15.12.2003

GESCHICHTEDas Geheimnis der Treppenstufe

Erreichten die Wikinger lange vor Kolumbus das amerikanische Binnenland? Der berühmte Runenstein aus Kensington soll auf seine Echtheit untersucht werden.
Streng und finster, nicht gerade wie ein Spaßvogel, blickt Olof Öhman in die Kamera. Der schwedische Bauer im Sonntagsanzug, gerahmt von zwei uniformierten Landsleuten, präsentiert auf dem uralten Foto seinen Sensationsfund: einen beim Roden entdeckten Runenstein.
Im Hügelland von Minnesota, der neuen Heimat Hunderttausender skandinavischer Einwanderer, hatte Öhman 1898 den mit Ritzzeichen beschriebenen Stein gefunden. Der graugrüne Block berichtet von einer Entdeckungsfahrt, die für zehn Nordmannen tödlich endete: Ihre Kumpane hätten sie auf der Rückkehr vom Fischen erschlagen vorgefunden. Aus dem Wurzelwerk einer Espe, so Öhman, habe er das Monument herausgehauen - doch als archäologischer Ausgräber wurde der Bauer kaum ernst genommen.
Das Objekt, nach dem nahe gelegenen Städtchen Kensington benannt, versetzte zwar die Immigranten in Hochstimmung: Der Datierung zufolge hätten Nordmannen schon 1362, lange vor Kolumbus, ihre Spur tief im amerikanischen Kontinent hinterlassen. Doch fast alle Experten hielten das Fundstück für eine Fälschung. Für den Rest seines Lebens litt Öhman unter dem Ruf, ein Scherzbold und Lügner zu sein. Mit der Schrift nach unten, verlegte er den Stein als Treppenstufe zu seinem Haus.
Die Ehre ihres Vorfahren sehen die Nachkommen des vierschrötigen Mannes nun wiederhergestellt: Die Öhmans waren zum Eröffnungssymposium einer Ausstellung geladen, mit der das Stockholmer Historische Museum "Das Rätsel des Kensington-Steins" klären möchte. Erstmals ist das Fundstück zu diesem Anlass in Europa.
Neue mineralogische Untersuchungen und unterschiedliche Deutungen des Textes hätten den "geheimnisvollsten aller Runensteine" wieder in den Blickpunkt gerückt, sagt Museumschef Kristian Berg. Die jüngsten Auseinandersetzungen mit dem Findling aus Minnesota seien "wie ein Thriller", so Berg: "Jede Antwort wirft sogleich wieder eine neue Frage auf."
Bis zum Februar haben die Wissenschaftler jetzt ausgiebig Gelegenheit, der Wahrheit anhand des Exponats nachzuspüren, das danach ins Museum der Kleinstadt Alexandria bei Kensington zurückkehrt. Über die Touristenattraktion wacht dort "Big Ole" - ein 8,50 Meter hoher Plastik-Wikinger, dessen Schild die kühne Aufschrift trägt: "Alexandria Birthplace of America".
Mit der akribischen Analyse des Runentextes werde im nordischen Ursprungsland nachgeholt, "was wir längst hätten machen müssen", sagt Henrik Williams, Philologe an der Universität Uppsala. Es war "Runen-Janne", Schwedens berühmter Gelehrter Sven Jansson, der die Inschrift 1948 zur Fälschung erklärt hatte - und damit eingehende Studien blockierte.
Der mysteriöse Fund erhitzte erst in den achtziger Jahren wieder die Gemüter: Eine eigene Rubrik unter dem Stichwort "Kensingtonia" widmet seither das norwegische "Runenarchiv" dem Stein, dessen gegenwärtig laufende Enträtselung auch der deutsche Runenkundler Klaus Düwel "hoch spannend" findet.
Die massigen Gedenksteine der Wikinger künden von Tatkraft und Expansion, ihre geritzten Inschriften markierten die Wege des Händler- und Piratenvolks zum Ladogasee, den Dnjepr abwärts, zum Kaspischen Meer und nach Grönland und Neufundland.
Dass ein Trupp Seefahrer sich von dort aus bis ins amerikanische Binnenland durchgeschlagen haben soll, gilt den meisten Historikern als kaum denkbar - doch genau das erzählen die Ritzer des Kensington-Steins.
Dem Runentext zufolge nahm die Reise indes eine tragische Wende: "8 Männer aus Götaland (dem heutigen Schweden) und 22 Norweger", so berichtet der unbekannte Chronist auf neun Zeilen, hätten auf der "Entdeckungsfahrt ... ein Lager ... eine Tagesreise nördlich von diesem Stein" errichtet. Als einige vom Fischen zurückgekehrt seien, hätten sie "10 Männer rot von Blut und tot" gefunden. Die christliche Formel "Erlöse uns von dem Übel" beschließt den Text. In die Schmalseite ist die Jahreszahl 1362 graviert.
Die schlichte Zahl, geschrieben nach einem speziellen, auf der Zahl fünf basierenden System, ist für Helmer Gustavson, Chefrunologe am Stockholmer Reichsdenkmalsamt, ein Beleg für die Unechtheit: Diese Datierungsart und weitere Auffälligkeiten finden sich nur noch ein einziges Mal wieder - auf einem hölzernen Joch, das ein Runenschreiber 1907 in der abgelegenen schwedischen Region Dalarna ritzte, wo sich diese Tradition bis in die Neuzeit erhielt: "Aus dieser Epoche", so folgert Gustavson, "stammt auch der Kensington-Stein."
Andererseits bescheinigt der US-Geologe Scott Wolter der Inschrift ein Alter, das die Zweifler in Erklärungsnot bringt: Wolter verglich die Verwitterung einzelner Zeichen mit denjenigen von Grabsteinen aus dem 19. Jahrhundert. Die Analyse ergab, dass der schwarze Glimmer aus der Zeit der Inschrift 194 Jahre brauchte, um vollständig wegzuwittern.
Die Oberfläche wird jetzt durch den Stockholmer Geologen Runo Löfvendahl erneut untersucht, der Spezialist für Verwitterung von Runensteinen ist. Dreidimensionale, berührungsfrei erstellte Aufnahmen der gesamten Steinoberfläche sollen den Runenforschern die Interpretation der Buchstabenformen erleichtern.
"Jedes Wort, jede Rune auf dem Kensington-Stein kann diskutiert werden", sagt Philologe Williams. Unstimmigkeiten und Fehler in dem Text leugnet er nicht: Einige Worte passen ins 19. Jahrhundert, andere sind der Sprache mittelalterlicher skandinavischer Texte nahe. Aber dies könne auch auf mundartliche Eigenheiten oder schlichte Fehler des mutmaßlichen Runenschreibers zurückzuführen sein.
So sieht sich Forscher Düwel in seiner Einsicht bestätigt, "dass es mit der Runendeutung seine besondere Bewandtnis hat". Im Grundsatz gelte für diese Wissenschaft: "Alles ist denkbar, vieles ist möglich, wenig ist wahrscheinlich, nichts ist sicher." RENATE NIMTZ-KÖSTER
Von Renate Nimtz-Köster

DER SPIEGEL 51/2003
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