie ein glatt polierter Tannenzapfen aussieht: rund und nach oben hin spitz zulaufend. Wie sind Sie auf diese eigentümliche Form verfallen?
Foster: Die Form des Gebäudes ist das Ergebnis eines beinahe evolutionären Prozesses. Sie müssen bedenken: Wenn ein Gebäude quadratisch ist, dann peitscht der Wind auf die flachen Wände, die sind dann einem ungeheuren Druck ausgesetzt, und dieser Druck setzt sich nach oben und unten fort. Am Boden kann es dann, wie viele Großstädter, insbesondere New Yorker, wissen, extrem windig werden. Also haben wir die runde Form gewählt - das Ganze ist jetzt stromlinienförmig. Die Luft kann drum herum zirkulieren. Diese Form hat auch ästhetische Vorzüge: Durch sie gewinnt man ganz neue Perspektiven von innen nach außen. An einigen Stellen können die Leute unterhalb ihrer Füße sogar den Erdboden sehen.
SPIEGEL: Viele Londoner fanden und finden das Gebäude zu hoch - immerhin 180 Meter.
Foster: Ja, es ist sehr hoch, und es wäre natürlich noch schöner, wenn es noch höher wäre. Aber die 180 Meter sind das Ergebnis von langen Verhandlungen, und wir müssen damit zufrieden sein. Es ist ja tatsächlich einer der wenigen Hochhausentwürfe für London, der überhaupt realisiert werden durfte. Es gibt hier sehr grundsätzliche Erwägungen darüber, ob die Stadt überhaupt Hochhäuser haben soll.
SPIEGEL: Eben: Wozu braucht eine so traditionsgesättigte Stadt Hochhäuser?
Foster: Das können wir so allgemein nicht diskutieren. Es ist immer eine Frage des Standorts. Das Swiss-Re-Gebäude liegt nicht im Herzen der Stadt ...
SPIEGEL: ... es verändert die zentrale Skyline der Stadt ...
Foster: ... aber nur im Finanzviertel. Es ist ein sehr dicht bebauter Ort, nicht besonders grün, aber eben sehr belebt. Die Gegend bekommt durch das Hochhaus ein eigenes Gesicht. Zugleich ist das Haus so zurückhaltend, so Platz sparend gebaut, dass die Anmutung alles andere als zerstörerisch ist.
SPIEGEL: Es hat dennoch sehr lange gedauert, bis Sie eine Baugenehmigung dafür bekamen, und die Tatsache, dass das Gebäude kleiner wurde als ursprünglich geplant, zeigt auch, dass Hochhäuser durchaus umstritten sind. Etliche Leute haben, spätestens seit den Terrorattacken auf die Türme des World Trade Center in Manhattan, sogar Angst vor dieser Bauform. Lassen Sie solche Ängste kalt?
Foster: Ich weiß nicht, ob Sie mit Ihrer Einschätzung wirklich Recht haben. Natürlich werde ich immer wieder von Journalisten mit solcherlei Fragen konfrontiert, und die Zeitungen wettern ja mit aller Macht gegen Hochhäuser. Dennoch: Ich wage zu bezweifeln, dass Sie und Ihre Kollegen in diesem Falle die öffentliche Meinung repräsentieren. Wir hatten hier im Sommer in der Royal Academy eine Ausstellung über Hochhäuser, und die war unglaublich gut besucht. Und es gibt manche Wohnhochhäuser in den Außenbezirken von London, in denen man nie eine Wohnung bekommt, weil die ungeheuer begehrt sind.
SPIEGEL: Da gibt es aber genügend Belege für das Gegenteil. Gerade Wohnhochhäuser sind schnell von Verwahrlosung bedroht, die Bewohner fühlen sich nicht verantwortlich für das anonyme Ambiente und würden, wenn sie die Wahl hätten, lieber heute als morgen wegziehen.
Foster: Da haben Sie vollkommen Recht, aber damit widerlegen Sie mich doch nicht. Noch einmal: Wir können hier nicht allgemein über Hochhäuser sprechen, sondern nur sehr konkret über Standorte und Qualität. Gute Hochhäuser in guten Lagen, mit geschickt geschnittenen Wohnungen, Bädern, Küchen funktionieren sehr, sehr gut. Es gibt, wie bei jeder anderen Bauform auch, gute und schlechte Lösungen. Aber die Bauform Hochhaus generell in Frage zu stellen, das wäre naiv. Wir leben im 21. Jahrhundert ...
SPIEGEL: ... und damit in einer Zeit, die den Fortschrittswahn des vorigen Jahrhunderts - immer höher, immer schneller - durchaus in Frage stellt. Wann sind für Sie Grenzen erreicht? Für Tokio hatten Sie ein - nie realisiertes - Hochhaus geplant, das im Ozean stehen und mit 170 Stockwerken so hoch sein sollte, dass die Bewohner der oberen Stockwerke nur noch Wolken gesehen hätten. Ist das noch Architektur, die das Bedürfnis der Menschen nach Geborgenheit in den eigenen vier Wänden berücksichtigt?
Foster: Was wollen Sie? Über Tokio reden? Gut, dann lassen Sie uns wirklich über Tokio, über Japan reden. Ein Land, das keinen Platz mehr hat und existenziell unter der Bevölkerungsdichte leidet, ein Phänomen, das wir aus vielen Ballungsgebieten in Asien oder in Südamerika kennen. Man hilft den Leuten, wenn man ihnen Platz verschafft, und das geht dort eben nur durch Höhe. Und überhaupt: Was ist denn heutzutage der Unterschied zwischen dem 15. und dem 70. Stockwerk? Dieser Unterschied ist mit dem Lift in Sekunden überbrückt. In Sekunden!
SPIEGEL: Wenn der Strom nicht ausfällt. Sie träumen also, wie viele Baumeister vor Ihnen, weiterhin von Babylon, von Megalopolis, von Städten, die immer neue Superlative bieten?
Foster: Ich träume überhaupt nicht. Ich suche nach pragmatischen Lösungen. Und wenn Sie mir moralische Fragen nach den Ängsten der Leute stellen, dann stelle ich Ihnen auch moralische Fragen: Wir haben weltweit ein erhebliches Energieproblem. Welchen Beitrag können Architekten leisten, um dieses Problem zu mildern? Dazu kann ich nur sagen, dass wir uns weite Flächen mit lauter Einfamilienhäusern gar nicht mehr leisten können. Weil die einfach zu viel Energie verbrauchen. Was also ist der Ausweg? Wir brauchen Hochhäuser, bei denen man in erster Linie daran denkt, wie man sie Ressourcen sparend baut und betreibt.
SPIEGEL: Dennoch hat sich seit dem 11. September 2001 die Diskussion um Hochhäuser zu Recht verschärft. Die Furcht vor Anschlägen gibt es nun mal. Wie reagieren Sie darauf?
Foster: Indem ich nüchterne Argumente entgegensetze. Jedes Sportstadion der Welt ist verwundbarer als ein verantwortungsvoll gebautes Hochhaus.
SPIEGEL: Beim Wettbewerb um den Masterplan für Ground Zero, bei dem es um die Wiederbelebung des ehemaligen World-Trade-Center-Standorts ging, galten Sie lange als Favorit. Doch dann hat Ihr amerikanischer Konkurrent Daniel Libeskind den Wettbewerb gewonnen. Hat Sie das gekränkt?
Foster: Ein Architekt beteiligt sich an einem Wettbewerb, um zu gewinnen, warum sonst? Es ist immer ein enormer Zeit- und Kraftaufwand. Jeder, der beteiligt ist, verliert Schlaf, verliert Zeit für die vielen anderen Projekte, die auch noch zu bewältigen sind. Man liefert sich dem nur aus, wenn man an ein Projekt glaubt und eben auch glaubt zu gewinnen. Doch gekränkt zu sein - diese Energieverschwendung leiste ich mir nicht.
SPIEGEL: Sie hatten für Ground Zero neue Zwillingstürme entworfen, zwei Wolkenkratzer, die sich zu berühren scheinen. Sie haben Ihren Entwurf "the kissing towers" genannt - Türme, die sich küssen. Warum, meinen Sie, hat sich die Jury gegen Ihren Entwurf entschieden? Wollte sie den Amerikanern den Anblick neuer Zwillingstürme und damit die Erinnerung an die alten ersparen?
Foster: Das glaube ich nicht. Mein Entwurf war ja gerade bei der amerikanischen Bevölkerung sehr populär. Die hätten gern neue Zwillingstürme gehabt. An den Straßen gab es Werbung für Coca-Cola, für Pepsi und für meinen Entwurf. Sie merken: Ich glaube mit gutem Grund immer noch daran.
SPIEGEL: Daniel Libeskind hat zwar den Wettbewerb gewonnen, sein Masterplan ist aber inzwischen gravierend verändert worden. Neben anderen wurden auch Sie beauftragt, einen Teil der Hochhäuser für Ground Zero zu gestalten. Hätten Sie, wären Sie der Sieger des ganzen Wettbewerbs geworden, solche drastischen Eingriffe in Ihre Pläne erlaubt?
Foster: Ein Masterplan ist ein Masterplan ist ein Masterplan. Er ist quasi dazu da, variiert zu werden. Das ist der Alltag unseres Geschäfts. Ein Wettbewerb findet immer im luftleeren Raum statt, und wenn der Wettbewerb gewonnen ist, fängt man immer von vorn an. Plötzlich haben Sie einen Klienten aus Fleisch und Blut vor sich, der eigene Interessen hat und die mit vollem Recht vertritt. Und bei Ground Zero müssen ungeheuer viele Aspekte berücksichtigt werden: Arbeiten, Wohnen, Freizeit, Transport. Es gibt also etliche Interessenvertreter, die alle angehört werden müssen.
SPIEGEL: Im Fall von Ground Zero ist es aber so, dass der ursprüngliche Libeskind-Entwurf kaum noch zu erkennen ist. Warum leistet man sich dann überhaupt den Luxus eines Wettbewerbs?
Foster: Um eine Diskussionsgrundlage zu haben. Nehmen wir mal an, Sie möchten, dass ich Ihnen Ihr Traumhaus baue ...
SPIEGEL: ... bitte gern.
Foster: Ich wäre bereit, das zu tun, aber ich verfüge nun einmal nicht über die Gabe, in Ihren Gehirnen lesen zu können. Also zeichnen Sie Ihr Traumhaus auf ein Blatt Papier, und ich versuche, Ihre Zeichnung zu verstehen. Wir fangen an zu diskutieren. Am Ende kommen wir sicher auf eine Lösung, die sich von Ihrem ursprünglichen Entwurf gründlich unterscheidet. Sie wollen vielleicht nicht allein in Ihrem Haus leben. Sie haben vielleicht Partner, eine Familie, die haben auch Wünsche. Sollen wir die nicht berücksichtigen?
SPIEGEL: Somit sind Architekten rücksichtsvolle, selbstlose Vertreter anderer Interessen, nur pragmatisch, ohne eigenen, künstlerischen Eros. Verehrter Lord Foster - das nehmen wir Ihnen nicht ab. Denn gerade in den vergangenen Jahren haben Sie Gebäude entworfen, die Sie als eigenwilligen Künstler-Architekten ausweisen: die gläserne Reichstagskuppel in Berlin oder die dynamisch geschwungene, bauchige Londoner City Hall, die direkt an der Themse steht - und übrigens das "Ei" genannt wird.
Foster: Das Dach des Reichstags wurde rund, weil die Auftraggeber das so wollten. Die City Hall wurde aus genau demselben Grunde rund. So oder so: Natürlich versuche ich, aus dem Wunsch des Klienten etwas Eigenes zu machen. Ich bin schließlich der Fachmann. Aber künstlerische Gesichtspunkte gehen bei mir immer mit pragmatischen, mit technischen einher. SPIEGEL: Die Reichstagskuppel ist zu der Ikone des politischen Deutschland geworden, sie wird im Vorspann vieler politischer Sendungen gezeigt. Kalkulieren Architekten heute die Fernsehwirkung eines Gebäudes mit ein?
Foster: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Es berührt uns jedenfalls sehr, dass das Gebäude in Deutschland zu so einer nationalen Ikone geworden ist und sehr viele Besucher nach Berlin lockt. Das ist zuvor am ehesten mit Museumsbauten gelungen: hier in Großbritannien zum Beispiel mit dem British Museum, in Frankreich mit dem Louvre, in New York mit dem Metropolitan Museum. Dass nun auch ein Parlamentsgebäude Touristen anziehen kann, das ist schon toll. Und ich glaube, dass die emotionale Nähe der Leute zu einem Regierungsgebäude dazu beiträgt, demokratische Prozesse zu befördern, die Schranken zwischen Politikern und der Bevölkerung einzureißen.
SPIEGEL: Sie haben als Ausländer, als Brite, das wichtigste deutsche Regierungsgebäude umgebaut, nun arbeiten Sie an einem anderen neuralgischen Punkt in Deutschland: Sie gestalten den Dresdner Hauptbahnhof um. Dresden ist im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten, insbesondere den Engländern, stark zerstört worden. Beeinflusst die Erinnerung daran Ihre Arbeit an dem Projekt?
Foster: Die Deutschen sind extrem offen, bilden eine extrem tolerante Gesellschaft. So etwas wie die Vollendung des Reichstags durch einen Ausländer - das hätte es wohl in keinem anderen Land gegeben. Doch ich habe gar nicht das Empfinden, dass das hier ein britisches Büro ist. Hier arbeiten Leute aus 38 Nationen, hier werden zahllose Sprachen gesprochen, und wir bauen überall auf der Welt. Dennoch verstehe ich, was Sie meinen. Das Büro hat seinen Hauptsitz in London, und Norman Foster ist in Großbritannien aufgewachsen, also könnten die Dresdner denken: Nun wagt sich ein Engländer hierher. Sollte es so sein: Sie lassen es mich nicht spüren.
SPIEGEL: Sie sind 68 Jahre alt, haben somit als Kind die Zerstörung der Städte und vieler schöner Bauten im Zweiten Weltkrieg erlebt. Sind Sie auch deshalb Architekt geworden, wollten Sie helfen, die Wunden zu heilen?
Foster: Der Bombenkrieg war tatsächlich eine einschneidende, schreckliche Erfahrung. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als Kind mitten im Bombenhagel aufgewacht bin. Aber ob sich das auf meinen Berufswunsch ausgewirkt hat, kann ich nicht sagen. Ich habe überhaupt erst spät über die Möglichkeit nachgedacht, Architekt zu werden. Ich hatte mich zwar schon als Teenager leidenschaftlich für Architektur interessiert, aber es gab keine Architekten in meiner Verwandtschaft und somit erst mal keine Vorbilder.
SPIEGEL: Nun gelten Sie als einer der besten Architekten der Welt, bauen ungeheuer viele Gebäude - und eben auch ungeheuer hohe. Zudem sind Sie Pilot, fliegen mit Ihrem Privatjet zu Ihren Einsatzorten. Müssen wir uns Ihr Leben als ständigen Höhenrausch vorstellen?
Foster: Nein, das müssen Sie nicht. Ich habe mir meinen gewissen Ruf in 40 Jahren hart erarbeitet. Und das mit dem Fliegen ist vor allem praktisch, weil es Zeit spart. Sonst könnten wir hier nicht so arbeiten, wie wir arbeiten. Nicht so viel, nicht so intensiv.
SPIEGEL: Lord Foster, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
DER SPIEGEL 47/2003
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