08.12.2003

TV-MANAGER„Viel Luft nach oben“

Der neue Sat.1-Chef Roger Schawinski über seinen schwierigen Einstand und seine Pläne für den Sender
Der Schweizer Schawinski, 58, studierte Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen und den USA. Seine Fernsehkarriere begann er als Moderator einer Verbrauchersendung. Später gründete und leitete er das erste Privatradio und das erste private Regionalfernsehen der Schweiz, bevor er sich 2001 zurückzog. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Am vergangenen Freitag haben Sie sich der überrumpelten Sat.1-Führungsriege als neuer Chef vorgestellt. Wie hat man Sie empfangen?
Schawinski: Sehr freundlich. Aber ich weiß, dass auch eine gewisse Trauerarbeit geleistet werden muss. Mein Vorgänger Martin Hoffmann war lange da, und die Seele braucht ein bisschen Zeit, um zu heilen.
SPIEGEL: Ihr Einstand war nicht ideal: Über Zeitpunkt und Stil des plötzlichen Machtwechsels gibt es allenthalben Kopfschütteln. Immerhin ging es mit Sat.1 zuletzt deutlich bergauf.
Schawinski: Das ist auch bei mir angekommen. Und gerade wenn ich die Entwicklung der letzten zwei Monate sehe, kann ich das absolut nachempfinden. Es gibt nie einen idealen Zeitpunkt für so einen Wechsel. Langfristig gibt es aber gute Gründe, jetzt etwas zu tun.
SPIEGEL: Wie wollen Sie bei den irritierten Mitarbeitern Vertrauen schaffen?
Schawinski: Indem ich präsent bin. Aber ich habe bereits festgestellt, dass die leitenden Mitarbeiter enorm motiviert sind, den Sender jetzt mit mir auf den nächsten Level zu bringen.
SPIEGEL: Sie wären ja schon im Sommer beinahe Sat.1-Chef geworden. Wann hat Ihnen der neue Eigner von ProSiebenSat.1, Haim Saban, den Job erstmals angeboten?
Schawinski: Den Job hat mir Urs Rohner konkret erst im Herbst angeboten, aber es gab vorher schon Gespräche. Saban habe ich auch zweimal getroffen, im Frühjahr und im Herbst.
SPIEGEL: Gab es damals schon einen Vertrag?
Schawinski: Nein.
SPIEGEL: Das Verhältnis von Hoffmann mit ProSiebenSat.1-Chef Urs Rohner war zerrüttet. Sie sind Schweizer Landsmann und keine Gefahr. War das der Grund für Ihre Berufung?
Schawinski: Ganz sicher nicht. Aber diese Frage müssen Sie eigentlich jemand anderem stellen.
SPIEGEL: Sie haben zuvor den Schweizer Spartensender Tele 24 aufgebaut. Was qualifiziert Sie, den zweitgrößten deutschen Privatsender zu führen?
Schawinski: Ich habe alles gemacht, was man im Privatfernsehen machen kann: ein Medienunternehmen gegründet und geleitet, Sender aufgebaut, Sendungen moderiert und produziert. Fernsehen ist meine absolute Leidenschaft.
SPIEGEL: Sat.1 hat sich auch wirtschaftlich gerade wieder etwas berappelt. Sie haben zuletzt mit Ihrer Medienholding knapp 25 Millionen Schweizer Franken Verlust angehäuft, bevor Sie 2001 ausstiegen. Kriegen Sie Sat.1 ökonomisch in den Griff?
Schawinski: Das kann man nicht vergleichen. Sat.1 wird dieses Jahr erstmals wieder in die Gewinnzone kommen. Aber da ist noch sehr viel Luft nach oben.
SPIEGEL: Die werden Sie auch nutzen müssen: Saban und seine Mit-Investoren haben ehrgeizige Renditeziele und verlangen einen drastischen Sparkurs. Wie wollen Sie das mit den Quotenzielen vereinbaren?
Schawinski: Jedes Unternehmen muss heute an der Kostenschraube drehen und gleichzeitig seine Marktposition ausbauen. Und ich glaube, das ist auch hier noch möglich. Qualität hängt nicht nur von der Zahl der eingesetzten Euro ab.
SPIEGEL: Sie hatten Ihren Schweizer Sender Tele 24 klar als Info-Sender mit Nachrichten und Magazinen positioniert. Kompetenzen, die Sat.1 bekanntlich fehlen.
Schawinski: Unser Slogan bei Tele 24 war: "Da, wo es passiert". Sat.1 soll aber nicht nur bei den News schneller werden, auch im Unterhaltungsbereich will ich aufs Pedal treten.
SPIEGEL: Ihr geschasster Vorgänger stand vor allem für eigenproduzierte Serien und TV-Events wie "Das Wunder von Lengede" und verfügte über langjährige Kontakte zu Produzenten wie KME und Nico Hofmann. Bei Ihnen herrscht da Fehlanzeige.
Schawinski: Da glaube ich an die Offenheit der deutschen Produzenten. Kommunikation ist für mich Berufung und Beruf zugleich.
SPIEGEL: Harald Schmidt verhandelt gerade mit ProSiebenSat.1-Chef Urs Rohner über die Vertragsverlängerung für das nächste Jahr. Angst, dass er abwandert?
Schawinski: Nein. Schmidt war der Erste, den ich am Freitagmorgen angerufen habe. Wir werden uns diese Woche treffen.
SPIEGEL: Bislang haben Sie selbst moderiert oder traten im eigenen Sender als Talkshow-Gast auf. Drängt es Sie auch bei Sat.1 ins Programm? Kommt schon bald die Schawinski-Nachtshow oder der Schawinski-Talk?
Schawinski: Das war in einer meiner früheren Inkarnationen. Ich habe für dieses Leben genug Talkshows geleitet.
SPIEGEL: Bislang sind Sie höchstens Brancheninsidern bekannt. Werden Sie sich einem breiten Publikum schon bald in der "Harald Schmidt Show" vorstellen?
Schawinski: Wenn ich eingeladen werde, warum nicht? Ein Sender wird neben seinen Stars auch durch seinen Kopf repräsentiert. Ich hoffe, dass ich Sat.1 durch mehr Personalisierung auch zu mehr Profil verhelfen kann.
INTERVIEW: MARCEL ROSENBACH,
THOMAS SCHULZ
Von Marcel Rosenbach und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 50/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TV-MANAGER:
„Viel Luft nach oben“

  • Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund
  • Medizintechnik: Mikroschwimmroboter für die Blutbahn
  • Wegen Lohnstreitigkeit: Baggerfahrer demoliert Hotel
  • Angriff auf Tiertrainer: "Der Wal hat meinen Sohn aus Frust getötet"