15.12.2003

INTERNET

Im Netz der Quasselstrippen

Von Schmundt, Hilmar

Nach der Musikindustrie bringt das Internet jetzt auch die Telefonbranche in Bedrängnis: Ferngespräche über Datenleitung sind konkurrenzlos billig.

Wenn Nicolas Pohland von Berlin aus seine Filiale in Indien anruft, sind ihm die hohen Telefongebühren völlig egal - weil er keine zahlt. Denn seine Stimme reist nicht durch das herkömmliche Telefonnetz, sondern übers Internet.

Pohland, 35, ist Vorstand der Berliner Firma Snom, die Internet-Telefone herstellt, um Plaudereien per Datenleitung zu ermöglichen. "Voip" wird diese relativ junge Technik genannt ("Voice over IP").

Das Prinzip ist einfach: Für herkömmliche Telefongespräche muss extra eine separate Leitung oder ein Kanal reserviert werden, was teuer ist. Voip-Telefone dagegen sind eigentlich verkappte Internet-Rechner, die das Gespräch in winzige Datenpakete zerhacken und übers Netz verschicken wie gewöhnliche E-Mails. Dadurch passen zig Gespräche in einen einzelnen Kanal, was Bandbreite und Geld spart (siehe Grafik).

Großkunden nutzen die Voip-Technik schon lange: Callcenter und Unternehmen mit vielen Filialen können so ihre Telefonkosten um bis zu 80 Prozent senken. Auch die Telefonkonzerne selbst versenden intern zwischen großen Knotenpunkten die Gespräche ihrer Kunden per Voip - ohne dass diese das merken. Rund ein Zehntel aller internationalen Gespräche läuft bereits übers Internet; ab 2007 dürfte es die Hälfte sein, schätzt der amerikanische Telefonanalyst Rich Tehrani. Irgendwann werden dann alle Telefonnetze komplett auf Voip umstellen, glaubt er.

Für private Nutzer dagegen war Voip bislang so kompliziert, dass nur Bastler davon Gebrauch machten: Der Tüftler hockte vor dem Rechner, startete ein Programm wie "Netmeeting", stöpselte Kopfhörer und Mikrofon ein und hörte zwischen Echoeffekten und Rauschen die Stimme eines anderen Bastlers - der ebenfalls vor seinem Rechner sitzen musste.

Schon mehrfach wurde dieser Internet-Amateurtelefonie eine große Zukunft vorhergesagt; sogar die Telekom wagte Ende der Neunziger mit "T-Netcall" einen Vermarktungsversuch - ohne Erfolg. Nun scheint die Ära der leeren Versprechungen zu Ende zu gehen. Es herrscht Aufbruchstimmung wie zu Zeiten der New Economy. Denn mittlerweile gibt es genügend potenzielle Kunden, die über schnelle Datenleitungen wie DSL verfügen, mit denen Voip einfach zu bewerkstelligen ist.

"Wir kommen mit der Expansion kaum hinterher", sagt Snom-Manager Pohland, dessen Firma in Taiwan und Indien produzieren lässt: "Unsere Stückzahlen haben sich dieses Jahr um das Zehnfache auf 100 000 Telefone erhöht, und unsere Umsätze haben sich verfünffacht."

Befördert wird Voip auch dadurch, dass Provider zunehmend die Internet-Nutzung zu monatlichen Pauschalpreisen anbieten - wodurch auch Telefonate übers Netz konkurrenzlos billig werden. Der Mediengigant Time Warner kündigte letzte Woche an, im großen Stil in die Internet-Telefonie einzusteigen: Bis Ende 2004 könnten fast 18 Millionen Kunden per Kabelfernsehanschluss zu Schleuderpreisen telefonieren.

Das Angebot bringt die Branche in Zugzwang. Einen Tag nach Time Warner kündigte British Telecom "Broadband Voice" an: Die Kunden stöpseln einen Adapter an ihren Breitbandanschluss und telefonieren abends und am Wochenende innerhalb Großbritanniens fast unbegrenzt (gegen eine Pauschale von rund elf Euro).

In Deutschland bietet die Kölner Firma QSC seit Anfang Dezember mit einer Flatrate von nur fünf Euro pro Monat die Möglichkeit, unbegrenzt mit anderen QSC-Internet-Telefonierern zu plaudern. Lediglich beim Anrufen eines herkömmlichen Telefonanschlusses fallen Zusatzgebühren für das Einspeisen ins konventionelle Telefonnetz auf der "letzten Meile" an - immer noch erheblich weniger als die Gebühren für normale Ferngespräche.

"Wir werden den Telefonkonzernen einheizen", prahlt auch Michael Robertson, der kalifornische Technikrevoluzzer, der bereits mit seinem Internet-Portal "MP3.com" die Musikindustrie provozierte. Seine neue Firma bietet spezielle Telefone und Adapter an, um über schnelle Datenleitungen weltweit ohne zusätzliche Telefongebühren zu telefonieren (www. sipphone.com).

Niklas Zennström und Janus Friis mischen ebenfalls mit, die Gründer der Tauschbörse Kazaa, deren Suchprogramm bereits über 200 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Skype heißt ihre neue Telefon-Software, die mit dem Tauschbörsenprinzip Daten vermittelt, bislang kostenlos ist und bereits fast vier Millionen Mal heruntergeladen wurde (www.skype.com).

Das Zusammenwachsen von Telefon und Internet führt inzwischen sogar die jeweiligen Kommunikationsbürokratien auf Kollisionskurs: Wer soll die neue Welt der Internet-Telefone verwalten - die von der Uno beauftragte Telefonbehörde Itu in Genf oder die amerikanische Internet-Verwaltung Icann mit Sitz bei Los Angeles?

Im Vorfeld des Weltgipfels der Informationsgesellschaft in Genf, der am Freitag zu Ende ging, kam es zum offenen Krach, als Icann-Vertreter bei Itu-Beratungen rausgeworfen wurden. HILMAR SCHMUNDT


DER SPIEGEL 51/2003
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