Mittwoch, 10. Februar 2010

DER SPIEGEL


15.12.2003

TV-STARS

Der Narr kann gehen

Von Festenberg, Nikolaus von und Rosenbach, Marcel

Mit dem spektakulären Abschied von seinem Haussender Sat.1 gelang Harald Schmidt seine bisher beste Show. Die Nation erregt sich über den Bildschirmrückzug des Entertainers - und auch seine Ex-Chefs müssen trauern: Sat.1 machte mit der angeblich defizitären Sendung durchaus Kasse.

Der deutsche Humor ist Kummer gewohnt - aber so finster wie in der vergangenen Woche war die Stimmung nicht mal, wenn zum Karneval die Mainzer Fassenacht auf Sendung ging oder Stefan Raab das zähnefletschende Haupt des Fun-TV erhob. Am Montag vergangener Woche fühlte sich die Nation, so schien es, zum Totlachen.

Acht Jahre lang gab es eine späte Stunde, da konnten sich viele das Unmögliche vorstellen: Die Deutschen haben vielleicht doch Humor. Wenn Harald Schmidt auf Sat.1 auftrat, wieherte das Land. In den besten Momenten zeigte die Ironie Zähne, der Quatsch blühte, und die gute alte Bildung winkte verführerisch mit der Knochenhand.

Ausgeblüht und ausgewinkt - seit an jenem Montag der Sender Sat.1 völlig überraschend ankündigte, dass im neuen Jahr eine "Kreativpause" für Schmidt und seine Sendung eintreten werde. Ob und wann es mit der Late-Night-Show weitergehen werde, ließ die dürre Mitteilung offen. Der Spaßvogel hüllte sich in Schweigen. Wurde er abgeschossen? Will er sich davonmachen? Hat er den Käfig satt?

Deutschland trauert. Und wie. Es fehlte nur noch, dass der Kanzler und der Papst kondoliert hätten. "Nicht auszudenken, wie jetzt mit Niveauverdacht gelacht werden soll", verzweifelte der Allzweck-Intellektuelle Roger Willemsen. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn sah den letzten Zug davonfahren - Schmidt serviert seine Lieblingssendung. Fußball-Manager Uli Hoeneß, als Seelensensibler noch gar nicht sonderlich aufgefallen, fand es "sehr, sehr bedauerlich". Nekrologe füllten seriöse Zeitungen von "SZ" bis "FAZ".

Dabei ist der Mann gar nicht tot. Im Gegenteil: In der wahrscheinlichen Abschiedsstunde witzelt er brillant wie lang nicht mehr, und seine gefährdeten Mitarbeiter machen beim Spott mit dem eigenen Untergang mit - die Band auf der "Titanic" hätte noch was lernen können.

Am Dienstag vergangener Woche irrte Schmidt am Beginn seiner Sendung durch die Räume seiner Firma Bonito und suchte seinen Getreuen Manuel Andrack, der - gar nicht treu - heimlich für eine neue Andrack-Show übte. Mitarbeiter schleppten Computer weg, Nathalie, die beknackte französische Jungfer, sah man mit dem Koffer verschwinden. Rätsel für die Zuschauer: Zeigen die Bonitos Humor bis über das Abwinken hinaus - oder wissen sie, dass womöglich doch nicht ganz finito ist mit ihren Jobs?

Am Mittwoch spielte der Meister Götterdämmerung. Er saß zusammengesunken hinterm Schreibtisch, hüstelte vor sich hin und sah mit seiner Militärschirmmütze und in eine Decke gehüllt aus wie old Adolf 1945 im Berliner Bunker.

Die Darbietungen im Studio - sind sie ein höhnischer Kommentar auf den Abschiedsschmerz? Was soll man davon halten, wenn sich ausgerechnet ein Komödiant wie Olli Dittrich "zutiefst erschüttert" zeigt und Kollegin Anke Engelke auf "ein Mittel" sinnt, "das ihn glücklich und zurückkommen macht"?

Und alle Welt spielt Intendant. Wie wär''s mit Schmidt im Ersten, aber wohin dann mit Beckmann, Maischberger und Bärbel Schäfer? Harald ins ZDF - aber die sind glücklich mit Kerner. RTL? Dann doch lieber weiter auf Sat.1.

Schmidts Abgang - so er überhaupt einer ist - wirkte zunächst wie ein Lehrstück über den ganz und gar humorlosen Umgang der Medienmächtigen mit ihren schöpferischen Mitarbeitern. Doch läuft da wirklich das bekannte Stück Krämer gegen Kreative, Intellektuellenstolz vor Mogulthronen ("Geben Sie Narrenfreiheit, Sir Saban"), Geld gegen Geist - eine Art Wiederaufführung von Orson Welles'' Filmparabel "Citizen Kane" auf Sat.1?

Nein, das alte Lied vom tyrannischen Herrn und dem (gut bezahlten) Sklaven, der das Geld herbeischafft, passt hier nicht: Harald Schmidt hat rechtzeitig gelernt, dass der Knecht sein eigener Herr sein muss, um im TV-Geschäft zu bestehen. Die "Mediennutte", als die sich Schmidt in einer Sendung ironisch-unterwürfig ausgab, in der es um den Rauswurf von Senderchef Martin Hoffmann durch den ProSiebenSat.1-Boss Urs Rohner ging, ist in Wirklichkeit Bordellier.

1998 zog er mit seiner Show nicht nur aus einem Kino in der Kölner Innenstadt auf ein Industrieareal vor den Toren, sondern er kündigte auch seinem Produzenten Jörg Grabosch und baute sein Bonito-Imperium als jungen, flotten Laden auf, ein Team aus Spaßdesperados.

Schon vor Jahren hatte der Entertainer seinen Mannen und Mädchen klar gemacht: "Wenn wir in die Luft fliegen, gehe ich an den Strand, und ihr geht arbeiten."

Selbstbewusst forderte Schmidt eine höhere Vergütung für seine Show, die er Sat.1 seit 1998 über die eigene Produktionsfirma sendefertig aus Köln überspielt. Es war noch Senderchef Hoffmann, der dem TV-Talker vermittelte, dass dies selbst für einen Schmidt nicht drin sei, während auf allen Programmplätzen die Kosten gedrückt werden müssen.

Immerhin bot Hoffmann seinem Star dann eine Vertragsfortsetzung zu gleichen Konditionen an, das heißt: fast gleichen.

In dem Vertrag, der Schmidt bei der Aufzeichnung zu der von ihm moderierten Jubiläumssendung "20 Jahre Sat.1" am vorvergangenen Dienstag übergeben wurde und der vom Sender bereits unterzeichnet war, waren für das kommende Jahr 168 Sendetermine vorgesehen.

Pro Show hätte Schmidt wie bisher etwa 100 000 Euro kassiert - also knapp 17 Millionen Euro im Jahr 2004. Man kam dem Star dabei allerdings ein Stück entgegen: Denn bislang bekam er für seine Moderation pro Abend 40 000 Euro, Bonito für die Produktion aber 60 000. Künftig sollten beide jeweils 50 000 kassieren - Schmidts direkte Bezüge wären also gestiegen, seine Produktionsfirma hätte pro Show 10 000 Euro weniger bekommen.

Aufsichtsratsmitgliedern wurde vom Vorstand der ProSiebenSat.1 Media AG signalisiert, Schmidt habe den Konditionen zugestimmt. In München wurde das weithin so interpretiert, als habe der Entertainer unterschrieben.

In diesem Glauben reiste auch das neue ProSiebenSat.1-Vorstandsmitglied Guillaume De Posch nach Berlin, um Martin Hoffmann über dessen Demission als Sat.1-Chef zu informieren. Ein fataler Irrtum.

Denn als Schmidt erfuhr, dass der ProSiebenSat.1-Vorstand um Rohner seinen Freund und Fürsprecher Hoffmann im zweiten Anlauf geschasst und dafür Rohners Landsmann Schawinski installiert hatte, sah sich der Star an nichts und niemanden mehr gebunden - was er seinem Publikum durch allerlei Schawinski-Scharaden schon am selben Abend deutlich machte.

Am Freitagmittag noch hoffte der neue Sat.1-Chef im Gespräch mit dem SPIEGEL, bei der eigenen Nacht-Show vielleicht auch mal auf der Couch sitzen zu dürfen. Am Abend dann erfuhr Rohner von Schmidts Abgang.

Für Sat.1, Schawinski und vor allem Rohner ist das weniger finanziell als imagemäßig eine Katastrophe. Der ProSiebenSat.1-Chef musste sich am Mittwoch bei einer Aufsichtsratssitzung denn auch unangenehmen Fragen stellen. "Was mich ein bisschen düpiert hat", so schilt selbst der neue Sat.1-Chef Schawinski seine Kollegen, "war, dass am 5. Dezember noch kein Vertrag mit solch einem wichtigen Star unterschrieben war."

Immerhin hatte der Sender, anders als vielfach spekuliert, trotz dessen hoher Gage in den letzten Jahren auch ökonomisch durchaus von "His Schmidtness" profitiert.

In den drei Werbepausen jeder "Schmidt-Show" kostete ein klassischer 30-Sekunden-Spot im Jahresmittel 2003 immerhin 10 104 Euro, bei einer Gesamtwerbezeit von rund zwölf Minuten pro Sendung blieb auf jeden Fall ein Plus für den Sender, auch wenn man die branchenüblichen Rabatte abzieht.

"Die ''Schmidt-Show'' zu verkaufen war nie ein Problem", heißt es beim Vermarkter der Werbe-Inseln, SevenOne Media. Die Auslastung lag zuletzt bei 85 Prozent.

Das alles wusste der Geschäftsmann Schmidt nur zu genau, genauer wohl, als viele in der ProSiebenSat.1-Zentrale in München ahnen wollten. Vor allem mochte man dort wohl nicht wahrhaben, dass Schmidt sich seinen Ausstieg längst leisten konnte, sein Sender aber eigentlich nicht.

Dabei hätte man gewarnt sein können: Spätestens seit der Entertainer 1998 den damaligen Produzenten Brainpool verließ, um sich und seine Show ökonomisch auf eigene Beine zu stellen, war klar: Beim Geld hört für den Schwaben der Spaß auf.

Das merkten schnell auch viele der Werbekunden, die den Sympathie- und mannigfachen Medienpreisträger für ihre Kampagnen einspannen wollten. Egal, ob bei dem Fast-Food-gesponserten "McSchmidt-Studio" während der Fußball-WM 1998, den Karstadt-Spots oder seinen Einsätzen für T-Online, Hexal und die Deutsche Bahn: Stets bestand Schmidt darauf, für die Reklame nicht nur sein Gesicht zu vermieten, sondern die Spots mit Bonito auch selbst zu produzieren - und auf diese Weise immer doppelt zu kassieren. Sein jüngerer Bruder Reinhard besorgt mit seiner Firma Aranex derweil die Multimedia-Geschäfte um die Homepage.

Bei allem Firmenmonopoly - planmäßige Erzeugung von Witz bedeutet immer auch Umgang mit dem Unplanbaren. Humorproduktion, sogar im industriellen Maßstab, hantiert mit Animositäten und Vorurteilen. Beim Witz geht es um Grenzverletzung und das Management des Unbewussten.

Witz beruht auf Anarchie und auf Willkür, auf der Geschmacksdiktatur eines Spiritus Rector, und Schmidt, der die Show auf der Bühne verkauft, ist der erste Anarchist und der erste Souverän.

Keine Organisationsform aus dem Lehrbuch passt zum Dienst am Satirischen. Mit Planstellen, Sozialplänen und bausparfixierten Mitarbeitern ist die Erstellung des Heiteren letztlich nicht zu schaffen.

Wer genau hinschaute, konnte erkennen, dass Schmidts Patriarchen-Fassade als gütiger und bodenständiger Lenker eines linksrheinischen Mittelstandsunternehmens nur eine Rolle unter anderen Rollen war. Den Zyniker, den unsteten Wanderer, den Depressiven gab es weiter - das Talent für Humor hat seinen Preis.

Die freischwebende Existenz gehört zum scharfen Schwert des Humors, die Satire fühlt sich im Wanderzirkus wohler als im Büroloft. Die Erstickungsgefahr drohte Schmidt immer in der freundlichen Bonito-Umgebung mit schönen blonden Frauen und wohl gefüllten Getränkeautomaten.

Ein scharfer Beobachter wie Schmidt wusste, dass seine Spaßfirma ein Paradies auf Zeit ist, wo die Mitarbeiter als Marionetten des Meisters immer mit dem Ende zu rechnen haben.

Schmidt, der gelernte Schauspieler, Kaberettist und Pointen-Papst, hat einfach einmal mehr das bewiesen, was auch seinen Erfolg auf der Bühne mit ausmachte - Sinn für gutes Timing.

Denn mal ehrlich: Der Schalk aus Nürtingen hatte den ganzen Kreis des Fernsehhumors ausgeschritten, Hybris inklusive. Sein vierstündiger TV-Rhein-Ausflug wurde zum Reinfall - ein Tiefpunkt seiner Karriere. Niemand wusste das so gut wie er selbst.

"Seine Show geht allmählich den Bach runter", konstatierte das "SZ-Magazin" am vorigen Freitag. Der Medienteil des Mutterblattes beeilte sich zwar zu erklären, dass der Redaktionsschluss für das Stück lange vor dem Finale Furioso lag. Aber war die Analyse deshalb falsch?

Noch weitere zehn Jahre mit Manuel Andrack Murmel spielen, die Alterungsprobleme der Papptafel-Trägerin Suzana besprechen und mit Band-Chef Helmut Zerlett Meine-Zipperlein-deine-Zipperlein erörtern - das wäre wohl kaum gegangen. Die Untiefe von Schmidts Fernseh-WG war ausgereizt, der Meister selbst oft müde, indisponiert oder einfach belanglos.

Schmidt hat schon zu viele Häutungen hinter sich, seit ihm nach TV-Stationen wie "Schmidteinander", "Psst ..." und einem Ausflug zu "Verstehen Sie Spaß?" mit seiner "Schmidt-Show" 1995 das gelang, woran zuvor selbst Thomas Gottschalk bei RTL scheiterte: eine echte Gute-Nacht-Show im deutschen Fernsehen zu etablieren.

Gleich zu Beginn musste der Sender Standfestigkeit beweisen, als Schmidt die WDR-Moderatorin Bettina Böttinger zwangsoutete und "Bild am Sonntag" das "Ekel-Fernsehen" zwei Monate nach dem Start schon wieder "vor dem Aus" wähnte. Getrieben von Quote und der Sucht aufzufallen, kreierte der Entertainer sich selbst als "Dirty Harry", als bunten Kackvogel, der kotzte, sudelte und von einer imaginären Kanzel im Studio herab irrwitzige Predigten hielt.

Aus diesen Lehrjahren eines Flegels stammt aber auch freundlicher Nonsens wie "Die dicken Kinder von Landau", die Aktion "Rinder gegen den Wahnsinn" und die Karikatur hasenzähniger chinesischer Weisheit: "Konfuzius sagt ..."

Die letzte, wichtigste Verwandlung geschah erst vor drei Jahren. Der Bühnentyrann wurde schwach, löste den Harnisch und entdeckte den Mitmenschen gleich neben sich: Redaktionsleiter Andrack schlug

seinen Computerarbeitsplatz auf offener Bühne auf, Bandleader Zerlett durfte nun auch was sagen. Und Nathalie, die radebrechende Französin, erwuchs zur Gouvernante der Humorlosen.

Plötzlich machte Schmidt, was er gelernt hat: Theater. Minimalistisches Stegreif-Fernsehen. Es gab kaum noch kostspielige Einspielfilme, der Stand-up-Teil zu Beginn der Show war auf ein, zwei Scherze zusammengeschrumpft. Die Wende verursachte zunächst Entzugserscheinungen. War es nicht schlichte Faulheit, was er da trieb?

Auf jeden Fall war es eine freche Sendezeitverballerung, so etwas wie die letzte Provokation eines Mediums, das mit Minuten Millionen verdienen muss.

Das Feuilleton, 24 Stunden täglich auf Sinnsuche, begeisterte sich jedenfalls, wenn Harald der Weise über Bach dozierte, "Hamlet" mit "Playmobil"-Figuren nachspielte oder es den ganzen Abend lang sprachlich auf Französisch trieb.

Das Prinzip Nürtingen, Schmidts Heimatort, ergriff die Witzkultur der Late-Night-Show. In den Wonnen der Regression spielte Schmidt mit den Kameradinnen und Kameraden aus seiner Schulzeit, turnte, kletterte, ferkelte fröhlich.

Die Zuwendung zum Kumpel, die Entdeckung der Heimat, der sprungbereite Tiefsinn - Harald Schmidt hat deutschen Humor den Fängen der goldischen Fassenacht und der trostlosen Spaßkultur entrissen. Was soll er sonst noch tun? Er hat seine Schuldigkeit getan, er kann gehen.

Und wird vielleicht als Moderator von Literatursendungen wiederkommen. Oder als Schauspieler. Oder als Gutmensch. Immerhin hat "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner angekündigt, sich wegen des Schmidtschen Rückzugs künftig im brasilianischen Regenwald nützlich zu machen. Allem Ende wohnt ein Anfang inne. NIKOLAUS VON FESTENBERG,

MARCEL ROSENBACH

* Mit Harald Schmidt auf einer Sat.1-Pressekonferenz am 3. Juni in Berlin.


DER SPIEGEL 51/2003
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