19.01.2004

Händler des Todes

Gunther von Hagens' Ausstellung „Körperwelten“ fasziniert Millionen Menschen. Von den übrigen Geschäften des Plastinators war indes bislang kaum etwas bekannt: Er betreibt einen schwunghaften Handel mit präparierten Leichenteilen aus teilweise dubiosen Quellen.
Wenn Gunther von Hagens gefragt wird, was ihm an sich besonders gut gefällt, deutet er auf seinen schwarzen Filzhut. Der erinnere ihn beständig an die großen "Anatomiekünstler der Renaissance wie Leonardo da Vinci und Andreas Vesal".
Wie diese sei auch er ein "lebender Rebell"; verkannt in seiner Zeit, unverstanden, missachtet, seit er Tote zu Kunstwerken modelliert. Für die Verachtung seiner historischen Vorbilder hat der Urheber der Ausstellung "Körperwelten", anders als für seine eigene, immerhin noch eine Erklärung: Die mussten schließlich, so Hagens, für ihre Studien "die Leichen vom Galgen stehlen".
Der moderne da Vinci kauft sie lieber. Und ist dabei keineswegs wählerisch. Gunther von Hagens nimmt nicht nur, was gespendet wird, er nimmt, was er kriegen kann.
So umfasste der Materialbestand allein im chinesischen Dalian - einer seiner drei Fabriken der Toten, in denen er Leichen und Organe für die Ewigkeit aufbereitet - bei der letzten Generalinventur am 12. November vergangenen Jahres 647 komplette Leichname. Gesondert wurden noch 3909 Leichenteile wie Beine, Hände oder Penisse aufgeführt und 182 Föten, Embryos und Neugeborene mit Seriennummer, Größe, Alter und Geschlecht katalogisiert. Und wie bei den Ersatzteilen in den Regalen einer Autoverwertung sind etwaige Fehler der Ware Mensch in den Tanks und Tiefkühltruhen seiner chinesischen Dependance registriert: "Schädel offen" oder "Hals gebrochen".
Und etliche Dokumente, die den Zustand der Körper akribisch dokumentieren, ehe Hagens selbst oder einer seiner inzwischen fast 300 Helfer Hand anlegt, dürfen als Beleg dafür gelten, dass auch der deutsche Leichenfabrikant wie seine Vorbilder nicht auf Opfer von Hinrichtungen verzichten mag. Das "Einschussloch im Kopf" ist manchmal nicht zu übersehen und wird bei der Beschreibung des Materials für den Meister keinesfalls als Mangel moniert. Und dann heißt es lapidar weiter: "Bauchdecke kreuzweise aufgeschnitten". Dieser Schnitt ist notwendig, wenn einem Toten alle Organe für Transplantationen entnommen werden - ein in China übliches Verfahren nach Vollstreckung von Todesurteilen.
Der Mann mit dem Filzhut, der sich so gern vordergründig als der wissenschaftlich-medizinischen Aufklärung verpflichtet inszeniert, also nichts anderes als ein Toten-Klempner? Ein Künstler, der unter Berücksichtigung ästhetischer Gesichtspunkte aus den vergänglichen Resten der Natur Menschen für die Ewigkeit neu zusammenbaut? Ein Fließbandarbeiter, der am Ende seiner Karriere so viele plastinierte Körper in diese Welt gesetzt haben will, dass er ein eigenes "Menschenmuseum" zu benötigen glaubt? Oder einfach nur ein Scharlatan, der im Namen von Kunst und Medizin horrende Geschäfte macht, indem er mit toten Menschen wie mit Schweinehälften handelt?
Gunther von Hagens hat sich, das zeigen dem SPIEGEL vorliegende Dokumente, einen regelrechten Markt für menschliche Leichen erschlossen, der nach den simpelsten Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus funktioniert: Rohstoff billig einkaufen, kostengünstig Mehrwert schaffen, Gewinn bringend vermarkten.
Für die Diskussion um Moral und manchmal auch Gesetz hat sich der Händler des Todes ein krudes Weltbild als Schutzschild gezimmert. Für ihn, so rechtfertigt er sich gegenüber dem SPIEGEL, ist eine Leiche kein sterblicher Überrest eines Menschen mehr, sobald sie in den Kreislauf anatomischer Wissenschaft eingespeist wird. Von da an sei es "ein Präparat", eine Sache also, für deren "Organisation, Transport und Konservierung" Kosten anfallen, die selbstverständlich zu erstatten seien.
Wie skrupellos der gelernte Mediziner, der seit 1995 seine Körper-Sammlung auf Reisen schickt, diesem Prinzip huldigt, belegen Hunderte Geschäftsbriefe, E-Mails, Rechnungen, Verträge, Lieferlisten, Kontoauszüge und Buchhaltungsunterlagen. Der ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Heidelberg gebietet über ein weltumspannendes Unternehmen, das in geradezu industriellem Maßstab Leichen verwertet - und dabei Millionen abwirft, die offenbar in dunklen Kanälen versickern.
Rund 13,8 Millionen Besucher haben unter anderem in Japan, Korea, Berlin, Stuttgart, London und Brüssel für den Menschenpark von Doktor Tod jeweils bis zu zwölf Euro Eintritt gezahlt. Und die wenigsten ahnen, unter welchen Umständen die toten Körper zu lebendigem Geld werden. Doch die vielen Kritiker aus Kunst, Kirche und Medizin wagen erst gar nicht, die nahe liegende Frage zu stellen, ob sich das aufgeklärte Publikum überhaupt daran stören würde - aus Angst vor der Antwort.
Der "Spekulant des Toten" ("Die Zeit") trifft mit seiner Eventfolklore den Zeitgeist, der sich im Jugendwahn ebenso artikuliert wie in der Hoffnung, dass der Mensch mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms die genetische Disposition seines Lebens vollständig unter Kontrolle bekommt. So erfüllen die Plastikmenschen dieselbe Funktion wie die Visionen von einer biotechnisch garantierten Befreiung vom Verfallsdatum - sie sind moderne Versuche, den Menschen durch seiner eigenen Hände Werk unsterblich zu machen. Und sei es nur als Kunstwerk im Museum.
Geschickt kombiniert Hagens die Faszination des Toten mit der "Faszination des Echten", wobei er Letzteres als ein Prädikat verstanden wissen will.
Die Leute stünden auch deshalb über Stunden an, weil sie sicher sein könnten, hier eine "authentische Aufklärung" über den eigenen Körper zu bekommen. Nur bei echten Leichen, sagt Hagens, komme der Betrachter auch wirklich zu der angestrebten Erkenntnis: "Aha, das bin ja ich."
Doch was Hagens glauben macht und was viele Besucher nur zu gern glauben, ist allenfalls die halbe Wahrheit. In seinem Totenreich wird nicht nur das Ausgangsmaterial gekauft, es wird auch gefälscht, der nicht perfekten Natur kräftig nachgeholfen. Und wenn Hagens wirklich Recht haben sollte mit seiner These, dass vor allem das Echte seinen Erfolg ausmacht, dann stehen ihm jetzt gewaltige Glaubwürdigkeitsprobleme ins Haus.
Hagens, der auf seinen fragwürdigen Professorentitel verzichtet, seitdem ein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft, bezeichnet sich gern als "Erfinder der Plastination" - einer Technik, mit der Leichen oder Leichenteile, sehr vereinfacht gesagt, mit Kunststoffen voll gepumpt und teilweise koloriert werden (siehe Seite 48).
Seine Produkte, vom konservierten Embryo bis zum vollständig plastinierten "Ganzkörper" für 75 000 Euro, bietet Hagens seit mindestens 15 Jahren zum Kauf an - als "anatomisches Lehrmaterial", das an Medizinfakultäten, vorzugsweise im islamischen Raum, versandt wird. Vor acht Jahren kam eine zweite Vermarktungsstrategie hinzu: die Zurschaustellung der schaurig-ästhetischen Leichenskulpturen gegen Eintrittsgebühr.
Momentan gastiert "Körperwelten" noch in Singapur. In Deutschland ist die Toten-Show gerade vom Hamburger "Erotic Art Museum" nach Frankfurt am Main umgezogen - die Kirche in der Geldmetropole reagierte mit einem "Gebet für die unbekannten Toten".
Der publikumswirksame Tabubruch, echte Leichen zu präsentieren, machte den Mann, der früher Gunther Liebchen hieß, ehe er den Namen seiner ersten Ehefrau annahm, 1997 zum Medienstar und globalen Familien-Unternehmer - mit Produktionsstätten in Heidelberg und Bischkek (Kirgisien) sowie einer diskreten Finanzholding im Steuerparadies Gibraltar und einer kleinen Aktiengesellschaft im Schweizer Kanton Basel-Stadt. Zum Firmenreich gehören noch diverse "Ausstellungsgesellschaften", die an vielen "Körperwelten"-Standorten eigens gegründet wurden. Seine zweite Ehefrau Andrea Whalley, die sich seit geraumer Zeit lieber "Angelina" nennt, leitet den angegliederten Chemikalien- und Präparateversand.
Doch erst in Fernost wird die wahre Dimension des weiten Geschäftsfeldes deutlich. In der "High-Tech Zone" der nordostchinesischen Hafenstadt Dalian, unweit eines militärischen Sperrgebiets, umgeben von Straflagern für Systemgegner, hat der Heidelberger Aufklärer für knapp zwölf Millionen Euro die wohl größte private Leichenfabrik der Welt errichtet, die Von Hagens Plastination Ltd.
Auf dem 30 000 Quadratmeter großen Gelände, abgeschirmt von der Außenwelt und mit modernster Überwachungstechnik kontrolliert, verrichten rund 170 straff geführte chinesische Arbeiter den Dienst an der Leiche. Es wird wie am Fließband produziert: Im Sektionssaal stehen zehn stählerne Seziertische in Reih und Glied, an denen jeweils drei Arbeiter in blauen Uniformkitteln, meist ohne Atemschutz, das Rohmaterial bearbeiten.
Im Akkord enthäuten sie formalingetränkte menschliche Körper, trennen Gliedmaßen ab, pumpen Kunststoff in die Adern. Zwischen abgeschabtem Fettgewebe und herausgenommenen Eingeweiden wird mitunter das Frühstück eingenommen. Nebenan werden derweil Menschenhäute aufgehängt, wie Anzüge an der Stange.
In einem siebenstöckigen Flachdachturm aus sandfarbenem Beton schlägt das Herz des Imperiums: Zur Einweihung seiner Firmenzentrale wurde Hagens, der sich von den Untergebenen gern als "lieber Führer" verehren lässt, nach Mao-Sitte mit einem riesigen Transparent mit seinem eigenen Konterfei gefeiert.
Das Betreten von Raum 404 ist strikt verboten. Hier werden die fertigen "Ganzkörperplastinate" eingeschlossen, jene bizarren Leichenkreationen, die Millionen Besucher in Hagens'' Ausstellungen ziehen. Um eine solche Skulptur herzustellen, bedarf es Hunderter Arbeitsstunden und mancher - möglichst junger - Leichen. Meister Hagens lässt seine Exponate gern nur aus "Qualitätsmaterial" erstellen. Reicht das, was gerade vorrätig ist, nicht aus, wird gebastelt - hier ein frischer Muskel, dort ein neues Herz hineingepflanzt. Wenn Hagens, der das "Transplantation wie beim lebenden Menschen" nennt, mit Kunststoff und Kleber seine Leichenplastiken modelliert, spielt er so etwas wie Gott.
Manchmal ist ihm das Echte aber schlicht zu klein: Wie aus Geschäftsbriefen hervorgeht, beklagte der Chef beispielsweise die Genitalien östlicher Männer, die ihm nicht groß genug waren. Das Team in Dalian sollte eine Methode finden, sie künstlich zu verlängern.
Und auch die "Unsterblichkeit", die Hagens seinen plastinierten Leichen andichtet, ist fraglich: Erst im vergangenen September wurde bemängelt, dass die "Präparate aus China" oft schlecht verarbeitet seien. Während der Hamburger Ausstellung sei beim "Flügelmann" immer wieder "Fett aus allen Muskeln" gelaufen. Regelmäßig werden Ersatzteile - mal eine neue "Urinblase", mal ein "ganzer Nacken" - geordert, um defektes Gewebe zu ersetzen.
Deshalb sucht Unternehmer Hagens, seine asiatischen Arbeiter in deutschen Tugenden zu drillen - mit den Mitteln moderner Marktwirtschaft. Die Effizienz der Männer und Frauen wird durch ein geheimes Notensystem bewertet. Wer bei der regelmäßigen Kontrolle der Sauberkeit in den firmeneigenen Wohnheimzimmern, in denen sie kaserniert sind, keine 90 Punkte erreicht, muss mehr bezahlen. Besonders ordentliche Präparatoren dagegen dürfen auf eine Einladung ins Heidelberger Mutterhaus hoffen, wo sie - teilweise mit Touristenvisum eingeschleust und in Hagens-Eigentumswohnungen untergebracht - arbeiten. Sie würden, sagt Hagens, "unterwiesen", und es würde ihnen "auch nicht verboten, dann eine Pinzette in die Hand zu nehmen".
Da ist es nur konsequent, dass der Chef seinen chinesischen Angestellten sicherheitshalber erst mal eine "Verschwiegenheitserklärung" abverlangt. Die Vorsicht scheint durchaus angebracht: Innenansichten seiner Zentrale in Dalian könnten verheerende Außenwirkung haben.
Denn von hier aus gehen, verpackt in Kisten, auch sensibelste Präparate hinaus in alle Welt. Dalian ist die Drehscheibe im Hagensschen Leichenzirkus. Hier landet in Formalin fixiertes Rohmaterial aus China, Russland und Kirgisien. Es wird meist über das Heidelberger Institut für Plastination, das in Wahrheit keine anerkannte wissenschaftliche Einrichtung, sondern ein kaufmännisches Einzelgewerbe ist, nach Fernost geschickt. Von dort geht es dann, bisweilen aufgehübscht mit frischen Organen, neuen Muskeln oder nachlackierten Körperteilen, wieder auf Tour. Ab und an ist sogar die Leiche eines echten Körperspenders aus Deutschland dabei. Auch beschädigte Rückläufer aus den Ausstellungen werden hier repariert.
Im monströsen unterirdischen Bunkerkomplex der chinesischen Anlage lagert, verstaut in Stahlcontainern, der Nachschub - und wird mit deutscher Gründlichkeit verwaltet.
Sogar die "Qualität" der Körper wird akribisch erfasst. Leiche Nr. 03MI077 taugt beispielsweise nur als Rohmaterial; zu dem "ganzen männlichen Körper", 1,66 Meter groß, ist vermerkt: "Linkes Auge fehlt, Fuß und Hand beschädigt".
Als Spitzenmaterial dagegen ist 03FI093 erfasst: Weiblich, 1,67 groß, gute Muskeln, europäisch. Geeignet für Ausstellung.
Auch der Inhalt von Container Nummer 18 wird als "ausstellungswürdig" eingestuft: 01MI092 ist eine vollständige Kinderleiche mit geöffnetem Schädel.
"Sezierabfall", der nicht mehr für Hagens'' Körperkompositionen taugt, wird dagegen diskret beseitigt. Entweder - wie aus internen Firmenvermerken hervorgeht - vermischt mit Altchemikalien oder im Krematorium der nahe gelegenen Stadt Lüshun. Am 5. August 2003 etwa meldete Hagens'' Geschäftsführerin in Dalian, Christina Bannuscher, dass demnächst 446 Kilogramm "nicht mehr zu gebrauchende Teile" verbrannt werden sollen. Dies entspreche, so Bannuscher, der Einäscherung von circa "sieben Personen" und koste 1700 Yuan, umgerechnet rund 180 Euro.
Über solche Details lässt sich der Chef gern und genauestens Bericht erstatten. Kaum etwas geschieht in Dalian, was Hagens nicht weiß. An manchen Tagen erreichen ihn Dutzende E-Mails aus Verwaltung, Buchhaltung und Produktion. Ob Beschwerden über nachlässige Präparatoren, Reklamationen, Ärger mit dem chinesischen Zoll, Fracht- oder Lieferprobleme - der "liebe Dr. Gunther" (Unternehmensjargon) wird durch ein dichtes Netz aus Zuträgern ständig auf dem Laufenden gehalten.
Doch seit sich der geschäftstüchtige Leichenkleber nach einer wirren Lobeshymne des Ästhetik-Professors Bazon Brock eher als "kontroverses Genie" fühlt, berufen, die "Anatomie zu demokratisieren", ist er auch um ein entsprechend schillerndes Image bemüht. Mal lädt er Models zu einem diskreten Mode-Shooting in die Totenshow, mal posiert er mit einer offenbar eigens engagierten Stripperin vor einem Leichenexponat. Männlichen Mitgliedern des inneren Kreises offeriert er gern kumpelhaft eine kostenlose Viagra-Tablette, während er im weiblichen Teil seiner Belegschaft Musen rekrutiert, die zum Meister aufblicken dürfen.
Das intimste Geheimnis seiner Körperwelten teilt "GvH" jedoch vor allem mit Gattin Angelina: die Beschaffung der Leichen. Wiederholt hat der Mediziner beteuert, für den Rohstoff seiner Plastinate nie Geld bezahlt zu haben. Einzig und allein von Körperspendern oder medizinischen Einrichtungen stammten die "Präparate", kostenfrei überlassen zu Lehr- und Forschungszwecken. Eine ganze Reihe von vertraulichen Dokumenten beweist das glatte Gegenteil.
Unter Missachtung internationaler Vereinbarungen werden durch Hagens'' Firma offenbar in großem Stil Tote aufgekauft. Die totalitäre Volksrepublik China erweist sich dabei als ideales Geschäftsfeld. Kaum ein Land, wo Leichen so billig zu haben sind. Krankenhaus-Pathologen sind schlecht bezahlt und damit offen für Nebeneinkünfte durch unbürokratischen Körperverkauf. Dazu kommen von korrupten Polizisten gefundene, angeblich "herrenlose Leichen", Opfer der wachsenden Kriminalität - und Hingerichtete.
Allein im Jahr 2001 registrierte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International 2468 Exekutionen in China. Von Staats wegen getötet wird auch in Dalian - per Kopf- oder Genickschuss. Rund um Hagens'' Leichenfabrik liegen allein drei Strafcamps, darunter das "Provinzgefängnis Nummer Drei" und das "Lager für Reform durch Arbeit". Im berüchtigten "Haftzentrum Yaojia" sind politische Gefangene interniert, darunter Mitglieder der Falun-Gong-Bewegung, die wiederholt über Folterungen und sexuellen Missbrauch berichteten.
"Als zusätzliches Zeugnis der Grausamkeit" der chinesischen Strafjustiz wertet Amnesty International das in der Volksrepublik übliche illegale Entfernen der Organe von Hingerichteten, die als klinische Transplantate verwertet werden. Bereits an der Hinrichtungsstelle, so ein Amnesty-Mitarbeiter, stünden vielerorts Ärzteteams bereit, um sofort operieren zu können. Manchmal würden die Exekutionstermine gar dem Organbedarf der Transplantationskliniken angepasst. Für den heimlichen Abtransport der ausgeweideten Körper würden dann getarnte Leichenwagen eingesetzt.
Der Ablauf dieser barbarischen Praxis stimmt merkwürdig genau mit einem Vorgang überein, der sich in den Morgenstunden des 29. Dezember 2001 in Dalian ereignete: Just auf dem Höhepunkt einer staatlichen Säuberungswelle gegen angebliche "Kriminelle" erreicht Gunther von Hagens ein passwortgeschütztes E-Mail-Dokument. Absender ist der chinesische Arzt Dr. Sui Hongjin, Hagens'' General-Manager in Dalian. Er meldet dem Heidelberger Chef den Erhalt "zweier frischer Exemplare, höchster Qualität", die am Vormittag in der Firma eingetroffen seien. "So frisch" seien die Leichen, schwärmt Sui, dass die Lebern der beiden Toten erst wenige Stunden zuvor "klinisch transplantiert" worden seien.
Weitere Details über die potenziellen Neu-Exponate erhält der Leichenschausteller keine halbe Stunde später. Eine Mitarbeiterin Suis berichtet äußerst dienstbeflissen, dass es sich bei den "frischen Exemplaren" um einen "jungen Mann und eine junge Frau" handele, die erst am frühen Morgen gestorben seien. Ihre Bauchdecken seien kreuzweise aufgeschnitten, die meisten inneren Organe würden fehlen. Außerdem vermerkt die Mitarbeiterin "ein Einschussloch im Kopf".
Diese Merkmale, räumt Hagens ein, ließen nur einen Schluss zu: "Das ist ein Hingerichteter." Noch am vergangenen Donnerstag wollte der Firmenchef von einem solchen Vorgang aber nichts wissen. 26 Stunden später kam die Erinnerung dann doch zurück. Er sei damals, so erklärt er nun, "entsetzt" gewesen. Zwar habe er nicht schriftlich interveniert, wohl aber in persönlichen Gesprächen seine Meinung dargelegt. Die Mitarbeiter hätten das Unternehmen inzwischen verlassen.
Im Oktober 2002 hätten er und seine neue Bevollmächtigte "mehrfach strikte Anweisungen gegeben, dass Ganzkörperpräparate von Hingerichteten nicht angenommen werden". Da aber waren bereits Zweifel an seinem globalen Treiben laut geworden. Als ihm am 9. Januar 2003 expressis verbis "offiziell Hingerichtete" angeboten wurden, lehnte er tatsächlich ab. Er witterte offensichtlich eine Falle: "Mitleser könnten falsche Schlüsse ziehen." Von nun an sollen "solche Dinge" nur noch mündlich besprochen werden.
Doch der Bedarf an "frischer" Ware war offenbar immens: Wenige Wochen vor der Anlieferung der Hingerichteten, am 12. November 2001, wird im Bunker der Plastination Ltd. ein Lkw entladen. Er enthält 31 "new human specimens", sprich "neue menschliche Exemplare". Die Leichname der 27 Männer und 4 Frauen tragen noch Kleidung.
Als die zuständige Aufseherin ihrem deutschen Chef vom Eintreffen der Leichen rapportiert, erbittet sie weitere Befehle. Hagens aber interessiert zunächst nur eins: "Sind sie frisch?"
Mit dieser Frage, sagt Hagens, habe er sichergehen wollen, dass es sich nicht um
Leichen im Urzustand handelte, deren Ankauf er ja ablehne.
"Frisch und gefroren", mailt Sun Meiyu zurück, was eindeutig gegen ein "Präparat" im Hagensschen Sinne spricht. Dennoch erteilt der Heidelberger die Order, alle Leichen zunächst in luftdichte Plastiksäcke zu verpacken. "Sehr gute" Exemplare sollen aussortiert und für eine Spezialbehandlung reserviert werden - "besonders, wenn sie weiblich sind". Zukünftig soll Kleidung am Körper belassen werden, da dies einen zusätzlichen Schutz vor "Austrocknung" biete.
Keine drei Wochen später wird die nächste Lieferung avisiert. Hagens'' Statthalter Dr. Sui weist die Mitarbeiter in der Lagerhaltung an, alles für die Ankunft von 40 Leichen vorzubereiten. Mitte Januar 2002 kommen weitere 60 "Ganzkörper" bei Plastination Ltd. an, diesmal in einem Güterwaggon.
Aber nicht nur bei erwachsenen Leichnamen häufen sich Indizien auf grauenhafte Todesumstände. So findet sich in der firmeneigenen Datenbank "Embryos und Föten" unter der Artikelnummer 01BR018 ein Eintrag über einen neun Monate alten Fötus, der seit dem 26. März 2001 im Lagerhaus des Unternehmens aufbewahrt wird: Geschlecht männlich, Nationalität "inländisch". Als "Quelle" des Präparats ist schlicht das Wort "Polizei" eingetragen.
Allein in zwei Monaten sind nach einem vertraulichen Rapport vom Januar 2002 "160 ganze Körper" in Dalian eingelagert worden - Sezierarbeit, die das Personal ein halbes Jahr lang voll auslasten würde, wie Zhou Rui von der Sektionsabteilung der Führung vorrechnet. "Im Bunker wird der Raum immer knapper."
Alles freiwillige Körperspender? Kostenlos zur Verfügung gestellte anatomische Präparate?
Gunther von Hagens selbst wusste sehr genau, dass dem nicht so ist. Mit den Worten "Hiermit bestätige ich den Ankauf der nachfolgend aufgelisteten Exemplare" gibt er am 23. Februar 2002 via E-Mail höchstpersönlich grünes Licht für den "Kauf von 50 bis 60 erwachsenen" Leichen, zum Stückpreis von knapp 220 Euro. Auch die habe, so Hagens, sein Stellvertreter "in Eigeninitiative besorgt". Den Preis habe man ihm "als so genannte Handlingskosten" erklärt - Angaben, die sich erst bei einer späteren Überprüfung als falsch herausgestellt hätten.
Nach dieser "Preisliste für Ganzkörper", die Hagens von seinem General-Manager Sui erhielt, kosten Tote in China eigentlich mehr. In der Aufstellung über Preisunterschiede in acht chinesischen Städten sind Leichen am teuersten in Chongqing bei der "3. Militär-Medizinischen Universität" (308 Euro), am billigsten bei der Chuanbei-Medizinschule (254 Euro). Als einmal Mangel an frischen Skeletten herrschte, wurde erwogen, in chinesischen Universitäten Übungsleichen zu erwerben und die Knochen herauszulösen, da dies billiger sei, als Skelette zu kaufen.
Hagens versuchte gern, von derart schmutzigen Geschäften abzulenken, indem er vollmundig von seinem chinesischen "Körperspendeprogramm" schwärmte, das in Wahrheit nicht mehr als eine reine Alibi-Veranstaltung war.
Denn selbst wenn sich chinesische Staatsbürger freiwillig von Hagens'' Präparier-Truppe post mortem hätten plastinieren lassen wollen, es wäre legal kaum möglich gewesen. Körperspenden, das weiß auch der deutsche Anatom, dürfen in China ausschließlich vom Roten Kreuz angenommen und - zum Beispiel in Shanghai - nur für die medizinische Ausbildung, Forschung und klinische Anatomie verwendet werden.
Auch die Herkunft der überaus begehrten "frischen" Leichen kann Hagens allen anders lautenden Beteuerungen zum Trotz nicht wirklich verborgen geblieben sein: In einem vertraulichen Bericht ("Betreff: Analyse über die Jagd nach frischen Leichen") schlägt der Abteilungsleiter "Körperspende", Paul Simon, seinem Chef folgende "mögliche Quellen" zur Akquise vor: "1. Polizeistationen. 2. Bestattungsunternehmen und Altenheime. 3. Gefängnisse und Leichenhallen von Krankenhäusern" sowie "4. andere medizinische Einrichtungen". Die Rubrik "Körperspenden" rangiert an letzter Stelle, versehen mit der Bemerkung: "Fürchterlich langsam".
Für das Fortkommen im "Frisch-Leichen-Business" (Simon) regt der smarte Jungmanager lieber Kompensationsgeschäfte an, die bereits in der Vergangenheit gut funktioniert hätten. So erinnert er an einen "früheren Lieferanten", der mit sieben bis acht frischen Leichen pro Monat aushelfen könne, wenn er im Gegenzug ein neues Kühlaggregat geschenkt bekomme.
Mit gnadenloser Offenheit mailt Hagens'' Mann fürs Grobe schließlich am 21. Oktober 2003 an Dr. Gunther, dass "bis heute nicht eine einzige Körperspende" in China verbucht werden konnte. Das Programm solle deshalb zwar "als Aushängeschild" erhalten bleiben, die Abteilung müsse sich in Wahrheit aber Feldern widmen, die dem Unternehmen mehr Profit versprächen - dem Verkauf von "kleinen Organen" etwa oder der Anfertigung von menschlichen Präparaten, entsprechend den "Erfordernissen des Marktes".
Mit diesem Satz spielte er wohl auf das zweite Standbein des Hagensschen Familienkonzerns an - den höchst lukrativen internationalen Vertrieb von anatomischem Lehrmaterial, Prädikat echt Mensch. Vor lauter Kunst konnten die Präparatoren in der chinesischen Fabrik die zahlreichen Bestellungen für plastinierte Gehirne, organgefüllte Becken oder transparente Kopfscheiben nicht mehr abarbeiten, die Hagens'' Gattin Angelina Whalley beständig in Fernost aufgab.
Als Chefin des Heidelberger Instituts für Plastination hatte sie einen Ruf zu verlieren. In einer E-Mail schimpfte sie im Juli 2003, dass manche Kunden bereits "seit mehr als zwei Jahren" auf ihre Lieferung warteten. Abnehmer für die makabere Produktpalette waren seit Ende der achtziger Jahre vor allem medizinische Fakultäten aus Saudi-Arabien, dem Sultanat Oman oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, die über riesige Budgets verfügten und wegen religiöser Restriktionen stets großen Bedarf an präparierten Leichenteilen aus dem nichtmuslimischen Ausland hatten.
Gunther und Angelina, die sich im Geschäftsverkehr meist mit "Batzi" und "Liebi" ansprechen, diskutieren auch gern im Kuschelton über den Verkaufswert von "Kugeln" und "Strippen" - in ihrer Sprache Synonyme für Schädel und Gerippe. Batzi will im November 2001 wissen, "was wird denn pro Kugel bezahlt?" Und Liebi antwortet prompt: "Pro Kugel DM 200,--; pro Strippe 450,--". Das Plastinations-Paar hatte sich einst im Anatomischen Institut der Heidelberger Universität gefunden und neben privaten sogleich auch geschäftliche Bande geknüpft.
Bereits als Universitätsangestellter betrieb Hagens einen schwunghaften Leichenhandel - teils mit Wissen, im Auftrag und zu Gunsten des Anatomischen Instituts der altehrwürdigen Hochschule. Gewinne, so beteuert Hagens'' einstiger Chef und Gönner, Professor Wilhelm Kriz, seien stets "ordentlich auf einem universitären Drittmittelkonto" verbucht worden - um damit Forschung und Produktion des Vorzeige-Plastinators zu finanzieren.
Eine überaus unkonventionelle Geschäftspraxis, zumal in der Anfangszeit nicht nur in der Uni seziert und präpariert wurde, sondern auch schon mal in Hagens'' Wohnhaus in der Heidelberger Rathausstraße oder in angemieteten Garagen, die nach Zeugenaussagen mitunter grausigen Hobbykellern glichen. Während Gunther mit der Hochgeschwindigkeits-Bandsäge Leichen in dünne Scheiben schnitt oder per Aufschnittmaschine menschliches Gehirn tranchierte, weilte die Hausfrau in der trauten Küche und posierte mit Muskelbrocken vor dem Backofen. Oder sie rollte mit Kunststoff übergossenes Menschenfleisch mit dem Marmor-Nudelholz aus, um die Luftblasen aus der Plastikfolie zu drücken.
Die auf diese Weise zubereiteten "transparenten Scheibenplastinate" konnten Gewinn bringend an den Mann gebracht werden - schon früh hatten die heimwerkenden Eheleute ihr einträgliches Geschäft professionell organisiert. Bereits im April 1991 legten "Batzi" und "Liebi" einen zwölfseitigen Versandkatalog für plastinierte Leichenteile auf. Menschliche "Kopfscheiben" waren demnach ab 180 Mark zu haben, ein komplettes Set aus 50 Rumpfscheiben, "Stärke 5 mm", inklusive "Aufbewahrungs-Koffer", kostete schon 11 000 Mark. Unter der Bestellnummer "S 1000" gab es ein original menschliches "Herz, Blut entfernt, geschnitten in zwei Hälften" für 850 Mark; unter der Nummer "S 8024" ein "ganzes weibliches Becken" mit Muskeln und Rektalnerv für 12 600 Mark. Für 148 000 Mark offerierte Hagens "S 7010" - sein Spitzenprodukt: einen "ganzen Körper, sorgfältig seziert, plastiniert mit S10 (Silikon)".
Das Geschäft lief prächtig. So bestellte die Sultan-Kabus-Universität in Maskat (Oman) eine Präparatesammlung für 93 840 Mark; die König-Saud-Universität in Riad (Saudi-Arabien) orderte gleich zwei Ganzkörper, einer männlich, einer weiblich, inklusive Verpackungsmaterial für 299 450 Mark. 1991 bestellte die Medizinische Fakultät der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate zwei Kollektionen Hagensscher Plastinate - im Gesamtwert von 154 400 Mark. Geliefert wurde mit Flug Lufthansa 4504 am 8. September, 7.20 Uhr morgens.
Einen Teil der Rechnungssumme erbat sich der Plastinator zunächst als Barscheck an seine Privatadresse. Doch diese Zahlungsart war den arabischen Doktoren offenbar zu unseriös. Hagens schaffte sogleich Abhilfe, jetzt sollte der Betrag, "vorzugsweise in Schweizer Franken", auf sein Konto (57.319.28) bei der Basler Kantonalbank transferiert werden. Dass darüber auch der Verkauf von Präparaten der Universität abgewickelt wurde, bestreitet er.
Die diskrete Bankverbindung sei der Heid elberger Universität zu keinem Zeitpunkt bekannt gewesen, versichert Hagens'' früherer Chef Kriz. Verborgen blieben dem Anatomie-Professor wohl auch die anderen, wenig akademischen Aktivitäten seines Angestellten - der offenbar nicht nur Plastinate feilbot, sondern entgegen seinen Beteuerungen wohl auch schon mal Leichen in natura. So teilte Hagens einem Interessenten aus Ain (Vereinigte Arabische Emirate) im Oktober 1991 verärgert mit, dass auch im nächsten Jahr "eine weitere Lieferung von 10 Kadavern" prinzipiell möglich sei; allerdings müsse in Zukunft auch pünktlich gezahlt werden. Noch immer, so Hagens erbost, warte er auf den Scheck für "die letzte Ladung".
Kein Wunder, dass den Mann der Wissenschaft offenbar immer wieder arger Leichenmangel plagte. In einem Brief, den Hagens 1991 an seinen Züricher Ana-
tomie-Kollegen Béla Szarvas schrieb, fragte er höflich an, "ob es eventuell möglich wäre, vier konservierte Leichen, sozusagen als institutionelle Amtshilfe zu bekommen", natürlich ganz vertraulich. Deshalb wäre es auch "sinnvoll, nur Leichen zu verwenden, die nicht beerdigt werden müssen". Hagens weiter: "Ich würde die Leichen persönlich bei euch abholen ... Der Grenzübertritt würde kein Problem bereiten."
Seine Blaublut-begeisterte Mitstreiterin Angelina versuchte derweil, neue Quellen zu erschließen - im deutschen Hochadel. In einem Express-Schreiben an die "Sehr verehrte Durchlaucht, Fürstin Gloria von Thurn und Taxis", verfasst kurz nach dem Tod des fürstlichen Gatten, bot Dr. Whalley der jungen Witwe nach kondolarischen Präliminarien einen ganz speziellen Beistand an: "Nach meinem Empfinden wäre die Plastination die ideale Konservierungsmethode für Ihren verstorbenen Mann." Anderes würde seinem "Format, der Bedeutung der Persönlichkeit nicht gerecht werden". Allerdings sei Eile geboten, denn der "Verwesungsprozess schreitet schnell und unaufhörlich fort". Die Fürstin, obwohl damals exzentrischer Darstellung durchaus zugetan, antwortete nicht einmal.
Der Meister selbst verfeinerte im Lauf der Jahre seine sensible Technik des diskreten Leichenkaufs immer weiter. Für "irreguläre Dinge wie den Ankauf von Exemplaren", wie es feinsinnig in einer E-Mail vom 22. April 2002 heißt, verwalten Hagens'' chinesische Finanzchefin Zuo Yi und sein Heidelberger Steuerberater längst ein System diskreter Konten und schwarzer Kassen ("Hand cash"). Aus einem dieser Bar-Budgets (10 000 Euro) wurden laut einer vertraulichen Aufstellung für die erste Jahreshälfte 2002 auch diskrete Zahlungen an besonders vertrauenswürdige Mitarbeiter in China geleistet.
"Ich habe so etwas nicht bezahlt", sagt Hagens. Er wisse aber, dass Sui Bargeld für Aufwendungen verlangt und bekommen habe. Der habe ihm stets versichert, dass "alles in Ordnung ist".
Äußerst trickreich werden indes auch die privaten Extravaganzen des Big Boss finanziert. So findet sich im Dickicht des Finanzgeflechts zum Beispiel das verschwiegene Konto Nummer 0414 0799 9700 0003 74 bei der chinesischen Communication Bank in Dalian. Nach einer vertraulichen Mitteilung an Hagens'' Steuerberater dient es hauptsächlich als Quelle "für Dr. Gunthers private, irreguläre Ausgaben, wie den Kauf seiner neuen Wohnung". Die Existenz des Kontos müsse "vertraulich" behandelt werden - wohl aus Angst vor allzu eifrigen Steuerbeamten.
Die Trennung von Geschäfts- und Privatfinanzen, so legen zahlreiche Dokumente nahe, scheint dem Heidelberger Plastinator generell Probleme zu bereiten. Während beispielsweise seine Londoner Leichen-Revue ("Bodyworlds") im Jahr 2002 floppte, blieb offenbar immer noch so viel Gewinn übrig, dass für den Chef vor wenigen Monaten ein nettes Apartment im Levita House, Chalton Street, London, erworben werden konnte. Der Kaufpreis, 211 771 Britische Pfund und 43 Pence (Rechtsanwaltskosten inklusive), wurde diskret aus dem Vermögen der Ausstellungsgesellschaft "Arts & Sciences" abgezweigt, die praktischerweise von Hagens'' Ehefrau betreut wurde. Juristisch sei die Transaktion unproblematisch, versichert die Gattin, denn die Summe entspreche exakt Gunthers "Einkünften von dieser Firma". Diese Vorgänge mag Hagens nicht kommentieren. Er vertraue "den Leuten, die das in meinem Auftrag machen".
Der kreativen Gewinnoptimierung des Familienunternehmens dient wohl auch jene kleine Gesellschaft, die Hagens im westlichen Mittelmeer sein Eigen nennt. Die "International Exhibition Ltd.", Suite 5, Bell Lane, Gibraltar, zeichnet sich besonders durch ihren geräumigen Briefkasten sowie das angenehme steuerliche Klima aus und wird firmenintern gehütet wie ein Staatsgeheimnis.
Das Offshore-Unternehmen kommt meist dann ins Spiel, wenn in China ein besonders publikumsträchtiges "Körperwelten"-Exponat fertig gestellt wird, wie zum Beispiel das jüngst in Hamburg gezeigte plastinierte Kamel. Für einen scheinbar willkürlich festgesetzten Preis - beim Kamel waren es lediglich 6000 US-Dollar - erwirbt Hagens'' Briefkastenfirma jetzt auf dem Papier das Ausstellungsstück von der chinesischen Plastination Ltd. und verleiht es - gegen hohe Gebühren - an die jeweiligen Ausstellungsgesellschaften.
Solcherart In-sich-Geschäfte, die Steuerbehörden rund um den Globus argwöhnisch machen, sind doppelt lukrativ: Einerseits können so die Ausstellungsfirmen hohe Ausgaben für Leihgebühren steuerlich geltend machen, während sich der Plastinator gleichzeitig über nahezu steuerfreie Einnahmen auf Gibraltar freuen kann.
Die Masche, so legen es Dokumente nahe, wird seit geraumer Zeit im großen Stil praktiziert. Laut einer umfangreichen "Kauf-Vereinbarung" gingen im Vorfeld der koreanischen "Körperwelten"-Schau im Sommer 2002 fast sämtliche Exponate in den Besitz der verschwiegenen Briefkastenfirma über - der sie auch heute noch gehören. Da die Show von Seoul nach Stuttgart weiterzog, wäre dann wohl auch der deutsche Fiskus um beträchtliche Summen gebracht worden.
Er lege Wert darauf, erklärt Hagens, dass "alles mit rechten Dingen zugeht". Ihm komme es darauf an, "dass wir keine Steuerhinterziehung begehen, aber die rechtlichen Freiräume und Schlupflöcher nutzen". Nach Absprache mit seinem Steuerberater wären dann die "notwendigen administrativen Voraussetzungen" geschaffen worden.
Dass solche Tricks schlecht fürs Renommee sein könnten, schwante einstweilen auch dem anatomischen Kunsthandwerker und seinem umtriebigen Steuerberater. Nachdem im April 2002 ein chinesischer Mitarbeiter den Meister gefragt hatte, wie der Empfänger in Gibraltar denn zu kontaktieren sei, kam es zu heftigem E-Mail-Verkehr zwischen Dalian und der Heidelberger Kanzlei. Er könne seinen "Dreiecksvorgang" im Notfall ja als Refinanzierungsmodell tarnen, riet der Steuer-Doktor seinem Mandanten, und er solle "unbedingt und dringend in der company jedem Gerücht entgegentreten", dass dadurch "irgend jemand betrogen werden soll".
Entgegen den sonstigen Gepflogenheiten in der weltläufigen Firmen-Kommunikation schrieb der Steuerexperte sein Memo ausnahmsweise nicht in Englisch, sondern in Hagens'' Muttersprache, "weil meine Ausführungen nur für Dich bestimmt sind".
Der Künstler, plötzlich voll profaner Angst, reagierte prompt - und beschimpfte erst einmal seine chinesische Finanzchefin: "Meine company in G.", so Hagens, müsse vertraulich, wie ein Produktionsgeheimnis, behandelt werden. Er wünsche nicht, davon "eines Tages in der internationalen Presse zu lesen".
Das Nervenkostüm des Plastinators war zu dieser Zeit arg strapaziert. Immer wieder erreichten Hagens Hiobsbotschaften aus seinem globalen Leichenbetrieb. Sein einstiger chinesischer Kompagnon Dr. Sui wurde zum erbitterten Konkurrenten des Meisters: Angeblich soll er, mit Rückendeckung der chinesischen Regierung, eine eigene "Körperwelten"-Schau aufbauen, die pünktlich zu den Olympischen Spielen im Sommer 2008 Touristen und Devisen anziehen soll.
Sui versuche deshalb, klagt Hagens, "mein Institut in Misskredit zu bringen und mir zu schaden". Der Chinese, der von sich aus das Unternehmen verlassen haben will, kontert: "Von Hagens lügt immer."
Im September 2002 erschienen unangemeldet Zollinspektoren in Dalian. Die Beamten interessierten sich vor allem für Transportpapiere. Besonderes Augenmerk richteten sie dabei auf die angegebenen Preise für die Präparate. Die Inspektoren hatte gewundert, wie Finanzchefin Zuo Yi an Hagens mailte, "warum der Preis dann hoch ist, wenn die Ware steuerfrei ist, und niedrig, wenn sie versteuert werden muss". Zuo Yi vermutete, der Zoll habe wohl einen Firmenangehörigen als Informanten gewonnen: Im Gegensatz zu früheren Besuchen hätten die Fahnder genau gewusst, wonach sie zu suchen hatten.
Die beunruhigendsten Nachrichten erreichten Hagens aber aus seiner Dependance in Kirgisien. Im November 2002 hatten Reporter der Wochenzeitung "Delo" herausgefunden, dass sibirische und kirgisische Tote unter obskuren Umständen nach Deutschland exportiert worden waren. Später deckten das ARD-Magazin "Fakt" und der "Stern" weitere Details der mysteriösen Leichen-Connection auf.
Die Abwehrstrategie seitens des Hagens-Pressestabs war simpel. Schuld allein sei ein früherer Mitarbeiter, der kirgisische Anatomie-Professor Gabitow, der auf eigene Faust Leichen aus dunklen Kanälen organisiert habe. Der Heidelberger "Körperwelten"-Schöpfer habe zu keinem Zeitpunkt davon gewusst und solch illegale Praktiken immer missbilligt. Eine Sündenbock-Version, die jetzt in China fröhlich Urständ feiert.
Doch Hagens wird erklären müssen, warum er dann Gabitow von 1996 bis 2002 für "Dienstleistungen" und "Transporte" insgesamt rund eine viertel Million Euro überweisen ließ. Dazu kamen nach einer geheimen Bilanz "Bezahlung (Bar) Bischkek" noch 59 057 Mark Cash, teilweise durch Hagens persönlich überbracht, was der jedoch bestreitet.
In just demselben Zeitraum schickte das kirgisische Institut 488 Ganzkörper, 10 Föten, 431 Gehirne und 397 "verschiedene innere Organe" nach Heidelberg. Die Leichenmasse wog insgesamt 29,4 Tonnen. Dass viele Leichen aus Gefangenenlagern oder Psychiatrien stammten, habe er gewusst, räumt Hagens ein. Er habe es aber dabei belassen, seine "ethischen Bauchschmerzen" kundzutun.
Solange potenzielle Körperspender wie die Schauspielerin Cleo Kretschmer oder der Künstler selbst noch das wirkliche Leben genießen, braucht der Heidelberger Leichenhandel diese sterblichen Überreste, um daraus unsterbliche Kunstwerke zu schaffen. Wer das nicht so schlicht sieht wie der Leichenpräparator mit Kunstanspruch, ist entweder ein Neider oder ein Ignorant.
Wie bei vielen Protagonisten der Geschichte werde, davon ist der Plastinator überzeugt, die Welt erst posthum seine wahre Größe erkennen. "Wenn ich selbst plastiniert in der Ausstellung stehe", schrieb Gunther von Hagens einst, "ist mir auch die vorbehaltlose Anerkennung der Etablierten gewiss."
SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN
"Ich versichere für die Vergangenheit und Zukunft, dass sämtliche Plastinate jetziger und zukünftiger Körperweltenausstellungen von legal erworbenen Leichen oder Präparaten stammen bzw. stammen werden."
Gunther von Hagens in einer Stellungnahme vom 14. März 2003
" Lieber Sui, ich schreibe Dir heute, weil Gunther mir gesagt hat, dass Ihr ein paar Embryos in Dalian übrighabt. Ich brauche diese Embryos für die koreanische Ausstellung (...). Wärst Du bitte so nett und lässt mich wissen, wie viel Ihr habt und in welchem Stadium sie sind? Vielen Dank im Voraus (...) Angelina "
Angelina Whalley an den damaligen General-Manager in Dalian, Dr. Sui Hongjin, am 1. März 2002
" Liebe Christina, vielen Dank für Deine Anfrage, die ich wie folgt beantworten möchte: (...) Skelette sind bei der derzeitigen Situation in China nicht zu bekommen. (...) Deshalb müssen die Skelette anderswo akquiriert werden, z. B. in Kirgisien. (...)"
Gunther von Hagens an die Geschäftsführerin seiner chinesischen Firma, Christina Bannuscher, im Dezember 2002
" Lieber General-Manager, für die Produktion brauchen wir folgendes Material, bitte hilf uns: 1. Skelette (ungefähr 100 Stück) für die Bestell-Liste; 2. weibliche Leichen oder weibliche Becken mit Organen, ganzen Genitalien (...); 3. Genitalien, männlich und weiblich in gutem Zustand. Für Vorbereitung, Austausch und als Teilpräparate für zukünftige Bestellungen; 4. Embryos, speziell aus der ersten bis achten Schwangerschaftswoche. "
Zhou Rui, aus der Sektionsabteilung in Dalian in einer E-Mail an von Hagens vom 18. Dezember 2002
" Lieber Gunther, ich hatte Dir schon berichtet, dass wir eine Bestellung aus KU (Kuweit -Red.) u. a. über 50 Kugeln und 10 Strippen (Schädel und Gerippe -Red.) bekommen haben. (...) Diese Sachen sind zwischenzeitlich alle nach China gegangen, und wir können die Bestellung nur erfüllen, wenn wir die Sachen aus China zurückbekommen. (...) Dein Liebi "
Angelina Whalley an ihren Mann Gunther von Hagens am 21. November 2001
" Betreff: Weihnachtsdekoration: (...) Das Baby in der Krippe, ein plastinierter Fötus, erinnert uns auf eine neue, erschreckende Art an unglückliche Menschenleben, die öfter und früher Opfer von Hunger, Krieg und Abtreibung werden, als wir denken. "
Gunther von Hagens über seine Idee, als Weihnachtsattraktion seiner Londoner "Körperwelten" einen plastinierten Fötus als Jesus-Kind in einer Krippe darzustellen, am 2. Dezember 2002
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UMFRAGE: KÖRPERWELTEN Was treibt Ihrer Meinung nach die Leute in die Ausstellung?
* Am 20. November 2002 in London vor einer Reproduktion des Rembrandt-Gemäldes "Die Anatomie des Dr. Tulp". * Beim Entfernen von Luftbläschen aus einer plastinierten Körperscheibe.
Von Sven Röbel und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 4/2004
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