24.11.2003

SOCIETYDer Jackpot der Kaiserin

Zwei Jahre nach dem Tod von Prinzessin Soraya wird in Köln um den Nachlass gestritten: Entfernte Verwandte und solche, die es gern wären, hoffen auf ein Millionen-Erbe.
Was für ein Leben, was für eine Tragödie. Und nicht mal jetzt ist es vorbei. Soraya, die Prinzessin mit den traurigen Augen, heiratete mit 18 den Schah von Persien, wurde mit 25 von ihm verstoßen, weil sie keine Nachkommen gebar - und jetzt, zwei Jahre nach ihrem Tod, streiten sich vor einem deutschen Gericht Möchtegernerben gleich im Dutzend um die Reste ihrer Millionen-Abfindung.
Amtsgericht Köln, 10. Stock, auf dem Tisch stapeln sich khakifarbene Aktenmappen, deren 2000 Seiten Zeugnisse eines würdelosen Streits sind. Echte Verwandte konkurrieren mit aus dem Nichts aufgetauchten angeblich unehelichen Brüdern und Neffen. Von Erbschleichern ist die Rede und falschen Freunden, die sich die Taschen mit dem fürstlichen Jackpot füllen wollen.
Die Frage, wer nun Millionär wird, erscheint beinahe als logische Fortsetzung all jener Geschichten über die Verstoßene, die nach der Verbannung in Paris Hof hielt, mit Playboy Gunter Sachs flirtete und Hund Dandy eigens im Rolls-Royce zur Vil-
la in Marbella kutschieren ließ, weil das Tier Flugangst hatte. Der Boulevard liebte sie, doch die Ex-Kaiserin, die am 25. Oktober 2001 in ihrer mondänen Wohnung in der Avenue Montaigne 46 starb, zog in ihrer Autobiografie "Palast der Einsamkeit" ein ganz anderes Fazit: "Das Leben hat mich hintergangen."
Ihr auf mindestens 20 Millionen Euro geschätztes Vermögen hatte die Prinzessin, deren Mutter Deutsche war, zum Teil bei einer fragwürdigen Stiftung in Liechtenstein geparkt (SPIEGEL 11/2003). Nach ihrem Tod, so ihr letzter Wille, sollte es Hilfsorganisationen und ihrem in Köln lebenden Bruder Bijan Esfandiary-Bakhtiary, 64, dem "stets verlässlichen Freund", zufallen.
Doch der starb nur acht Tage nach seiner Schwester, in der Notaufnahme des Krankenhauses Georges Pompidou. Auf Opium-Entzug, voll gepumpt mit Methadon und die Leber zerfressen von Gordon''s London Dry Gin und Johnnie Walker, war die Reise zur Trauerfeier nach Paris zu viel für sein Herz gewesen.
Und weil er selbst weder Frau noch Kinder hinterließ, begannen entferntere Verwandte und solche, die es gern wären, das Gezerre um das fürstliches Erbe.
Einer zum Beispiel klang wirklich überzeugend, als er sich als unehelicher Sohn Esfandiarys vorstellte. Seine Mutter, 59, erklärte bei Gericht, sie habe vor langer Zeit den Bruder Sorayas in einem Café kennen gelernt, er habe sie daraufhin zu einem persischen Abendessen eingeladen.
"Im Rahmen dieses Abends wurde auch getrunken, und auf einmal waren alle weg, und ich bin mit ihm allein geblieben." Es sei zwischen ihnen "zur Geschlechtsbeziehung" gekommen, danach habe sich Bijan "nie wieder bei mir gemeldet". Für ihren Sohn Frank komme nur er als Vater in Frage, ihre Freunde hätten auch gesagt: "Da sieht man aber deutlich den persischen Einschlag."
Eine hinreißende Geschichte. Nur stimmen kann sie nicht. Der auf einem Münchner Friedhof beigesetzte Esfandiary wurde exhumiert, DNS-Material für einen Vaterschaftstest entnommen. Die Dame hatte eine Niete gezogen.
Soraya und ihr Bruder seien seine Halbgeschwister, behauptete ein anderer. Denn: Deren Vater habe mit seinem Dienstmädchen ein Verhältnis gehabt. Und dieses Dienstmädchen sei seine Mutter, die ihm, als sie sterbenskrank war, alles gebeichtet habe. Der DNS-Test: ebenfalls negativ.
Deutschland, ein einziges Kindermärchen.
Auch noch so entfernte Verwandte schrieben an das Gericht. Die Briefe bilden ein Konvolut absurder Erbversuche, die von nichts anderem zeugen als von dem Wunsch, mal eben reich zu werden.
"Etwa im 4. oder 5. Grad" sei seine Familie mit Soraya verwandt, schrieb ein Mann aus Wesel. "Bitte prüfen Sie, ob diese Zusammenhänge für eine evtl. Erbfolge von Relevanz sind."
Eine Frau aus Quickborn-Heide verwies auf ihren Stammbaum, in dem sich zwei Jahrhunderte zuvor ein Ast mit einem Zweig der Ex-Kaiserin gekreuzt hatte: "Angeblich soll sogar etwas Ähnlichkeit zwischen Soraya und mir bestehen." Ein anderer machte geltend, er habe jahrelang eine Beziehung mit einer engen Vertrauten Sorayas gepflegt, und hoffte, da sei etwas für ihn drin.
Schließlich bot einer eine Ahnentafel an, 1,78 Meter lang, 80 Zentimeter breit, die Größe nicht ohne Grund: Der persische Großvater Sorayas hatte sechs Frauen, davon vier gleichzeitig. Deren Nachkommen in aller Welt könnten jetzt tatsächlich erben, darunter auch eine angebliche Großcousine aus Koblenz. Die ehemalige Krankenschwester und ihr Bruder wurden auf dem Boulevard schon als Favoriten beim heiteren Nachlass-Raten gehandelt - ein wunderbares Märchen: Eine 60-jährige Frührentnerin vom Mittelrhein wird steinreich.
Doch die schnelle Rechnung ist ohne das komplizierte Erbrecht gemacht - und vor allem ohne einen schmalen weißen Zettel mit ein paar hastig hingekritzelten Zeilen unter der Überschrift "Bijans Wille". In dem Papier, das erst Monate nach dem Tod der beiden auftauchte, heißt es kryptisch: "Mr. Hassan Firouzfar - Der Retter No. one and my only Friend nenne ich als mein allein Erber."
Das Testament soll Sorayas Bruder knapp fünf Stunden vor seinem Ableben verfasst haben, kurz vor Mitternacht, im 650 Euro teuren Zimmer 105 des Hotels George V. Und die beiden letzten Worte zeigen, dass er mit der Formulierung seines letzten Willens nicht zu Ende gekommen ist: "Finish zuhause".
Da gibt es Fragen über Fragen, die nun das Gericht durch Gutachter klären lassen muss. War Esfandiary überhaupt noch bei Sinnen, sprich: "testierfähig"? Stammt das Testament überhaupt von ihm? War der Freund Hassan Firouzfar wirklich ein Freund?
Die Haushälterin Esfandiarys hatte mit ihrem Chef vor der Abreise noch in seiner Kölner Villa gefrühstückt. Gegen halb vier kam sein Arzt vorbei und riet vom Paris-Trip ab, Esfandiary, der wieder getrunken hatte, sei zu krank. Aber der wollte partout zur Trauerfeier und engagierte seinen Landsmann Hassan Firouzfar als Fahrer, für 6000 Mark. Das Verhältnis zu Firouzfar sei bis dato stets schwierig, ja von Misstrauen bestimmt gewesen. Zeitweise habe er Hausverbot gehabt, erst nach Sorayas Tod habe der trauernde Bruder ihm wieder Zutritt gewährt. So erzählt es die Haushälterin.
In Paris schlief Firouzfar zwei Hotelzimmer weiter. Aber dass Firouzfar "je der Privatsekretär des Verstorbenen gewesen wäre", bestreitet auch der Nachlassverwalter, ein Kölner Anwalt. Der Erbe in letzter Minute sei vielmehr "ein sich aufdrängender, unterwürfiger Bittsteller, der sich mangels eigener beruflicher Tüchtigkeit dem Erblasser aufdrängte". Er habe in Esfandiarys letzter Phase dessen Hilflosigkeit ausgenutzt, "um ihn seinen Wünschen willfährig zu machen".
Firouzfar, ein dürrer Mann mit furchigen Zügen, besteht darauf, jahrelang ein guter Freund und immer für Sorayas Bruder zur Stelle gewesen zu sein. Inzwischen, das ist der Fluch des Geldes, kommt der Freund auch nicht mehr ohne Freunde aus. An seiner Seite stehen zupackende Praktiker - der Inhaber einer Autowerkstatt und dessen Kollege, der gern "Hömma" sagt, wenn er "Hör mal" meint.
Soraya mochte an ihrem Bruder Bijan vor allem "sein aufrichtiges Wesen". Aufrichtigkeit, so scheint es, fehlt in der "Nachlasssache Esfandiary-Bakhtiary", 2000 Seiten, Amtsgericht Köln.
DOMINIK CZIESCHE
* Franz-Josef Löseke und Norbert Beumer neben einem Bild des verstorbenen Soraya-Bruders Bijan Esfandiary.
Von Dominik Cziesche

DER SPIEGEL 48/2003
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