Von Bethge, Philip
Das Geschenk der Engel lagert in schlichten grauen Pappkartons. Mit weißen Stoffhandschuhen nimmt Veit Heller eines der Instrumente vorsichtig in die Hände. "Sehen Sie nur die kompakte, schlüssige Form", schwärmt der bärtige Musikforscher und streicht fast zärtlich über das Holz. "So etwas gibt es auf der ganzen Welt nicht noch einmal."
Was Heller stolz präsentiert, ist ein Schatz der Musikgeschichte. Nur 40 Zentimeter groß ist die Kleindiskant-Geige aus dem 16. Jahrhundert. In weiteren Kartons liegen Tenor- und Bassgeigen, Posaunen,
Schalmeien, Zinken, Cistern, Harfen, Lauten und Triangeln.
Zuletzt vor mehr als 400 Jahren spielten Musiker auf diesen Klangraritäten. In den Händen von Engelfiguren überdauerten sie im Dom der Erzgebirgsstadt Freiberg die Zeit. Nun ist nach fünfjähriger Forschungsarbeit der musikwissenschaftliche Coup fast perfekt: In dieser Woche werden die Instrumente - als originalgetreue Nachbauten - erstmals wieder ertönen.
"Wir wollen den Klang der Renaissance auferstehen lassen", sagt Heller, Musikwissenschaftler am Instrumentenmuseum der Universität Leipzig. "Einzigartig" nennt der Forscher das Ensemble der Instrumente. Museumsdirektorin Eszter Fontana ist nicht weniger enthusiastisch: "Aus dem 16. Jahrhundert sind nur sehr wenige Instrumente erhalten; 30 Originale aus einer Instrumentenbauschule untersuchen zu können ist eine riesige Chance."
Einem himmlischen Orchester verdanken Fontana und Heller den Fund: Über vier Jahrhunderte hinweg musizierten auf einem Sims in der Begräbniskapelle des Freiberger Doms 30 pausbäckige Engel stumm für das Seelenheil wettinischer Fürsten. Diese hatten das Puttenorchester zwischen 1585 und 1594 in zwölf Meter Höhe aufstellen lassen.
Lange behielten die mit Schichten von Blattkupfer und Goldbronze bedeckten Musikinstrumente ihre Geheimnisse für sich. Erst 1998 ergab sich die Chance zur gründlichen Analyse, weil die Kapelle renoviert werden musste. Die musizierenden Himmelsboten wurden gereinigt, ihre Instrumente nach Leipzig verfrachtet.
Etwa 50 Fachleute aus Deutschland, der Schweiz und den USA kümmern sich seither um die Klang-Preziosen. Ihre faszinierende Entdeckung: 21 der Engel-Instrumente sind echt, nur 9 sind Attrappen - allesamt jedoch sind so exakt ausgeführt und gut erhalten, dass sie ihr ganzes Geheimnis offenbaren. "Einige der Instrumente sind sogar noch gespielt worden, bevor sie den Engeln in die Hände gegeben wurden", sagt Heller. Selbst Reste der Originalsaiten aus Messing oder Darm seien noch zu finden gewesen. "Um zu verstehen, wie in dieser Zeit musiziert wurde, sind die Instrumente von unschätzbarem Wert."
Tatsächlich war über die Tonkunst der sächsischen Renaissance bisher sehr wenig bekannt. An den Höfen der Mächtigen, in Gottesdiensten, aber auch auf Hochzeiten und zum Tanz spielten damals die Musiker auf. Stadtpfeifer oder Türmer gaben ihre Signale und spielten Choräle per Posaune oder mit der kräftig klingenden Schalmei, der Vorläuferin heutiger Oboen.
Die Popstars der Renaissance waren so genannte Bergsänger, halb professionelle Musiker aus den Bergwerksstädten des Erzgebirges, die "kräftig in ihre Harfen oder Cistern griffen und dazu mit kehliger Stimme sangen" (Heller).
Verspielter ging es bei Wein und Gesang mit Schellentrommel, Laute, Diskantgeige und Cister zu - letztere war gleichsam die Westerngitarre der Renaissance. Noch fremdartiger für heutige Ohren erscheint der Zink: eine Art hölzernes Horn in entweder krummer oder gerader Ausführung. Ihm wird die Fähigkeit nachgesagt, die menschliche Stimme zu imitieren. "Er hat die Brillanz eines Sonnenstrahls, der auf den Schatten oder in die Dunkelheit fällt", schwärmte einst der französische Gelehrte Marin Mersenne.
Doch all das war bislang kaum durch Tonbeispiele zu belegen. Renaissance-Instrumente im Originalzustand sind sehr selten auf der Welt. Umso wichtiger nehmen die Leipziger Musikforscher nun den Freiberger Fund. Mit der ganzen Macht der Wissenschaft sind sie den Harfen, Lauten und Bassgeigen auf die von Holzwürmern durchlöcherten Klangkörper gerückt.
Röntgenaufnahmen, angefertigt in der Radiologie der Universität Leipzig, zeigen den Experten, ob Holzdübel oder Warmleim Hals und Klangkörper der Cistern zu-
sammenhalten. Mit Stereofotografie und
3-D-Laserscanner haben die Forscher die Instrumente auf den Millimeter genau vermessen. Per Endoskopie fahndeten sie im Inneren nach Werkzeugspuren, Klebestellen oder eingesetzten Holzklötzchen zur Veränderung des Klangs. Und selbst in die Computertomografie-Röhre schob Heller die Geigen und Schalmeien.
Faszinierendes und Rätselhaftes haben die Forscher inzwischen auf diese Weise zusammengetragen. So fand sich in vier Streichinstrumenten die Signatur von "Paul Klemm zu Randeck", ehedem ein bedeutender Meister des erzgebirgischen Instrumentenbaus. Erfreut waren die Leipziger auch über die mit Metall- statt (wie gewöhnlich) mit Darmsaiten bespannten Lauten. Die Posaunen wiederum fertigten die Erbauer der Engel-Instrumente wohl aus Kostengründen aus Holz - dennoch so exakt, dass sie einschließlich Schall- und Mundstück nun eins zu eins in Blech nachgebildet werden konnten.
Denn vor allem ging es den Musikforschern bei ihrer Spurensuche um den Klang der Instrumente. "Jeder Versuch, auf den Originalen zu spielen, würde sie zerstören", erläutert Heller. "Mit unseren Daten jedoch haben wir die Grundlage für exakte, spielbare Nachbauten geschaffen."
Technische Zeichnungen, Computermodelle und Fotografien stellten die Experten mit historischen Handwerkstechniken vertrauten Instrumentenbauern zur Verfügung. Die Vorgabe auch hier: absolute Originaltreue.
"Ich versuche, die Bautechnologie nachzuvollziehen", sagt etwa Steffen Milbradt, dem der Nachbau der vier Cistern anvertraut wurde. Allein mit Beil, Stech- und Stemmeisen, Säge, Holzhammer und Handbohrer hat sich der Instrumentenbauer in seiner Werkstatt in Meißen an die Arbeit gemacht. Die Decke der Instrumente fertigt er aus Fichtenholz, den Hals aus Erle, die Wirbel aus Ahorn. Immerhin vier Kilogramm Zugbelastung muss das filigrane Instrument aushalten, sobald die zehn ebenfalls handgefertigten Messingsaiten aufgezogen werden.
Etwa 80 Stunden hat Milbradt an einer der Renaissance-Cistern gebaut. Andere Instrumentenbauer fertigten Posaunen, Geigen und Schalmeien an. Die meisten Exemplare der "Nullserie" sind bereits vollendet: Das ganze Engel-Ensemble entsteht neu - und mit ihm der unerhörte Klang der sächsischen Renaissance.
"Da sind Klänge dabei, so kraftvoll, die finden Sie schon kurz darauf im Barock gar nicht mehr", schwärmt Heller, der einige der Nachbauten schon gehört hat.
So tönten etwa die Schalmeien aus dem Engel-Orchester besonders "dynamisch und prägnant". Der Klang der Freiberger Harfen sei nicht etwa "weich, lieblich und angenehm" wie bei heutigen Harfen üblich; vielmehr erzeugten die Metallsaiten mit ihren so genannten Schnarrhäkchen einen "für heutige Ohren fremden, schwirrenden, durchdringenden Klang".
Die Zuhörer der "Musica Freybergensis"-Premiere dürfen also auf einiges gefasst sein. Zurzeit üben Profi-Musiker auf den Nachbauten und testen deren Spielbarkeit und Stimmung. Am Samstag dieser Woche ist es dann so weit. Auf einem Forschungssymposium sollen die ersten "Allemandes" und sächsischen Tänze mit Original-Instrumentarium erklingen.
"Die Leute werden überrascht sein", sagt Heller und verspricht sich eine kleine "aufführungstechnische Revolution". Dass die Toleranz CD-verwöhnter Zuhörer dabei strapaziert werden könnte, ahnt der Forscher: "Man darf nicht mit vorgefertigten Hörerwartungen an diese Musik herangehen - dann wird auch niemand enttäuscht sein." PHILIP BETHGE
DER SPIEGEL 47/2003
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