26.01.2004

JUSTIZGeheimes von Toni

Ein iranischer Ex-Agent soll in letzter Minute die Wende im Hamburger Terror-Prozess bringen - doch der Mann gilt Insidern als notorischer Geschichtenerzähler.
Seeleute nennen so etwas das "Manöver des letzten Augenblicks": Ganz kurz bevor es kracht, darf man auch Ungewöhnliches wagen, um eine Katastrophe zu verhindern. Bundesanwalt Walter Hemberger leitete sein Manöver des letzten Augenblicks am Mittwoch vergangener Woche ein.
Gleich mehrfach telefonierte er aus Karlsruhe mit dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg. Am nächsten Tag sollte dort das Urteil gegen Abdelghani Mzoudi fallen, jenen Hamburger Studenten, der als Helfer der 11.-September-Terroristen angeklagt ist. Ein Freispruch und somit eine verheerende Niederlage der Ankläger galt schon als wahrscheinlich. Aber nun bat Hemberger, für alle überraschend, um Aufschub.
Denn am Montag vergangener Woche hatten zwei Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) einen Mann vernommen, der sich als ehemaliger iranischer Top-Agent vorstellte. "Sie können mich mit ,Toni' ansprechen", begann er und belastete Mzoudi dann schwer: Der habe als "Logistiker" der 11.-September-Crew angehört. Al-Qaida wolle den Angeklagten wegen seines Insiderwissens nun "eliminieren". Und: Der iranische Geheimdienst habe von den geplanten Terroranschlägen auf New York und Washington lange vor dem 11. September gewusst.
Von Hemberger darüber informiert, verschoben die Richter ihr Urteil - dass sie in ihrer Mitteilung über den neuen Zeugen "neu" in Gänsefüßchen setzten, mag einer Ahnung geschuldet sein, die sich nun zur Gewissheit verdichtet. Denn es sieht alles danach aus, als wäre das Manöver der Bundesanwaltschaft eher eine letzte Groteske in dem Prozess, der seit August läuft.
Aus Sicht der Ankläger galt das Verfahren als so gut wie gescheitert: Das Gericht hatte Mzoudi schon im Dezember freigelassen, weil der von den USA inhaftierte Terrordrahtzieher Ramzi Binalshibh seinen alten Kumpel entlastet haben soll; die Richter waren vor allem darüber düpiert, dass ihnen, auf Wunsch der US-Regierung, genau diese Aussage vorenthalten wurde.
Kaum denkbar, dass der neue Zeuge das Blatt wenden kann, denn neu scheint an ihm in Wahrheit nur der Deckname "Toni" - bislang nannte er sich meist "Hamid Reza Zakeri". Sicherheitsbehörden in Deutschland, Kanada und den USA kennen den Iraner schon lange. Der von den Bundesanwälten nun angekündigte Glaubwürdigkeits-Check wird vermutlich nur kurz dauern - und als Zeuge gegen Mzoudi könnte Toni anschließend erledigt sein: Der Mann ist unter Insidern als Schwadroneur verrufen. Er sei ein "Schwätzer", lästert ein Geheimdienstler, "für jeden Fachmann eine Geißel Gottes".
Zu erzählen hatte der Iraner schon immer viel. Als Motiv für seine Redseligkeit nennt Toni den Wunsch, "auf diesem Wege meinem Land zu dienen". Nicht minder bewegt ihn das eigene Wohlergehen, weswegen er dem BKA weitere Details avisierte, zugleich aber andeutete, sein Auskommen müsse gesichert sein. Was das kostet, lässt Tonis Aussage erahnen: Die CIA schulde ihm 1,2 Millionen Dollar für eine achtjährige Doppelagententätigkeit, klagte er.
Der Handelsreisende in Sachen Geheim-Infos will die Amerikaner vor zweieinhalb Jahren bei einem Besuch in der aserbaidschanischen US-Botschaft an die Außenstände erinnert haben. Und vor allem habe er bei der Gelegenheit gewarnt, "dass um den 10. September 2001 etwas passieren würde". Er habe sich damals schon auf der "Abschussliste" seiner iranischen Kollegen gesehen und sei geflohen, noch immer aber habe er einen Draht nach Teheran: "Meine Quelle ist im Bereich des Nachrichtendienstes ganz oben angesiedelt."
Tonis Angaben zu seiner Agentenkarriere immerhin sind offenbar wahr: Jahrelang diente er dem berüchtigten iranischen Geheimdienst Vevak, zeitweise arbeitete er als Agent in Kanada. Einen Dienstausweis mit der Kennung "Spezialkraft N-941-H" legte er den Deutschen vor. Ein Bundesanwalt beharrt darauf, in einem anderen Verfahren hätten sich seine Aussagen als wahr erwiesen, und niemand kann ausschließen, dass einer mit seiner Laufbahn künftig wertvolle Informationen liefert.
Nach seiner Flucht aus Iran diente er sich aber diversen westlichen Geheimdienstlern auch mit Geschichten an, die sie als abenteuerlich abtaten. Dem Bundesnachrichtendienst (BND) hatte Toni schon im Jahr 2002 allerhand Geheimes erzählt. Wochenlang befragten ihn die Experten, bis sie urteilten, der Iraner unterscheide Dichtung offenbar nicht von Wahrheit. Keinen Beleg gebe es etwa für seine Version, Iran sei in den 11. September verstrickt. Ihre CIA-Kollegen sollen inzwischen auf Durchzug schalten, wenn Toni sich meldet.
Vergangene Woche landete er schließlich bei zwei BKA-Beamten. Ihnen erzählte er beispielsweise, die Gruppe um den Terrorpiloten Mohammed Atta sei in den neunziger Jahren schon mit eindeutigen Absichten nach Deutschland gekommen - Ermittler haben hingegen viele Belege dafür, dass sich die meisten aus der Gruppe erst in Hamburg radikalisierten.
Vermutlich war den BKA-Experten selbst nicht ganz geheuer, was der Mann angeblich alles wusste. Über seine Glaubwürdigkeit urteilte einer der Ermittler nur, er trete "optisch souverän" auf. Immerhin. DOMINIK CZIESCHE
Von Dominik Cziesche

DER SPIEGEL 5/2004
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