17.11.2003

MEDIZIN

Drama in vier Akten

Von Großbongardt, Annette; Hackenbroch, Veronika; Schmid, Barbara

Israelische Babys starben nach dem Verzehr deutscher Sojamilch - weil es für die Zulassung von Säuglingsnahrung keine Kontrollen gibt.

In der Nacht, bevor er starb, weinte und schrie Guy ohne Unterlass. Krampfartig zog sich sein kleiner Körper zusammen. "Wir versuchten, ihn zu füttern, doch er verweigerte die Nahrung", erzählt sein Vater Eli Goldmann.

Ihr Kinderarzt schickte die besorgten Eltern am nächsten Morgen sofort in die Notaufnahme des Krankenhauses in Eilat im Süden von Israel. Neun Stunden lang kämpften die Ärzte dort um das Leben des Babys - vergebens. Am Abend des 14. Oktober erlag Guy Goldmann, gerade dreieinhalb Monate alt, einem Herzversagen.

Die Ursache der tödlichen Herzschwäche entdeckten die Ärzte erst drei Wochen später. Wie 5000 andere Babys in Israel war Guy mit der Sojaspezialmilch "Super Soya" der deutschen Firma Humana gefüttert worden. Rabbis wachten darüber, dass der speziell für den israelischen Markt entwickelte Muttermilchersatz auch wirklich koscher war.

Doch in dem Kunstprodukt fehlte das lebenswichtige Vitamin B1 in ausreichender Menge - das kam vorvergangene Woche bei Messungen des israelischen Gesundheitsministeriums heraus. 2 Babys starben, 15 weitere mussten mit den typischen Symptomen der Vitamin-B1-Mangelkrankheit "Beriberi" - Übelkeit, Erbrechen, Unruhe, Krämpfe, Hirnschädigung, Herzmuskelschwäche - in Krankenhäuser eingeliefert werden.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bielefeld gegen mehrere Humana-Mitarbeiter wegen fahrlässiger Tötung. War es wirklich nur eine "Verkettung unglücklicher Umstände", wie der Babynahrungshersteller behauptet?

Schon im März, so viel scheint festzustehen, nahm das Drama in vier Akten seinen Lauf: Wegen einer angeblichen "Überdosierung" in den Vorgängerprodukten beschloss Humana, bei Super Soya den Gehalt an Vitamin B1 zu reduzieren - dabei kam es zu einem folgenschweren Rechenfehler. Irrtümlicherweise, so ein Firmensprecher, gingen die Produktentwickler davon aus, dass der natürliche B1-Gehalt des Sojaeiweißes ausreichen würde, um den Bedarf zu decken; ein Zusatz von Vitamin B1 bei Super Soya wurde für überflüssig gehalten.

Eigentlich, meint Berthold Koletzko, Professor für Kinderheilkunde an der Universität München und Spezialist für Stoffwechsel- und Ernährungsfragen, hätten die Humana-Experten sofort merken müssen, dass an dieser Rechnung etwas nicht stimmen kann - denn die verwendeten Sojaprotein-Isolate sind (wie der Name schon sagt) isolierte Eiweiße und enthalten deshalb weitaus geringere Vitaminmengen als naturbelassene Sojabohnen.

Vielleicht hätte ein geregeltes Zulassungsverfahren den Irrtum noch aufdecken können; doch so etwas ist für Säuglingsnahrung, anders als etwa bei neuen Medikamenten, ebenso wenig vorgeschrieben wie Endkontrollen vor der Auslieferung. Trotzdem veranlasste Humana freiwillig eine Kontrolle für Super Soya - dann pas-

sierte Fehler Nummer zwei: Das beauftragte private Prüflabor vergaß, den Vitamingehalt zu testen. Als die unvollständigen Ergebnisse zurückkamen, passierte sogleich Fehler Nummer drei: Bei Humana hakte niemand nach. Erst im September fiel das Versäumnis auf.

Stattdessen wurde die erste Charge Super Soya (27 225,6 Kilogramm, verpackt in 47 000 Einheiten zu je 400 oder 800 Gramm) Ende April ausgeliefert und kam im Mai in die israelischen Geschäfte. Normalerweise werden importierte Nahrungsmittel in Israel noch im Hafen stichprobenartig untersucht. Doch - Fehler Nummer vier - ausgerechnet die Container von Humana blieben unangetastet. "Den Produkten aus Deutschland vertrauten wir", sagt Dorit Nitsan-Kaluska vom israelischen Gesundheitsministerium, "dort gibt es ja eine gute Kontrolle - dachten wir."

So blieb der fatale Dosierungsfehler monatelang unbemerkt. Als die ersten Babys erkrankten, wurde womöglich sogar vertuscht. Die israelische Polizei geht dem Verdacht nach, sowohl bei Remedia als auch im Gesundheitsministerium habe es doch schon früher Hinweise auf das Fehlen des Vitamins gegeben. "Wir wussten nichts", beteuerte ein Remedia-Sprecher noch am Freitag.

"Einen so schlimmen Fall hätte ich nicht für möglich gehalten", sagt Koletzko, der seit Jahren vor den Risiken unkontrollierter Babynahrungsneuschöpfungen warnt. Erst im April dieses Jahres forderte der Kinderarzt in einem Bericht für die EU-Kommission unter anderem, "dass bei Veränderungen der Zusammensetzung von Babynahrung die Vermarktung nur dann erlaubt werden darf, wenn Nutzen und Sicherheit zuvor durch ein unabhängiges Expertengremium bestätigt wurden".

Ohnehin sind Spezialnahrungen auf Sojabasis längst nicht so gut wie ihr Ruf. So empfiehlt das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund Soja wegen der häufig auftretenden Kreuzallergien mit Kuhmilch nicht einmal mehr für Allergiker, sondern nur noch für Kinder ideologisch geprägter Veganer-Mütter.

Bei ultraorthodoxen Juden ist Soja jedoch nach wie vor beliebt, weil es sich nach den strengen Speiseregeln - anders als Milchprodukte - beliebig mit anderen Lebensmitteln kombinieren lässt. Aber auch weniger gläubige Eltern in Israel dachten, sie täten ihren Kindern etwas Gutes.

Die Mutter des toten Babys Guy beispielsweise hatte sich für die Sojamilch nur deshalb entschieden, weil ihr Baby auf die Flaschennahrung auf Kuhmilchbasis mit Blähungen und Verstopfung reagierte - ein meist harmloses und sehr verbreitetes Symptom unter Neugeborenen.

ANNETTE GROßBONGARDT,

VERONIKA HACKENBROCH, BARBARA SCHMID

* Oben: im Schneider Children''s Medical Center in Petach Tikvah; unten: durch Mitarbeiter des israelischen Gesundheitsministeriums in Tel Aviv.

DER SPIEGEL 47/2003
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