Von Tietz, Janko
Henrik Linde, 25, war erleichtert, als der lang erwartete Brief in seinem Postkasten lag. Absender war das Arbeitsamt. Der Inhalt: ein Jobangebot. Endlich konnte es wieder aufwärts gehen. Dachte er.
Linde hatte gerade den Beruf des Zimmerers gelernt. Doch sein Ausbildungsbetrieb nahe Berlin war nicht in der Lage, ihn zu übernehmen. Der ersten Euphorie folgte ernüchternde Arbeitslosigkeit. Umso größer die Freude über die Aussicht, nun doch gebraucht zu werden.
Die Firma Erkner Bau GmbH wollte den jungen Mann fest anstellen. Sie hatte den Auftrag für die Errichtung einer Siedlung mit Doppelhäusern ergattert. Jetzt brauchte sie nur noch Leute wie Linde. Arbeitslose, die nicht viel fragen, Motivierte, die nichts über die Firma wissen und froh sind, überhaupt wieder einen Job bekommen zu haben.
Was Linde nicht ahnte: Der Erkner Bau GmbH ging es nie um eine dauerhafte Beschäftigung ihrer neu gewonnenen Mitarbeiter. Die dienten nur als Statisten eines dreisten Betrugs.
Denn die Firma war weder ein in der Handwerksrolle eingetragenes Bau-Unternehmen, noch beabsichtigte sie, jemals Löhne auszuzahlen. Im Gegenteil: Die neu eingestellten Bauarbeiter dienten lediglich als Kulisse für den Bauherrn, dem vorgetäuscht werden sollte, dass tatsächlich Häuser bis zur Schlüsselübergabe gebaut würden. Als der jedoch die erste Rate für seine Doppelhäuser überwiesen hatte, tauchte der Geschäftsführer der Briefkastenfirma samt Geld ab.
Auch Linde und Kollegen gingen leer aus. "Die Leute vom Arbeitsamt zuckten nur mit den Schultern. Der einzige Kommentar war 'Pech gehabt'", ärgert sich Linde noch heute.
Fälle wie dieser sind in Zeiten hoher Arbeitslosenzahlen mittlerweile alltäglich. "Je länger jemand arbeitslos ist, desto niedriger ist die Hemmschwelle der Betroffenen, auch Jobs anzunehmen, die ihnen seltsam erscheinen", sagt Frank Schäfer, Bürgerberater im Erwerbslosenzentrum Leipzig.
Immer häufiger nutzen dubiose Firmen die angespannte Arbeitsmarktlage, um Mitarbeiter für obskure Geschäftsmodelle zu gewinnen. Mal sollen sie Strukturgeschäfte im Schneeballsystem aufbauen. Mal tahitianisches Wunderwasser verkaufen. In besonders dreisten und häufig kriminellen Fällen dürfen die Betroffenen sogar noch Geld mitbringen, um überhaupt einen "Job" zu bekommen.
So muss sich Marion Drögsler, Vorstandsmitglied im Arbeitslosenverband Deutschland e. V. zunehmend um Menschen kümmern, die bei der Jobsuche schlichtem Nepp aufgesessen sind. Drögsler berichtet von Sicherheitsdiensten, die sich "scharenweise Arbeitslose zuführen lassen", um sie gegen "Gebühr" auszubilden. Und sie weiß von Finanzdienstleistern, die in Hotels Schulungen durchführen und dafür "Eintrittsgeld" kassieren.
Dabei wird es den vermeintlichen Arbeitgebern so einfach wie noch nie gemacht. Über den Such- und Angebotsinformationsdienst der Arbeitsämter schalten sie kostenlose Stellenangebote - und die Behörde versorgt sie meist mit einem riesigen Stapel an Bewerbern.
Auch unter dem seit Anfang Dezember von Anstaltschef Florian Gerster aktivierten "virtuellen Arbeitsmarkt" der Bundesanstalt für Arbeit (arbeitsagentur.de) gelangen unseriöse Unternehmen ohne Probleme an Adresslisten von Arbeitslosen, die sie für ihre Zwecke einspannen können.
"Der Trend wird noch verstärkt, weil die Zumutbarkeitsregeln für Arbeitslose ausgeweitet werden und sie verpflichtet sind, sich auf nahezu jede Stelle zu bewerben", sagt Berater Schäfer. "Zwar geben die Arbeitsämter häufig vor, die angebotenen Stellen zu prüfen. Doch weil sie damit heillos überfordert sind, landet selbst der größte Schrott in den Datenbanken."
Das musste auch Robert Baumgartner erleben. Der Mediagestalter aus Berlin war schon seit Monaten auf der Suche nach einer neuen Festanstellung, als im Oktober der Anruf seiner Arbeitsvermittlerin kam. Eine Werbeagentur in Augsburg wollte den Berliner im Auftrag einer Firma namens Innoflex verpflichten.
Innoflex ist ein Netzwerk-Unternehmen, das über ein Internet-Portal angeblich mehr als fünf Millionen verschiedene Konsumartikel vertreibt. Das Portal dient produzierenden Unternehmen als Online-Verkaufsplattform. Baumgartner sollte das virtuelle Schaufenster optisch auffrischen. Das Arbeitsamt zahlte dem Berliner die Fahrtkosten nach Augsburg, ohne zu ahnen, dass auch diese Einladung reine Bauernfängerei war. "Dabei ging aus dem Angebot ausdrücklich hervor, dass es ein geprüftes Angebot war", erinnert sich Baumgartner.
Was er dann erlebte, glich jedoch eher der Verkaufsveranstaltung einer Butterfahrt als einem Jobangebot. Das so genannte Bewerbergespräch fand in einem großen Seminarraum statt. Baumgartner war nicht allein eingeladen. Als den zahlreich bestellten Mediagestaltern ein Koffer im Wert von 77 Euro verkauft werden sollte, wusste Baumgartner, wo er hingeraten war. "Die wollten uns als Handelsvertreter für diese Innoflex werben."
Er und die anderen sollten als "freie Vertriebspartner" Unternehmen ködern, die dann ihre Waren über die Innoflex-Plattform verkaufen. "Mediagestalter haben die nur deshalb gesucht, weil die zuhauf auf der Straße sitzen und ein williges Publikum sind", sagt Baumgartner. Die Agentur indes wiegelt ab und behauptet, die Tätigkeit als Vertriebspartner sei nur "eine zusätzliche Option gewesen", so deren Geschäftsführer Markus Bauer.
In dem Koffer befanden sich "Vertrags- und Marketingunterlagen", Anleitungen über "erste Schritte im Networking" sowie eine Werbe-DVD. Kommentar des Arbeitsamtes, das den ganzen Spuk auch noch vermittelt hatte: "So etwas können wir nicht beeinflussen."
Tatsächlich hatte Baumgartner seiner Arbeitsvermittlerin sofort Bescheid gegeben - ohne dass die Anzeige aus der Datenbank verschwand. Immer noch darf die Agentur Arbeitskräfte im "festen Anstellungsverhältnis" suchen, obwohl ihr vor allem an freien Handelsvertretern auf Provisionsbasis gelegen ist.
Weil die Arbeitsämter so nachlässig mit derartigen Hinweisen umgehen, sind inzwischen auch Gerichte mit den fragwürdigen Praktiken beschäftigt. So agiert in Berlin schon seit mehreren Jahren ein Unternehmen, "dessen einziger Geschäftszweck die Abzocke von Arbeitslosen ist", sagt der Verbraucherschützer Joachim Oellerich.
Die Immobilienfirma Teco suchte Menschen in Festanstellung, "die sich gern Wohnungen ansehen" und vermitteln. Die Firma habe eine Vielzahl von Wohnungsangeboten und -interessenten, die nur zusammengeführt werden müssten. Bevor es jedoch zu einer Festanstellung kam, mussten die Bewerber eine so genannte Kaution in Höhe von 590 Euro für ein sechstündiges Seminar bezahlen, in dem sie "zum Immobilienmakler ausgebildet" werden sollten.
Was sie dann erhielten, waren veraltete Listen von Wohnungsangeboten und -suchenden, die Teco offenbar zuvor aus der Zeitung ausgeschnitten hatte. "Viele haben den Betrug natürlich gleich durchschaut. Aber es bewarben sich eben auch schlichtere Gemüter, denen man ohne weiteres einreden konnte, dass dieses Verfahren normal sei", sagt Oellerich.
Erschwerend kommt in solchen Situationen hinzu, dass das Arbeitsamt den meisten Jobsuchenden für drei Monate die Leistungen sperrt, wenn sie ein solches Jobangebot "mit Rechtsfolgebelehrung" eigenmächtig ablehnen. Erst als eine Bewerberin gegen Teco klagte, änderten die dubiosen Immobilienmakler ihr Konzept. Ein Gericht verurteilte das Unternehmen, die Seminargebühr zurückzuerstatten. Dabei ließ es in der Urteilsverkündung dahingestellt, ob es sich sogar um "arglistige Täuschung" handelte.
"Dennoch sind insgesamt mehr als tausend Leute auf diese Weise von Teco betrogen worden", glaubt Günter Fischer, selbst Opfer der Geschäftsleute, die sich danach einfach neue Abzockmethoden ausdachten.
Unter dem Namen Conmatis, personell eng mit Teco verflochten, lockten sie erneut Arbeitslose an, die statt Wohnungen pikanterweise Arbeit vermitteln sollten. Um einen besonderen Anreiz bieten zu können, winkte das Unternehmen mit den Gutscheinen der Arbeitsämter, die neuerdings an erfolgreiche Arbeitsvermittler ausgegeben werden und bis zu 2500 Euro einbringen können.
Die Maklermasche war auch hier dieselbe: erst 580 Euro für ein Seminar über die Grundlagen der Arbeitsvermittlung, dann die Liste mit den angeblichen Jobs.
Neuerdings fragen dieselben Geschäftsleute unter dem Namen Brain Consulting beim Arbeitsamt nach Bewerbern für Jobs, die sie "im Auftrag von Kunden" zu besetzen hätten. Das Arbeitsamt liefert willig die Bewerber.
Die Vorgeschichte der Firmenbetreiber interessiert die Behörde dabei kaum. Zwar hat das Arbeitsamt nach Beschwerden schon mal zwei Angebote aus dem System genommen. Doch es sah zu, wie dieselben Angebote eine Stunde später wieder ins System eingespeist wurden. "Wir können niemanden ein für alle Mal rausnehmen", sagt Olaf Möller vom Landesarbeitsamt Berlin-Brandenburg. "Es gibt keinen Index. Wir sind nun mal keine Vollzugs- und Vollstreckungsbehörde."
Den Jobsuchenden hat Brain Consulting indes nichts Besseres mitzuteilen, als dass ihre Bewerbung "in dieser Form" keine Chance bei ihrem Kunden hätte und erst mal auf ein höheres Niveau getrimmt werden müsse. Kosten: 280 Euro.
"In der Hoffnung auf einen tatsächlichen Job willigen viele ein und bezahlen", sagt Verbraucherschützer Oellerich: "Das Arbeitsamt ist nicht davon zu überzeugen, dass es sich um Nepp handelt. Die beschönigte Statistik ist wichtiger."
JANKO TIETZ
DER SPIEGEL 2/2004
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