01.12.2003

KRIMINALITÄTKölscher Klau-Klüngel

Mit DNS-Tests und Heimerziehung will Köln gegen eine kleine Gruppe minderjähriger Roma vorgehen, die die Rhein-Metropole zur Hauptstadt der Taschendiebe machten.
Versteckt hinter Kleiderständern und Regalen beobachten Zivilfahnder der Polizei einen Jungen, der seit mehr als einer Stunde durch die Geschäfte der Kölner Innenstadt streift. Ein halbes Dutzend Mal schon hat der Kleine mit den teuren Sneakers, der beigefarbenen Hose und der modischen Jacke Taschen und Rucksäcke argloser Kunden aufgemacht und versucht, Geld zu stehlen.
Als die Fahnder ihn schließlich stellen, reagiert das Roma-Kind ganz cool. Marek**, 12, weiß offensichtlich genau, dass er die Polizei nicht fürchten muss. Gelassen begleitet er die Beamten zur Wache, gibt seine Personalien zu Protokoll und erklärt, was er immer erklärt: "Ich mach nix, ich geh nur spazieren."
Und auch dann ist es wie immer. Die Polizisten bringen den Minderjährigen nach Hause, in ein Wohnheim für Roma. Der Vater kommt bald darauf im 3er BMW vorgefahren. Für seinen Sohn interessiert er sich weniger. Erst mal zetert er ausgiebig darüber, dass ihm der deutsche Staat die Sozialhilfe gestrichen habe - als wäre das eine Erklärung dafür, dass gegen ihn selbst wegen Einbruchs in mehreren Fällen ermittelt wird. Von diesem Vater, befürchtet Polizist Michael Simon, 37, "fängt er sich höchstens ''ne Ohrfeige - weil er so doof war, sich schnappen zu lassen".
Fast sieben Jahre, manchmal sieben Tage die Woche täglich zwei Schichten geht das so. 5194 Taschendiebstähle wies die Kölner Kriminalstatistik für 1999 aus, für dieses Jahr wird mit mehr als doppelt so vielen Taten (siehe Grafik) gerechnet, ein Rekord. Die Aufklärungsquote dümpelt bei acht Prozent. Fast alle kleinen Diebe, die die Polizei aufgreift, sind illegal eingereiste Roma, meist aus Ex-Jugoslawien. Damit hat es Köln zur Hauptstadt der Taschendiebe gebracht - und das, so kurios es klingt, aus übergroßer Sorge,
womöglich nicht politisch korrekt genug zu handeln.
So verlief die Entwicklung nur konsequent. Als die ersten Klaukinder auffielen, schauten die Behörden weg - aus Angst vor dem Vorwurf der Diskriminierung. Angebote zur Betreuung gab es nur spärlich, sie wurden auch nicht angenommen. Was blieb, ist Resignation pur. "Wir wissen", sagt Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU), "dass die Kinder systematisch instrumentalisiert und gewaltsam zum kriminellen Lebenswandel gezwungen werden."
Dafür wurde umso heftiger um korrekte Begriffe gestritten. Als Kölns Polizeipräsident Klaus Steffenhagen vor zwei Jahren nach einer Razzia in einem Wohnheim von "Roma" sprach, kassierte er sogleich einen Rüffel der Landesregierung. Heute redet er von "ethnischer Minderheit" oder
"Flüchtlingen aus Ex-Jugoslawien", wobei selbst sein Sprecher Werner Schmidt findet, "dass diese Begriffe andere Gruppen in Misskredit bringen".
Die allgemeine Verunsicherung machte die Gegenseite stark. Bei ihren Ermittlungen hörte die Polizei schon mal mit, wie die Domstadt als heißer Tipp gehandelt wurde: "Fahr nach Köln, da geht es dir gut." Inzwischen leben rund 6500 Roma in Köln, größtenteils illegal eingereist und mit Duldungsstatus - und die Probleme wurden immer größer.
136 Intensivtäter der "ethnischen Minderheit" zählt die Polizei derzeit, manche mit mehr als hundert Taten, knapp die Hälfte davon ist jünger als 14 Jahre und damit nicht einmal strafmündig. Freche Kids in modischen Klamotten, die selten zur Schule gehen, die es auch nicht müssen. Denn in Nordrhein-Westfalen sind Kinder mit Duldungsstatus nicht schulpflichtig, sie können unbehelligt durch die Kölner Innenstadt stromern.
Der Verein Kindernöte bietet deshalb seit kurzem im Wohnheim Köln-Merkenich Unterricht für 20 Kinder an. "Wer nur stehlen kann, will darin der Beste sein. Wer lesen und schreiben kann, hat immerhin eine Alternative", sagt Vereinsvorsitzender Ulrich Nolden. Das Angebot gilt allerdings nur für Kinder unter zwölf Jahren, "die anderen erreichen wir nicht mehr".
Die Analphabeten werden dann meist irgendwann ein Fall für Jürgen Ogrodowski, 42, den Leiter der Ermittlungskommission "Tasna" (serbokroatisch für Tasche). Und der konstatiert immer wieder erschrocken, dass seine Klientel "überhaupt kein Unrechtsbewusstsein" habe.
Jetzt ist die Situation so verfahren, dass Oberbürgermeister Schramma "volkswirtschaftliche Einbußen" befürchtet. Ältere Leute hätten bereits Angst, zum Einkaufen nach Köln zu fahren.
Und anders als etwa im hessischen Frankfurt, wo speziell für Roma eine Einrichtung mit Kindertagesstätte, Schulunterricht und Hilfen für Eltern angeboten wird, fehlt in Köln das Geld für solche Projekte. Dabei weiß Tasna-Leiter Ogrodowski durchaus um den Nutzen solcher Einrichtungen: "Ende der neunziger Jahre haben wir die Fallzahlen drastisch reduziert, weil wir die Kinder frühmorgens aufgegriffen und den ganzen Tag festgehalten haben."
Stattdessen gibt es jetzt das Aktionsprogramm "Kriminalität in Köln". Was sich so bürokratisch anhört, ist ein gezielter Schlag gegen die Roma-Kriminalität - und schon wieder muss sich die Polizei des Vorwurfs erwehren, sie würde sich ausschließlich auf die Delikte dieser Kinder konzentrieren.
Polizeipräsident Steffenhagen möchte die Familienclans mit DNS-Tests überprüfen, der Stadtrat beschloss, unverbesserliche Klaukinder künftig auch durch Heimerziehung auf den rechten Weg zurückzubringen. Die Tests sollen zeigen, wie weit die verwandtschaftlichen Bande des Clans wirklich reichen. Zudem sollen mit Hilfe moderner Technik Fingerabdrücke und Fotos Verdächtiger online mit dem Bundeskriminalamt abgeglichen werden, um Straftäter möglichst schnell abschieben zu können.
Der schwierige Umgang mit den Roma, von denen viele ihre Identität ständig wechseln, hat die Polizei bereits mehrfach in Bedrängnis gebracht. So versuchte sie - im Bemühen, die Eltern der jungen Straftäter irgendwie zu belangen -, eine Verwahrlosung der Kinder zu dokumentieren, und scheute sich auch nicht, die verschmutzte Unterwäsche junger Mädchen im Bild festzuhalten. "Ein ungutes Gefühl" dabei räumt Steffenhagen ein, die Fotos seien aber in Einzelfällen als Beweismittel "absolut notwendig".
An Stelle solch "menschenverachtender Methoden" forderte Kurt Holl, Vorstandsmitglied der Kölner Organisation "Rom", die Finanzierung von 20 Sozialarbeitern, darunter auch Roma, "dann reduzieren wir das Problem sofort auf die Hälfte". Freilich räumt auch Holl ein, dass sein Verein sich erst "relativ spät" um straffällige Roma gekümmert habe. Seit August nun betreut Sabina Xhemajli, 27, Roma-Frau und gelernte Erzieherin, in einem von der EU geförderten Projekt straffällige Roma-Kinder. Zu 10 von rund 25 schwierigen Familien, sagt Xhemajli, habe sie Kontakt aufgebaut - vor allem zu solchen, über die es in den Akten des Jugendamts heißt: "Kein Arbeitsansatz möglich". Die Frage der Heimerziehung birgt allerdings noch politischen Zündstoff. Kaum hatte die Mehrheit im Stadtrat die Einrichtung eines Heims mit Intensivbetreuung beschlossen, erklärte Gabi Schlitt, jugendpolitische Sprecherin der Grünen, die im Rat mit der CDU koalieren, eine geschlossene Unterbringung "kommt nicht in Frage".
Bislang scheiterte selbst eine pädagogisch sinnvolle Intensivbetreuung fast immer an den hohen gesetzlichen Hürden und der Kölner Justiz. Nur in einem Fall gelang es dem Jugendamt, den Eltern das Sorgerecht entziehen zu lassen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Markus Schnapka, Leiter des rheinischen Landesjugendamts, will deshalb noch vor Weihnachten Familienrichter auf einer Tagung überzeugen, unkooperativen Eltern schneller das Sorgerecht zu entziehen. Bis zu 120 Heimplätze für Roma-Kinder, schätzt Schnapka, könne sein Amt kurzfristig vermitteln - eine Anfrage bei allen Heimleitern im Land läuft.
Eilig reisten vorvergangene Woche Kölns Jugenddezernent Franz-Josef Schulte und Polizeipräsident Steffenhagen nach Brandenburg, wo Problemkinder mit großem Erfolg in einem Projekt auf dem Land abseits großer Städte betreut werden. "Die nächsten Intensivtäter, die wir erwischen", droht Stadtoberhaupt Schramma, "schicken wir in eine solche Einrichtung." ANDREA BRANDT, ANDREAS ULRICH
* Oben: am Kölner Hauptbahnhof; unten: in der Kölner Innenstadt. ** Name von der Redaktion geändert.
Von Andrea Brandt und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 49/2003
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