Von Kraske, Marion
Alipasino Polje gehört nicht zu den besten Wohngegenden der bosnischen Hauptstadt: Artillerieeinschläge und Granatlöcher perforieren die Mauern der mehrstöckigen Wohnklötze. 14 Etagen hoch, kilometerlang. Das alte Sarajevo, das aus sozialistischen Tagen, ist gespickt mit Zeugnissen der jugoslawischen Erbfolgekriege.
Das neue Sarajevo, das aus den Tagen nach dem Krieg, findet sich gleich daneben. Ein monströser Neubau protzt mit Glas und hellem Marmor. Gleißendes Licht strömt aus den Ritzen der beiden Minarette. Auf dem Torbogen prangt in giftgrüner Schrift der Name des Mannes, der sich hier ein exklusives Monument gesetzt hat: Kralj Fahd, König Fahd von Saudi-Arabien.
Insgesamt 20 Millionen Dollar hat das Wüsten-Königreich für den grellen Megakomplex gespendet - mit Platz für mehr als 5000 Gläubige, heißt es, sei die Moschee die größte in Europa. Im Innern des angrenzenden "Kulturzentrums" finden sich Computerräume, ein Kino, eine Sporthalle; Glanzstück ist eine luxuriös ausgestattete Bibliothek. Aufmunternde Worte des edlen Spenders auf einem Wandschild vervollständigen das üppig bestückte Interieur: "König Fahd wünscht Ihnen erfolgreiches Arbeiten."
Und die Fahd-Moschee ist nur eine Investition von vielen: Gut 3000 Projekte hat Saudi-Arabien seit Ende des Bürgerkrieges 1995 in dem kleinen Balkanland finanziell angeschoben. Überall werden neue Moscheen aus dem Boden gestampft, landesweit sind es 158; selbst kleinste Dörfer verfügen neuerdings über ein repräsentatives Gotteshaus, auch wenn der Bedarf wegen der geringen Einwohnerzahl mitunter höchst fragwürdig ist.
Mit den Saudi-Millionen kommen indes nicht nur materielle Wiederaufbauhilfen, sondern auch radikale Heilslehren. Schon fürchten westliche Sicherheitsexperten, das noch vom Bürgerkrieg gebeutelte Land könnte Tummelplatz für gewaltbereite Extremisten werden - und würde damit den Kampf der islamischen Terrorsyndikate gegen den "gottlosen Westen" in den Südosten Europas tragen.
Die Radikalisierung des bosnischen Islam ist bereits weithin sichtbar. Abends, wenn die Gläubigen in die Fahd-Moschee strömen, kommen Bartträger und Frauen mit Kopftuch. Vereinzelt sind Frauen auch komplett verhüllt - selbst das Gesicht und die Hände hinter Stoff verborgen.
"Ninjas" heißen die Verschleierten im Volksmund - nach den unheimlichen japanischen Auftragskillern, deren Gesichter für den Betrachter tabu sein sollten.
Den meisten Bosniern - ob Kroaten, Serben oder Muslimen - ist der Einfluss aus dem fernen Arabien nicht geheuer. "Früher, vor dem Krieg, gab es das nicht", sagt die 27-jährige Raska. "Den Anblick dieser Frauen empfinde ich als beängstigend."
Noch operieren die radikalen Eiferer am Rande der Gesellschaft. Hier trommeln sie für die fundamentalistischen Überzeugungen ihres großen Vorbilds, des Religionsgelehrten Mohammed Ibn Abd al-Wahhab (1703 bis 1792). In dessen Namen wird bosnischen Frauen mitunter gar Geld geboten, damit sie ihr Kopfhaar bedecken.
Der Missionierungsfeldzug aus dem Golfstaat zeigt langsam Erfolg: Noch zu Titos Zeiten galten die Muslime, heute 45 Prozent der bosnischen Bevölkerung, als religiöse Schlendriane. Inzwischen bekennt sich, so eine inoffizielle Umfrage, jeder hundertste Muslim zur wahhabitischen Radikallehre.
Die schleichende Unterwanderung ist westlichen Beobachtern zunehmend suspekt. "Wir machen uns große Sorgen", sagt der Chef des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, August Hanning.
Nicht ohne Grund: In einigen wahhabitischen Moscheen hetzen Prediger bereits offen gegen den Westen, gegen Israel und das gottlose Amerika.
Für Hasstiraden gibt es in dem Balkanland Nährboden genug. Acht Jahre nach dem Friedensschluss von Dayton bleibt Bosnien ein Quasi-Protektorat des Westens. Angesichts der schlechten Perspektiven - die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 40 Prozent - gilt vor allem die Jugend als leicht verführbar.
Neben den Islamisten gibt es noch eine explosive Altlast: Während des Bürgerkriegs strömten muslimische Kämpfer, so genannte Mudschahidin, ins Land, um den bedrängten Brüdern im Kampf gegen die Serben beizustehen. Bosnien sei damals, so der französische Islamforscher Alexandre del Valle, zum Trainingslager für islamistische Aktivisten aus aller Welt geworden. Zwischenzeitlich kämpften mit den Truppen von Ex-Präsident Alija Izetbegovic etwa 5000 ausländische Freischärler.
Viele der frommen Kämpfer blieben im Land, heirateten bosnische Frauen - und erhielten einen bosnischen Pass. Nach wie vor, bestätigt der Leiter der staatlichen Anti-Terror-Gruppe Almir Djuvo, befinden sich etwa 300 Mudschahidin im Land.
So mancher, der schon im Bosnien-Krieg aktiv war, probte dann in Afghanistan und Tschetschenien den heiligen Waffengang. "Die ziehen von Krieg zu Krieg", beobachten westliche Sicherheitsexperten. Auch am Kampf gegen die amerikanischen Besatzer im Irak sollen inzwischen Gotteskrieger vom Balkan beteiligt sein.
Der renommierte US-Informationsdienst Stratfor warnte kürzlich, Bosnien selbst könne für die Amerikaner gefährlich wer-
den. Um die 3000 amerikanische Soldaten wachen im Rahmen des Sfor-Mandats über den brüchigen Frieden. "Zu viele, um sicher zu sein", argumentiert George Friedman, Direktor von Stratfor. Der Balkan sei für al-Qaida "von strategischer Bedeutung"; jederzeit könne die Organisation die Region für ihre Ziele nutzen.
Dass in dem vier Millionen Einwohner zählenden Staat islamistische Terroristen Unterschlupf gefunden haben, zeigt sich immer wieder. Anfang 2002 wurden sechs Algerier unter Terrorverdacht nach Guantanamo gebracht. Diesen Sommer nahm die bosnische Grenzpolizei den Ägypter Jussuf Amkad fest. Amkad, Inhaber eines bosnischen Passes, gilt als Mitglied der militanten ägyptischen Islamistenorganisation Gamaa Islamija. Mitte Oktober schlugen die Grenzer erneut zu: Diesmal ging der Algerier Ais Benkhir ins Netz. Interpol suchte ihn wegen der Beteiligung an einem Anschlag, bei dem 1995 sechs Menschen ums Leben kamen. Mindestens zwei Jahre lebte Benkhir unerkannt in der bosnischen Hauptstadt - offiziell war er beim "Kuweitischen Hilfskomitee für Sarajevo" tätig.
Mehrere Islamorganisationen waren zuvor bereits ins Visier der Ermittler geraten. Über sie, so der Verdacht, werde verdeckt das Terrornetzwerk Osama Bin Ladens finanziert. "Wir müssen die Entwicklung sorgfältig überwachen, damit das nicht abgleitet", sagt ein führender Militär der Sfor-Friedenstruppe, "sonst haben wir hier irgendwann eine andere Republik." MARION KRASKE
DER SPIEGEL 50/2003
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