24.11.2003

UNTERNEHMERPatscherter Prahlhans

Dem Wiener Bau- und Partylöwen Richard Lugner droht die Pleite. Seine Opernball-Eskapaden und Polit-Spektakel wird er sich künftig kaum noch leisten können.
Dass "Mausi" so ungewöhnlich flachstapelte, war den Wienern gleich suspekt. Um sexy zu sein, fehle es ihr an der nötigen Oberweite, diktierte "Frau Ingenieur Baumeister" Christina Lugner, nach eigenen Angaben 35, im Spätsommer einem alpenländischen Reporter in den Block, der sie zu ihrer Wahl als "erotischste Österreicherin" befragte.
Mit dem Argwohn gegenüber "Mausis" neuer Bescheidenheit lag die Volksseele richtig. Offenbar war das auffallend zurückhaltende Statement der weiblichen Hälfte von Wiens schrillstem High-Society-Paar einer klaren Ahnung künftiger Schmach geschuldet.
Denn kaum hatten sich die ersten Blätter im Wiener Nobelvorort Grinzing bunt gefärbt, musste auch Gatte Richard, 71, unlängst eingestehen, dass es ihm an Potenz beim erotischsten aller männlichen Körperteile fehle - der Brieftasche nämlich. Ein Finanzproblem lässt sich nicht mehr so galant wienerisch wegplaudern wie der Silikonmangel der Gattin.
Die pekuniären Defizite des "schrulligen Zausels" ("Profil"), in der Boulevard-
presse schlicht "Mörtel" genannt, könnten seinem Dasein als Graf Protz der Alpenrepublik nun ein jähes Ende bereiten. Der Absturz in die Niederungen von Häme und Schmach scheint programmiert. Bitter für den frivolen Selbstinszenierer, der in den vergangenen Jahren vor allem dadurch aufgefallen war, dass er vollbusige Hollywood-Sternchen wie Pamela Anderson oder deutsche Oberweiten-Wunder wie Dolly Buster gegen Gagen von geschätzten 35 000 Euro pro Abend in seine Loge beim Wiener Opernball geladen hatte.
Das Flaggschiff der familiären Unternehmungen, der Baukonzern "Baumeister Ing. Richard Lugner", angesehener Spezialist für Altbausanierung und berühmt geworden durch die präzise Ausführung von Friedensreich Hundertwassers krummen Kitschtempeln, steht vor der Pleite.
Im Namen von mehr als tausend Gläubigern hat der Alpenländische Kreditorenverband (AKV) bereits Mitte Oktober einen Konkursantrag gestellt. Nach unterschiedlichen Angaben geht es um Gesamtverbindlichkeiten zwischen 9 und 35 Millionen Euro. Vor dem an diesem Freitag tagenden Konkursgericht in Wien muss Lugner erklären, wie er das Geld zurückzahlen will.
Mit aller Macht möchte der Bauunternehmer vor allem die Kontrolle über die "Lugner City" im 15. Wiener Gemeindebezirk behalten. Von den zahlreichen Bühnen des Einkaufszentrums hatte "Mörtel" 1998 mit ungewollt kabarettreifen Auftritten die dann kläglich gescheiterte Kandidatur um das Amt des österreichischen Bundespräsidenten und einen Sitz im Nationalrat angefacht. Geschätzte Kosten der PR-Aktionen: mehr als 3,5 Millionen Euro.
Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte der AKV, sieht dem Verfahren mit einer "gesunden professionellen Skepsis" entgegen. Da Lugner nur noch Anteile von zehn Prozent an dem Einkaufszentrum hält, scheint die geplante Umschuldung nach dem "Miet- und Rückkaufschema" die Banken kaum noch begeistern zu können.
So ein Pech. Denn eigentlich hatte der goldene Karriereherbst für die gelernte Supermarktverkäuferin "Mausi" und den betagten Gatten heuer erst richtig beginnen sollen. Doch die im Sommer gestartete Liquidierung der Firma Baumeister Ing. Richard Lugner ging der Prahlhans nach Ansicht von Insidern viel zu "patschert" an.
Um schnell in den gut abgesicherten Ruhestand zu wechseln, versuchte Lugner, seine Gläubiger im Zuge eines so genannten stillen Ausgleichs mit nur 27,9 Prozent ihrer Verbindlichkeiten abzuspeisen. Als eine von ihm beauftragte Sanierungsagentur unwilligen Schuldnern gar drohte, sie sollten mit der Begleichung der Teilschuld zufrieden sein oder sie bekämen gar nichts, riet die AKV zur Abwicklung im Rahmen eines Insolvenzverfahrens.
Das schnelle Vorgehen begründeten die Kreditschützer zudem mit dem Verdacht, dass Vater Lugner Teile des Vermögens vor der Liquidierung zu seinen Söhnen aus erster Ehe, Alexander und Andreas, sowie in eine Familienstiftung verschoben habe, die "Mausi", Gattin Nummer vier, und deren neunjährige Tochter begünstige. Das ist jene Göre, die weiland als Säugling im vergoldeten Kinderwagen über die Wiener Einkaufsmeile Kärntnerstraße geschoben worden war.
Änderungen in der Stiftungssatzung sind laut "Profil" erst am 13. Oktober vorgenommen worden. Derartige Ungereimtheiten bestreiten die Söhne zwar, doch räumte Alexander Lugner, 40, in der österreichischen Presse ein, dass der Niedergang des Vaters auch mit dessen schillerndem Lebenswandel zu tun habe. "Man kann nicht Leuten Geld schulden und gleichzeitig so auftreten." JÜRGEN KREMB
* Mit Gattin "Mausi", "Baywatch"-Star Pamela Anderson und Sänger Kid Rock am 27. Februar.
Von Jürgen Kremb

DER SPIEGEL 48/2003
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