Von Schnibben, Cordt
SPIEGEL: Frau Beil, Sie waren bisher Moderatorin einer Boulevardsendung auf Sat.1, in der Sie häufig Prominente vorgeführt und auch deren Eheprobleme ausgeschlachtet haben, nun sind Sie plötzlich selbst Objekt der Begierde, frühere Nacktfotos und Eheprobleme flattern über den Boulevard, weil Sie in der RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" zur Prominenten wurden. Geschockt? Zufrieden? Oder amüsiert?
Beil: Mir war klar, dass man für die Öffentlichkeit interessant wird, wenn man im australischen Dschungel herumläuft, sich dabei 24 Stunden lang von zwei Dutzend Kameras verfolgen lässt und jeden Abend im Fernsehen die Bilder laufen. Ich kenne die Mechanismen. Aber so habe ich es mir nicht vorgestellt, ganz ehrlich. Es ist komisch, wenn man auf einmal selbst mittendrin ist.
SPIEGEL: Wenn Sie jetzt in den letzten zwei Wochen Moderatorin Ihrer Boulevardsendung gewesen wären - hätten Sie auch über die Steuerprobleme von Costa Cordalis, die Porno-Filme von Lisa Fitz und die Ehesorgen von irgendeinem Camp-Luder berichtet?
Beil: Dann hätte ich über die Promis dieser Show berichtet, natürlich. Dann sagt man den Redakteuren: "Okay, checkt das Umfeld ab. Guckt da, guckt da, fragt die Nachbarn, macht das, wir graben da nach." Da wird im Schlamm gewühlt. Es gibt den Spruch: "Im Boulevard-Geschäft gibt es keine Ehrenmänner." Titten, Tote, Tiere, Tränen, das sind die vier Ts, und so funktioniert es. Da wird alles durchgeforstet. Das machen die jetzt mit mir und meinem Leben, und ich denke: "Nein, die haben nicht meinen Marathon-Trainer interviewt. Die haben nicht wirklich bei meinem Nachbarn geklingelt."
Das Gespräch führte SPIEGEL-Redakteur Cordt Schnibben.
SPIEGEL: Viele Prominente denken, sie kön-
nen die Boulevardmedien instrumentalisieren, und merken dann, dass sie instrumentalisiert werden. Über Daniel Küblböck haben Sie gesagt, der habe bei der Dschungel-Show mitgemacht, weil er "auf dem absteigenden Ast" sei, er erhoffe sich mehr Medienpräsenz. Das gilt ja für die meisten der zehn Kandidaten. Waren die Medien und die Hoffnung auf noch größere Prominenz auch mal Thema im Camp?
Beil: Nein, es gab eigentlich wenig tiefsinnige Gespräche. Die haben sich auf Dinge beschränkt wie: Wer holt Wasser, welches Lied singen wir jetzt?
SPIEGEL: Als Sie im Bikini in einem Tümpel aus Fischinnereien mit Erfolg nach Sternen gewühlt hatten, rief Ihnen Ihre Mitstreiterin Lisa Fitz begeistert zu: "Toll, jetzt kriegst du 10 TV-Shows!" Haben Sie miteinander über den Karriereeffekt dieser Dschungel-Soap geredet?
Beil: Nein, so nicht, man muss die Konstellation der Kandidaten anschauen und dann natürlich auch berücksichtigen, dass da zehn Leute um eine Feuerstelle herumsaßen, da ergibt sich wenig wirklich Tiefgründiges. Was man mit dem einen redet, das kriegt der andere mit. Und alle gucken zu.
SPIEGEL: Und wie haben Sie dann den Tag rumgekriegt?
Beil: Eigentlich haben wir nichts gemacht, aber wir waren trotzdem den ganzen Tag im Einsatz. Die einfachste, banalste Angelegenheit wurde zu einer großen Sache. Das Holz wurde jeden Tag weiter hinten im Camp versteckt, so dass die Wege immer länger wurden. Das Holz war auch nass, also musste man das Holz erst mal trocknen, bis man es anzünden konnte. Dann lief man Gefahr, dass das Feuer ausging. Wenn das Feuer ausging, war alles aus, dann hatten wir auch kein Trinkwasser, das mussten wir abkochen. Es gab große, massive Strafen, Androhung der Wegnahme diverser Luxusartikel. Auf die Toilette durften wir nicht alleine gehen, wir mussten immer jemanden fragen. Abends bin ich hundemüde ins Bett gefallen, völlig erschöpft, das Bett war klamm, aber ich war froh, dass ich da liegen konnte die Nacht lang, die kein Ende zu nehmen schien, so wie jeder Tag, der auch kein Ende zu nehmen schien.
SPIEGEL: Also war das Schlimmste dieser Veranstaltung die Langeweile?
Beil: Das Schlimmste war, dass mir die Selbstbestimmung entzogen wurde. Für mich als Mensch, der sonst immer genau das tut, was er will, war es das Schwerste, meine Intimsphäre aufzugeben, mit Leuten 24 Stunden am Tag zusammen zu sein, die ich nicht kenne, aber teilweise gar nicht kennen wollte. Man findet einige sehr nett, bei anderen denkt man: "Um Gottes willen." Und man sitzt da und kann nicht weg. Man muss die Kontrolle abgeben, und man wird Teil des Spiels.
SPIEGEL: Die Langeweile des Lagerlebens wurde unterbrochen von Dschungel-Prüfungen. Wie kriegt man das psychisch klar, wenn man ein selbstbestimmter Mensch ist und nun Dinge machen soll, die man normalerweise nie tun würde?
Beil: Wenn man mir vor zwei Wochen gesagt hätte: "Du wirst in einen Straußenkäfig gehen und wirst dich von denen picken lassen, und dir werden Kakerlaken auf den Kopf gekippt", dann hätte ich gesagt: "Ja, das ist eine schöne Idee, aber das werde ich niemals tun." Wenn man aber in dieser Gruppe ist, und es knurrt einem der Magen, da entwickelt man eine andere Einstellung. Ich habe es als Stammesritual gesehen, dem man sich unterwerfen muss, um von der Gruppe akzeptiert zu werden.
SPIEGEL: Als Zuschauer fragt man sich, warum lassen die sich zum Affen machen? Wie erträgt man es, erniedrigt zu werden?
Beil: Wenn ich dahin gehe und sage: "O Gott, jetzt werde ich erniedrigt", dann fühle ich mich erniedrigt und fühle mich so schrecklich, dass ich anfange zu weinen. Wenn man sich den Prüfungen stellt, über deren Sinn sich im Nachhinein diskutieren lässt, da kommt schon Wut hoch. Bei mir hat sich Furcht in Wut umgewandelt.
SPIEGEL: Wut auf sich, dass Sie da mitmachen, oder Wut auf RTL?
Beil: Wut auf die Viecher, auf die Strauße, auf die Kakerlaken. Andere hätten gesagt: "Au, au, hui, nein, furchtbar." Und ich habe gesagt: "Hau ab, du Vieh. Du Arschgeige. Du Motherfucker." Ich habe es als Mutprobe gesehen, deswegen empfand ich es nicht als Erniedrigung.
SPIEGEL: Haben Sie mit den anderen Teilnehmern mal darüber geredet, über diese psychische Seite der Prüfungen?
Beil: Ja. Es haben auch einige Teilnehmer sehr emotional darauf reagiert. Es gab eine Kollegin im Camp, die, als ich von der Prüfung kam, anfing zu weinen. Die gesagt hat: "O Gott, was tun sie mit euch."
SPIEGEL: War Ihnen nicht klar, dass RTL Sie und die anderen neun Versuchskaninchen als Komparsen für eine Dschungel-Comedy brauchte, um über Sie spotten zu können?
Beil: Das war mir nicht klar, aber klar war mir vorher, dass diese Sendung extrem kontrovers diskutiert werden würde, wegen der Leute, die da mitmachen, und wegen des Titels "Ich bin ein Star". Ich bin kein Star. Und ich finde, dass auch die anderen, die da waren, keine Stars sind. Jeder Zuschauer denkt doch: "Ein Star? Da ist doch keiner ein Star, lass die da drin."
SPIEGEL: Sie haben abseits der Gruppe mit dem Ex-Hochspringer Carlo Thränhardt mitten im Dschungel gesessen und sich über die "Dummheit" Ihrer Mitbewohner beklagt. "Wenn ich merke, dass die gar nicht verstehen, worum es hier geht, da fühlt man sich echt einsam hier." Was haben Sie da genau gemeint?
Beil: Die waren alle in dieses Camp gekommen und verhielten sich so, wie RTL es erwartet hat. Ich weiß, wenn eine Frau dabei ist, die eine super Oberweite hat, dass man die natürlich mit der Kamera upflasht, wenn die in den Teich geht, und man ihr irgendwann eine Prüfung gibt, wo sie mal zeigen kann, was sie hat. Bei jedem emotionalen Ausbruch, das war klar, hauen sich die Leute in der Redaktion auf die Schenkel und sagen: "Klasse Szene, das ist unser Aufmacher, das haben wir drin." Ich weiß, wie es geht. Ich glaube, die anderen haben sich darüber keine Gedanken gemacht. Die sitzen einfach mitten im Dschungel und machen alles nach Plan. Und das war der Moment, wo ich sagte: "Mein Gott, und du bist hier mittendrin."
SPIEGEL: Und das war auch der Moment, wo Sie über die "weiße schlabbrige Haut" von Susan Stahnke und ihr "blödes Gesicht", über "die falschen Fingernägel, die falschen Haare, die falschen Brüste" von Lisa Fitz und die Gitarrenkünste von Costa Cordalis gelästert haben. Da muss Ihnen doch klar gewesen sein, dass die Fernsehredakteure im Regieraum vor Begeisterung von den Stühlen gefallen sind?
Beil: Ich habe gedacht, das kriegen die nicht mit. Und wenn, dass sie es nicht senden, denn mit Carlo habe ich mir einen Platz abseits der Kamera ausgesucht, und wir haben auch unsere Mikros zugehalten. Dass das natürlich genau der Moment war, auf den die gewartet haben, weil es bis zu dem Zeitpunkt in dem Camp langweilig war, das haben wir natürlich nicht wissen können.
SPIEGEL: In dieser verlogenen Dschungel-Inszenierung mit künstlichem Teich, gereinigtem Urwald und Pseudo-Stars war das ein komischer Moment der Wahrheit. Da wurde ausgesprochen, was man als Zuschauer dachte: falsche Brüste, falsche Töne, falsche Helden. Für manche Zuschauer wurden Sie dadurch sympathisch, andere nominierten Sie zur Bestrafung für die nächsten beiden Dschungel-Prüfungen. War Ihnen im Camp klar, dass das eine Strafaktion für den allzu öffentlichen Klatsch war?
Beil: Ich habe mich natürlich gewundert. Ich habe schon gedacht: "Na ja, ich habe über den Daniel gesagt: ,Der ist auf dem absteigenden Ast.'' Vielleicht sind seine Fans jetzt sauer und rächen sich."
SPIEGEL: Dem Zuschauer fiel da plötzlich die Macht zu, durch seine Anrufe den Daumen zu heben oder ihn zu senken und Promis zu quälen. Ist das nicht ein unangenehmes Gefühl, dem Mob ausgeliefert zu sein?
Beil: Die Leute wählen, weil sie sagen: "Wir wollen mal sehen, wie toll das Großmaul das macht", oder weil sie einem eins auswischen wollen. Aber sie haben es in der Hand, die Masse entscheidet, das war klar. Und die Masse liebt die Faszination des Grauens. Ein Mensch und 30 000 Kakerlaken, das ist grausig, aber man muss es sich einfach angucken.
SPIEGEL: Haben Sie denn irgendwann begriffen, dass die Bedrohung in diesem Dschungel nicht die Natur ist, sondern die Kameras und die Zuschauer?
Beil: Auf die Kameras musste man achten, klar, und die Zuschauer haben natürlich eine gewisse Macht. Aber in dem Moment, wo man da lebt, da sieht man schon eher, was man direkt vor der Nase hat. Das waren halt Tiere und dass man wenig zu essen hat und diese nervende Feuchtigkeit.
SPIEGEL: Diese Show war ein Festival der Selbstentblößung. Was meinen Sie, wer kommt letztendlich dabei auf seine Kosten? Der Sender, die Zuschauer oder Sie?
Beil: Der egozentrische Selbstdarsteller kommt bei der Selbstentblößung auf jeden Fall auf seine Kosten. Der Zuschauer auch, weil er einen vermeintlichen Einblick in die Psyche des vermeintlichen Stars bekommt. Und der Sender macht Quote.
SPIEGEL: Gibt es Grenzen für diese Art von Psycho-TV?
Beil: Absolut. Es gab zum Beispiel einen Punkt, da wollte ich aus dem Camp aussteigen, und das war, als Daniel Küblböck nach seiner dritten Prüfung weinend ins Camp lief. Ich weiß nicht, ob man das gesendet hat.
SPIEGEL: Der hat so oft geweint, das kann ich nicht sagen.
Beil: Aber da hat er sehr doll geweint, und mir ist das total nahe gegangen. Mir tat er auf einmal Leid, und ich habe gesagt: "Mein Gott, jetzt wird auf seine Kosten Quote gemacht." Er hat gesagt: "Die haben mich angelogen, von Wasserspinnen haben sie nichts gesagt, die haben mich reingelegt." Da habe ich gedacht: "Oh, oh, jetzt wird gerade eine Grenze überschritten." Wir wollten gehen, ich fühlte mich getäuscht, hatte diesen Dschungel-Trip eher als sportliche Herausforderung gesehen und nicht als Ekelprüfung, damit die Quote steigt. Dann habe ich gesehen, dass Daniel zehn Minuten später wieder gelacht hat.
SPIEGEL: Wenn Sie aus der Show herausgegangen wären, hätten Sie dann die 50 000 Euro Gage zurückzahlen müssen?
Beil: Es waren nicht 50 000 Euro Gage, das kann ich Ihnen versichern, und über Vertragsinhalte kann ich selbst mit dem SPIEGEL nicht sprechen.
SPIEGEL: Haben Sie vorher darüber nachgedacht, wie Ihnen die Teilnahme an dieser Show nützen könnte?
Beil: Ich habe mich gefragt: "Okay, was bieten sich da für Vorteile?" Also erst mal die Möglichkeit, da ich nun nicht mehr eine tägliche Sendung moderiere, einfach mal was völlig anderes zu machen, was völlig Durchgeknalltes zu machen. Ich lebe da in einem Camp mit neun Leuten, das läuft im Fernsehen jeden Abend, darüber wird berichtet, die Leute regen sich auf, ich kann jederzeit aussteigen. Ich habe gedacht, es sprechen eigentlich mehr Sachen dafür als dagegen.
SPIEGEL: Und glauben Sie im Nachhinein, dass Ihre Rechnung aufgegangen ist?
Beil: Die Rechnung ist jetzt ganz anders aufgegangen, als ich es mir gedacht habe. Es sind ja Sachen passiert, die ich ja niemals antizipiert habe. Es ergeben sich jetzt neue andere Chancen: Zum ersten Mal in meinem Leben polarisiere ich, zum ersten Mal in meinem Leben finden mich Leute supergeil und andere superbescheuert. Mein Vater hatte auf seiner Website vorher zehn Einträge, jetzt sind es 14 358, und einer hat ihm gemailt, warum er mich vor 37 Jahren nicht abgetrieben hat. Es ist köstlich, welches Stück jetzt nach der Show aufgeführt wird.
SPIEGEL: Wie haben denn Ihre Camp-Kollegen reagiert, nachdem sie nachträglich erfahren haben, was Sie über sie gesagt haben?
Beil: Ich glaube, einige fanden es nicht so gut, fühlen sich vor den Kopf gestoßen. Ich musste denen erklären, in welcher Situation ich das gesagt habe, wie ich mich da gefühlt habe, dass ich eigentlich abhauen wollte aus dem Camp. Und dann habe ich auch immer gesagt: "Ich stehe dazu. Ich habe das gesagt. Es tut mir Leid, dass du das jetzt so erfährst." Susan Stahnke ist mir allerdings sehr böse.
SPIEGEL: Haben Sie keine Angst vor den Spätfolgen dieser RTL-Show?
Beil: Wie sollen die aussehen?
SPIEGEL: Dass Sie nicht mehr Herr Ihres Lebens sind.
Beil: Wieso das?
SPIEGEL: Die "Frau im Spiegel" sieht Sie in der jüngsten Titelgeschichte bald schwanger von Ihrem Ehemann, auf dem Cover der "Bunten" sind Sie auf der Flucht vor Ihrem Mann.
Beil: Ja, klar, und mein Baby ist von Costa Cordalis.
SPIEGEL: Wie kommt Ihr Mann klar mit diesem neuen Leben auf dem Boulevard?
Beil: Der lacht sich tot, wir haben gerade telefoniert, und er hat mir die Schlagzeile aus "Bild" vorgelesen. Man kriegt so eine "Scheißegal"-Haltung. Wir haben uns überlegt: "Okay, versuchen wir eine Gegendarstellung zu erwirken." Aber das ist doch völlig lächerlich. In einer Woche kräht kein Hahn mehr danach, weil sich Jürgen Drews dann seinen Penis gebrochen hat.
SPIEGEL: Sie fahren in den nächsten drei Wochen durch die Inselwelt der Südsee. Wie würden Sie einem Eingeborenen beschreiben, was Sie in den letzten zwei Wochen gemacht haben?
Beil: Wenn er Englisch spricht, werde ich ihm erklären, dass es Leute spannend finden, durchs Schlüsselloch zu gucken, und dass auch er es spannend findet, was sein Stammesbruder treibt. Und dass in dem Land, aus dem ich komme, die Leute das so spannend finden, dass sie Leute an das andere Ende der Welt schicken, um zu sehen, wie sie sich dort unter völlig anderen Bedingungen verhalten. Dass sie deswegen ein Wahnsinnsgeld ausgegeben haben, nur um zu sehen, wie zehn Leute, die mehr oder weniger bekannt sind, den ganzen Tag lang um ein Lagerfeuer sitzen. Dann würde er mich angucken - und vielleicht auslachen.
SPIEGEL: Frau Beil, viel Spaß bei dieser Unterhaltung und vielen Dank für dieses Gespräch.
DER SPIEGEL 5/2004
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