12.01.2004

BRASILIENAuge um Auge, Zahn um Zahn

Mit ihrer Terroristenjagd sorgen die USA für Chaos im Reiseverkehr. Ein Provinzrichter organisiert nun den Widerstand.
In Reiseführern ist Cuiabá zumeist nur wegen seiner Koordinaten eine Erwähnung wert: Die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Mato Grosso liegt ziemlich genau in der geografischen Mitte Südamerikas. Ansonsten ist sie noch für einen schmackhaften Fischeintopf bekannt - und für den Richter Julier Sebastião da Silva, 34.
Erst brachte er einen der mächtigsten Drogenbosse des Landes hinter Gitter und verhinderte dann den Bau einer Wasserstraße durch das Naturreservat Pantanal. Jetzt hat er Cuiabá auch politisch ins Zentrum der Welt katapultiert: da Silva fordert die Supermacht USA heraus.
Denn Uncle Sam hat in Lateinamerika nicht den besten Ruf. Stunden-, ja oft tagelang stehen Latinos vor den wenigen US-Konsulaten Schlange, wenn sie eine Reise in den Norden des Kontinents planen. Ohne Interview mit einem der Beamten gibt es kein Visum - und das braucht jeder Lateinamerikaner, selbst wenn er in den USA nur eben mal umsteigen will.
Auch wenn es nur um einen Trip nach Disneyland geht - argentinische, brasilianische und kolumbianische Touristen müssen zuvor Familienverhältnisse und Finanzen offen legen. Denn jeder Einwohner südlich des Rio Grande steht automatisch im Verdacht, dass er illegal im gelobten Land bleiben will.
Geduldig schwitzen Latinos auf den Flughäfen von Miami und New York, während Deutsche, Engländer, Franzosen und andere Bürger aus der Ersten Welt mit einem mitleidigen Lächeln an ihnen vorbeiziehen. Sie reißen sich zusammen, wenn ein schlecht gelaunter Grenzbeamter sie um Nachweise für Geld und Unterkunft fragt, und sie nehmen in Kauf, wenn er unwirsch ihr Gepäck durchwühlt.
Denn wehe, irgendein Detail erweckt Misstrauen: Dann werden sie in ein fensterloses Zimmer gesperrt, müssen sich auch schon mal ausziehen oder werden an einen Stuhl gekettet. Nach sieben bis acht Stunden geht es mit dem nächsten Flieger in die Heimat zurück. Klagen beim Konsulat sind zwecklos: So sei das nun mal seit dem 11. September 2001, lautet der lakonische Kommentar.
Seit kurzem werden Einreisende, die ein Visum benötigen, auch noch fotografiert und gezwungen, ihre Fingerabdrücke abzugeben. Viele empfinden das als Schikane, schließlich brauchen sich die meisten Europäer dieser Prozedur nicht zu unterziehen. Dennoch wagte kaum eine lateinamerikanische Regierung bisher Protest, der große Bruder im Norden gilt als zu stark.
Nicht für Provinzrichter da Silva. Das sei vergleichbar mit den "Gräueltaten der Nazis", grollte er und ordnete an, dass US-Amerikaner ab sofort bei der Einreise ebenfalls fotografiert werden und Klavier spielen müssen - wie das Abnehmen der Fingerabdrücke im Volksmund heißt. Der Richter berief sich auf die diplomatische Regel der gegenseitigen Gleichbehandlung. "Seine Entscheidung ist unanfechtbar", sekundierte die "Fôlha de São Paulo", Brasiliens größte Tageszeitung.
Bei ihrer Ankunft werden US-Bürger nun in einen Extraraum gewinkt, wo sie bis zu acht Stunden auf ihre Abfertigung warten - wie Montag vergangener Woche in Rio geschehen. Denn, sorry, für Hightech-Kontrollen mit digitalen Lesegeräten wie in den USA sind Brasiliens Grenzbeamte nicht gerüstet. Klavierspielen ist hier noch Handarbeit: Ein Beamter öffnet ein Stempelkissen und schmiert alle zehn Finger gleichmäßig mit Tinte ein. Mangels Digitalkameras wurden die Touristen in Rio zunächst mit Polaroid-Geräten fotografiert.
Das ruft zwangsläufig Unmut hervor. "Wir werden behandelt wie Verbrecher", grollte Urlauber Scott Hall aus Boston. "Wollt ihr unsere Dollar nicht, oder was ist los?", fragte ein entnervter Kreuzfahrer, der wegen der Kontrollprozedur den Ausflug zum Zuckerhut verpasste.
Patriotisch gesinnte Urlauber auf dem Kreuzfahrtschiff "Amsterdam", das vergangene Woche mit mehr als 600 US-Amerikanern an Bord den Hafen von Rio anlief, verweigerten wegen der neuen Regelung trotzig den Landgang. Ein älteres Ehepaar kreuzte triumphierend die Finger zum Victory-Zeichen, als es die Gangway hinunterlief: "Wir sind Kanadier!" "Das wäre ich auch gern!", rief ihnen ein US-Bürger hinterher.
Die Szenen aus Rio und São Paulo sind Balsam für die gequälte lateinamerikanische Seele. Von Mexiko bis Feuerland spenden Politiker Beifall. Die verschärften Einreisebestimmungen sollten auf die Nachbarländer Argentinien, Uruguay und Paraguay ausgeweitet werden, forderte ein Senator der brasilianischen Regierungspartei PT.
In Washington wird der erzieherische Effekt von Richter da Silvas Krieg der Fingerprints bislang nicht verstanden. Ein Sprecher von Außenminister Colin Powell bat die Kollegen in Rio vorige Woche dringend um Aufklärung über die "schrecklichen Unannehmlichkeiten" für US-Touristen. Zugleich warnte er die Brasilianer, dass die Verzögerungen bei der Abfertigung Geschäftsleute und Urlauber abschrecken würden; Rio erwartet allein zum Karneval rund 70 000 Besucher aus den USA.
Eine gewisse Entspannung immerhin ist in Sicht: Die brasilianischen Grenzbeamten sind jetzt mit Digitalkameras ausgerüstet. Und für den Fingerabdruck reicht ab sofort der rechte Daumen. JENS GLÜSING
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 3/2004
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