DER SPIEGEL



Das Nürnberger Labor

Von Smoltczyk, Alexander und Geyer, Matthias

Als Hort der Verschwendung ist die Bundesanstalt für Arbeit nun in den Schlagzeilen, dabei soll die Mammut-Behörde eigentlich vormachen, was Deutschland nicht gelingt - sich radikal zu reformieren. Von Matthias Geyer und Alexander Smoltczyk

Sechs Nadeln stecken noch in der Wand, kleine Nadeln mit rotem Kopf. Wahrscheinlich hat man sie vergessen, als dieser Raum verlassen wurde. Alles, was einmal an diesen Nadeln hing, ist weg. Die Papiere, die Folien, die Zeichnungen.

Manchmal hatten sie ausgesehen wie Schaltpläne für ein Kraftwerk, überall waren kleine Blitze zu sehen. Die Blitze bedeuteten: "Kritisch, Zielkonflikt". Im Lauf der Zeit waren es immer weniger Blitze geworden, neue Symbole tauchten auf, kleine Mondgesichter, die fröhlich lachten. Die Mondgesichter hießen: "Planmäßig, günstig". Es wurden immer mehr.

Am Ende hing ein fertiger Plan an der Wand. Es war der Plan für ein besseres Deutschland, ohne Massenarbeitslosigkeit und ohne Aktenberge. Das neue Deutschland hing an kleinen Nadeln mit rotem Kopf. Der Plan wurde in Umzugskisten gepackt und weggeschafft. Dann kam das Reinigungspersonal und machte Ordnung.

Es war ein guter Plan. Es durfte nur nichts schief gehen.

Die Tische, die an den Wänden gestanden hatten, beladen mit ein paar Pfund Papier, stehen jetzt leer in der Mitte des Raumes. Ein Projektor steht in der Ecke, das Stromkabel wurde sorgfältig zusammengerollt. Der Raum sieht aus wie ein verlassener Bunker. Er heißt 5U2.

Ein großer Mann mit Oberlippenbart steht an der Tür, er guckt still in den Raum hinein. Dann sagt er: "Ich glaube schon, dass hier die neue Welt entstanden ist."

Der Mann heißt Michael Pflügner, er war jeden Tag dabei. Pflügner war Direktor der Führungsakademie der Bundesanstalt für Arbeit. Sie liegt in Lauf, 23 Kilometer von Nürnberg entfernt, in einem Waldgebiet.

"Es ist unser Tischtennisraum", sagt Pflügner. Er steht noch immer in der Tür von 5U2. "Aber wir brauchten den Platz."

Jeden Tag waren 200 Leute in der Führungsakademie. Man musste Hotelzimmer anmieten, einen Shuttle-Service organisieren. Die Küche hatte länger Betrieb als sonst, weil in drei Schichten gegessen wurde. "Es war auch eine hohe Anforderung an den Reinigungsdienst", sagt Pflügner. Alles ist wieder sauber.

Die meisten von denen, die nach Lauf kamen, waren Leute aus den Arbeitsämtern. Aber es waren auch Fremde da. Sie trugen Cool Water von Davidoff im Gesicht, keinen Oberlippenbart. Sie sagten "Milestones", nicht "ein Stück weit". Sie kamen von Unternehmensberatungen, McKinsey, Roland Berger, BearingPoint, IBM und Accenture. Sie beraten jeden, der modern werden will, Politiker, Gurkenfabriken, Kirchen.

Und sie sind teuer. Marktgerecht teuer. Unvorstellbar teuer für einen Facharbeiter, der jeden Monat seine 150 Euro nach Nürnberg schickt.

Für die Männer von McKinsey hatte Michael Pflügner die Zimmer 314 bis 316 als Besprechungsräume eingerichtet. In der Führungsakademie sah es aus wie in einem Übertragungswagen von RTL. Die Kabel hatten etwas mit der neuen Welt zu tun, von der die Berater und der neue Chef Florian Gerster immer sprachen. Die Leute von den Arbeitsämtern mussten nur aufpassen, dass sie nicht darüber stolpern.

Es war Anfang Januar. Manchmal kam Florian Gerster vorbei und führte Kamingespräche. Damals ging es nicht um Vorstandsspesen und Honorare an Leute, die auch im Präsidium von Hertha BSC sitzen. Es ging um Hartz III, um den Umbau der Bundesanstalt für Arbeit (BA) in eine moderne Dienstleistungsagentur. Es ging um die Frage, ob das, was sich Peter Hartz zur Rettung des Arbeitsmarktes ausgedacht hat, etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Hartz, VW-Personalvorstand und Kanzlerfreund, hatte im letzten Bundestagswahlkampf für Gerhard Schröder ein Konzept verfasst, von dem er behauptete, es könne die Arbeitslosigkeit halbieren. Die Politik machte daraus vier Kapitel, Hartz I, II, III, IV. Hartz I handelte von Personal-Service-Agenturen, Hartz II von Ich-AG und Minijobs, Hartz III vom Umbau der Bundesanstalt, Hartz IV von der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe.

Wahrscheinlich ist Hartz III die Reform der Bundesrepublik Deutschland, bei der die meiste Kraft gebraucht wird. Es ist nicht nur die Reform eines Systems. Es ist ein Experiment mit Menschen. Man kann nicht einfach etwas wegschneiden oder hineinschrauben, den Zahnersatz zum Beispiel oder den Nachhaltigkeitsfaktor.

Im Pingpong-Keller in Lauf ist die Anordnung vorbereitet worden für einen Laborversuch mit 90 000 Beteiligten: die Reform der größten Sozialbehörde Deutschlands. Sie soll starten in der Nürnberger Zentrale. Dann sollen die Ergebnisse in 180 Ämtern freigesetzt werden, so wie beim Gen-Mais. Und dann soll die Reform überspringen auf andere Dienststellen, Ämter, Ministerien. Auf das ganze Land. Es soll ein Test sein, ob die Anstalt Deutschland reformierbar ist. Der Staat als Lokomotive einer Revolution, eine Idee made in Germany: Bürokraten, entbürokratisiert die Bürokratie! Beamte, befreit das Land!

Jeden Tag, sagt Michael Pflügner, hingen neue Zettel an den Nadeln. Manchmal waren über Nacht aus Mondgesichtern Blitze geworden. Die Leute guckten auf die Zettel, wie Ärzte auf Krankenakten gucken. "Das Licht hier brannte auch nach Mitternacht noch", sagt Pflügner.

Er sah Kollegen, die vor dem Schlafengehen in ihrem Zimmer am Laptop saßen. Sie arbeiteten in 25 Projektgruppen. Von Januar bis Juni. Vielleicht kann man es mit Exerzitien vergleichen, mit Einkehrwochen bei McKinsey, in denen die Gedanken weit weg von der Familie und ganz nah beim Arbeitsamt der Zukunft waren.

Die Gedanken kamen von den Fremden und von dem neuen Chef. Sie sagten: Ihr seid keine Anstalt, ihr seid eine Agentur. Ihr seid Vermittler, keine Verwalter. Ihr betreut Kunden, keine Arbeitslosen. Ihr werdet in Job-Centern arbeiten, sie werden hell und freundlich sein, Wellness-Tempel des Sozialstaats, nie wieder wird es wartende Menschen in stinkenden Arbeitsämtern geben. Ihr seid modern, modern, modern, ihr modernisiert das Land.

Niemand hätte sich damals vorstellen können, dass die neue Welt durch den Beratervertrag mit einer Public-Relations-Agentur in eine Public-Relations-Krise geraten würde.

Dass der Erfinder der neuen Welt nicht wegen der über vier Millionen Arbeitslosen in Bedrängnis kommen würde, sondern wegen der 1,3 Millionen Euro Honorar an eine WMP EuroCom AG.

Und vielleicht fing damals etwas an, was jetzt zur Krise geworden ist. Als ein vom Kanzler geschickter Mann sich daranmachte, die Anstalt wie ein Unternehmen zu behandeln. Mit Unternehmensberatern, -sprache, -honoraren und -spesen. Und dabei ein Gesetz vergaß. Eine Behörde ist eine Behörde ist eine Behörde. Von allen benutzt und gescholten, sehr empfindlich und unendlich beharrlich.

Michael Pflügner sagt, die Arbeit an dem Umbauplan habe viel Kraft gekostet. Aber es gab immer Hoffnung. Auf dem Weg in die Kantine konnte man Bilder der Schöpfungsgeschichte sehen. Der Siebte Tag, als alles gut war in der Führungsakademie der Bundesanstalt für Arbeit, war der 24. Juni 2003. Im Raum 5U2 wurde der letzte Zettel von der Wand genommen. Im Garten gab es Grillwürstchen und Bier. Alle Fragen waren beantwortet. Auf den Zetteln nur noch Mondgesichter.

"Es war eine schöne Zeit", sagt Pflügner im Raum 5U2. Er macht das Licht aus.

DIE ANSTALT thront über Nürnbergs Südstadt, uneinnehmbar, mit verspiegelten Scheiben und Ehrfurcht einflößend wie eine Zitadelle. Frühmorgens leuchtet sie über der B4, und wenn die Mitarbeiter der Anstalt sich dann die Regensburger Straße entlangstauen, sehen sie schon Kilometer entfernt das bläulich schimmernde Gebäude, in dem sie nach Bundesangestelltentarifvertrag die nächsten siebeneinhalb Stunden verbringen werden.

Irgendwo in einem der 1795 Räume weiß jemand, wann Deutschland seinen fünfmillionsten Arbeitslosen begrüßen wird. Irgendwo hinter den 13 360 Quadratmetern Glas steht leise vibrierend "Zeus", das anstaltseigene Speichersystem, das 34 Millionen Deutsche beim Namen kennt, es weiß ihre Adresse und wann die Kinder Geburtstag haben. Irgendwo in dieser 5,48 Hektar großen Festung am Ende der B4 verschwinden dieses Jahr mehr als 53 Milliarden Euro.

Wer sich der Anstalt nähert, sieht, dass sie aus Dreiecken zusammengesetzt ist wie ein gewucherter Kristall. Dreieckig das Pflaster, dreieckig die Lampen, Fliesen, Deckenpaneele. Das Dreieck ist ein stilisierter Buchstabe. A wie Arbeit, A wie Anstalt, A wie Angst. Wie Affäre.

Als die Bundesanstalt für Arbeit 1973 ihre Zentrale bezog, schrieben die Architekten: "Entspannung und Wohlbefinden benötigt jeder arbeitende Mensch." Es wurde ein Gymnastikraum mit Trimm-Geräten gebaut. Es gab Ruhezonen und Aktenaufzüge. Alles gut gemeint. Die Anstalt war wie die Reformzeit unter Willy Brandt.

Im Jahr 1972 gab es 246 000 Arbeitslose in der Bundesrepublik.

Hinter der Eingangstür Regensburger Straße 104 ist eine ergonomische Fußmatte ausgebreitet, auf der seit 6.45 Uhr ein Mitarbeiter in grauem Anzug steht und die Dienstausweise kontrolliert. Um 8.45 Uhr verlässt der Mann seine Matte. Er entriegelt die Tür und hält sie trotz der Kälte weit geöffnet. Draußen hat ein grauer BMW gehalten. Gesenkten Blicks, unterm Arm die Zeitung für den klugen Kopf, betritt Florian Gerster die Bundesanstalt. Er nickt dem Pförtner zu, geht am Fahrstuhl vorbei und verschwindet im Treppenhaus. Auch das Treppenhaus ist dreieckig.

"Eine architektonisch herausragende, zukunftsorientierte Gebäudeanlage" nannte der damalige Präsident der Anstalt, Josef Stingl, das Gebäude. Florian Gerster hat der Architektur seiner Behörde nie etwas abgewinnen können. "Gebaute bürokratische Macht", sagt er. Er mag auch keine Ruhezonen.

Im Oktober 2003 gibt es 4 151 800 Arbeitslose in der Bundesrepublik.

Das Gebäude der Bundesanstalt ist der in Beton gegossene Glaubensgrundsatz der rheinischen Republik: Jedes gesellschaftliche Problem ist lösbar, sofern es nur genügend Vorschriften gibt, Gesetze, Haushaltsmittel und Verwaltungsoberräte.

30 Jahre lang arbeitete die Maschine. Die Mitarbeiter berieten, vermittelten, rechneten, immer bis an die Grenzen des BAT, bisweilen sogar bis an ihre Leistungsfähigkeit. Es ging immer gut. Die Arbeitsstellen verdreifachten sich von 32 303 im Jahr 1973 bis heute, die Ordner mit den Dienstvorschriften und Dienstvorschriftskorrekturen wuchsen noch schneller.

Dann, vor knapp zwei Jahren, kam heraus, dass die Statistiken teilweise falsch und die Vermittlungsbilanzen hohl waren. Nur ein Zehntel der Mitarbeiter war mit Vermittlung beschäftigt.

Die Reformanstalt war zum Monstrum geworden. Mit einem Budget fast so groß wie der Umsatz von BMW und Audi zusammen. Mit mehr Beschäftigten als BASF. Und mit der Wirkungskraft eines Volkseigenen Betriebs. Es ging nicht mehr.

Kein Land gibt mehr aus für Vermittlung und Arbeitsmarktpolitik, nirgendwo sind die Erfolge so dicht an der Nachweisgrenze wie in Deutschland. Ein Großteil der Vermittlungen läuft an den Arbeitsämtern vorbei. In blindem Eifer werden Karteibestände zu den Unternehmern geschickt, unsortiert und ungefiltert.

Flure, Beratungszeiten, Fortbildungsseminare werden verstopft von jenem Fünftel aller arbeitslos Gemeldeten, die keine Arbeit suchen, sondern stempeln gehen wegen des Kindergelds oder der Rente.

Die Bundesanstalt steht für ein in die Jahre gekommenes Sozialsystem, ebenso unbezahlbar wie unkündbar. Sie steht für Ineffizienz, Überregulierung, Reformresistenz. Die Bundesanstalt steht für Deutschland. "Das ist meine größte Baustelle", hat der Kanzler gesagt. "Ich möchte dich bitten, als Bauleiter diese Baustelle zu übernehmen", hat er zu Florian Gerster gesagt.

Der hatte zum ersten Mal in seinem Leben die Chance, ein Manager zu sein. Er fing an, seine internen Vermerke mit "VV" zu zeichnen, Vorsitzender des Vorstands, und engagierte für 62,5 Millionen Euro die feinsten Unternehmensberatungen des Landes. Und damit alle im Land erführen, dass die Nürnberger Anstalt von nun an eine andere sei, schloss er noch einen Vertrag. Der kostete nochmals 1,3 Millionen Euro Honorar und 25 Millionen für die Imagekampagne.

Aber es würde sich lohnen. Sagten die Berater. Sagte Gerster. Schließlich ist das Experiment einmalig in Deutschland. Die Staatsbetriebe Post, Telekom, Bahn sind privatisiert worden, bei günstigerer Konjunktur und mit mehr Zeit. Jetzt soll sich die größte Behörde aus eigener Kraft in eine kundenorientierte Agentur verwandeln.

Ein Amt muss Markt spielen und so tun, als wäre es eine Fabrik. Das ist so, als sollte aus der sowjetischen Planungskommission Gosplan ein kalifornisches Start-up werden. Alles ist offen, nur das Ergebnis nicht: Das Experiment muss gelingen. Es geht um alles, um das Land. Deswegen ruft das Kanzleramt so oft an.

DIE KANTINE der Bundesanstalt hat einen blauen Teppichboden und orangefarbene Stühle. Sie war modern, als Arbeit Suchende in Deutschland so häufig waren wie heute Transsexuelle. Seither ist hier nicht viel passiert. Ende der Siebziger explodierte einmal eine Bombe im Innenhof, und seit kurzem steht ein "Lavazza"-Stand in der Cafeteria.

Ansonsten wechselte nur das Menü. Aus Sicherheitsgründen hatte der Hausmeister am Kantineneingang ein Schild anbringen lassen: "Achtung. Türen schließen selbsttätig. Aufenthalt im Schwenkbereich der Türen bitte vermeiden. Durchgang nur rechts in Laufrichtung". Die Kantine der Bundesanstalt war so wie das ganze Land.

Kein Ort, um Angst zu haben. Wer morgens beim Pförtner auf der Matte seinen Dienstausweis vorzeigen konnte, hatte den sichersten Arbeitsplatz der Republik. Das ist vorbei.

Es gibt eine Furcht. Niemand weiß genau, wovor, denn noch ist nichts passiert. Aber da sind diese Fremden. Sie tragen anthrazitfarbene Anzüge und sind immer gut rasiert. "Meckis" nennt man sie, weil das harmloser klingt als "McKinsey".

Man sieht sie nicht oft in der Kantine. Aber ihre Wörter geistern durch die Flure, "Matching", "Bildungsholding", "Profiling", "Controlling". Die neuen Begriffe liegen den Mitarbeitern noch wie Steine auf der Zunge. Manchmal klingt es, als hätten sie ein Vokabelheft in der Innentasche ihres Sakkos und würden immer wieder nachschauen, wenn gerade keiner guckt. Es ist ein wenig wie in Ostdeutschland nach der Wende.

Es gibt einen Zeitungsständer in der Kantine. Aber es ist besser, nicht auf die Schlagzeilen zu schauen. Es muss ja weitergehen. Die Menschen sitzen manchmal allein an den runden Tischen und schauen rüber zu den anderen Tischen, sie sehen Kollegen, von denen sie nicht wissen, was sie jetzt machen, ob sie zur alten Welt gehören oder zur neuen Welt.

Michael Kühn gehört zu beiden, er ist ein Grenzgänger. Kühn ist "Leiter IV/OC Organisationscontrolling", er kam auf eine Planstelle, die es vorher nicht gab: Kühn soll die Kosten senken. Am Morgen ist er um 6.30 Uhr in das Zimmer EB 626 gekommen, er sitzt vor einem weißen Blatt Papier und sagt: "Es gibt noch einen starken Optimierungsbedarf."

Bevor er in das neue Zimmer zog, hatte er die Anstalt für ein paar Wochen verlassen und war als Hospitant unterwegs, bei Siemens, Porsche, IBM, Kugelfischer, BASF. Als er zurückkam, wusste er, was in der Marktwirtschaft möglich ist.

Kühn ist ein Mann mit einem getrimmten Vollbart, der in geordneten Sätzen spricht. Er sitzt vor einem weißen Blatt Papier und erklärt, wo man überall Geld sparen kann. Bei den Möbeln. "Durch Nachverhandlung konnten wir bei Stühlen noch mal 18 Prozent rausholen." Beim Fuhrpark. "Auch beim Tanken gibt es Großkundenrabatte." Bei den Fremdfirmen. "Wir sind eine Einkaufsmacht."

Kühn erzählt, dass er für die verschiedenen Bereiche Spezialeinheiten zusammengestellt habe, er hat sie Quick-Win-Teams genannt, "wir sagen QWT". "Wirtschaftlichkeit heißt ja: bei gleicher Qualität weniger Mittel in Anspruch nehmen", sagt Michael Kühn. Er ist so etwas wie der Hans Eichel der Bundesanstalt. Er denkt in der Größe von Sparschweinen. Er denkt nicht so groß wie Florian Gerster.

DAS IMPERIUM der BA erstreckt sich von Norderstedt bis Limbach-Oberfrohna, von Lüdinghausen bis Dingolfing. Die Zentrale an der Regensburger Straße kontrolliert 10 Landesarbeitsämter, 180 Arbeitsämter und rund 660 Geschäftsstellen. Es gibt eine eigene Fachhochschule in Mannheim, die Führungsakademie in Lauf, diverse Bildungszentren.

Die Anstalt unterhält Vertretungen in der deutschen und in der europäischen Hauptstadt. Sie schickt im Monat 14 Millionen Briefe heraus. Zentral werden alle Broschüren erstellt und die Leistungen zugeteilt. Die Bundeszentrale ist die Verwirklichung des Traums von Erich Honecker. Eine Verwaltung mit Totalitätsanspruch.

Und weil Florian Gerster mit Michail Gorbatschow die Überzeugung teilt, dass zuerst das Denken sich ändern müsse, bevor die Bilanzen sich verbesserten - deshalb sitzt an der Spitze seiner Denkabteilung jetzt Jutta Allmendinger.

Hinter ihrem Schreibtisch hängt ein Gemälde, es bedeckt die ganze Wand, es ist sehr bunt und ein bisschen wirr. Es heißt: "Bologna morgens, mittags, abends." Irgendetwas sprüht aus den Gebäuden heraus, Mauern stehen schief, Bologna dampft. Es ist von einer Künstlerin gemalt worden, die Lust an der Veränderung haben muss.

"Das ist von mir", sagt Jutta Allmendinger.

Jutta Allmendinger ist Professorin für Soziologie. Sie ist eine hagere Frau, die immer etwas verfroren aussieht. Ihre Haare liegen in sorgfältiger Unordnung, sie hat ein schmales Gesicht und sehr große Augen. Sie lacht viel. Und manchmal weiß man nicht, warum.

Seit wenigen Monaten leitet Jutta Allmendinger das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das IAB ist der Versuch, Arbeitslosigkeit zu durchschauen.

160 Menschen arbeiten hier, Psychologen, Politologen, Soziologen, Ökonomen. Sie forschen an der Arbeitslosigkeit und übersetzen sie in Zahlen. Sie machen das seit drei Jahrzehnten. Sie haben jede Zahl. Sie können sagen, dass es in Sachsen-Anhalt im August 2003 genau 37 arbeitslose Spätaussiedler weniger gegeben hat als im Juli 2003. Sie wissen, wie alles ist. Sie wissen nur nicht, warum es so ist. Jutta Allmendinger sitzt auf der Stuhlkante, sie reißt die Augen auf und sagt: "Meine Lieblingsfrage hier ist: So what?"

Sie guckt auf ein Bücherregal, Hegels "Phänomenologie" steht da, sie handelt von der Entwicklung des Geistes in dialektischen Stufen. Mit jeder Stufe gelangt der Geist zu einer höheren Erkenntnis.

Wahrscheinlich hat der Geist der Bundesanstalt für Arbeit irgendwann aufgehört, sich weiterzuentwickeln. Hat immer nur Zahlen ausgespuckt, ohne dass daraus irgendeine höhere Erkenntnis entstanden wäre. Billionen von Zahlen. So what? Wahrscheinlich war dieses Institut genauso wie das Land, in dem es seine Zahlen eingesammelt hat. Einfach nur mit sich selbst beschäftigt. Deutschland hat zehn Jahre lang ausgerechnet, was der Aufbau Ost kostet, und das IAB hat nachgezählt, wie viele Arbeitslose das macht. Und draußen hat sich die Welt globalisiert.

"Ich will immer die Warum-Frage", sagt Jutta Allmendinger. "Warum, warum, warum? Nicht: Wie haben sich Karrieren entwickelt, sondern: Warum haben sie sich so entwickelt? Ich will nicht wissen, dass es 60 000 Ich-AG gibt. Was hab ich von dieser Information?"

Sie spricht jetzt immer lauter.

Leise klopft jemand an ihre Tür.

Eugen Spitznagel kommt in das Zimmer, er nickt vorsichtig. "Kannst dich ruhig setzen", sagt Jutta Allmendinger, "ich glaube, du störst nicht."

Eugen Spitznagel arbeitet seit 1974 für das IAB. Es ist schwer zu sagen, wie viele Zahlen im Lauf dieser Zeit durch seinen Kopf gerattert sind, aber er war immer sehr glücklich in seinem Beruf. Vorhin hat er vor Journalisten die Arbeitsmarktprognose für das nächste Jahr vorgetragen, es gab neue Zahlen, sogar Florian Gerster hatte ihm dabei zugehört.

Vor Spitznagel liegt ein zusammengetackertes Bündel Papier. Es sind 89 Seiten, eng und klein bedruckt mit Zahlen. Zahlen über alles, was auf dem deutschen Arbeitsmarkt im vergangenen Monat passiert ist. Die Broschüre wiegt 478 Gramm. Fast ein Pfund Zahlen.

"Sorry, aber ich sage: Mit diesen Zahlen kann ich nichts anfangen", sagt Jutta Allmendinger. "Das sind Schnappschüsse. Aber wir brauchen Filme. Movies."

Spitznagel schweigt.

Sie guckt ihn mit ihren großen Augen an. Dann beginnt sie mit den Fingern zu schnippen. Sie kann mit den Fingern beider Hände schnippen. Sie kann einen fertig machen mit ihren schnippenden Fingern. Sie sagt: "Die Fluktuation hier am IAB geht gegen null. Das muss sich ändern." Spitznagel reibt einen Fussel von seinem Pullover. Allmendingers Finger schnippen immer lauter, es ist, als wollte sie Spitznagel aus dem Schlaf aufwecken.

Dann sagt er leise: "Also, das stimmt so nicht. Man kann von hier aus auch in die Verwaltung wechseln."

Ihre Fingernägel klacken auf den Tisch. "Ich will nicht, dass die Leute von hier in die Verwaltung gehen. Ich will, dass sie auch an die Universitäten gehen."

Spitznagel sagt: "Der Wechsel in die Verwaltung ist ein Weg, der nicht unvernünftig ist." Er guckt sie nicht mehr an.

Jutta Allmendinger fällt in ihren Stuhl zurück. Sie rollt die Augen zur Decke.

Es ist schwer zu sagen, wer unglücklicher ist, Jutta Allmendinger oder Eugen Spitznagel. Nirgendwo ist die neue Welt mit solcher Wucht auf die alte Welt geprallt wie im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Es ist die Welt des Harvard-Campus in der Welt der fränkischen Vorgärten.

Als Eugen Spitznagel gegangen ist, sagt Jutta Allmendinger: "Er ist einer meiner guten Leute."

DIE FLURE im 14. Stock sind mit Fotos geschmückt. Man sieht zwei Vermittlerinnen beim Törtchen in der holzgetäfelten Ecke eines Cafés, eine andere Gruppe, die lächelnd in der Zeitung "job&fun" blättert. Verblasste Bilder, aber niemand hat sie abgenommen. Wie zur Mahnung. Oder zur Erinnerung.

Denn eine Ecke weiter wird am Ende der Beschaulichkeit gearbeitet, mit allen Mitteln, Flipcharts, Projektstandsampeln, mit grünen Pappschildern "Release 1", "Kick-off", "Projekt-Setup" und "Coaching". Hier ist Raum 1454, das Logistikzentrum des Umbaus. Der Warroom.

"Wir bündeln die Ergebnisse der 25 Projektgruppen, machen sie in Reformpaketen operationabel für die Umsetzung", sagt Stefan Kulozik. Kulozik ist der Abteilungsleiter, ein frühzeitig ergrauter Rheinländer mit jungenhaftem Gesicht. Er kommt aus der alten Welt.

Neben ihm steht jemand ohne Namen, ohne Gesicht, der Geist von McKinsey. "Man kann Veränderung nicht per Rundbrief anordnen", sagt der McKinsey-Geist. Kulozik nickt. "Der Umbau kann nur gelingen, wenn alle daran arbeiten." Das ist der Rosenkranz aller Revolutionäre.

An den Wänden des Warrooms hängen 14 Tafeln, eine für jeden Reformbereich, für "Kundendienststelle", "Virtueller Arbeitsmarkt" et cetera. Die Tafeln bezeichnen einen Angriffsplan. Es geht gegen die abgrundtiefe Überzeugung einer Behörde, wonach die Auslegung einer Vorschrift wichtiger sei als ihre Wirkung. Es geht gegen einen Feind irgendwo da draußen, auf den Fluren mit den Souvenirbildern, in "der Fläche", überall wo Weisungskultur vermutet wird. Also eigentlich überall. In jedem Kopf.

Es sei schon einiges passiert, sagt Kulozik. In der Zentrale seien die Einnahmen aus Beitrags- und Bundesmitteln erstmals getrennt ausgewiesen worden. Es gibt einen Sparhaushalt. Keine neuen Verbeamtungen. Es gebe jetzt sogar Aufgabenprofile für die meisten Stellen im Haus. Das ist revolutionär.

"Der Reformprozess hört niemals auf", sagt Kulozik. Und dann, etwas leiser: "Wenn McKinsey wieder weg ist, dann wollen wir das auch allein können."

"Botschafter" sind ausgesandt worden, mittlere Leitungskader, die mit Folien, Powerpoint-Präsentationen, Schaubildern "als 'Change-Agents' in die Fläche" geschickt werden, um die Nachrichten aus der neuen Welt zu verbreiten. Dennoch ist es ein Blindflug.

Niemand weiß, wie es in der Praxis aussieht. Und mancher möchte es auch gar nicht so genau wissen. Aber es gibt sie schon. Man kann sie an drei Orten spüren, draußen, da, wo die Reform bereits freigesetzt worden ist, wo der "virtuelle Arbeitsmarkt" zu Hause ist, und da, wo die "Personal-Service-Agentur" schon arbeitet, und da, wo das "Arbeitsamt der Zukunft" erprobt wird.

AM EINGANG zum "virtuellen Arbeitsmarkt" liegt das "Wall Street Journal" neben den "Nürnberger Nachrichten". Es ist ein angemietetes Business-Center, vier Kilometer von der Zentrale entfernt, wo die modernste Internet-Jobbörse Europas entsteht, vielleicht der ganzen Welt. Am 1. Dezember geht sie in Betrieb. Laut Plan.

Zwei Herren sitzen in einem kleinen Büro, ohne Bilder, ohne Zimmerpflanzen, ohne die ganze Behaglichkeit der alten Welt. Der eine ist schon etwas älter, Ende fünfzig, er trägt einen Oberlippenbart und ein kariertes Jackett. Der andere ist Anfang dreißig, glatt rasiert, dunkler Anzug, vier silberne Ringe stecken an seiner Hand.

Heinrich Alt, der Ältere von beiden, ist seit 1977 bei der Bundesanstalt, er hat schon viele Arbeitsämter gesehen, und als der Vermittlungsskandal bekannt wurde, als endlich alles anders werden sollte, wurde Alt dennoch in den Vorstand berufen. "Politik und Selbstverwaltung haben das Vertrauen in mich gesetzt, dass ich für die neue Welt tauge", sagt er. Jedenfalls ist er jetzt dafür verantwortlich.

Jürgen Koch, der Jüngere, hat vor elf Jahren im Arbeitsamt Aachen angefangen. Zu Hause stand ein Computer, an dem er gesellige Abende seines Fußballvereins plante und auch die Mannschaftskasse führte. Jetzt ist er Projektleiter des virtuellen Arbeitsmarktes.

"Der Auftrag ist: Mensch und Arbeit zusammenbringen", sagt Alt.

"Das Matching verbessern", sagt Koch.

Sie reden in verschiedenen Sprachen, aber sie meinen dasselbe. Es geht darum, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer übers Internet zueinander finden. Die Idee ist, Arbeitslosigkeit mit einem Mausklick zu beenden. Eine schöne Idee, warum hat sie nicht irgendjemand schon vor zehn Jahren gehabt?

Die Zentrale in Nürnberg rechnete damit, dass es teuer werden würde. "Die erste Phase des Internet-Auftritts hat 15 Millionen gekostet. Dazu kommen die zweite Phase für den internen Auftritt und später dann die Optimierung der ersten und zweiten Phase."

Jürgen Koch rutscht in seinem Stuhl nach vorn, Heinrich Alt lässt die Asche seiner Marlboro Light in eine Kaffeetasse fallen. Dann sagt Koch: "Alles in allem werden wir bei 77 Millionen Euro landen."

77 Millionen für eine Idee, die private Anbieter zumindest teilweise längst hatten. Jobscout 24, Jobpilot oder Stepstone heißen die kommerziellen Jobbörsen im Internet. Warum braucht man 77 Millionen, um denen Konkurrenz zu machen? "Es gibt eigentlich kein Limit. Nur eine Kosten-Nutzen-Abwägung", sagt Alt.

"Die Vakanzen sollen nahtlos in unseren virtuellen Arbeitsmarkt kommen, ohne Time-Lag", sagt Alt.

"Drei Sekunden von der Eingabe bis zur Antwort", sagt Koch.

Das System wird perfekt sein. Nur die Menschen, die es benutzen sollen, sind nicht berechenbar. Man kann in Deutschland eine Nullrunde für Rentner verfügen, man kann die Patienten dazu bringen, zehn Euro Eintrittsgeld beim Arzt zu bezahlen, aber niemand kann Menschen dazu zwingen, sich an einen Computer zu setzen und im virtuellen Arbeitsmarkt nach einem Job zu suchen.

DAS ZWEITE PROJEKT der Zukunft, die Personal-Service-Agentur GAÜ (Gemeinnützige Arbeitnehmerüberlassung), liegt 84 Kilometer von der Zentrale entfernt, in Bayreuth. Ulrich Gawellek sitzt auf der Rückbank eines Mercedes-Benz. Regen klatscht gegen die Scheibe. Gawellek hat ein graues Gesicht und kleine Augen. Er sieht erschöpft aus.

Der Mann im Fond leitet in der Nürnberger Zentrale das Referat Ib3. Er hat den Überblick darüber, was von Hartz I, II, III schon Wirklichkeit geworden ist. Tausende Arbeitslose haben sich bei den Ämtern abgemeldet, weil ihnen die neuen Regeln zu anstrengend geworden sind. 5200 Ich-AG sind entstanden, rund eine Million Minijobs. In den Zeitungen steht, das sei ein Erfolg. Nur über die Personal-Service-Agenturen (PSA) machen sich die Zeitungen gern lustig. Und ausgerechnet für die ist Gawellek zuständig.

Auf seinem Schoß liegt eine grüne Mappe aus Pappe ("Sofort vorlegen"), er zieht einen Zettel daraus hervor, ein Computer hat Zahlen auf den Zettel gedruckt, statistisches Material über die Personal-Service-Agenturen.

Gawelleks Personal-Service-Agenturen waren die Wunderwaffen im Arbeitsmarktkonzept von Peter Hartz. Hartz hatte ausgerechnet, dass es bis zum Jahr 2005 780 000 Plätze in solchen Zeitarbeitsfirmen geben werde. Sie würden Langzeitarbeitslose einstellen und an die Firmen verleihen, und mit der Zeit würden die Langzeitarbeitslosen so in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Es klang sehr plausibel. 780 000. Das Land ist eingenebelt worden mit dieser Zahl. "Schwer nachvollziehbar", murmelt er. Der Vorstand hat gesagt: Das Ziel sind 50 000 PSA-Eintritte für dieses Jahr. Für Ulrich Gawellek zählt, was der Vorstand sagt.

Der Mercedes schnurrt durch den Regen, Gawelleks Zeigefinger fährt über das Blatt Papier, langsam. Links ist der Juni, rechts der Oktober. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die sich da entwickelt. "Wir nähern uns dem Ziel", sagt er. Sein Zeigefinger springt durch die Rubriken. Eintritte, Bestand, Besetzungsquote, überall klettern die Zahlen in die Höhe. Gawellek lächelt still.

Im Oktober steht unter der Rubrik "Abgänge in sozialversicherungspflichtige Berufe" die Zahl 2757. Das bedeutet, dass 952 Personal-Service-Agenturen 2757 Menschen in richtige Arbeit vermittelt haben.

952 zu 2757. Pro PSA nicht mal drei echte Jobs. So kann man Gawelleks Zettel auch lesen. "Wenn man will, kann man das natürlich so lesen, ja", sagt Gawellek. Er guckt aus dem Fenster.

Die Bundesanstalt bezahlt in diesem Jahr über 150 Millionen Euro dafür. "So ein System muss erst mal in der Fläche implementiert werden", sagt Gawellek. Sein Auto ist vor der Personal-Service-Agentur GAÜ angekommen. "Na, dann woll'n wir mal", sagt Gawellek.

Oben in der ersten Etage wartet der Geschäftsführer von GAÜ, er hat eine Info-Mappe mitgebracht, man sieht darauf Fotos von glücklichen Menschen bei der Arbeit, sie binden Blumensträuße und legen Salamischeiben auf Brotschnitten.

Der Geschäftsführer läuft durch die Gänge, in den Büros sieht man Menschen, die in ihren Bildschirm gucken und dabei telefonieren, dann steht er im Zimmer von Volker Ruoff. Ruoff ist Personaldisponent, das heißt, er muss die Langzeitarbeitslosen in Jobs bringen, er ruft bei Firmen an und fragt, ob sie ihm Leute abkaufen wollen. Personaldisponenten sind die Drückerkolonne der Arbeitsmarktreform.

Ruoff raucht viel, und nach jedem Telefongespräch wühlt seine Hand durch die Haare. "Hier", sagt er, sein Fingernagel tippt auf den Bildschirm, "bei denen könnte heute etwas gehen." Es ist ein kleines Unternehmen, das Werkzeuge herstellt. Ruoff wählt die Telefonnummer. Er wird mit dem Firmenchef verbunden.

"Ruoff von der Personal-Service-Agentur GAÜ, Grüß Gott."

Die Stimme am anderen Ende der Leitung schweigt.

"Ich hatte Ihnen vor einiger Zeit Informationsmaterial zukommen lassen. Haben Sie das bekommen?"

"Ich hab nix gefunden", sagt die Stimme.

"Zwei Seiten und ein kleiner Flyer."

"Aha", sagt die Stimme, "da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen."

"Ich könnte es zur Sicherheit noch einmal raussenden."

"Können Sie machen. Auf Wiederhören."

Ruoff zündet sich eine Zigarette an. Auf seinem Bildschirm tanzt jetzt das Vereinsemblem des Hamburger SV. "Die haben es i m Moment auch nicht leicht", sagt Ruoff. Sein Geschäftsführer sitzt still daneben.

DEUTSCHE REFORMEN sind vielleicht so. Der virtuelle Arbeitsmarkt ist teuer, es gibt ihn anderswo schon in ähnlicher Form, und er kommt Jahre zu spät, dafür wird er perfekt sein. Der virtuelle Arbeitsmarkt ist wie das deutsche Maut-System.

Die Personal-Service-Agenturen waren mal eine einleuchtende Idee, halten viele Leute auf Trab und haben darüber hinaus kaum Auswirkungen. Aber sind sehr gut gemeint. Die PSA sind wie das deutsche Dosenpfand.

Man könnte verzweifeln. Aber in diesem Land gibt es noch Leute wie Rainer Bomba. An ihm hängt der wichtigste Teil der Reform. Zweifel kennt er nicht.

Rainer Bomba soll das "Arbeitsamt der Zukunft" erfinden, das dritte Projekt der neuen Zeit. Er soll dabei so tun, als hätte es vor ihm nie ein Arbeitsamt gegeben. Es ist, als könnte jemand eine neue Bundesrepublik Deutschland erfinden. Eine Bundesrepublik ohne verstaubte Verfassung, ohne AOK, ohne Heerscharen von Rentnern, ohne Dosenpfand und ohne Bundesanstalt.

Bomba malt ein großes Rechteck auf einen Papierbogen und sagt: "So, das ist eigentlich schon alles." Das perfekte Arbeitsamt ist so schnell gemalt wie das Haus vom Nikolaus. Bomba sagt: "Es ist nicht kompliziert, und das ist die Brillanz des Systems."

Oben links in das Rechteck zeichnet Bomba ein kleines Kästchen und malt AV/AB dahinter, das heißt: Arbeitsvermittlung, Arbeitsberatung. Rechts davon zeichnet er ein zweites Kästchen, daneben steht L, L wie Leistungsabteilung. Unten in das Rechteck setzt er noch einen großen Kasten und schreibt EZ daneben, Eingangszone. Vor EZ steht EB, Eingangsbereich. Am Ende malt er zwei Häuschen, die außerhalb des Rechtecks liegen, neben dem linken Häuschen steht VAM, virtueller Arbeitsmarkt, neben dem rechten Häuschen steht SC, Service-Center. Bomba tupft eine gestrichelte Linie um EZ, VAM und SC und sagt: "Fertig."

Bevor Rainer Bomba in die Anstalt kam, hat er bei Möbel Walther gearbeitet. Er sagt, im Arbeitsamt der Zukunft werde es keine Stühle mehr geben. Man brauche keine Stühle mehr, denn es werde auch keine Menschen mehr geben, die Schlange stünden.

Rainer Bomba dreht sich um und sagt: "Hier muss ein Knaller rauskommen." Rainer Bomba malt einen Kreis um EB. "Hier vorn", sagt er, "stehen drei Damen, alle adrett gekleidet. Kommt der Kunde rein, sagen die Damen: Guten Tag, was kann ich für Sie tun? Der Kunde nennt sein Anliegen und wird von den Damen geroutet. Das dauert fünf Sekunden. Vielleicht zehn. Das geht zack, zack."

Das Arbeitsamt der Zukunft hängt an drei Damen, die adrett gekleidet sind. Sie machen einen Job, der im Bundesangestelltentarif unter der Rubrik "Berater" geführt wird. Berater haben die Vergütungsgruppe VII. Sie sind schlecht bezahlt. Bomba kann alles neu erfinden, nur den Bundesangestelltentarif nicht.

"Wir führen da noch Gespräche", sagt Bomba. Draußen wartet ein Dienstwagen, der ihn nach Heilbronn bringt. Er muss den Ernstfall proben.

Das Arbeitsamt in Heilbronn ist klein und gemütlich, es gibt hier keine aggressiven Menschen, die Arbeitslosenquote ist niedrig, 6,4 Prozent. In Heilbronn kann nicht viel passieren. Das, was Bomba im Schlaf auf Papier malen kann, muss in Heilbronn Wirklichkeit werden, langsam, Rechteck für Rechteck. Es ist ein Versuch. Man beobachtet, was passiert.

Unten im Eingangsbereich ist eine schwarz-gelbe Schnur gespannt worden, es sieht aus wie in einer Flughafenhalle, in der es eine Bombendrohung gab. Der Kunde kann nicht mehr hinlaufen, wo er will, er muss an dem Band entlanggehen, das Band endet an einer weißen Theke, und vor der Theke steht Frau Riedel.

Sie ist adrett gekleidet, mit einem bunt gemusterten Pullover, an dem sie ein Namensschild trägt, und jeden, der reinkommt, fragt sie: "Guten Tag, was kann ich für Sie tun?"

Abends, sagt Frau Riedel, sei sie erschöpft. Es sei anstrengender als früher. Manche Leute liefen einfach durch, weil sie behaupteten, sie würden sich auskennen.

Im ersten Stock gibt Frau Schwenk die Daten eines Arbeitslosen in den Computer ein. Neben ihr steht ein McKinsey-Geist in seinem dunklen Anzug. Das Computerprogramm war McKinseys Idee. Es hat den Namen "bad", bad heißt: Berechnungshilfe Arbeitnehmerdifferenzierung.

Es ist heikel. Was hier getestet wird, ist eine Art elektronischer Arbeitsvermittler.

Menschliche Arbeitsvermittler haben unter anderem die Aufgabe, die Chancen von Arbeitslosen auf dem Markt zu taxieren. Sie müssen abwägen, was der Kunde taugt. Wie schnell bringt man ihn zurück in den Markt? Muss man nachhelfen? Lohnt es überhaupt noch? Menschliche Arbeitsvermittler brauchen manchmal viel Zeit, um solche Fragen zu beantworten.

"Wir lassen im Moment den Vermittler gegen die Maschine laufen", sagt der Mann von McKinsey.

Eigentlich hat der Vermittler keine Chance gegen die Maschine. Frau Schwenk gibt die Daten ein, drückt auf "Enter", und eine Sekunde später steht das Ergebnis auf ihrem Bildschirm: "1". Ihr Kunde gehört zur Kategorie eins, eins heißt: leicht vermittelbar. Der Computer kennt vier Kategorien, von eins bis vier. Vier ist hoffnungslos.

"Was die Maschine ausspuckt, ist meistens nicht so falsch", sagt der Mann von McKinsey. "80 bis 90 Prozent Trefferquote."

Dann geht er ins Erdgeschoss, beim Empfang nach dem Rechten sehen. Rainer Bomba ist auch gerade da, er schreibt etwas in seine Ledermappe. Eine Gruppe Ausländer steht vor Frau Riedel. Es sieht so aus, als habe sich eine Schlange gebildet, wenn auch nur eine kleine.

Rainer Bomba steigt wieder in das Auto, das ihn von Heilbronn nach Nürnberg zurückbringt. 155 Kilometer. Mit jedem Kilometer verschwimmen die Gedanken an Schaubilder und Sprechanlagen.

Irgendwann ist er auf der B4. Vor ihm türmt sich die Bundesanstalt. Sie schimmert bläulich wie all die Jahre, jetzt im Dunkeln sieht sie aus wie ein viel zu großer, von unsichtbaren Strömungen getriebener Tanker. Im ersten Stock, der Vorstandsetage, ist noch Licht, doch Bomba sieht nicht, wer in dem Büro sitzt. Vielleicht spielt es auch keine Rolle.

DAS GEBÄUDE, in dem das vielleicht größte Experiment dieses Landes eingeübt wird, ist jetzt fast leer. Der Mann von der Sicherheit steht noch auf seiner Matte. Während sich draußen auf der B4 wieder die Autos stauen und die Mitarbeiter nach Hause fahren, surren im Keller der Anstalt die Rechner. Sie mahnen, aggregieren, korrespondieren, erteilen und kürzen. Es ist wie immer. Ab und zu eilen Leute mit Papprollen unter dem Arm in die Aufzüge, "Change-Agents" auf dem Weg in den 14. Stock, in die neue Welt, wo noch gearbeitet wird. Auch Rainer Bomba verschwindet im Fahrstuhl. Die Revolution machen.

Es ist eine langsame Revolution. Mit vielen Erlassen, die alle eifrig umgesetzt werden. Mit Gewinnern und vielleicht auch mit Verlierern, aber die Verlierer werden weich fallen, und die Gewinner ein schlechtes Gewissen haben. Denn es ist eine deutsche Revolution.

"Die Bundesanstalt", hat der Mann gesagt, der sie umerziehen sollte, "hat wie ein Einzelmensch das Leidenswissen, ständig missbraucht worden zu sein. Das hat viel zu tun mit dem kollektiven Selbstverständnis dieser Organisation." Florian Gerster hat das gesagt nach anderthalb Jahren in einer Behörde. Er hat die Behörde wie ein Unternehmen behandelt, weil er sie verändern wollte. Weil er sie retten wollte.

An den Wänden des Vorstandszimmers hat Gerster Karikaturen aufhängen lassen, Zerrbilder von sich selbst. Zu sehen ist Gerster als Feuerwehrmann, Gerster auf der Baustelle. Es ist eigentlich immer das gleiche Motiv: ein Mann als Sisyphus.

Vielleicht sagt das alles. Vielleicht hat das alles keinen Zweck. Vielleicht kann man ein Monstrum nicht dressieren.

Vielleicht haben alle die Recht, die immer behauptet haben, ein besseres Deutschland werde es nur dann geben, wenn die Bundesanstalt für Arbeit tot ist. Angela Merkel zum Beispiel, die CDU-Chefin. Sie hat in Nürnberg die Trutzburg deutscher Reformresistenz entdeckt. Oder Dirk Niebel, der Arbeitsmarktexperte von der FDP. Niebel sagt: Zerschlagen, zerstückeln. Oder diese fünf Universitätsprofessoren, die vor ein paar Wochen mit ihrer "Gemeinschaftsinitiative Soziale Marktwirtschaft" bekannt wurden. Sie sagen: Abschaffen, weg damit.

Vielleicht wäre dann alles leichter gewesen. Vielleicht.

Nun steht sie immer noch da, die Anstalt, groß, steinern, ewig. Sie ist diesem Land zu ähnlich. Ein Wesen mit Gewohnheiten und Beharrungsvermögen, mit tief sitzenden Verletzungen, die nicht mehr richtig heilen. Und mit einem runden Rücken gegenüber allen Plänen, egal ob sie "Umbau" heißen oder "Agenda 2010".

Die ersten Berater haben die Anstalt schon wieder verlassen. Vielleicht muss auch der Chef bald gehen. Die Anstalt wird bleiben, die Arbeitslosen sowieso. Auch das Experiment geht weiter. Und wenn es gelingt, dann ist dieses Land ein anderes. Ein effizienteres, transparenteres Land, dessen Ämter Dienste leisten und dessen Bürger mehr sind als Bittsteller: Die Nürnberger Republik. Es ist ein guter Plan.

Es war ein guter Plan.


DER SPIEGEL 49/2003
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