01.12.2003

KARRIERENDer ewige Guido

Der Tod von Jürgen W. Möllemann habe ihn in eine Lebenskrise gestürzt. Er wolle nicht so werden wie sein einstiger Weggefährte. Deswegen hat sich der größte Rollenspieler der deutschen Politik eine andere Rolle ausgedacht: Der neue Westerwelle soll endlich der wahre sein. Von Matthias Geyer
Es ist schon dunkel geworden in Berlin, als unten auf der Straße ein silberner BMW hält. Aus dem Fond steigt ein Mann, der es eilig hat. Er trägt einen dunklen Anzug und einen dunklen Mantel, in der Hand hält er eine Aktentasche. Er verschwindet in einem Hauseingang.
Er braucht nicht lange, dann hat er sich verwandelt. Zehn Minuten später öffnet er seine Wohnungstür, er hat jetzt eine Strickjacke an, eine Cordhose und dicke Socken mit Gumminoppen. Er hat Tee gekocht. Kandiszucker steht auf dem Tisch. Auf einem Teller liegt klein geschnittener Kuchen, links Käsekuchen, rechts Schokokuchen. Im Kamin brennen drei Kerzen, "es ist noch nicht kalt genug für richtiges Holz", sagt er, aber die Kerzen seien ja auch schön. Man fragt sich, wo der Mann im dunklen Anzug geblieben ist.
Guido Westerwelle setzt sich in einen Sessel, der vor dem Kamin steht, hinter ihm hängt ein Gemälde von Norbert Bisky. "Interessieren Sie sich für Kunst?", fragt er.
Er hebt sich aus dem Sessel und läuft durch seine Wohnung. Er hat ja Zeit. Er lässt sich von niemandem mehr drängen, sagt er. Im Flur bleibt er vor einem Gemälde von Tim Eitel stehen. Sein Fingernagel flitscht ein paarmal gegen den Rahmen. "Eitel", sagt er, "ganz, ganz, ganz, ganz spektakulär. Leipziger Schule." Westerwelles Hände werden zu Fäusten, als er über Eitel redet.
Tim Eitel ist ein Künstler, der Bilder malt, auf denen Menschen im Museum Kunst betrachten. Auf dem Bild in Westerwelles Flur sieht man einen Museumsbesucher, der den Eindruck macht, als suche er Orientierung. In dem Museum, das Eitel gemalt hat, hängt klein in der Ecke ein Bild des Niederländers Piet Mondrian, aber der Besucher hat es noch nicht entdeckt.
"Wenn Sie jetzt einen Schritt nach rechts machen", sagt Westerwelle - er macht einen Schritt nach rechts und steht in seinem Wohnzimmer -, "dann wissen Sie auch, warum ich dieses Bild gekauft habe." Er zeigt auf ein anderes Werk von Tim Eitel, man sieht darauf einen Museumsbesucher, der mit seinem Kopf genau vor einem Gemälde von Piet Mondrian steht. "Tja", sagt Guido Westerwelle.
Es bleibt offen, was er damit ausdrücken will. Vielleicht, dass alles, was er macht, eine Logik hat, dass man alles erklären kann. Vielleicht auch, dass man manchmal Zeit braucht, bis man die Orientierung gefunden hat. Vielleicht auch gar nichts.
Er setzt sich wieder in den Sessel, vor ihm auf dem Boden liegt ein weißes Lammfell, seine Stoppersocken versinken darin, alles ist weich und bequem. Die Malerei ist abgehandelt. Guido Westerwelle redet jetzt über die größte Krise seines Lebens.
Sie ist noch nicht lange her, keine fünf Monate, aber er macht den Eindruck, als läge eine Ewigkeit dazwischen. Die Lebenskrise hat mit dem Tod von Jürgen W. Möllemann zu tun. In den Zeitungen stand damals, wenn auch nur in Andeutungen, dass er, Guido Westerwelle, für diesen Tod verantwortlich sei.
"So etwas geht an den Urschleim der Seele", sagt Westerwelle.
Es war Sommer, als Guido Westerwelle die Lebenskrise hatte. Er dachte darüber nach, wie ein Mensch tun kann, was Möllemann tat. Ein Mensch wie Möllemann, der alles hatte, eine tolle Villa, eine tolle Familie. Dem aber die öffentliche Anerkennung so wichtig geworden war, dass er das alles aufs Spiel setzte. Westerwelle hat sich die Frage gestellt, ob er in der Gefahr sei, genauso zu werden wie Möllemann.
Die Antwort darauf war, dass er beschloss, ein neuer Guido Westerwelle zu werden. "Ich kalkuliere keine Rolle mehr. Ich mache nur noch das, was ich für richtig halte." Er guckt auf die Kerzen, die im Kamin flackern und lächelt ein bisschen.
Vielleicht ist das die neue Rolle. Dass er sagt, keine Rolle mehr spielen zu wollen.
Werner Hümmrich steht vor einem grauen Haus in Bonn-Poppelsdorf, es heißt "Jugendheim Sankt Sebastian", außen führt eine Treppe in einen Keller. "Da haben wir unsere Wochenenden verbracht, als wir so 14, 15 waren", sagt Hümmrich. Sie hätten natürlich Alkohol getrunken, und der Guido habe auch Zigaretten geraucht.
Werner Hümmrich hat Guido Westerwelle in der fünften Klasse der Realschule kennen gelernt, seitdem sind sie Freunde. Hümmrich wurde Vertriebsdirektor bei der Sparkasse Bonn, Westerwelle FDP-Chef. Hümmrich trägt ein Namensschild von der Sparkasse am Revers, Westerwelle blaugelbe Krawatten. Hümmrich hat Westerwelle immer ein bisschen bewundert.
"Wenn die anderen noch nachdachten, hatte der Guido schon den Mund aufgemacht. Er konnte zu allem etwas sagen, auch wenn manchmal die Tiefenschärfe fehlte", sagt Hümmrich.
Westerwelle habe Spaß an der Provokation gehabt, sagt Hümmrich. Das Problem war, dass man lange nicht wusste, wogegen man sich eigentlich auflehnen sollte. Westerwelle kam 1961 zur Welt, und als er ins Jugendheim Sankt Sebastian ging, war Deutschland schon ein liberales Land. Die 68er-Revolte war vorbei. Guido Westerwelle kam zum ersten Mal zu spät.
Er wuchs mit drei Brüdern bei seinem Vater auf, der in Bonn Strafverteidiger ist. Er schloss sich dem mickrigen Aufstand seiner Zeit an, er ließ sich die Haare lang wachsen. Aber sein Vater sagte nichts dazu. Es war ein Aufstand, der ins Leere ging.
Westerwelle und Hümmrich wechselten von der Realschule aufs Gymnasium, sie wurden etwas von oben herab behandelt, sagt Hümmrich, sie hatten Lehrer, die sagten: "Ey, du kannst du zu mir sagen", aber ihre Noten wurden schlechter bei diesen Lehrern. Ihr Gegner wurde der Zeitgeist.
Sie demonstrierten nicht gegen Nachrüstung und Atomkraftwerke, sondern gegen die Fällung von Bäumen in der Poppelsdorfer Allee. Sie gingen nicht zu Petra Kelly und Gert Bastian, bei denen Pullover gestrickt wurden, sondern zu Hans-Dietrich Genscher und Gerhart Baum, wo es um Marktwirtschaft und Menschenrechte ging. Westerwelle wurde Mitbegründer der Jungen Liberalen, Freiheit statt Sozialismus, und Hümmrich kam hinterher.
Westerwelle wusste früh, dass er Rechtsanwalt werden wollte. Im Fernsehen sah er eine Serie, die "Petrocelli" hieß. Petrocelli war Anwalt, jung, smart, scharf, besser als alle anderen, ein Superstar. Westerwelle wollte Petrocelli werden. Ein paar Jahre später saß er in einer Kanzlei, aber es kamen nur kleine Fälle, Rauschgiftsüchtige, Nutten, verlassene Ehefrauen. Irgendwann hörte er auf damit und machte nur noch Politik. In der Politik gab es noch keinen Petrocelli.
"Er wollte nirgends eine Rolle spielen, die unauffällig war", sagt Hümmrich.
Vor ein paar Wochen hat Werner Hümmrich seinen Freund in Berlin besucht. Sie saßen in der Wohnung mit den vielen Bildern und redeten über die richtige Rolle. Hümmrich war aufgefallen, dass Westerwelle in letzter Zeit gern als Staatsmann auftritt. Er fragte ihn, ob er sich damit auf das Amt des Außenministers vorbereiten wolle. Er riet Westerwelle zu mehr Geduld. Er sagte, Staatsmann sei nicht die Rolle, die zurzeit auf Westerwelle passe. Er wollte den alten Guido wiederhaben.
"Wir könnten eine Zigarre rauchen", sagt Guido Westerwelle. Er geht in einen Raum nebenan und kommt mit einem Humidor zurück. In dem Humidor gibt es von allem etwas. Große, kleine, dicke, dünne, lange und kurze Zigarren. Westerwelle empfiehlt eine, die nicht zu dick ist und nicht zu dünn, nicht zu stark und nicht zu leicht. Die passe zum Nachmittag, sagt er.
"Wissen Sie", sagt er, dann unterbricht er den Satz, weil er an der Zigarre ziehen muss, er muss kräftig ziehen, damit sie richtig brennt, "wissen Sie, das Wichtige ist, ganz bei sich selber zu sein, in sich selber zu ruhen." Alles liegt jetzt im Dampf, der Bisky, Westerwelle, der Käsekuchen. Er will kein so öffentlicher Mensch mehr sein, sagt Westerwelle durch den Nebel hindurch. Neben ihm liegt sein Handy.
Zwei Tage vorher war er in der Talkshow von Beckmann. Er erzählte, dass er ein anderer Mensch geworden sei. Er sagte: "Man muss aufpassen, dass man die Welt des Fernsehens nicht überbewertet. Das Fernsehen ist ein Stück virtuelles Leben."
Es ist noch nicht lange her, da erklärte er einem Besucher: "Ich gehe am liebsten ins Fernsehen und rede direkt mit einem Millionenpublikum." Er war da gerade aus dem Container von "Big Brother" gekommen.
Heute geht er ins Fernsehen, um zu sagen, dass Fernsehen nicht mehr so wichtig ist. Manchmal ist es nicht leicht, Guido Westerwelle zu verstehen.
Auf dem Schreibtisch von Wolfgang Klein klebt ein gelber Zettel, darauf stehen Namen und Zahlen. "Westerwelle: 24-mal, Eichel: 20-mal, Merkel: 19-mal." Wolfgang Klein ist Redaktionsleiter von "Sabine Christiansen". Keiner war öfter bei Christiansen als Guido Westerwelle.
"Früher", sagt Klein, "konnte man Westerwelle blind buchen. Es war immer klar: Irgendetwas wird ihm schon aus dem Mund fallen." Wer regelmäßig "Christiansen" sah, wusste mehr über Westerwelle als über den eigenen Opa. "Er war einer der wenigen, die diese Sendung für sich zu nutzen gewusst haben. Er hat sich vorher Sätze ausgedacht, von denen er glaubte, dass er damit punkten kann."
Klein schaltet seinen Fernseher ein. Es ist halb sechs, auf n-tv läuft "Maischberger".
Guido Westerwelle ist gerade da.
Er hat sich wieder ein paar Sätze ausgedacht. Er muss punkten.
Klein stellt den Ton stumm. Er sieht nur noch Westerwelles Gesicht. Es ist ein müdes Gesicht. Man weiß auch ohne Ton, was dieses Gesicht erzählen wird.
Werner Hümmrich, der Freund aus Bonn, sagt, dass sie es schwer hatten nach dem Wechsel von der Realschule aufs Gymnasium. "Während der Realschule haben wir gelernt, eine Formel anzuwenden. Auf dem Gymnasium mussten wir plötzlich eine Formel entwickeln. Wir haben uns immer gefragt: Wo ist die Formel?" Wahrscheinlich kann man Guido Westerwelle nicht besser beschreiben.
Als Möllemann noch lebte, hatte Westerwelle eine Formel, die er anwenden konnte. Projekt 18, Kanzlerkandidatur, Karsli, Friedman. Seit Möllemann tot ist, gibt es niemanden mehr in der FDP, der Westerwelle mit Formeln versorgt. Er muss sie jetzt selbst entwickeln.
Vor ein paar Wochen gab es Tumulte in seiner Partei. Die eigenen Leute gingen auf ihren Vorsitzenden los. Sie warfen ihm Ängstlichkeit vor, Oberflächlichkeit, Orientierungslosigkeit. Deutschland wird reformiert, nur die FDP, die deutsche Reformerpartei, döste. Es ging um Westerwelles Posten. Er brauchte eine neue Rolle.
Er verschwand für ein paar Tage aus der Parteizentrale und kam mit einer "Positionsschrift" zurück, er nannte sie "Für die freie und faire Gesellschaft". Er schrieb 40 Seiten, in kurzen Absätzen, über Steuern, Rente, Gesundheit, Genforschung. Es gab von allem etwas. Die Positionsschrift war wie sein Humidor.
Ganz am Anfang schrieb er: "Wir stehen vor einer neuen Gründerzeit. Diese neue Gründerzeit ist die Zeit der FDP." Er ist sehr stolz auf diesen Satz. Aber in Deutschland hat den Satz niemand bemerkt.
Vielleicht hat er schon zu oft eine neue Zeit gegründet. Eine neue Partei. Einen neuen Westerwelle. Es gab so viele FDPs in den letzten Jahren. Westerwelle erfand "die putzmuntere Opposition", "die bürgerliche Protestpartei", "die radikale Reformpartei", "die Partei für die gute Laune in Deutschland", "die Partei für die neue geistig-moralische Wende", "die Partei der Äquidistanz". Und jedes Mal gab es einen neuen Westerwelle dazu.
Er war immer der Schnellste gewesen, aber manchmal kam er trotzdem zu spät. Er machte Spaßpolitik, als der Spaß der New Economy vorbei, das World Trade Center in New York weg und der Irak-Krieg nah war. Jetzt will er die Republik neu gründen.
Er guckt auf die Uhr. Es ist acht Uhr am Abend. Schon wieder ist ein Tag vorbei, an dem die Republik ohne ihn weitergegangen ist.
Guido Westerwelle ist erst 41 Jahre alt, aber vielleicht ist er schon zu alt, um noch einmal ein Neuer zu werden. Man hat sich an ihn gewöhnt, wie man sich an Helmut Kohl gewöhnt hatte. Der ewige Kanzler. Der ewige Guido. Vielleicht nimmt man ihn jetzt einfach nicht mehr ernst.
Die Zigarre ist kalt, das Trübe, das in seinen Augen lag, als er über die Lebenskrise sprach, ist verflogen, es geht jetzt nicht mehr um den Urschleim der Seele, es geht um Zahlen. Um Ergebnisse. Um Wirkung.
"Wissen Sie, wie oft meine Schrift verschickt worden ist?", fragt er. "25 000-mal." Mehr als 3000 Leute, die nicht in der Partei sind, hätten sie aus dem Internet runtergeladen, "das ist schon bemerkenswert für ein Dokument von 40 Seiten". Die "FAZ" hat daraus zitiert, das "Handelsblatt", alles große Zeitungen, sagt Westerwelle. Er kann nicht erkennen, dass er nicht mehr ernst genommen würde.
Wenn man ihn fragt, welche Wirkung seine Schrift auf die Politik habe, zieht er die Schultern hoch und sagt: "Das kann man jetzt noch nicht beurteilen." Immerhin sei er inzwischen Gegenstand einer Postkartenaktion des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Eine Postkartenaktion. Vom Deutschen Gewerkschaftsbund Sachsen.
Petrocelli gibt es nur im Film. Und Westerwelles Handy hat noch immer nicht geklingelt.
Dieser Tage gab es im Thomas-Dehler-Haus, der Parteizentrale der FDP in Berlin, einen großen Empfang. Die Liberalen feierten den 85. Geburtstag von Werner Maihofer. Maihofer hat früher als Professor für Rechts- und Sozialphilosophie gewirkt, er wurde in den siebziger Jahren Innenminister unter Helmut Schmidt, er hatte die Freiburger Thesen zur Gesellschaftspolitik der FDP geschrieben. Maihofer hat in seinem Leben viel über Liberalismus nachgedacht.
Er saß vorn in der ersten Reihe, und neben ihm saß Guido Westerwelle im schwarzen Anzug. Es wurden ein paar Reden über das Wesen der FDP gehalten, und zwischendurch brachte der FDP-Sprecher einen Stapel Papier zu Guido Westerwelle. Westerwelle las gierig darin. Es schien wichtig zu sein. Er las auch noch, als Werner Maihofer ans Mikrofon ging, um "ein paar grundsätzliche Anmerkungen zu machen", wie er sagte. Westerwelle legte die Papiere erst im letzten Moment unter seinen Stuhl.
Maihofer begann seine Anmerkungen mit Heraklit, er sprach dann von den "Opportunitäten der Tagespolitik", ein Fingernagel Westerwelles pulte dabei im Nagelbett des Daumens. Maihofer redete über Staatlichkeit, Gerechtigkeit, Liberalität und Liberalismus. Über Perikles, Sokrates, Machiavelli und Kant. Er sagte: "Das sind unsere geistigen Vorfahren, das sollten wir nicht vergessen." Er warnte vor "Hypertrophie als der größten Gefahr für die Parteipolitik", Westerwelles Ledersohlen rutschten über den Stapel Papier, der unter ihm lag, Maihofer sagte noch, "dass die politische und soziale Frage neu durchdacht werden muss, bevor wir demnächst Programmatik" machen, Westerwelle nickte, dann war das Fest zu Ende.
Es war eine Rede an Guido Westerwelle gewesen. Aber es war unklar, ob Westerwelle das bemerkt hatte. Er musste danach schnell in sein Büro. Er nahm nicht mal die Papiere unter seinem Stuhl mit.
Die Papiere waren Meldungen der Deutschen Presse-Agentur. Es ging darin um Martin Hohmann. Und um Thomas Gottschalk. Nicht um Perikles.
In der zweiten Reihe hatte Gerhart Baum gesessen. Baum war Maihofers Nachfolger als Innenminister gewesen. Sein politisches Thema war die Verbindung von Marktwirtschaft und Bürgerrechten. Heinrich Böll nannte ihn einmal "den besten Innenminister, den wir je hatten".
Westerwelle redet nicht mit Baum. Und Baum redet nicht mit Westerwelle. Baum redet viel mit seinem Neffen, der bei den Jungen Liberalen ist, und die jungen Leute sagen: "Wenn man Westerwelle zuhört, hört man immer nur dasselbe."
Bevor Gerhart Baum zum Geburtstagsempfang von Werner Maihofer ging, hat er Westerwelles Papier zur Neugründung der Republik gelesen. "Bei der Neugründung spielt das geistige und kulturelle Deutschland leider keine Rolle mehr. Westerwelle verengt die Republik auf wirtschaftliche Leistungsträger", sagt Baum. "Seine Positionen zu politischen Kernthemen wecken oft Zweifel an seinem liberalen Kompass."
Er würde von Westerwelle gern etwas zur inneren Liberalität hören. Zur Zuwanderung. Zu Menschenrechten. Zum EU-Beitritt der Türkei. Zu Themen der FDP. Aber er hört nichts. Er hört nur "dieses Talkshow-Sprücheklopfen". Baum glaubt nicht, dass Westerwelle noch mal die Rolle eines richtigen Liberalen finden wird.
Es ist neun Uhr durch, als das Handy von Guido Westerwelle doch noch klingelt. Ein paar Freunde von ihm warten in einem italienischen Restaurant. Er sagt, dass er gleich kommt.
Er möchte noch etwas loswerden. Man hat viel über ihn geschrieben in den letzten Wochen. Er hat Ratschläge bekommen. Er hat vieles nicht ernst genommen. "Nur ein Satz, der ist richtig bei mir gelandet: Wir wollen den alten Guido wieder."
Welchen denn?
Na, den alten eben, sagt Westerwelle.
Er bläst die Kerzen im Kamin aus. Er wird jetzt gebratenen Fisch essen, sagt er. Fisch ist immer gut. Fisch ist schön leicht.
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 49/2003
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