19.01.2004

TV-TRASHDie Busch-Trommler

Mit der Ekel- wie Erfolgsshow „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ beweist RTL, dass der Sender auch zum 20. Geburtstag noch nicht erwachsen werden will. Neuerdings werden sogar die eigenen Stars der Quote geopfert. Ein Skandal oder große Unterhaltung?
Sie hat ihren Mann gewarnt. Sie sagte: Mach das nicht! Sie hat gebettelt und gewitzelt. Wenn er eine Grenzerfahrung suche, solle er "in den Zoo gehen und sich im Gorilla-Käfig mit Bananen füttern lassen". Er wollte ja nicht hören. Nun kann Ingrid, die Frau des Schlagersängers Costa Cordalis, jeden Abend via TV dabei zuschauen, wie ihr Gatte sich in Australien zum Affen machen lässt.
Er macht eine durchaus gute Figur dabei, aber Ingrid war erschüttert, als er gleich am ersten Tag einen fetten Käfer zerbiss - "dabei ist Costa doch Vegetarier". Sie war entsetzt, als er seinen Lockenkopf in diverse Kisten stecken musste, wo Heuschrecken, Spinnen und Schlangen lauerten. Und vor allem empörte sie, wie höhnisch der Sender die Kandidaten dem heimischen Publikum zum Fraß vorwarf: "Die sind da vorher nicht aufgeklärt worden."
Dabei geht's ihrem Costa im Dschungelcamp noch vergleichsweise gut. Er wäre inzwischen zwar froh, wenn ihm mal jemand Bananen reinwerfen würde. Aber Kandidat Daniel Küblböck, Retortenbaby aus "Deutschland sucht den Superstar", wurde schon mit 30 000 Kakerlaken überschüttet - "bisher das schlimmste Erlebnis, des was ich in meinem Leben miterlebt hab". Und Kandidatin Caroline Beil (Ex-Gesicht des Sat.1-Boulevardmagazins "blitz") zerhackten Strauße Arme und Beine, die vorher mit Vogelfutter und Sirup eingeschmiert worden waren.
Wie das mit Grenzerfahrungen so ist - sie fallen mitunter grenzwertig aus. Und wenn sie nicht schon vorher einer Therapie bedurften - nach solchen Abenteuern werden einige der zehn Probanden reif für die Anstalt sein, im Zweifel sogar für eine öffentlich-rechtliche.
Dustin Semmelrogge (Sohn des unwesentlich bekannteren Schauspielers Martin) gab nach drei Tagen auf und schrie jenen Satz in die Baumkronen, der dieser RTL-Show ihren Namen gibt: "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!"
Eitle Selbstüberschätzung wie auch Hilfeschreie - für beides ist es längst zu spät. Bis Dienstag sind sie als schlichte TV-Laborratten auf sich selbst reduziert, was nicht nur im Fall von Susan Stahnke bisweilen arg ungeschminkte Wahrheiten bedeutete. Für Rausschmisse beziehungsweise Wahl der Qual sind die Zuschauer zuständig.
So viel Demokratie soll schon sein im Guantanamo Bay des deutschen Spaß-Fernsehens, das sich schnell zur härtesten, deshalb umstrittensten und daher erfolgreichsten "Big Brother"-Variante mauserte.
Das Spielprinzip ist ebenso schlicht wie zweitrangig: Zehn bekannte Gesichter gehen sich unter Dauerbeobachtung im Urwald zwei Wochen lang auf die Nerven. Jeden Tag wartet eine Ekelaufgabe, von deren Erfüllung die Größe der Essensrationen fürs ganze Team abhängt. Und jeden Tag dürfen die Zuschauer per Telefonabstimmung mal den Job vergeben, mal einen Langweiler rauswählen, bevor am Ende der "Dschungel-König" proklamiert wird.
Knapp acht Millionen Zuschauer schalteten bisweilen ein. Mitunter klebte die Hälfte der werberelevanten Zielgruppe an der Show, deren Pausen anfangs eher reklamearm ausfielen. Viele Kunden fürchteten das Umfeld aus Schlamm und Schund.
Das Spektakel ist zynisch und böse. Es bedient Urinstinkte von Rachelust über Schadenfreude bis zu purem Mitleid. Es zeigt, dass RTL zum gerade gefeierten 20. Geburtstag noch gar nicht erwachsen werden will. Und es beweist die Bereitschaft des Kölner Kanals, eigene TV-Kreaturen dem Dschungelgetier wie dem Publikum gleichermaßen als Freiwild zu opfern.
Kurz: Es ist große Unterhaltung. Sehr große, denn vom Trinkhallen-Establishment bis in die gehobene bundesdeutsche Bourgeoisie werden nun fernab von Gesundheitsreform oder Steuervergünstigungsabbaugesetzen letzte Fragen debattiert:
Sollten noch viel mehr lästige TV-Untote da drüben ausgewildert werden und nie wieder zurück dürfen? Sind wir alle ein bisschen sadomasochistisch? Muss derlei verboten werden, wie Gerd Bauer, Chef der Landesmedienanstalt Saarland, forderte?
Er glaubt unter anderem, die Zuschauer vergötterten die Stars und litten deshalb zu stark mit. Ach, Herr Bauer, großes Missverständnis. Von Vergötterungssymptomen ist bei Schlagersenioren wie Werner Böhm alias Gottlieb Wendehals ("Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse") oder dem ewigen Kleinkunst-Kabarett-Kellerbühnen-Schreck Lisa Fitz eher weniger bekannt.
Dennoch wurde die Buschtrommel bald so laut, dass Medien und deren Wächter, Politiker und Kirchenvertreter reflexhaft mitvibrierten. Tierschützern ging es zwar nicht darum, die Fauna vor Daniels Gesang zu retten, wenn der "Stand by Me" vergewaltigte. Aber Käferfresserei und Enge des Straußengeheges waren natürlich auch ein Skandal.
Tierfolter? Ekel-TV? Menschenhatz? Hat sich DGB-Vizechefin Ursula Engelen-Kefer schon zu Wort gemeldet?
Die einzige Überraschung ist allenfalls, dass RTL vom eigenen Erfolg überrollt wurde, den vorher kaum einer für möglich gehalten hätte, jetzt aber alle erklären können. Zwar schlug das Format in Großbritannien und den USA schon schwer ein. Aber die Idee, statt normaler Menschen diverse Halbprominente auflaufen zu lassen, um sie dann grün bis rot anlaufen zu zu sehen, war selbst in Deutschland weder neu noch sonderlich erfolgreich - bisher.
Vor Jahren scheiterten alle Versuche, einen Promi-Container zu füllen. ProSieben schickte zweimal eine Hand voll so genannter Stars ins Wasser oder die Wüste, wo Qual-Verwandte wie DJ Ötzi und Tina Ruland dann Mutpröbchen bestehen mussten.
Das alles kannte die "Ich bin ein Star"-Schar, allesamt Profis, wenngleich sich die Medienroutine bei dem einen oder anderen auf Bierzeltauftritte oder Klatschgazettenlektüre beschränkt. Sie hatten Ausschnitte des englischen TV-Originals gesehen. Und sie wussten wie Thomas Gericke, Mann und Manager der Probandin Stahnke: "RTL würde für dieses Format nicht ein kleines Vermögen ausgeben, wenn die Kandidaten dann den ganzen Tag nur am Lagerfeuer hocken und Würstchen grillen" - auch wenn es über weite Strecken darauf hinauslief, die Würstchen aber von den "Stars" persönlich gespielt wurden.
Herr Böhm taperte nächtens als teigiger Schrat mit Hängebrüsten durch den Wald und halluzinierte von irgendwelchen Lichtern, die es nicht gab. Die Aktrice Mariella Ahrens scheint nur eines zu haben: Körbchengröße D. Und der Ex-Hochspringer Carlo Thränhardt riss die Intellekt-Latte mit der Einsicht, es gebe "tödliche und weniger tödliche Spinnen".
Am vergangenen Mittwoch wurde er als Erster rausgewählt, weil er eher weniger lebendig wirkte. Zurück blieben eine Menge tödlicher und weniger tödlicher Sätze großer Allgemeingültigkeit.
Szene Camp, Auftritt Lisa und Daniel, der vor der Kakerlakenmarter steht: Die Leute wollen, dass ich mich blamier", heult er hysterisch, worauf Lisa sagt: "Beschwer dich beim deutschen Volk, das so arschig ist."
Es ist nicht neu, dass sich das Publikum via Hotline zu den üblichen Telefongebühren der Illusion hingeben darf, Rache an den Kandidaten üben zu können. Das macht den Zuschauer glücklich und den Sender reich.
Und die Ekelspiele, Psycho-Dramen, das Dschungelambiente, der frivol inszenierte Sozial-Darwinismus? All das gab es schon. Neu ist, dass nicht einmal der Sender selbst noch Mitleid für die eigenen Akteure heuchelt.
Hoch über den Baumwipfeln grinst und giftet das Moderations-Duo in frischgeduschter Fröhlichkeit über die Blödheiten des allmählich ausgemergelten Menschen-Zoos. "Sie sind dahin gegangen, wo's richtig wehtut - teilweise sogar ins Fernsehen", quietscht Dirk Bach, der bisher eher als tuntiges TV-Gummibärchen verhaltensauffällig wurde. Seine Kollegin Sonja Zietlow kicherte nach ersten Panikattacken und Heulkrämpfen der Kandidaten diabolisch funkelnd: "Die Nerven liegen blank."
Die RTL-Domina muss auch eine schwere Kindheit gehabt haben, denn nachdem Camp-Insassin Beil intern eine Weile über die anderen gelästert hatte, schickte Frau Zietlow sie mit den Worten ins Straußengatter, nun werde "zur Abwechslung mal ordentlich auf Caroline rumgehackt".
"Damit kann keiner zufrieden sein", schimpft zu Hause in Berlin Frau Beils Managerin. Ihr Schützling werde "für die Quote geopfert" in dieser "Schlammschlacht". Das sei "Rufmord im Urwald". Sie meint weniger die Straußenattacken. Derlei gehört zum Spiel. Sie meint die Art und Weise, wie ihr Star von RTL als Dschungelschlange zum Abschuss freigegeben wurde. So sei das nicht geplant gewesen.
Bei solchen Sätzen horchen dann auch noch jene Verschwörungstheoretiker auf, die seit vermeintlicher Mondlandungslüge und 11. September neue Ziele suchen: Ist die Chose ein abgekartetes Spiel? Wurde das Dschungelbuch von "Bild" und RTL vorab gemeinsam geschrieben? Es wäre völlig wurst, weil die Quote ein Stadium erreicht hat, in dem jeder Aufschrei sie nur noch weiter befeuert.
Die Einzigen, die das Spektakel richtig ernst nehmen, sind die Camp-Kommunarden. Genau das ist der Trick.
"Big Brother" lebte immer von der Idee, dass der große Bruder mehr sieht, weiß und denkt als die Beobachteten. Dass er ihnen chronisch einen Schritt voraus ist. Es war eine schrecklich ernste Angelegenheit. Die "Ich bin ein Star"-Darsteller glaubten, das alles steuern zu können, und sind auch sehr ernst. Strafe muss sein: Nun sind sie Schranzen einer großen Komödie.
"Wenn die Kandidaten 'normale Menschen' gewesen wären, hätte ich den Job nicht gemacht", sagt Tropen-Helmchen Bach. "Aber das sind Profis, die das Geschäft kennen. Manche nerven unheimlich, andere sind richtig putzig. Da gibt es aber keinen Grund für Mitleid."
Es ist Freitag früh australischer Zeit, und Bach schwebt regennass über jenem Dschungel, in dem sein Promi-Rudel dem Finale entgegenhungert: "Ich nehme denen zwar ab, dass sie das Camp als Selbstfindungstrip und Grenzerfahrung erleben. Aber unsere Aufgabe hier oben ist es nicht, das dann auch noch ernst zu nehmen."
Die Kontrolle über die eigene Karriere bekommen die Akteure erst wieder zurück, wenn sie Ende der Woche in Frankfurt landen. Dann erst ist die Rache des Fernsehens an sich selbst beendet, Entschädigung inklusive: Platten, Bücher, Tourneen sind in Vorbereitung. Eile ist geboten. Man vergisst so schnell.
RTL plant bereits die zweite Staffel. Bach würde gern wieder moderieren:"Gepflegtes Trash-Fernsehen wie das hier sollte man mit Freude machen. Und ich hab hier eine Menge zu lachen." THOMAS TUMA
------------------------
UMFRAGE: ICH BIN EIN STAR . . . Was empfinden Sie am ehesten, wenn Sie an solche Fernsehsendungen denken?
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 4/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 4/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TV-TRASH:
Die Busch-Trommler

Video 01:34

Schlägerei auf der "Carnival Legend" 23 Passagiere müssen Schiff verlassen

  • Video "Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: Sie ist eine Art Mini-Merkel" Video 03:30
    Annegret Kramp-Karrenbauer im Porträt: "Sie ist eine Art Mini-Merkel"
  • Video "Fun Facts über Curling: Dann zählt das größte Bruchstück" Video 01:54
    Fun Facts über Curling: "Dann zählt das größte Bruchstück"
  • Video "Amoklauf-Überlebende kritisiert Trump: Schämen Sie sich" Video 02:36
    Amoklauf-Überlebende kritisiert Trump: "Schämen Sie sich"
  • Video "Aschewolke steigt fünf Kilometer hoch: Vulkanausbruch auf Sumatra" Video 00:47
    Aschewolke steigt fünf Kilometer hoch: Vulkanausbruch auf Sumatra
  • Video "Webvideos der Woche: Wo kommen denn die ganzen Otter auf einmal her?" Video 02:40
    Webvideos der Woche: Wo kommen denn die ganzen Otter auf einmal her?
  • Video "Luftkampf-Übung: F-22 Raptor fliegt ein Herbst-Manöver" Video 00:41
    Luftkampf-Übung: F-22 Raptor fliegt ein "Herbst-Manöver"
  • Video "Trump vs. Reality: Lügen, Jets und Immigranten" Video 03:30
    Trump vs. Reality: Lügen, Jets und Immigranten
  • Video "Atemberaubende Aufnahmen: Taucher wehrt Tigerhai ab" Video 00:54
    Atemberaubende Aufnahmen: Taucher wehrt Tigerhai ab
  • Video "Sicherheitslage in der Welt: Wie zuverlässig sind die USA noch?" Video 04:17
    Sicherheitslage in der Welt: Wie zuverlässig sind die USA noch?
  • Video "Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn" Video 01:54
    Abgesackte A20: Ein Loch in der Autobahn
  • Video "Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang" Video 02:45
    Albtraum auf Langstreckenflug: Kleinkind schreit acht Stunden lang
  • Video "Nach Freilassung von Deniz Yücel: Es bleibt ein bitterer Beigeschmack" Video 02:02
    Nach Freilassung von Deniz Yücel: "Es bleibt ein bitterer Beigeschmack"
  • Video "Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem Penis-Park auf sich hat" Video 02:28
    Südkorea abseits von Olympia: Was es mit dem "Penis-Park" auf sich hat
  • Video "Schwerer Erdrutsch in Rom: Straße bricht weg - Autos stürzen in die Tiefe" Video 00:54
    Schwerer Erdrutsch in Rom: Straße bricht weg - Autos stürzen in die Tiefe
  • Video "Schlägerei auf der Carnival Legend: 23 Passagiere müssen Schiff verlassen" Video 01:34
    Schlägerei auf der "Carnival Legend": 23 Passagiere müssen Schiff verlassen