08.12.2003

INDIEN„Alles anpacken“

Der Slum, der Müll und ein Architekt: Asiens größtes Elendsviertel soll saniert werden.
Der Name "Dharavi" entstammt dem altindischen Sanskrit, und eigentlich existieren bildhafte Begriffe wie dieser nur noch in der Sprache der Gelehrten und der Literatur. Dharavi heißt so viel wie "von der Erde" oder "das ständig Fließende" - heute hat sich die Bedeutung gewandelt, und in ihr schwingt ungestümer Fortschrittsglaube mit.
Asiens größter Slum nämlich heißt ebenfalls Dharavi. Er liegt mitten in Mumbai, dem früheren Bombay, das seit 1995 nach der Hindu-Göttin Mumba Devi benannt ist. Mindestens 500 000 Menschen leben hier, die meisten unter Wellblech. Wer seine Zukunft in der 16-Millionen-Agglomeration sucht, in dieser Stadt der Möglichkeiten, der strandet nicht selten in jenem 174 Hektar großen Mikrokosmos.
Aber Dharavi ist nicht nur ein Auffangbecken, es ist auch eine offene, sich ständig erneuernde Arbeitsgesellschaft: mit Metallwerkern, Schmugglern, Reifenhändlern, mit illegalen Brauereien und einer ganzen Töpferkolonie, deren Handwerk ihr den Weg zu Wohlstand ebnen soll. Auswärtige Computer-Ingenieure, Manager der Werbeindustrie oder Piloten nehmen den Slum genauso als erste Anlaufstelle wie das Fußvolk der bitterarmen, analphabetischen Arbeitslosen. Denn die Kommerzkapitale Mumbai boomt. Wohnungen sind knapp und für Neuankömmlinge oft unbezahlbar.
Mumbai wirkt wie ein Magnet - und das dubiose Etikett des größten asiatischen Elendsviertels passt schon lange nicht mehr zu Dharavi. Mehr als die Hälfte seiner Bewohner verdient im Jahr umgerechnet zwischen 1400 und 9100 Euro. Das Gewerbe vor Ort - etwa Keramik, Leder, Textilien - schafft jährlich einen Umsatz von 30 Milliarden Rupien, das entspricht fast 550 Millionen Euro.
Da ist eine architektonische Schönheitsoperation ein nahe liegender Gedanke. Das indische Kabinett wird wohl diesen Mittwoch einen entsprechenden Plan billigen. Ziel ist es, Dharavi ein radikal neues Gesicht zu verleihen.
Ideengeber und Antreiber ist der Stararchitekt Mukesh Mehta, 54. Für die auf grob eine Milliarde Euro geschätzten Kosten sollen private Bauunternehmen aufkommen, darunter seine Firma Mukon Constructions.
Dharavi soll in ein Dutzend Sektoren aufgeteilt werden und, wenn es nach Mehta ginge, den Status einer "Sonderwirtschaftszone" erhalten. Neben Wohnblocks sehen seine Blaupausen unter anderem Supermärkte, modernste Produktionsstätten für das Kleingewerbe sowie ein Sportgelände vor. All die Lehm- und Blechhütten, die offenen, stinkenden Abwasserrohre, die Berge faulenden Abfalls sollen verschwinden zu Gunsten von breiten Boulevards und Grünanlagen, Schulen und Kinderspielplätzen.
So könnte das künftige Vorzeigeviertel auch endlich einen glatteren Verkehrsfluss zwischen den nördlichen Stadtteilen und den südlichen Handels- und Finanzdistrikten ermöglichen. Bislang wirkt Dharavi wie eine dauernde Verstopfung.
Um seinem Projekt höhere Weihen zu verleihen, beruft sich der Architekt auf niemand Geringeren als Mahatma Gandhi: "Ein intelligenter Mensch wandelt Probleme in Gelegenheiten um, während nur ein Dummer aus Gelegenheiten sich Probleme schaffen würde." Es gibt gute Gründe, dass der in den USA promovierte Mehta gleich Indiens Nationalheiligen in Stellung bringt. Das Großprojekt Dharavi hat neben kommerziellen Phantasien auch eine handfeste Kontroverse ausgelöst.
Hilfsorganisationen, die seit Jahrzehnten im Slum Sozialarbeit leisten, wittern ganz gewöhnliche Geldgier hinter der reformerischen Attitüde. Die Ärmsten der Armen würden verdrängt und der zentral gelegene, höchst lukrative Baugrund quasi zum Nulltarif an reiche Spekulanten verschachert.
"Da geht es nicht um Entwicklung, sondern um ganz handfeste Interessen", sagt der Sozialarbeiter Arputham Jockin, selbst langjähriger Bewohner von Dharavi. "Dies ist ein großes Spiel mit einflussreichen Spielern, aber es wird nicht zu Stande kommen."
Für ehrgeizige Lokalpolitiker ist die Sanierung von Slums und die damit verbundene Aussicht auf Jobs für deren Bewohner schon immer ein Wahlkampfschlager gewesen. Nur haben die notorisch unter Korruptionsverdacht stehenden Behörden bisher kein einziges Vorhaben dieser Art verwirklicht. Nach wie vor hausen etwa 70 Prozent der Bevölkerung Mumbais in Dharavi oder ähnlichen Elendsquartieren.
Dabei besteht für Großinvestoren seit langem dieses Angebot: Wer auf eigene Kosten Gratiswohnraum in einem Slum schafft, der erhält eine noch größere Fläche für seine geschäftlichen Zwecke gratis. Kapitalanleger würden demnach auch in Dharavi für jede neu bebaute Fläche mit einem 1,3-mal so großen Areal in ähnlicher Lage belohnt.
"Die Armen brauchen keine Almosen", sagen Kritiker. Nur durch Eigeninitiative könnten Slumbewohner ihre Situation verbessern und einen "Sinn für Verantwortlichkeit" entwickeln. Mehta hingegen wolle nicht nur die Elendshütten, sondern am liebsten auch gleich deren Bewohner entfernen, auf öde Ländereien, weit weg von ihren Arbeitsstellen. Hochschulen und Krankenhäuser brauche Dharavi ohnehin nicht, es gebe schon genug im Großraum Mumbai.
"Pseudosozialistisches Denken" nennt Mehta solche Argumente. Er verweist auf 424 von ihm bereits errichtete Musterwohnungen am Rande Dharavis. Rund 21 Quadratmeter beträgt deren Normgröße, sie sind luftig und zweckmäßig geschnitten. Insgesamt will er in diesem Sektor 11 000 solcher Einheiten entstehen lassen, von denen er 4000 privat verkaufen dürfte.
In seinem Skoda fährt Mehta durch das Labyrinth der Gassen zu einem seiner Vorzeigeblocks. Slumbewohner, Mitglieder einer Organisation namens "Proud" (People's Responsible Organisation of United Dharavi), versammeln sich unverzüglich auf einem Spielplatz gegenüber. Die Leute von Proud geben sich pragmatisch: Solange sich ihr Lebensstandard dank des Baulöwen verbessert, solange dessen Firma als Jobmaschine funktioniert, ist Geldmacherei für sie kein Schimpfwort.
"Früher lebten wir in einer Hütte aus Palmenblättern und Blech, ohne Toilette und inmitten von all dem Dreck und Elend", sagt Safiq ul-Nissa, 40, Hausfrau und Mutter von fünf Kindern, die seit 35 Jahren in Dharavi wohnt. "Jetzt brauchen wir unseren Abfall nicht aus dem Fenster zu werfen und haben auch sonst allen Komfort."
Nur: Die Müllprobleme sind nicht beseitigt, sie wurden nur verlagert. Kaum 100 Meter entfernt türmen sich Schlammberge, gären Abwässer aus nahe gelegenen Gerbereien, spielen Kinder mit Bällen aus verfärbten Baumwollresten, die Schneidereien hier entsorgen. Und während Familien wie die ul-Nissas stolz ihren neuen Wohnstatus genießen, wächst neben ihrer Oase das Wellblechmeer ungehemmt weiter.
Auf jede Familie in Dharavi, die sich dank Mehta vom Elend emanzipieren kann, kommen ungezählte Zuwanderer und mauern auf der geringsten Freifläche ein Provisorium aus Lehm. Die Gesetze schützen sie - kein Heimatloser darf aus den Slums Mumbais vertrieben werden.
"Das ist genau der Punkt", erklärt Mehta, "Dharavi kann nicht Stück für Stück saniert werden." Er fordert deshalb Kahlschlag, einen "ganzheitlichen Ansatz". Man müsse "alles zur gleichen Zeit anpacken".
Selbst solch eine Radikallösung sei keine Absicherung gegen den Wildwuchs weiterer Slums, wenden seine Gegner ein. Der Unterhalt der neuen Wohnungen sei so hoch, dass viele Leute sie wieder verkaufen und zurück in einen Slum ziehen würden. Außerdem sei Dharavi, wie sie in einem seltsam folkloristischen Anflug hinzufügen, ein "historisches Erbe".
Für einen derartigen Romantizismus allerdings ist gar kein Raum. Mumbai vermag auf Dauer nur noch in die Höhe zu wachsen. Und dieser Sachzwang spricht für den Architekten.
"Dharavi kann als ein Motor für die wirtschaftliche Entwicklung des ganzen Landes wirken", sagt Mehta siegessicher. "Sollen wir den Leuten denn nicht helfen, ihre Träume zu erfüllen?" RÜDIGER FALKSOHN,
PADMA RAO
Von Rüdiger Falksohn und Padma Rao

DER SPIEGEL 50/2003
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