DER SPIEGEL



KRIMINALITÄT

Die Logik des Tötens

Von Ehlers, Fiona

Auf dem Campus der Universität in Rom sollen zwei Assistenten am Rechtsphilosophischen Institut eine Studentin erschossen haben. In einem Seminar hatten die Akademiker über das perfekte Verbrechen theoretisiert - und zum Beweis einen Mord begangen? Von Fiona Ehlers

Er ist gut gelaunt. Er ist klug. Er hat klare braune Augen. Er steht an der Theke einer Bar im Uni-Viertel von Rom, scherzt, flirtet, sagt schön formulierte Sätze über Rockmusik und italienische Poesie.

Salvatore Ferraro ist 36 Jahre alt, seine Manieren sind perfekt, seine Plaudereien charmant. Der vor der Brust zusammengeknotete Pullover hängt ihm über den Schultern. Er hat ein hübsches Jungengesicht, ein unschuldiges Gesicht, könnte man sagen. Nur manchmal, wenn es ihm genug ist mit den Fragen, den Verdächtigungen, schießen Blitze aus seinen Augen, böse und zielgerichtet. Hält man diesen Blicken stand, dann ist es, als verkehre sich das Gesicht von Salvatore Ferraro zur Fratze - plötzlich traut man ihm alles zu.

Seit sechseinhalb Jahren, seit Tausenden von Pressefotos und Fernsehbildern hat sich Ferraros Gesicht ins Gedächtnis der Italiener geätzt, jeder hat eine Meinung von ihm, nicht jeder eine gute.

Auf der Straße vor der Bar bleiben die Menschen stehen, sie zögern einen Moment, dann erkennen sie ihn, Ferraro, das Monster, der "Doktor Killer" der Universität. Sie weichen zurück, sind peinlich berührt, manche haben auch Mitleid. Sie wollen Erklärungen.

Wie war das nun genau? Und: Was denken Sie - gibt es das perfekte Verbrechen?

Ferraro und sein Freund Giovanni Scattone sind im Juni 1997 verhaftet worden, weil sie auf dem Campus der Universität in Rom eine Studentin erschossen haben sollen. Beide waren Assistenten am Institut für Rechtsphilosophie und hatten dort ein Seminar gehalten. Ihr Motiv, so glaubte die Staatsanwaltschaft, sei nicht Gier gewesen oder Rache oder Eifersucht. Man hatte herausgefunden, dass Ferraro und Scattone mit ihren Studenten darüber theoretisiert hatten, ob man ein Verbrechen verüben und trotzdem straffrei bleiben könne.

Ferraro und Scattone wurden verdächtigt, den perfekten Mord begangen haben zu wollen. Einen Mord nach Plan, wie in "Cocktail für eine Leiche" von Alfred Hitchcock, ein Verbrechen aus Lust an der Macht, aus Freude an der Gefahr - begangen, so die Staatsanwaltschaft, in einem "Delirium von Übermenschentum", inspiriert von Friedrich Nietzsche.

Am Montag dieser Woche urteilt das Kassationsgericht in Rom in letzter Instanz über die Schuld der Angeklagten. Dreimal schon sind sie verurteilt worden, noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, noch sind beide frei. Nun könnte der Fall, der Italien entrüstet und beschämt bis heute, Rechtsgeschichte schreiben, gelöst sein wird er auch diesmal nicht.

Der 9. Mai 1997 war ein schöner Frühlingstag in Rom, die Studenten sonnten sich auf den Treppenstufen des Uni-Hauptgebäudes, zu Füßen der Bronzeskulptur der Minerva, Göttin des Krieges, der Wissenschaften und der Künste. Marta Russo, 22 Jahre alt, im dritten Jahr eingeschrieben an der juristischen Fakultät, überquerte mit ihrer Kommilitonin Jolanda Ricci die schmale Seitenstraße zwischen dem Gebäude für Statistik und dem für Jura.

Um 11.42 Uhr ging ein Rauschen durch die Luft, ein Geräusch wie ein dumpfer Schlag, als ob Autoreifen eine Plastikflasche platt quetschten. Marta Russo sackten die Beine weg, sie klappte zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden gekappt hatte. Jolanda kniete nieder auf dem Asphalt, sie wiegte Marta in ihren Armen, und sie schrie, als sie sah, dass aus einem winzigen Loch hinter Martas linkem Ohr Blut quoll, das ihr blondes Haar verklebte. Bevor Marta ins Koma fiel, starrte sie mit weit aufgerissenen Augen zum Himmel. Sie hat sie nie wieder geöffnet.

Vier Tage und vier Nächte wachten Martas Eltern, ihre Schwester Tiziana und ihr Freund Luca an dem Bett in der Neurotraumatologie der römischen Poliklinik. Ein Projektil vom Kaliber 22 war in Martas Schädel geschlagen und in winzige Partikel zerplatzt, die Ärzte hatten wenig Hoffnung.

Am Abend des 13. Mai starb Marta Russo. Ihre Eltern unterschrieben die Einwilligung zur Organentnahme. In Kühlboxen flogen Ärzte Martas Leber, ihre Nieren, ihr Herz durch das Land.

Martas Zimmer in der Wohnung ihrer Eltern ist jetzt das Büro der "Associazione Marta Russo", eines Vereins zur Förderung der Organspende. Es wäre ihr Wunsch gewesen, sagt die Mutter, die den Verein leitet, mit elf Jahren habe ihre Tochter gesagt: "Wenn ich einmal tot bin, müsst ihr meine Organe verschenken."

An den Wänden neben dem Büro hängen Fotos: Marta mit zehn Jahren, als Florettfechtmeisterin - von der Mutter hat sie die graublauen, melancholischen Augen, vom Vater die feinen Gesichtszüge. Marta, die Jura studierte, weil sie einmal Schwächere verteidigen wollte, die in ihr Tagebuch schrieb: "Wie gern würde ich mein Leben für andere geben, nur weiß ich nicht, wie man das macht." Ihr Herz schlägt jetzt in der Brust einer Sizilianerin.

In den Tagen nach dem Mord trauerten die Italiener, entsetzt und vorwurfsvoll. Mord an der Uni, heiliger Stätte zukünftiger Eliten - das sei ja, als mordete man in einer Kirche. Zu Hunderten pilgerten die Studenten an den Tatort, riefen: "Dies ist kein Ort zum Sterben!" Die Uni verlieh Marta posthum die Ehrendoktorwürde in Jurisprudenz, der Staatspräsident kam zur Zeremonie, und der Papst gedachte ihrer während des Sonntagsgebets auf dem Petersplatz - Marta wurde zur Märtyrerin.

Auf der Beerdigung sprach Martas Onkel: "Du gingst nicht auf den Wegen von Mauthausen, nicht inmitten von Heckenschützen durch Bosnien. Du hast dich immer fern gehalten vom Bösen - ausgerechnet hier hat es dich getroffen: auf den Straßen der ''Sapienza'', wo man geht, um die Weisheit zu erlangen." Dann sangen sie "Blowin'' in the Wind" auf Italienisch, Martas Mutter brach zusammen.

Der Druck auf die Ermittler wuchs mit jedem Tag, an dem sie nichts hatten finden können, keine Tatwaffe, keine Patronenhülse, keinen genau bestimmbaren Tatort und niemanden, der etwas bemerkt haben wollte. Es war kein Mord aus Leidenschaft - Martas Freund Luca, 24, Techniker für Alarmanlagen, war ihr einziger Mann und harmlos. Es war kein politischer Mord - obwohl sie auf den Tag genau vor 19 Jahren die Leiche von Aldo Moro gefunden hatten. Marta, erfuhren die Ermittler, interessierte sich nicht für Politik, sondern für Menschen.

Am 15. Mai, sechs Tage nach dem Mord, fanden sie Schmauchspuren auf einem Fenstersims des Instituts für Rechtsphilosopie. Sie waren bald sicher: Aus der Aula 6, dem Studierzimmer und Büro der Assistenten im ersten Stock, muss geschossen worden sein. Endlich eine Spur. Winzige Partikel Barium und Antimon. Der Anfang einer Lawine.

Am 12. Juni setzten sie den Leiter des Instituts unter Hausarrest. Aus Angst um den Ruf seines Instituts decke ein Professor den Mörder, er habe seine Mitarbeiter zum Schweigen verdonnert, "omertà", empörten sich die Staatsanwälte, das Gesetz der Mafia. Am 14. Juni, nach einem zwölfstündigen Verhör, nannte die Institutssekretärin Gabriella Alletto, 44, die Namen der mutmaßlichen Täter. Das Verbrechen bekam zwei Gesichter.

Gegen 22.40 Uhr in dieser Nacht lag Salvatore Ferraro auf seinem Bett in Boxershorts und T-Shirt. Er spielte "Me And the Devil Blues" auf seiner Gitarre, als es an der Tür klingelte. Vier Polizisten stürmten seine Wohnung, erinnert sich Ferraro, sie sicherten beschriebene Zettel, die an der Wand klebten, Adress- und Tagebücher. "Wollen Sie mich etwa verhaften?", fragte Ferraro, damals 30 Jahre alt, abgeschlossenes Jurastudium seit einem Jahr.

Auf dem Polizeipräsidium legten sie ihm Handschellen an, sie hielten ihm einen Zettel hin: "Ich betrat die Aula 6", stand darauf, "dort habe ich Doktor Ferraro und Doktor Scattone gesehen. Scattone hatte eine Pistole in der Hand, mit beiden Händen raufte sich Ferraro die Haare, eine Geste der Verzweiflung." Es war die Aussage der Sekretärin.

Das ist absurd, habe er gedacht, sagt Ferraro, "ein schrecklicher Irrtum". "Gestehen Sie", sagten die Ermittler, "sagen Sie, es sei Scattone gewesen, der am Fenster stand und schoss. Sagen Sie, der Schuss habe sich aus Versehen gelöst, ein Unfall - dann lassen wir Sie schlafen, zu Hause." Ferraro gestand nicht. "Schön, Arschloch", sagten die Ermittler, "nun ist wohl Schluss mit der brillanten Karriere!"

Nach der Festnahme der beiden Assistenten sicherten sie Schmauchspuren an Scattones Kleidung und in Ferraros Tasche, in die Scattone die Mordwaffe nach dem Schuss gesteckt haben soll. Sie berichteten von Ferraros Notizen, darunter ein Vierzeiler mit dem Titel "Lizenz zum Töten" und Artikel aus einer kriminologischen Zeitschrift über Serienkiller und das Verbrechen ohne Motiv. Auch bei Scattone wurden sie fündig: In schöner, ordentlicher Handschrift hatte der die Namen von Mädchen aufgelistet, dazu die genaue Beschreibung ihrer Unterwäsche.

Als endgültige Erklärung für den kaltblütigen Mord der Dozenten präsentierte die Staatsanwaltschaft dann das Motiv vom "perfekten Verbrechen". Die Ermittler berichteten von dem Seminar der beiden Assistenten, von den Aussagen ihrer Studenten, die sich gefragt hätten, "was das alles mit juristischer Logik zu tun habe". Kaltblütig hätten Scattone und Ferraro den Beweis liefern wollen, "dass Töten möglich sei, ohne entdeckt zu werden" - dann nämlich, "wenn es keine Verbindung zum Opfer gebe und keine Möglichkeit, die Tatwaffe zu finden".

Ferraro sei "la mente", das Gehirn. Scattone, der bei den Carabinieri schießen gelernt hatte, "Buffalo Bill", sein Gehilfe.

Im Gerichtsbunker am Foro Italico, wo in den achtziger Jahren die spektakulären Terroristenprozesse geführt worden waren, begann im April 1998 der erste von drei Prozessen gegen die Angeklagten. Ein Indizienprozess ohne Mordwaffe und ohne Geständnis. Geführt von Staranwälten, die einander zu übertreffen versuchten: in der Länge ihrer Plädoyers, ihrer brillanten Rhetorik und ihrer Präsenz in den Medien. Der Prozess dauert 13 Monate, rund 400 Zeugen hatte die Verteidigung geladen, 40 die Anklage, täglich berichteten Hunderte Journalisten.

Als Nebenkläger saß Donato Russo, der Vater der Ermordeten, auf der Bank gegenüber den Angeklagten, er fehlte kaum einen Tag. Russo wischte sich oft die Augen, einmal schrie er auf. Ferraro sprach, laut und deutlich wie immer, er hatte genug: "Eines Tages, wenn die Wahrheit endlich raus ist, werden Sie mich umarmen. Sie werden einsehen, dass ich das, was ich hier seit so vielen Monaten auf mich nehme, auch für Ihre Tochter tue." Russo riss es vom Stuhl, er zitterte. "Ich will die Wahrheit", schrie er. Nicht nur Russo war längst überzeugt von der Schuld der Angeklagten.

Die Journalisten im Gerichtssaal warteten auf Gefühle, auf neapolitanisches Theater mit Tränen, Zusammenbrüchen und Geständnissen. Sie sollten sie nicht bekommen. Dort saßen zwei gefasste Doktoren, gut vorbereitet wie Anwälte, überheblich, scheinbar wütend über das Unrecht, das man ihnen angetan habe. Sie sprachen nur von sich, nie von Marta. Die Journalisten schimpften sie "Professorini" mit den "engelsgleichen Gesichtern" und "bravi ragazzi", ehrgeizige Jungs aus guten Familien, gelangweilt und böse, und fotografierten sie, wenn sie mal lachen mussten oder gähnten, wenn sie gestikulierten und auf den Richter oder Zeugen zeigten und es so aussah, als formten sie mit ihren Händen Pistolen.

Die Stimmung in der Öffentlichkeit schlug erst um, als der staatliche Fernsehsender RAI tre im September 1998 geheime Mitschnitte des Verhörs der Institutssekretärin Alletto ausstrahlte, drei Tage bevor sie Ferraro und Scattone beschuldigt hatte. Millionen von Italienern sahen die verzweifelte, weinende Frau, wie sie auf das Leben ihrer Kinder schwor, niemals in Aula 6 gewesen zu sein. Wenn sie nicht aussage, drohten ihr die Ermittler, würde man sie einsperren. Millionen von Italienern fragten sich, wann die Sekretärin denn nun gelogen hatte. Damals oder heute?

Der "Video-Schock" machte aus Anklägern fortan Angeklagte, so wuchtig war die Empörung, dass der damalige Ministerpräsident Romano Prodi das Vorgehen der Staatsanwaltschaft öffentlich kritisierte. Silvio Berlusconi, damals in der Opposition, nutzte den Fall für seinen persönlichen Feldzug gegen die Justiz. Wenn schon in einem Indizienprozess solche Zustände herrschten, wie gehe es dann erst zu bei Korruptionsprozessen gegen Politiker?

Dann gab der Gerichtspräsident von Rom zu: "Der Prozess ist uns aus den Händen geglitten."

Die Wahrheit würde man nie erfahren.

Längst hatten sich die Italiener gespalten in colpevolisti, Verfechter der Schuldtheorie, und innocentisti, die von der Unschuld der Angeklagten Überzeugten. Die Frage, wer Marta Russo wirklich erschossen hatte, war längst Glaubensfrage geworden. Professoren und Journalisten gründeten das "Komitee für die Verteidigung von Scattone und Ferraro". Sie organisierten Publikumsdiskussionen, sammelten Unterschriften, manch einer glaubt bis heute an ein Attentat islamistischer Terroristen. Ihre Forderung: Freispruch für die Unschuldigen. Zu lächerlich seien die angeblichen Beweise, keiner der Zeugen hätte freiwillig ausgesagt.

Während die Anklage die Alibis von Ferraro und Scattone auseinander nahm - kein Student, kein Professor konnte glaubhaft versichern, dass die Beschuldigten zum Zeitpunkt der Tat mit ihnen zusammen gewesen waren -, erfuhr die Welt, was die "bravi ragazzi" im Gefängnis durchzustehen hatten.

In seiner Zelle in Trastevere hatte Scattone seine Dissertation über Umweltschutzrecht beendet, zur Verteidigung seiner Arbeit kamen die Prüfer in den Knast. Nachdem er das Video mit der Sekretärin gesehen hatte, saß Ferraro im Gefängnis Rebibbia und glaubte an ein Wunder, "als sei Gott auf die Erde herabgestiegen". Jetzt wüssten die Menschen endlich, wie die Sekretärin dazu käme, ihn zu beschuldigen.

Zuvor hatte Ferraro über "Gandhi und die Indianer in Amerika" gelesen und trat in den Hungerstreik, zehn Tage lang hielt er durch, dann spielte er Fußball mit den Häftlingen und Gitarre in der Anstaltsband "Die zufällig Geschnappten". Ansonsten las er Heiratsanträge, die sie ihm in die Zelle schickten und sammelte Eindrücke für sein Buch über den wahren, harten Knastalltag, das er später schreiben wird. Er wird es seinem Vater widmen, der ihn vor seinem Tod, im März 2001, bat, das Buch zu beenden, er wolle es mitnehmen ins Grab. Auch sein Vater, ein freundlicher,

ehemaliger Bankangestellter aus Kalabrien, sagt Ferraro, sei Opfer des Falls Marta Russo.

Am Tag, als Marta 24 Jahre alt geworden wäre, forderte die angeschlagene Staatsanwaltschaft 18 Jahre für Scattone, wegen vorsätzlichen Mordes, 18 Jahre für Ferraro. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Die Richter entschieden: 7 Jahre wegen fahrlässiger Tötung für Scattone, den mutmaßlichen Schützen, 4 Jahre für Ferraro.

Die Assistenten hätten keinen geplanten Mord begangen, begründeten die Richter das für fahrlässige Tötung hohe Strafmaß, sie hätten wohl aber das Risiko in Kauf genommen, mit der Waffe auf einen öffentlichen Platz zu zielen. Das Urteil war ein Kompromiss, der Versuch einer Versöhnung zwischen den Glaubensrichtungen.

Seit dem Urteil sind Ferraro und Scattone auf freiem Fuß, für jeweils rund 50 000 Euro sprachen sie in einer Talkshow von ihrer Unschuld, auch dort konnten sie nicht überzeugen. Sie kehrten in ihre alten Wohnungen zurück und versuchten, ihr neues Leben zu beginnen - ein Leben unter Neugierigen, Ungläubigen und Besserwissern. Die juristische Fakultät der "Sapienza" haben beide nie wieder betreten.

Im Mai 2000 ordnete das Berufungsgericht neue Gutachten an. Ergebnis: Die Schmauchspuren am Fenstersims passen wahrscheinlich nicht zu der verwendeten Patronenart, wohl aber die in Ferraros Tasche. Die Richter erhöhten das Strafmaß: acht Jahre für Scattone, sechs für Ferraro. Nachdem das Kassationsgericht dieses Urteil im Dezember 2001 angefochten hatte, sah es kurzzeitig so aus, als sei die Theorie vom perfekten Verbrechen doch beweisbar: keine Waffe, kein Motiv, kein gesicherter Tatort - alles noch einmal von vorn. Doch auch diese Berufung entschied: schuldig.

Am Montag, dem 15. Dezember 2003, wird das Kassationsgericht zum zweiten, vielleicht zum letzten Mal urteilen, ob es die Schuld bestätigt, annuliert oder einen neuen Prozess anordnet.

Giovanni Scattone, heute 35 Jahre alt, sitzt im Büro seines Anwalts mit Blick auf den Gerichtspalast, wo sein Schicksal verhandelt wird. Er ist pummeliger als zur Tatzeit, er spricht leise und wirkt unbedarft. In seinem Leben zähle im Moment nur eines, sagt Scattone: zu überlegen, wie die Frau, die er kennen lernte im Prozess und heiratete vor zwei Jahren, klarkäme ohne ihn, wenn er seine Reststrafe absitzen müsse. Was er machen würde, wenn er freigesprochen wird? Die Akten und Zeitungsartikel verbrennen, die er in einem Schrank in seiner Wohnung verschlossen hat.

Salvatore Ferraro hat aus seinem Leben einen Krimi gemacht. Er beriet den Regisseur von "Cattive Inclinazioni" (Böse Neigungen) einem Thriller, der zurzeit in den italienischen Kinos läuft. Der Regisseur hat früher Erotikfilme gedreht. Es geht um einen Serienmörder, der am Ende Medienstar ist und wohl auch unschuldig.

Für sein Leben suche er nach einem Happy End, sagt Ferraro in der Bar nahe der Universität, er sei nicht sehr zuversichtlich. Er sagt, die Russos werden immer die "sicheren Opfer" sein, gegen die "kann man nur verlieren". Er sagt, er sei einer von Millionen von Justizirrtümern in Italien. Der Campus von Rom sei ein Ort außer Kontrolle, da gebe es Waffennarren, Junkies, Hehler. Wer wisse schon, wer sich in die Behindertentoilette des Rechtsphilosophischen Instituts schleicht und tötet. Wenn es ein Unfall war, wenn er und Scattone mit einer illegalen Waffe herumgespielt hätten und sich dabei aus Versehen ein Schuss gelöst hätte, warum, fragt Ferraro, und Blitze schießen wieder aus seinen Augen, hätte er nicht gestehen sollen?

Ein paar Straßen weiter, auf dem Campo Verano, Roms schönstem Friedhof, gibt es nur eine Wahrheit. Dort liegt Marta Russo in einer Kapelle neben dem Gräberfeld der Kriegsgefallenen. Vor ihrem Grab Vasen mit Rosen und Schwertlilien, Plüschtiere und gelb-rote Schals ihres Fußballvereins. Daneben ein Grabbuch, in das sich fast täglich die Trauernden eintragen: "Ciao Marta", steht da. Und: "Gerechtigkeit ist nicht von dieser Welt".

* Am 14. Mai 1997, einen Tag nach Marta Russos Tod, auf dem Campus der Universität "La Sapienza" in Rom.

DER SPIEGEL 51/2003
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