17.11.2003

CHANSON„Ich war nie normal“

Die französische Sängerin Juliette Gréco über ihr Leben, ihre Freundschaft mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre und ihr „nervöses Herz“
SPIEGEL: Juliette Gréco, Sie sind schon seit langem eine Legende des französischen Chansons. Jetzt bringen Sie eine neue CD heraus, Sie gehen auf Deutschland-Tournee - was treibt Sie noch so rastlos an?
Gréco: Die Liebe, die Leidenschaft, der Wahnsinn. Ich habe ein unstillbares Bedürfnis, Menschen zu begegnen, etwas mit ihnen zu teilen, zu geben und zu nehmen.
SPIEGEL: Die "schwarze Sonne von Paris", wie man Sie früher gern genannt hat, strahlt immer noch?
Gréco: Sie glüht, und insgeheim hoffe ich, dass man sich noch an ihrem Feuer versengen kann.
SPIEGEL: Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Ihrem Debüt in den Kellern von Saint-Germain-des-Prés singen Sie mit ungebrochener Kraft, fast so ungestüm wie als junge Frau. Selbst für einen Chanson-Star ist das ungewöhnlich ...
Gréco: ... ich bin nicht normal, ich war nie normal, und mit dem Alter werde ich nicht ruhiger. Die Lebenszeit, die mir verbleibt, ist bemessen. Ich wundere mich, dass ich überhaupt so alt geworden bin. Dieses Geschenk darf ich nicht verschwenden.
SPIEGEL: Die meisten Ihrer Freunde, die mit Ihnen berühmt wurden - Edith Piaf, Jacques Brel, Georges Brassens, Serge Gainsbourg -, sind verschwunden. Fürchten Sie sich vor dem Tod?
Gréco: Gar nicht, auch wenn ich nie zu Beerdigungen gehe. Meine Freunde sind in mir noch lebendig. Der Tod kann jeden Augenblick an mich herantreten. Ich habe ein nervöses Herz, das manchmal etwas verrückt spielt, ganz so wie seine Besitzerin. Das Leben hat mir schreckliche und wunderbare Dinge gegeben. Aufrecht zu sterben käme mir sehr recht.
SPIEGEL: Die 14 Lieder auf Ihrem neuen Album hören sich an wie ein Resümee Ihres Lebens. Versuchen Sie, das verlorene Paradies Ihrer Jugend nachzuempfinden?
Gréco: Ja, diese Chansons sind ein Spaziergang durch mein Leben. Sie beginnen mit meiner Kindheit und enden mit dem Meer, das sich zurückzieht. Ich werde bald nicht mehr an den Strand zurückkommen. Aber ich hoffe, dass dieses Album, vielleicht mein letztes, noch die Jugendfrische einer Blume ausstrahlt, die sich öffnet.
SPIEGEL: Der Titel der CD, übersetzt etwa "Liebet einander oder verschwindet", klingt wie ein Ultimatum, ein radikales Manifest.
Gréco: Ich bin immer etwas wild und gewalttätig gewesen. Dummheit und Bösartigkeit habe ich nie ertragen. Das musste mancher Mann handgreiflich erfahren. Noch heute kann ich in fürchterliche Wut geraten. Wer nicht zur Liebe und zur Achtung des anderen fähig ist, hat auf der Welt nichts verloren. Ich wünschte, das Böse würde verschwinden wie in einem Windstoß - lautlos und ohne Wellen.
SPIEGEL: Ein schöner Traum. Die Welt von heute ist ganz anders als diejenige, in der Sie nach dem Krieg in Paris berühmt geworden sind. Hat sie sich verbessert?
Gréco: Im Gegenteil. Die Entmenschlichung schreitet voran, die Barbarei weicht nicht. Die Jahre nach 1945 waren trotz der materiellen Not eine herrliche Zeit voller Warmherzigkeit. Vergessen Sie nicht, das nannte sich in Paris die Befreiung - nicht nur von den Deutschen, die meine Mutter und meine Schwester deportiert hatten, sondern von allem. Es fand eine sanfte Revolution statt, ein Umsturz aller Sitten, Konventionen und Mentalitäten.
SPIEGEL: Sie meinen die Zeit des Existenzialismus. Wie sind Sie damals in diese Bewegung hineingeraten?
Gréco: Ich war nur ein kleines wildes Dummchen, das gern Theaterschauspielerin werden wollte. Und ich hatte das unwahrscheinliche Glück, auf wunderbare Menschen zu stoßen, die sich für mich interessierten, mich formten und bildeten, mir zuhörten, meine Fragen beantworteten: Menschen wie Maurice Merleau-Ponty, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus.
SPIEGEL: Das waren Ihre Entdecker?
Gréco: Mein eigentlicher Entdecker, wenn man das so nennen kann, war der Philosoph Merleau-Ponty, damals ein angesehener Professor an der Sorbonne. Ich war nicht hässlicher als andere, abgesehen von meiner Nase, und er, 20 Jahre älter als ich, fand mich wohl etwas hübscher als andere. Er führte mich aus, diskutierte geduldig mit mir, brachte mich mit anderen Intellektuellen zusammen. Das waren meine Studienjahre, ich lernte in den Cafés, Merleau-Ponty war mein offenes Buch.
SPIEGEL: Und Sartre, was hat der für einen Eindruck auf Sie gemacht?
Gréco: Sartre war einer der lustigsten und fröhlichsten Menschen, die ich kannte ...
SPIEGEL: ... wirklich? Das entspricht nicht der Vorstellung, die man sich im Allgemeinen von ihm macht.
Gréco: Ich weiß. Aber er war großherzig und liebte Spaß. Als André Gide starb, setzte Sartre ein Telegramm an François Mauriac auf. Mauriac war ja ein sehr katholischer Schriftsteller, und Sartre schrieb ihm: Du kannst beruhigt von dannen gehen. Es gibt keine Hölle. Gezeichnet: Gide. So etwas sah Sartre ähnlich, er hatte einen sublimen Witz.
SPIEGEL: Und er wurde Ihr Lehrmeister?
Gréco: Er war für jedermann zugänglich. Wir saßen einmal im Restaurant, als ein hünenhafter Schwarzer an unseren Tisch trat und sagte: Monsieur Sartre, ich möchte mit Ihnen über Ihren Essay "Betrachtungen zur Judenfrage" sprechen. Das war äußerst bizarr, aber Sartre gab ihm anstandslos seine Adresse und Telefonnummer.
SPIEGEL: Sartre suchte auch die Texte für Ihre ersten Chansons aus.
Gréco: Ja, er stellte mir eine Auswahl von Gedichten zusammen, von Tristan Corbière, Paul Claudel, Raymond Queneau und Jules Laforgue. Mir gefiel am besten "Das ewig Weibliche" von Laforgue, was wiederum Sartre sehr amüsierte. Später schrieb er auch selbst Texte für mich.
SPIEGEL: Sartre stellte auch gern den Frauen nach. Hatten Sie ein Verhältnis mit ihm?
Gréco: Niemals. Ich redete ihn immer mit Monsieur an. Ich habe nie bemerkt, dass er mir Avancen gemacht hätte.
SPIEGEL: War Simone de Beauvoir eifersüchtig?
Gréco: Doch, aber auf andere Weise. Sie hätte mich gern für sich gehabt, als Schülerin und Ziehtochter. Sie arbeitete damals an ihrer feministischen Bibel "Das andere Geschlecht". Das seltsame Wesen, das ich war, machte sie neugierig. Aber ich wollte mich nicht unter ihre Fittiche begeben, ich blieb in meiner Ecke, stumm und trotzig.
SPIEGEL: Was ist vom Existenzialismus für Sie geblieben? War er mehr als eine vorübergehende Mode, eine düstere Pose?
Gréco: Der Existenzialismus ist eine Philosophie, die meinem Naturell bestens entsprach. Die Konfrontation mit sich selbst, die radikale Verantwortung für das eigene Leben, Reden und Handeln, zugleich aber auch die Verpflichtung für andere, die davon ausgeht - das passte einfach zu mir. Der Existenzialismus half mir, meine Identität zu finden, so wie anderen Menschen der Glaube hilft. Meine Großmutter sagte immer: Die Religion ist ein Korsett, das dir hilft, dich aufrecht zu halten. Ich brauchte die Religion nicht.
SPIEGEL: Der Existenzialismus war auch eine Revolte, eine Suche nach absoluter Freiheit. Ist er darin nicht gescheitert?
Gréco: Wir machen Rückschritte. Die Jugend von heute durchlebt eine eigenartige Desillusionierung. Sie schwankt zwischen kindlicher Romantik und unerbittlicher Härte hin und her. Ihre Freiheit ist in Wahrheit oft nur Permissivität, die wiederum der Gleichgültigkeit entspringt. Es ist keine existenzielle Freiheit.
SPIEGEL: Spricht aus Ihrer Bitternis jetzt nicht der Pessimismus des Alters?
Gréco: Ich war immer kämpferisch, manchmal cholerisch, nie pessimistisch. Aber ich glaube, dass der Individualismus von heute ein ganz anderer ist als der existenzialistische. Die Jugendlichen kleiden sich gleich, sie hören die gleiche Musik, sie lesen die gleichen Bücher und Comics. Doch die Uniformität gebiert Langeweile, und daraus brechen sie häufig genug mit blinder Gewalt aus. Ich habe Angst um sie.
SPIEGEL: Was ist wichtiger für Sie, die Worte oder die Musik?
Gréco: Wenn die Worte mich nicht ansprechen, kann die Musik noch so schön sein - es ist kein Chanson für mich. Ich will mit meiner Stimme, meinem Gesicht und meinen zwei Händen die Worte spielen, sie verkörpern, ihnen eine physische, sinnliche Präsenz geben. Für mich ist es ein magischer Augenblick, wenn ich die Bühne betrete und gespannte Stille den Saal beherrscht. Der Künstler ist allein mit seinem Publikum: zwei Wesen, die ein Erlebnis, ein Gefühl, eine Wahrheit teilen, wie in einem Liebesakt. Deshalb schätze ich das Chanson mehr als den Film. Das eine ist Kunsthandwerk, das andere eine Industrie.
SPIEGEL: Hat das französische Chanson im heutigen Kulturbetrieb noch eine Zukunft?
Gréco: Das hoffe ich sehr. Es gibt immer junge Talente, die die Fackel aufnehmen können. Aber ich weiß, dass viele in mir die letzte Chansonnière sehen. INTERVIEW: ROMAIN LEICK
Juliette Gréco
gilt als die bedeutendste französische Chanson-Sängerin seit Edith Piaf. Nach einem Debüt am Theater 1946 sang sie in den Cabarets von Saint-Germain-des-Prés und wurde die typische Künstlerin der Existenzialistengeneration, bevor sie zum Weltstar aufstieg. Zugleich begann sie eine Filmkarriere, die sie auch nach Hollywood führte, wo sie unter anderem mit John Huston drehte. Gréco, 76, hat ein neues Album aufgenommen. 14 Lieder, die sie auch auf ihrer Deutschland-Tournee (bis 27. November) vorträgt.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 47/2003
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