05.01.2004

LANDWIRTSCHAFTDer achte Tag

Vier Jahre lang pflanzte Bauer Gottfried Glöckner manipulierten Mais auf seine Felder. Er war der perfekte Verbündete der Gentech-Industrie. Dann starben ihm fünf Kühe. Jetzt ist er der perfekte Verbündete von Greenpeace. Von Uwe Buse
Als Gottfried Glöckner die Welt noch berechenbar schien, war er ein verlässlicher Verbündeter des Schweizer Agro-Konzerns "Syngenta". Wenn der Konzern einen Bauern brauchte, der in öffentlichen Diskussionen die Möglichkeiten der Gentechnik pries und die Risiken fortredete, war Glöckner zur Stelle.
Wenn der Konzern jemanden brauchte, der seine Felder für den Anbau von genmanipuliertem Mais zur Verfügung stellte, stimmte Glöckner zu.
Und wenn die militanten unter den Gentechnik-Gegnern Glöckners Pflanzen vergifteten, Beton und Eisen im Boden versenkten, Hanf pflanzten und ihn als Drogenbauern diffamierten, schüchterte das Glöckner nicht ein. Er ging hinaus auf sein Feld, ein mächtiger Mann in Latzhose, mit tief profilierten Gummistiefeln an den Füßen, stritt mit den Besetzern, zog den Schrott und den Beton aus seiner Erde, der seine Maschinen ruinieren sollte, und dann pflanzte er neu.
Glöckner war ein Missionar der Gentechnik, er war laut, unübersehbar und unbeirrbar. Er glaubte an weniger Schädlinge auf dem Feld, an höhere Erträge, an mehr Geld in seiner Kasse und an eine bessere, weil effektivere Landwirtschaft.
Glöckners Hof liegt in den Hügeln Hessens. Die Erde ist hier schwarz und schwer, und auf ihr, abseits des Dorfes Wölfersheim, stehen ein paar Klinkerbauten. Wohngebäude, Wirtschaftsgebäude, Stall, eine Garage für Maschinen und Autos bilden ein Quadrat, fast ganz geschlossen. Auf der Frontseite des Stalls, kurz unter dem Giebel, hängt unübersehbar und stolz ein Schild: Weidenhof steht da, darunter ist eine perfekte Kuh zu sehen.
Seit seiner Jugend arbeitet Glöckner in Ställen und auf dem Acker. Immer wirtschaftete er konventionell, sprühte Herbizide und Insektizide nach Plan, um das Futter für seine Kühe zu ernten. Sein Ehrgeiz war, die Ernten zu erhöhen, die Leistung seiner Kühe zu steigern. Nie wollte er ein Ökolandwirt sein, der vermeintlich Besseres in geringerer Menge herstellt. Glöckner wollte immer Gutes in möglichst großer Menge.
Gern testete er neue Pflanzenschutzmittel, neue Futterzusätze. Er sah keine Risiken darin. Schließlich war alles erprobt, analysiert, zertifiziert. Und wenn unerwartet doch einmal Probleme auftauchen sollten, ließen sie sich mit Hilfe der Technik lösen. Das System funktioniert, daran glaubte Glöckner fest.
Er war der perfekte Verbündete der Gentech-Industrie. Bis zum Sommer 2001, als ihm fünf Kühe starben, und ihr Tod sein Weltbild in Trümmer legte.
Jetzt ist er der perfekte Verbündete von Greenpeace.
Bis zu diesem Zeitpunkt im Sommer 2001 glaubte Glöckner genau zu wissen, was richtig war und was falsch, was wissenschaftlich gesicherte Tatsache war, was unbewiesene Spekulation und übersteigerte Angst. Der Genmais, den er anbaute, war gesundheitlich unbedenklich, für Menschen und Tiere. Er wurde auf mehreren Hunderttausend Hektar in den USA und in Kanada angebaut, er wurde geerntet und an Kühe verfüttert. Die Milch der Tiere war einwandfrei, das Fleisch war es auch.
Aus diesen unumstößlichen Fakten, aus Studien, Analysen und wissenschaftlichen Versuchen hatte er sich sein Weltbild gezimmert.
Glöckners Abschied von seiner alten Welt begann am 9. Januar 2001. Als er an diesem Tag seine Kühe untersuchte, den Stall säuberte, entdeckte er, dass einige Tiere an Durchfall litten, Euterödeme kamen hinzu, dann Blut in der Milch. Schließlich legten sich die Kühe hin, mit Schaum vor dem Mund, Krämpfe schüttelten ihre Körper. Der Tierarzt konnte sie nicht retten.
Glöckner konnte sich das Sterben nicht erklären, fünf Kühe in einem Sommer. Er ist ein Bauer, der Landwirtschaft als gezielte Optimierung der Natur begreift. Die Leute im Dorf sagen, er sei sehr penibel, sehr stur und sehr ehrgeizig. Glöckner dokumentiert seine Arbeitsschritte genau, notiert ausgebrachte Mengen, erzielte Resultate. Den ungeklärten Tod seiner Tiere sah er als persönliche Niederlage, als einen Makel, den er zu tilgen hatte.
Er begann, seine Unterlagen zu durchsuchen, studierte die einschlägige Fachliteratur, korrespondierte mit Mikrobiologen.
Er stellte Fragen, viele Fragen, viel zu viele Fragen für jemanden, der kein Wissenschaftler ist: Wieso verändert sich der pH-Wert im Pansen der Kuh? Warum fluktuiert der Aminosäuregehalt im Magen um 24 Prozent? Bildet der überschüssige Stickstoff Zellgifte? Wieso bricht die Milchproduktion der Kühe erst vier Tage nach dem Absetzen der leistungssteigernden Futterzusätze ein? Ist der Genmais doch eine Gefahr? Ist er eine Zeitbombe?
Er begann zu forschen, als Autodidakt, zeitweise investierte er die Hälfte seiner Arbeitszeit in das Projekt, über 10 000 Euro gab er aus in drei Jahren für Analysen, Untersuchungen, mühselig fügte er Wissenssplitter zu etwas zusammen, das er heute ein Gesamtbild nennt.
Und nun sitzt er am Tisch in seinem Esszimmer, einem kargen, weiß geputzten Raum. Es ist ein milder Wintertag, die Ernte ist längst eingebracht, der Hof liegt ruhig, nur ein Helfer reinigt draußen die Maschinen.
Vor Glöckner auf dem Tisch liegen seine Akten. Er hat sie aufgestapelt, sie bilden einen Berg, gebaut aus Zahlen, vielsilbigen Worten und Anmerkungen in seiner Kinderschrift. Glöckner ist stolz auf diese Ansammlung von neuen Fakten. Aus ihnen konstruiert er sein aktuelles Bild der Welt.
Glöckner räuspert sich, ruckelt auf seinem Stuhl herum, als fühle er sich unbehaglich, dann sagt er: "Ich habe mich getäuscht, damals. Die Kühe können nur durch den Mais gestorben sein." Er müsse seine Kühe schleichend vergiftet haben.
Diese Sätze hat er schon häufig formuliert, aber sie fallen ihm immer noch nicht leicht, das erste Mal war es ein Bekenntnis, kaum kleiner als die Abkehr eines Gläubigen von seiner Kirche.
Der Mais, den Glöckner an seine Kühe verfütterte, ist eine Variante einer Hochleistungssorte, genannt "Pactol CB", der ein Gen einer Bazille eingebaut wurde, "Bacillus thuringiensis", 176 Versuche benötigten die Wissenschaftler des Schweizer Agro-Konzerns Syngenta, um ein zufrieden stellendes Ergebnis zu erhalten. Daher der Name des neuen Pflanze: Bt-176.
Das Gen versetze die Pflanze in die Lage, ein Insektengift zu produzieren, das die Darmwand eines seiner Feinde, des Maiszünslers, perforiere. So informierte Syngenta, die Nummer drei im globalen Saatgutgeschäft, nach der Konstruktion der Pflanze die Fachöffentlichkeit und Kunden. Fresse sich die Larve in den Genmais, sterbe sie schnell. Das Sprühen von Insektiziden, um den Maiszünsler zu stoppen, entfalle. Gesundheitliche Schäden von Kuh und Mensch seien bislang nicht bekannt.
Die Deutschland-Zentrale des AgroKonzerns Syngenta steht im Gewerbegebiet-Ost von Maintal-Dörnigheim, einer Schlafstadt, eine halbe Autostunde von Frankfurt entfernt.
Hinter einem Zaun stehen ein paar gewollt unauffällige Flachbauten, errichtet vom amerikanischen Konzern Honeywell, der hier früher Militärtechnik produzierte und auch kein Interesse an unnötiger Aufmerksamkeit hatte. Der einzige Hinweis auf den aktuellen Besitzer findet sich auf dem Rasen. In Hüfthöhe ist da ein Schild, auf ihm steht "Syngenta", über dem "g" schwebt ein Blatt in freundlichem Grün.
Im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes liegt das Büro von Hans-Theo Jachmann, er ist Deutschland-Chef des Konzerns und Gottfried Glöckners ehemaliger Geschäftspartner. Es ist ein bescheidener Raum, ein Holztisch, ein paar Stühle, drei Treckerbilder an der Wand. Jachmann sammelt diese Maschinen, 16 stehen bei ihm zu Hause. Sein Favorit ist ein "Bulldog" der Firma Lanz.
Jachmann braucht kein großes Büro, denn er ist hier selten zu finden. Meist sitzt er im Flugzeug, im Auto, ist auf dem Weg zu internationalen Treffen des Konzerns, zu Verbandssitzungen der Gentech-Industrie, zu Symposien, Konferenzen, Podiumsdiskussionen. Jachmann ist so etwas wie das Gesicht einer öffentlichkeitsscheuen Branche, deren Vertreter sich oft missverstanden fühlen. Er ist ein kompakter Mensch, aufgewachsen auf einem Bauernhof und vielleicht deshalb direkt im Umgang mit seinen Mitarbeitern, die sich bemühen, an seiner Nase vorbeizuschauen. Sie ist schief wie die eines Boxers, der schon viele harte Treffer einstecken musste.
Auf dem Tisch unter den Treckerbildern läuft das Aufnahmegerät von Jachmanns Pressesprecher. Gentechnik ist ein sensibles Thema, da kann es leicht zu Missverständnissen kommen. Und das wäre sehr bedauerlich, gerade in diesen Wochen. In Brüssel und Berlin wird bald über die Zukunft der grünen Gentechnik, der Genmanipulation in der Landwirtschaft, entschieden. Bessere Geschäfte könnten möglich sein.
"Wir haben Herrn Glöckner so lange unterstützt, wie wir konnten", sagt Jachmann und nippt an einem Glas Mineralwasser ohne Kohlensäure, "er war ein glühender Verfechter der Gentechnik, und wir waren Geschäftspartner, gute Geschäftspartner." Glöckner habe sich unermüdlich "mit den Gegnern der Technik angelegt".
Aus diesem Grund habe sich Syngenta verpflichtet gefühlt, Glöckner zu helfen, als die Kühe starben und sein Betrieb in Schwierigkeiten geriet. Untersuchungen wurden mitfinanziert, "rund 42 000 Euro haben wir ihm überwiesen", sagt Jachmann, er macht eine kurze Pause, setzt das Glas Wasser wieder auf den Tisch, und beendet den Satz: "Natürlich ist das kein Schuldanerkenntnis."
Syngenta bot Glöckner das Saatgut an, weil er ein guter Kunde war und weil er ein geeigneter Kandidat für eine Mission zu sein schien, die der Konzern zu besetzen hatte. Es ging darum, die Gentechnik auf Deutschlands Feldern zu etablieren.
Glöckner nahm das Angebot an, er tat es nicht aus Neugier, aus Wissensdurst, er hatte gerechnet und erkannt, dass er wohl Geld sparen würde durch den verminderten Einsatz von Giften, durch einen wahrscheinlich höheren Ertrag. Glöckner zweifelte nicht an dem Erfolg. Noch stand seine Welt.
Der Mais wuchs auf 5000 Quadratmetern, der Landrat, die Polizei, die Landwirte, an deren Felder der Genmais grenzte, sie alle waren informiert, ebenso die Molkerei, die Milch von Glöckners Kühen kaufte.
1997 sähte er den neuen Mais aus. Als die Pflanzen wuchsen, standen sie gut und gerade auf dem Feld. Glöckner genoss diesen Anblick, so etwas lasse das Herz eines echten Landwirts höher schlagen, erinnert er sich. Nach der Ernte mischte Glöckner den Mais zum ersten Mal dem normalen Futter unter.
Den Kühen ging es gut.
Es waren Schwarzbunte, Milchkühe, um die 60 Stück, die Glöckner großzog und melkte, jedes Tier eine hochgezüchtete Milchproduktionsstätte, die auf Störungen sensibel reagiert.
In den beiden folgenden Jahren erhöhte Glöckner den Anteil des genmanipulierten Maises im Futter, er registrierte keine Nebenwirkungen bei den Kühen. Der Maiszünsler war fort.
Im Jahr 2000 verfütterte Glöckner noch mehr Genmais an seine Tiere.
Den Kühen ging es immer noch gut.
Glöckner trieb den Anteil an Genmais weiter in die Höhe. Dann fraßen die Tiere nur noch Genmais. Sie bekamen Durchfall. Das geschah im Frühjahr 2001.
Glöckner fütterte zusätzlich Heu. Die Milchleistung der Herde ging zurück, ihr Gesundheitszustand blieb instabil, über Monate. Der Tierarzt war ratlos. Am 8. Mai starb die erste Kuh. Vier weitere folgten.
Das zuletzt verendete Tier wurde in die Veterinärpathologie der Universität Gießen eingeliefert und untersucht. Der zuständige Tierarzt konnte keine präzise Todesursache nennen. Er diagnostizierte lediglich eine chronische Entzündung des Brustfells und eine chronische Entzündung der Gebärmutterschleimhaut.
Glöckner ließ weitere Proben nehmen, von anderen Tieren aus seinem Stall. Auch diese Proben lieferten keine eindeutigen Erklärungen für den Tod der fünf Kühe.
Es wurde wieder Sommer, und draußen auf den Feldern stand ein weiterer Jahrgang des genmanipulierten Maises. Die Pflanzen waren stark, gesund, groß. Jetzt betrachtete Glöckner sie mit Unbehagen.
Er begann Briefe zu schreiben, an das Robert-Koch-Institut, Berlin, Zentrum für Gentechnologie, zuständig für die Unbedenklichkeit genmanipulierter Organismen, an die Syngenta GmbH. Auf weißem Papier äußerte er den Verdacht, dass der Genmais seine Kühe getötet haben könnte. Möglicherweise sei für den Mais eine Kuh nur ein weiterer Schädling. Im Februar, am 22. des Monats, stellte Glöckner die Fütterung mit genmanipuliertem Mais ein.
Es dauerte nicht lange, bis Greenpeace von Glöckners Verwandlung erfuhr. Die Umweltaktivisten kannten ihn, sie hatten dafür gesorgt, dass ihm früher die Felder ruiniert wurden. Dankbar nahmen sie Glöckner, den Konvertiten, als Kronzeugen in ihr Lager auf. Im vergangenen Dezember präsentierten sie ihn und seine Geschichte vor der Sitzung eines wichtigen EU-Ausschusses.
"Uns war klar, dass die Sache irgendwann an die Öffentlichkeit gelangen würde", sagt Jachmann, er sitzt jetzt in der Syngenta-Kantine und stochert lustlos in einem Leberknödel herum, der zwischen Kartoffelpüree und Sauerkraut eingekeilt ist.
Jachmann ist ein Veteran der Branche, er weiß, dass die Produktion und der Verkauf von genmanipulierten Pflanzen in Deutschland auf absehbare Zeit kein einfaches Geschäft sein wird.
Aber Jachmann ist auch stur, er ähnelt Glöckner, und so überhört er regelmäßig die Ratschläge von seinen Kollegen, von Managern, die nationale Filialen Syngentas außerhalb Europas führen: "Lass das doch sein", sagen sie ihm, "das bringt doch nur Verluste." Der Konzern ver-diene in Europa, in Deutschland doch mit dem Verkauf von konventionellem Saatgut gutes Geld. Aber Jachmann will es nicht sein lassen. Deutschland dürfe kein gentechnisches Entwicklungsland bleiben.
Vor zehn Jahren begann Jachmann seine Mission. Er war dabei, als deutschen Landwirten in Bad Rappenau die ersten Genmais-Pflanzen präsentiert wurden. Sie stammten aus Frankreich und durften das Sicherheitsgewächshaus nicht verlassen.
Jachmann erlebte die wenigen Jahre der grünen Gentechnik, in denen die Branche hoffte, dass aus einem Projekt bald ein gutes Geschäft werden würde, es war die Zeit, als die Zahl der Versuchsäcker wuchs, auch wenn viele von Gentechnik-Gegnern abgeräumt wurden. Dann kam das EU-Moratorium, im Jahre 1998, und die Branche begrub ihre Hoffnungen. Die Politiker in Brüssel weigerten sich, neue genmanipulierte Pflanzenarten zu genehmigen.
Jetzt, nach fünf Jahren, sieht es so aus, als werde die EU-Kommission das Moratorium endlich beenden, um Strafzöllen in Milliardenhöhe zu entgehen. Die EU wurde von den USA verklagt, vor dem Schiedsgericht der Welthandelsorganisation. Es geht um Importbeschränkungen, Amerikas Farmer wollen ihren Genmais in Europa verkaufen. Es wird neue, schärfere Gesetze geben, die den Umgang, die Produktion und den Verkauf von gentechnisch manipulierten Pflanzen regeln, aber mit ihnen kann Jachmann leben.
Er betrachtet diese Entwicklung mit vorsichtigem Optimismus, denn er weiß, Gesetze allein schaffen noch keine kaufbereiten Konsumenten. 80 Prozent der Deutschen seien gegen Gentechnik auf ihren Tellern, und Jachmann weiß auch, dass sein Produkt nicht geeignet ist, die Deutschen zu bekehren. Der Mais mit dem Extragen bietet dem Landwirt Vorteile, aber nicht dem Endverbraucher. Genmais ist nicht sexy, er macht nicht schlank, liefert keine zusätzlichen Vitamine, keine Antidepressiva. Er tötet nur ein Insekt, das kaum jemand kennt.
Das Vorteilhafteste, was sich über den Bt-176-Mais sagen lässt, ist, dass er Tiere und Menschen keinen Schaden zufügt. Studien bewiesen das, sagt Jachmann. Unabhängige Experten bezeugten es.
Doktor Hans-Jörg Buhk, angestellt beim Robert-Koch-Institut in Berlin, dort Leiter des Zentrums für Gentechnologie, ist im Auftrag des Staats zuständig für die Gefahrenabschätzung von genmanipulierten Organismen. Buhk ist einer der erfahrensten Experten auf diesem Gebiet. Er tat seinen Dienst schon vor 18 Jahren in Hessen, als Joschka Fischer dort Umweltminister war und noch Turnschuhe trug.
"Der Bt-176-Mais ist hinlänglich erforscht, und er gilt als sicher", sagt Buhk. Er sitzt entspannt hinter seinem Schreibtisch. Er weiß, dass er in einer verunsicherten Gesellschaft lebt, und er hat sich in ihr eingerichtet. Eine Generation werde es dauern, bis die Gentechnik akzeptiert sei, so lautet seine Prophezeiung.
"Der Herr Glöckner", sagt Buhk, der habe sich sehr um eine qualifizierte Meinung bemüht, das sei ihm anzurechnen, aber ihm fehlten natürlich ein paar Grundlagen. Buhk versucht nicht herablassend zu klingen, aber er kann es nicht vermeiden: "Unsere Experten haben seine Argumentation und seine Zweifel nicht nachvollziehen können."
Die Tatsache, dass Glöckner seine Kühe über mehrere Jahre mit Genmais gefüttert habe, länger als jeder Wissenschaftler in einem Feldversuch, ändere nichts: "Das war keine Wissenschaft", sagt Buhk mit einer Prise Verachtung in der Stimme. Das beweise gar nichts, sei pure Spekulation. "Solche Überlegungen sind", Buhk macht eine kleine Pause um des Effektes willen, "Esoterik."
So wie all die anderen denkbaren, aber höchst unwahrscheinlichen Gefahren, die Gentechnik-Gegner so gern aufzählten. Es gebe einen Unterschied zwischen dem, was man wissen müsse, um etwas zu entscheiden, und dem, was man zu wissen wünsche.
Auf seinem Hof, in seinem Zimmer, an seinem Tisch sitzt Gottfried Glöckner, umgeben von seinen Akten. Es sind Hunderte von Seiten, sie schützen ihn vor Buhk und anderen Experten, die ihn nicht ernst nehmen wollen.
Drei Jahren hat er in diese Akten investiert, dazu viel Energie und Geld. Meist arbeitete er allein. Glöckner fühlte sich oft unverstanden, hingehalten, abgeschoben von den Experten, und irgendwann während dieser langen Zeit begann Glöckner, die Dinge umzudeuten, baute sich aus Missverständnissen und Wissenslücken ein paar Verschwörungstheorien.
Wichtige Proben von Kühen seien verschwunden aus einem Labor, angeblich, weil eine Kühlzelle ausgefallen war. "Kann man das glauben?", fragt Glöckner. Ist Syngenta-Chef Jachmann nicht mit einem dieser so genannten unabhängigen Experten befreundet, haben sie nicht zusammen studiert? Und warum trägt dieses Untersuchungsergebnis aus dem amerikanischen Syngenta-Labor keine Unterschrift? Ist das normal?
Heute ist Glöckner wieder unangreifbar, wie vor dem Tod seiner Kühe. Die Welt ist wieder berechenbar, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Gentechnik ist nicht gut, sondern böse. Experten sind nicht verlässlich, sie lügen. Glöckner ist wieder ein perfekter Verbündeter, diesmal von Greenpeace. In gewisser Weise hat er sich nicht bewegt, ist er sich treu geblieben.
Glöckner steht auf von seinem Tisch. Er fühlt sich gut, er hat wieder eine Meinung, sie ist fest gefügt. Nun kann das Leben weitergehen.
Die Kühe müssen gefüttert werden.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 2/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 2/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LANDWIRTSCHAFT:
Der achte Tag

Video 00:51

Mars-Animation Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?

  • Video "Mars-Animation: Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?" Video 00:51
    Mars-Animation: Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?
  • Video "Webvideos der Woche: Ruuums!!" Video 03:45
    Webvideos der Woche: Ruuums!!
  • Video "Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten" Video 01:23
    Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit