17.11.2003

ARCHÄOLOGIEFahrstuhl in die Hölle

Im Kolosseum, Kampfplatz grausamer Spiele, starben Hunderttausende. Ein deutscher Bauforscher hat erstmals entschlüsselt, wie das trickreiche Liftsystem funktionierte, mit dem Raubtiere, Bühnenbilder und die Gladiatoren blitzschnell in die Arena gehievt wurden.
An Marmorsäulen und zerbrochenen Steintribünen vorbei schlüpft Heinz-Jürgen Beste durch eine Stahltür hinab ins Untergeschoss. Sechs Meter tief führt die Treppe in den Keller des Kolosseums. Von dort tritt der Forscher hinaus in das verfallene Stadion.
Moos und Minze wuchern in dem feuchten Mauerlabyrinth, über dem einst ein Fußboden aus Holz lag. Der Experte zeigt auf einen schmalen Gang: "Hier kamen die Löwen durch." Dann verschwindet er in einem unterirdischen Gewölbe, das zur Gladiatorenkaserne hinüberführt: "Der Versorgungstrakt für die Todeskämpfer."
Beste ist Bauforscher. Drei Jahre lang hat er im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Rom jenes Bauwerk untersucht, das für die düsterste Seite des Römertums steht. Er rekonstruierte "Aufzugkabinen" und bewegliche Plattformen als Teil einer "Bühnenmaschinerie", mit der Fechter und wilde Tiere im Minutentakt ins Kampffeld gehievt wurden.
Kaiser Titus hatte 80 nach Christus die 48,5 Meter hohe Kalksteinschüssel eingeweiht. Nashörner und Stiere wurden dort aufeinander gehetzt. Frauen, selbst Kinder, fanden den Tod. Von fünf Kaisern ist bekannt, dass sie sich bewaffnet in die Kampfzone wagten.
"Schandmal" haben Forscher den Bau genannt. Ein "aus Blutgier, Sadismus und Massenpsychose gemischtes Gift" sei dort versprüht worden, meint der klassische Archäologe Karl-Wilhelm Weeber. Der Historiker Marcus Junkelmann fühlte sich beim ersten Betreten der Ruine, als stiege er in die "Hölle der Antike" hinab.
Erst die neue Baustudie des DAI-Mannes Beste macht nun klar, wie geschickt die antiken Römer ihre Gemeinheiten in Szene setzten. Aussparungen, Löcher und Gleitschienen in den 14 Mauerzügen des Tiefparterres wiesen ihm den Weg. In den Rillen steckte einst die hölzerne Mechanik für den Bühnenzauber.
Beste zufolge besaß die Arena am äußeren Rand 28 kleine Lifte für Bären, Raubkatzen oder Wölfe. Bei den "phantasievoll inszenierten Hinrichtungen", die meist als Mittagsprogramm liefen, sei ein weiteres System zum Einsatz gekommen: 20 bewegliche Plattformen, mit denen man Dekorationen und Personal emporhob (siehe Grafik Seite 197).
Mit dieser Mechanik konnten die Veranstalter wie aus dem Nichts ganze Löwenrudel aufs Spielfeld heben. Die großen Plattformen in der Mitte brachten schnell Kulissen, künstliche Wälder und Paläste aus Pappmaché nach oben.
55 000 Zuschauer fasste das Oval. Während der Pausen boten die Händler in den Quergängen Salzsnacks und Essigwasser ("Posca") an. Es gab WCs und Marmorbänke für die Senatoren. Bei Hitze spannten Bedienstete Holzmasten mit riesigen Sonnensegeln über die 188 Meter lange Anlage.
Und alles nur, um zu vernichten. Von Westfalen bis an den Euphrat unterhielt das Reich ein Netz aus 186 Amphitheatern. Der Historiker Junkelmann hat errechnet, dass während des 300-jährigen Spielbetriebs im Kolosseum jedes Jahr rund 1000 Menschen starben.
Kulturgeschichtlich steht der "blutige Sport" (der Brite Michael Grant) ohne Parallele da. Zwar führten schon die Etrusker an den Gräbern ihrer Verstorbenen Zweikämpfe durch. Die Griechen kannten die Pankration, eine Art Kickboxen, und den Faustkampf mit Schlagringen.
Doch Rom, Verderber der olympischen Ideale, sann auf Quälerei. Als aufstrebende Weltmacht wollte es jene Triumphe, die seine Armeen an den Grenzen ausfochten, auch im Hinterland genießen. 264 vor Christus traten in der Hauptstadt die ersten Gladiatorenpaare an. Es war das Jahr, als das Imperium Karthago überfiel.
Mit dem Griff nach den Reichtümern Afrikas geriet die junge Republik auch in Kontakt mit exotischen Tieren. Flugs holte sie Kamele, Zebras und Leoparden ins Land. Um 50 vor Christus folgte eine Giraffe. Unter Kaiser Augustus sah das Volk erstmals Krokodile und ein Flusspferd. Die Kreaturen, anfangs reine Schauobjekte, dienten bald für schlimme Späße. Mit Salz in den Wunden, durch Hunger oder Strohpuppen gereizt, wurden sie rasend gemacht. Man kettete Elefanten an Stiere, Bären an Nashörner. Der Ludus Matutinus, Roms Spezialschule für Tierhatz, lehrte die Kunst, Löwen mit Spießen abzustechen.
Aus "gesunden Anfängen" hätten sich die "Ludi", die Spiele, zu einem "kaum erträglichen Wahnsinn" entwickelt, klagte um Christi Geburt der Geschichtsschreiber Livius. Er hatte keine Ahnung, was noch kommen würde.
Allein der Nachschub an Raubkatzen verschlang Unsummen. In einem neuen Buch beschreibt der britische Historiker David Bomgardner, wie die Häscher bis nach Nubien, den Irak und in die tunesische Sahelzone ausrückten, um "Bestien" einzufangen. Ochsenkarren zogen das wilde Getier durch die Wüste, ehe es im Bauch von Schiffen verschwand.
Wegen ihrer Beliebtheit gewannen die Kämpfe schnell auch politische Bedeutung.
Nur wer dem Volk "Brot und Spiele" bot, konnte als Senator Karriere machen. Julius Cäsar besaß in Capua eine Kaserne mit 1000 Gladiatoren - und erschlich sich so die Gunst der Massen.
Meist waren es wegen Aufsässigkeit verkaufte Sklaven, die in diesen Schulen das gräuliche Handwerk erlernten. Kriegsgefangene aus Germanien, Gallien und Judäa waren dabei. Aber es gab auch Abenteurer, die sich freiwillig meldeten - es lockten hohe Preisgelder.
Die Bewaffnung folgte strengen Regeln. Der Kampftyp Murmillo besaß einen gewölbten Schild und stach mit dem Schwert zu. Der Retiarius kämpfte mit Netz und Dreizack. Einer Statistik zufolge (sie basiert auf Grabinschriften gefallener Gladiatoren) lag das Sterberisiko je Kampf anfangs bei 9,5 Prozent; später stieg der Blutzoll an.
Ein Ruch von "Tod und Unreinheit", meint Junkelmann, hätte die "deklassierten Killer" umgeben, die bis zu 6,8 Kilogramm schwere Helme trugen. In der Gladiatorenschule von Pompeji lag Schmuck einer Dame aus dem Hochadel. Die Forscher vermuten, dass sie heimlichen Kontakt mit einem der Fechter hatte.
Den Pöbel, so viel ist klar, versetzte das rohe Spektakel in Taumel. Im Dezember, während der Saturnalien, fanden die großen Veranstaltungen statt, anfangs noch auf großen Holztribünen oder im Circus Maximus.
Vespasian schob 70 nach Christus dann das große Steinprojekt an. Zwölf Meter dicke Betonfundamente ließ der Kaiser gießen und 200 000 Tonnen Travertin zu Blöcken schneiden. Weil ihm das Geld ausging, belegte Vespasian die öffentlichen Latrinen mit Steuern und verkündete: "pecunia non olet" - Geld stinkt nicht.
Nach zehn Jahren Bauzeit war das "Ruhmeswerk" (der Dichter Martial) fertig. Kostenlos strömten die Zuschauer in das Steinoval. Was dann geschah, haben Historiker eine "Dramatik des Bösen" genannt. Doch laut Bomgardner war der Bau eher eine "politische Aussage": Rom saß über seine Feinde zu Gericht - und zwar lustvoll und grausam.
Die Schau begann meist morgens gegen zehn Uhr mit den Tierhatzen ("venationes"). In der Vorstadt werden die großen Gehege und Menagerien vermutet, in der ägyptische Zoowärter die Raubkatzen fit für den Einsatz machten. Elefanten und große Huftiere gelangten ebenerdig in die Arena.
Beste glaubt, dass die Vierbeiner "nach einem festen Regieplan" in spezielle, sehr enge Gewölbegänge eingefädelt wurden, vergleichbar den Kugeln im Lotto-Gerät: "Von dort trieb man sie in die Aufzugkabinen, die simultan bedient werden konnten."
Drangvolle Enge herrschte im Kellergeschoss. Im Schein rußiger Fackeln drehten die Sklaven schwere Holzwinden. Waffenkammern gab es dort und Gerätedepots - sowie 17 Brunnen, um den Boden von Exkrementen zu säubern.
Mittags erfolgten die Hinrichtungen. Vater- und Muttermörder, aber auch Tempelschänder, Brandstifter oder Kriminelle aus den Kolonien verurteilte die römische Justiz "ad bestias": Die Kandidaten wurden stehend auf eine zweirädrige Karre gebunden und zur Zerfleischung freigegeben.
Im Kolosseum verwandelten sich diese Aktionen bald in Theaterakte vor mythologischer Kulisse. Die Lifte brachten Bühnenbilder hoch, dann steckte man die Verurteilten in Kostüme und jagte sie aufs Spielfeld. "Blutig troff ihm der Körper, noch lebten die zerrissenen Glieder", reimte Martial über einen "Dädalus", der in den Schlund eines Bären geriet.
Verfasser moderner Lateinbücher blenden solche Taten der Rohlinge vom Tiber gern aus. Ihre Lektionen drehen sich meist um die Wagenrennen im Circus Maximus oder die Lustspieltheater der Stadt. Doch auch die ergingen sich in Sex und Zoten. In Athen war die Komödie noch ein Kult - in Rom sank sie zum Klamauk ab.
Schließlich, gegen 15 Uhr, folgte der Höhepunkt. Zum Klang von Trompete und Wasserorgel schritten die Fechter prachtvoll gewandet in die Arena. Schiedsrichter mit langen Stöcken traten hinzu. Die Tibia, eine Pfeife, tönte schrill. Dann begann das Duell.
Kaum zehn Minuten dauerte der Streit im weichen Sand. Zum Klingenkreuzen war der Gladius, das Kurzschwert, zu klein. Selten gelang ein tödlicher Stich. Manchmal waren die Recken auch so verletzt und ausgepowert, dass beide nicht mehr konnten. "Stehend" durften sie dann das Feld verlassen: unentschieden. Meist aber war ein Gegner schwer verwundet und warf den Schild weg - das Zeichen der Aufgabe. Hatte er sich tapfer gewehrt, rief das Publikum "Missum!"- entlassen! Umgehend eilten Sanitäter heran und brachten das Opfer auf einer Trage ins Kellergewölbe zurück. Dort versorgten ihn die besten Ärzte der Stadt. Denn für jeden Verstorbenen forderte der Besitzer der Gladiatorenschule hohe Summen vom Veranstalter.
Bei Feiglingen allerdings senkte das Publikum den Daumen. Der Unterlegene musste niederknien und erhielt den letalen Schnitt durch die Gurgel. Wer nicht mehr kriechen konnte, verstarb mit dem Rückenstoß Richtung Herz.
Es ist dieses vielstimmige "Stich ihn ab" ("Iugula"), diese sadistische Raserei der Zuschauer, die Ridley Scotts "Gladiator"-Film gut eingefangen hat. Ansonsten stecken in dem Werk über hundert historische Fehler.
Widerstand gegen die "Vergottung der Perversion" (der Historiker Karl Christ) regte sich kaum. Zwar hatte Rom das karthargische Menschenopfer verboten; aber nur um mit schwindsüchtiger Moral - etwa dem Hinweis, Raubtiere störten den Ackerbau und Kriminelle seien unwerte Feinde der Gesellschaft - eigene Lüste zu befriedigen.
Auch die kulturelle Elite hatte an dem Quälkram nichts auszusetzen. Seneca verteidigte die Show als "Schulung gegen Schmerz und Tod". Plinius der Jüngere sprach von "schönen Wunden" und lobte eine Unterhaltung, "die nicht verweichlicht und entnervt".
Kaiser Trajan schließlich stellte den Rekord auf. Nach seinem Sieg gegen Bewohner des Balkans, die Daker, im Jahr 107 nach Christus, ließ er 10 000 Gladiatoren und 11 000 wilde Tiere antreten. Die Schlachtschau dauerte 123 Tage.
Es gehört zum Wesen der menschlichen Psyche, einmal süchtig geworden, stets neue Kitzel zu suchen. Bereits unter Domitian (81 bis 96 nach Christus) gingen in dem Steinoval bewaffnete Frauen auf Zwerge los. Gladiatoren mit Sichelhaken traten an; und auch solche mit verbundenen Augen, die sich nach Gehör erschlugen.
Unter den Severern, Monarchen des 3. Jahrhunderts, ist der Zug zu brutaler Strenge unübersehbar. Umgeben von den Zeichen des Zerfalls, erlegte Kaiser Commodus mit eigener Hand Nilpferde. Auch die "munera sine missione" kam nun in Mode: Die Männer kämpften bis zum bitteren Ende; ein Aufgeben war ihnen verboten.
Im 4. Jahrhundert stockte der Nachschub, Nordafrika war nahezu leergefangen. Der Preis für einen Löwen kletterte auf 600 000 Sesterzen (umgerechnet etwa sechs Millionen Euro). Also schickten die Kaiser Wisente, Kamele und selbst Esel in die Kampfzone. Alten Glanz verbreitete noch einmal Kaiser Elegabalus, der 150 Tiger aus Indien besorgte.
217 nach Christus schlug ein Blitz in das oberste Gesims des Gebäudes und brannte es nieder. In den Rauch hinein erhoben die christlichen Sektierer ihre Stimme. Der Theologe Tertullian nannte das Stadion "Tempel aller Dämonen".
Aber noch 200 Jahre später - das Christentum war längst Staatsreligion - prügelten sich in dem Gemäuer die Haudegen. Als sich der Mönch Telemachos dazwischenwarf, erhielt er einen tödlichen Hieb. Die letzte Tierhatz veranstaltete im Jahr 523 König Theoderich, der Dietrich von Bern aus dem Nibelungenlied.
All diese Untaten hat der Architektur-Fahnder Beste nun gleichsam aus der Kellerperspektive neu beleuchtet. "Ausgefeilt und wirklich brillant" nennt er die Bühnenmechanik im größten Amphitheater der Antike.
Ansonsten aber verweist er auf das Urteil des Historikers Junkelmann: "Das Kolosseum ist jener Ort auf Erden, der am konzentriertesten mit Menschenblut getränkt worden ist." MATTHIAS SCHULZ
* Szene aus Ridley Scotts "Gladiator", USA 2000.
Von Schulz, Matthias

DER SPIEGEL 47/2003
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