Von Sauga, Michael
Die Herren kamen pünktlich zum Dienstbeginn. Zu zweit, ohne Anmeldung. Sie müssten einen Vorgang untersuchen, ließen sie wissen. Dann durchstöberten sie mehrere Büros, klemmten sich zwei dünne Aktendeckel unter den Arm und verschwanden so geheimnisvoll, wie sie gekommen waren. Sie würden von sich hören lassen.
Was Erich Blume vorkam wie ein Romananfang von Kafka, war nichts anderes als eine Fahndungsaktion der deutschen Arbeitsverwaltung. Der Direktor des Münchner Arbeitsamtes hatte den Fehler begangen, mit einem eigenen Computerkonzept den Plänen seiner Nürnberger Zentrale in die Quere zu kommen. Nun verfolgte ihn die Behörde mit dem ganzen Arsenal des öffentlichen Dienstrechts: Durchsuchung, Feststellungsbescheid, Androhung eines Disziplinarverfahrens. "Ich fühlte mich", sagt Blume, "wie ein Krimineller."
Der Fall des Münchner Behördenchefs, der sich inzwischen zur Ruhe gesetzt hat, ist ein Lehrstück. Es zeigt, wie bürokratisch die Bundesanstalt noch immer funktioniert und mit welchen Methoden sie Mitarbeiter verfolgt, die etwas Neues wagen. Und es zeigt, wie wenig sich in der Großbehörde seit dem Vermittlungsskandal vor knapp zwei Jahren verändert hat.
Es geht um das EDV-System der Behörde, nach Auffassung aller Experten einer ihrer größten Schwachpunkte. Noch immer müssen die Ämter viele Daten doppelt eingeben. Noch immer ist in ihrem Stellenpool nur ein Bruchteil der Jobs verzeichnet, die im Internet zu finden sind.
Direktor Blume und das Münchner Software-Haus Wimmex AG ersannen eine Alternative. Seit knapp zwölf Monaten durchstöbert ein so genannter Jobroboter (Markenname "Wimmi") nach dem Prinzip von Suchmaschinen wie Google die Firmen-Homepages und Jobbörsen im Internet und zeigt Vermittlern und Jobsuchern die aufgespürten Stellen. Das Münchner Arbeitsamt kann seinen Kunden so bis zu 6000 unbesetzte Jobs zusätzlich anbieten.
Dass die knapp 400 000 Euro teure Entwicklung vor allem Fachkräften zugute kommt, feierten die örtlichen Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertreter als "beispielhaft". Und sogar der zuständige Anstaltsvorstand Heinrich Alt lobte das Pilotvorhaben noch Anfang des Jahres als "zeitgemäß und innovativ".
Wenige Wochen später war von Wimmi keine Rede mehr. Der Vorstand hatte sich für ein neues Projekt entschieden, mit ganz anderen finanziellen Dimensionen: Für rund 60 Millionen Euro entwickelte eine Kronsberger Beratungsfirma den so genannten virtuellen Arbeitsmarkt, der nächste Woche ans Netz gehen soll.
Die Münchner Alternative passte nicht mehr ins Konzept. Arbeitsamtschef Blume drohte die Zentrale zwischenzeitlich mit einem Disziplinarverfahren, die übrigen Ämter wurden per E-Mail gewarnt, das Modell auch nur zu testen. "Etwaige Angebote", heißt es, seien "abzulehnen".
Viele Kenner des Vorhabens schüttelten den Kopf. Der Verwaltungsrat des Münchner Arbeitsamtes beschwerte sich in einem Schreiben an die Nürnberger Zentrale nicht nur über die "unglaubliche und diffamierende" Aktion gegen Blume. Er fragte auch, weshalb die Anstalt "im Rahmen des virtuellen Arbeitsmarkts eine Projektentwicklung ausschreibt", obwohl die Münchner "Anwendungslösung kurzfristig zu einem Bruchteil der Kosten auch bundesweit einsetzbar gewesen wäre".
Solche Fragen möchte in der Behörde niemand mehr hören. Die beiden Projekte seien "nicht vergleichbar", lässt die Anstalt wissen. Der Jobroboter sei zu "einer Teilkomponente des virtuellen Arbeitsmarkts" geworden.
Wimmi-Befürworter Blume sieht das anders. Das Konzept der Zentrale werde gerade erst erprobt, sein Projekt dagegen habe schon "Tausende Stellen gebracht".
Dafür scheint man sich in Nürnberg nicht zu interessieren. Ende dieses Monats wird die Münchner Maschine abgeschaltet. MICHAEL SAUGA
DER SPIEGEL 48/2003
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