01.12.2003

BILDUNGPauken in der guten Stube

Bibeltreue Christen widersetzen sich der Schulpflicht: Sie halten Sexualkunde für unmoralisch - und unterrichten ihre Kinder einfach selbst.
Rebeccas Schulweg ist genau zehn Schritte lang. Vom Frühstückstisch geht die 16-Jährige durch den Flur in das kleine Klassenzimmer, das die Eltern in ihrem alten Bauernhaus im oberhessischen Ehringshausen eingerichtet haben. An der einen Wand eine Weltkarte, gegenüber eine Tafel, alles wie in einer normalen Schule. Und doch ganz anders.
An den Pulten sitzt Rebecca mit vier ihrer Geschwister, vor ihnen steht Sigrid Bauer: ihre Mutter und ihre einzige Lehrerin. Jeden Morgen beginnt die 35-Jährige den Unterricht mit einer halbstündigen Andacht. Dann schrubbelt Rebecca auf der Gitarre, und die Kinderschar singt vom "Dunkel dieser Welt" und "dass Jesus Christus Sieger sei und auf ewig Recht behält".
Vorerst aber hat ein anderer Recht behalten: der deutsche Staat in Gestalt des Schulamts und der Staatsanwaltschaft.
Auf deren Antrag erteilte die Strafkammer des Landgerichts Gießen der versammelten Familie Bauer eine Nachhilfestunde in Staatsbürgerkunde. Kinder gehören in die Schule, urteilte sie - und die widerspenstigen Eltern bestraft. 400 Euro Geldbuße muss das hessische Ehepaar zahlen, weitere 1600 Euro drohen, falls es die Kinder auch künftig zu Hause unterrichtet. Doch so schnell wollen die Bauers nicht aufgeben. Sie prozessieren weiter, notfalls ziehen sie bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Dort liegt bereits die Beschwerde einer anderen Familie aus Deutschland, die sich der Schulpflicht widersetzt.
Tatsächlich werden hier zu Lande Hunderte Kinder von ihren Eltern nicht in die Schule gelassen. Allein in Baden-Württemberg zählt das Kultusministerium 60 Fälle; die staatlich nicht anerkannte "Philadelphia-Schule" in Siegen versorgt nach eigenen Angaben bundesweit rund 300 Kinder mit Unterrichtsmaterialien. Meist sind religiöse oder weltanschauliche Gründe verantwortlich dafür, dass die Eltern den allgemein bildenden Schulen nicht trauen. Sie sind überzeugt, dass die Pädagogen einen moralisch schädlichen Einfluss auf die Kleinen ausüben - vor allem in Fragen der Fortpflanzung.
"Die Kinder werden in der Schule doch zwangssexualisiert", schimpft Vater Michael Bauer, 38, und legt zum Beweis eine Kopie aus einem alten Lesebuch seiner Kinder aus dem neunten Schuljahr auf den Wohnzimmertisch. Darin heißt es: "Ficken klingt für mich ordinär. Bumsen und vögeln klingen ein bisschen besser." Die Lehrer würden lieber Sexualkunde betreiben, als die Schöpfungsgeschichte zu würdigen, ärgert sich Bauer. Was ihn besonders empört: "Die Evolutionstheorie wurde als wissenschaftlich bewiesen dargestellt."
Solchen angeblichen Irrlehren und anstößigen Formulierungen wollten sie ihre Kinder nicht länger aussetzen, vor zwei Jahren nahmen die Eltern sie von der Schule. Mutter Sigrid - Abschluss: mittlere Reife - schwang sich fortan zur Lehrerin auf, seitdem unterrichtet sie alle Fächer und alle Klassen. Nur "Religion" steht nicht auf ihrem Stundenplan: Das Fach übernimmt der Pastor.
Die Familie ist Mitglied der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde
in Gießen, ihre Argumentation entsprechend bibelfest. Vor Gericht konterte der Vater die gesetzliche Schulpflicht mit einem Vers aus der Apostelgeschichte: "Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen."
Doch bei Matthäus heißt es eben auch: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist" - und dazu gehört in Deutschland die allgemeine Schulpflicht. Schon 1717 verordnete der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I.: Fünf- bis Zwölfjährige sollen im Sommer wenigstens einmal die Woche, im Winter täglich unterrichtet werden.
Heute müssen Kinder in Deutschland mindestens neun Jahre lang die Schule besuchen. "Die Eltern sollten die Erziehungsleistungen der Schule anerkennen und mit ihr zusammenarbeiten", appelliert die hessische Kultusministerin Karin Wolff an die bibeltreuen Christen, "sonst stehen ihre Kinder später ohne Abschluss da." Die Ministerin verweist auf das hessische Schulgesetz: Paragraf 182 stellt renitenten Eltern eine Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten in Aussicht.
In der Praxis freilich laufen solche Drohungen ins Leere. Im vergangenen Jahr sammelte die Polizei im schwäbischen Gutshof Klosterzimmern mit einem Bus 23 Kinder der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" auf und verfrachtete sie in die Volksschule. Daraufhin belagerten die Eltern das Lehrerzimmer, es entbrannte eine solch hitzige Debatte, dass an Unterricht nicht mehr zu denken war. Bis heute besuchen die Stammeskinder keine anerkannte Schule.
Auch Mutter Bauer ist entschlossen, den Kampf gegen den Staat fortzuführen. Sie vertraut auf höhere Instanzen. "Unser Glaube lässt uns hoffen", sagt die Laien-Lehrerin. An Schülernachwuchs mangelt es nicht: Drei ihrer acht Kinder sind noch im Vorschulalter. MARKUS VERBEET
* In Klosterzimmern im Oktober 2002.
Von Markus Verbeet

DER SPIEGEL 49/2003
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