26.01.2004

ZEITGESCHICHTE„Krieg gegen die Schwachen“

Anfang vorigen Jahrhunderts beschlossen amerikanische Forscher, Politiker und Viehzüchter die „Schaffung einer überlegenen nordischen Rasse“. 60 000 Männer und Frauen, zumeist Arme und Farbige, wurden zwangssterilisiert - Anregung für das Eugenik-Programm der Nazis.
Das typische Opfer war irgendwie auffällig geworden, meist nicht besonders intelligent, häufig aggressiv, fast immer sexuell aktiver als der normale Kirchgänger der Gemeinde und hauste nicht selten in Bretterverschlägen am Ortsrand. Vor allem war das typische Opfer: arm.
Gedeckt von eugenischen Gesetzen, verstümmelten US-Ärzte bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts über 60 000 Männer und Frauen durch Sterilisation. Den Eugenik-Opfern im zeugungs- und gebärfähigen Alter wurden die Samenleiter durchtrennt, die Hodensäcke abgeschnitten, die Eileiter abgebunden und die Eierstöcke oder Gebärmütter entfernt.
Das ganze Ausmaß dieses Medizin-Verbrechens beschreibt der amerikanische Publizist Edwin Black jetzt in einem Aufsehen erregenden Buch*. Mit Hilfe Dutzender Rechercheure trug er rund 50 000
einschlägige Dokumente aus amerikanischen und europäischen Archiven zusammen. Zudem wertete Black Tagebücher, Gerichts- und Krankenakten Betroffener aus.
Der auch in den USA bislang weithin unbeachtete "Krieg gegen die Schwachen" (Black) zielte auf die "Schaffung einer überlegenen nordischen Rasse". Der Autor, der auch schon die Verstrickung des Computerkonzerns IBM mit der NS-Vernichtungsmaschinerie durchleuchtet hatte, schildert den "Kreuzzug" einer Clique einflussreicher und angesehener US-Bürger, die es sich in den Kopf gesetzt hatten, mit Hilfe der Eugenik die Vereinigten Staaten von armen, einfältigen, kranken, kriminellen und - vor allem - farbigen Einwohnern zu befreien.
In vielen US-Staaten gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts große soziale Probleme. Arme Flüchtlinge und verzweifelte Glücksritter drängten ins Land, angelockt von der unter Volldampf laufenden Maschinerie des neuen industriellen Zeitalters. Rund 17 Millionen Menschen aus der Alten Welt landeten in den Jahren 1890 bis 1920 an der US-Ostküste; weitere Zehntausende Asiaten kamen in die Staaten über die Westküste; und von Süden drängten später Massen von Latinos über die US-Grenze.
"Die romantische Idee vom Schmelztiegel Amerika", schreibt Black, "ist ein Mythos." Viele Neuankömmlinge blieben lange Zeit unter sich, siedelten sich in eigenen Stadtvierteln an oder zogen im Trupp als Wanderarbeiter über Land. Den etablierten Amerikanern gefiel das demografische Chaos nicht besonders. Wissenschaftler, Ärzte und Ökonomen wetterten mit pseudowissenschaftlichen Thesen gegen die ungeliebten Neubürger.
"Unser Land wurde von nordischen Menschen besiedelt und aufgebaut", schrieb etwa Lothrop Stoddard, ein führender Eugeniker; doch nun sei "eine Invasion von Menschenhorden aus den Alpenländern und Mittelmeerstaaten" erfolgt, ergänzt durch "asiatische Elemente wie Levantiner und Juden".
Die eugenische Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Zum Organisator und "Chef-Kreuzzügler" (Black) der eugenischen Bewegung fühlte sich ein Maklersohn aus dem New Yorker Bezirk Brooklyn berufen: Charles Davenport, Absolvent der Elite-Uni Harvard, baute das Biologielaboratorium einer Brooklyner Hochschule zu einem eugenischen Zentrum aus. Das "Cold Spring Harbor Laboratory" auf Long Island sollte "die Gesetze und Grenzen der Vererbung" wissenschaftlich ergründen, zunächst im Tierversuch.
Wenig später verfolgte Davenport unverblümt rassistische Ziele: "Wir haben in diesem Land", verkündete der promovierte Biologe, "das schwierige Problem des Negers - einer Rasse, deren geistige Entwicklung weit hinter der des Kaukasiers zurückgeblieben" sei. Um eine denkbare Vermischung beider Rassen schon im Ansatz zu verhindern, empfahl Davenport den "sofortigen Export der schwarzen Rasse". Andernfalls könne es so weit kommen, "dass unsere Nachkommen das Land den Schwarzen, Braunen und Gelben übergeben und um Asyl in Neuseeland bitten müssen".
Solche Rede kam an beim amerikanischen Establishment. Die wohlhabenden weißen Nachfahren der nord- und westeuropäischen Pilger, die sich in der Neuen Welt ausgebreitet hatten, fürchteten, von den Massen befreiter Sklaven und vagabundierender Flüchtlinge bedrängt zu werden.
Um diese Bedrohung zu stoppen, benötigten "Amerikas Eugeniker zwei Dinge", schreibt Black, "Geld und eine Organisation", die neuen Ideen bekannt zu machen und zu verwirklichen. Mit Geschick und Chuzpe löste Davenport diese Aufgaben. Als besonders schlagkräftiger Verbündeter des Ober-Eugenikers erwies sich die gerade erst gegründete Viehzüchter-Organisation "American Breeders Association" (ABA). "Die Ergebnisse, die wir durch die Unterdrückung der Schwachen und durch die Züchtung nur der Besten erhalten, lassen sich beim Menschen genauso erzielen wie bei Rindern und Schafen", heißt es in einem ABA-Text.
Auf Davenports Anraten hin beschloss bereits die erste ABA-Vollversammlung 1903, neben den ständigen Komitees für Pflanzen- und Tierzucht, einen dritten Ausschuss einzurichten: das Eugenik-Komitee. Dessen Mitglieder wurden beauftragt, "Methoden zu entwickeln, mit denen die Qualität des Blutes bei Individuen, Familien, Völkern und Rassen registriert" werden könnte.
Schon im ersten Report des Komitees an die ABA hieß es beispielsweise, um die "mindestens zwei Millionen verelendeten, kranken, schwachsinnigen, beschädigten und kriminellen Elemente" in der amerikanischen Gesellschaft durchzubringen, müssten jährlich "100 Millionen Dollar" aufgebracht werden. Die Summe könne man einsparen durch "Austrocknung des reißenden Stroms defekten und degenerierten Zellmaterials". Als praktischen Tipp empfahl der Report: "strikte Trennung während der gebär- und zeugungsfähigen Altersspanne oder sogar die Sterilisation".
Die Verfasser des Reports, allesamt erfahrene Züchter von Rindern und Pferden, rechneten, dass etwa "zehn Prozent" - also knapp zehn Millionen Amerikanern - das Menschenrecht der Fortpflanzung entzogen werden müsste. Offen war die Kardinalfrage: Wer genau gehörte zum "untergetauchten Zehntel" (Eugenik-Jargon).
Für diese Mammutaufgabe gründete Davenport gemeinsam mit der ABA das "Eugenics Record Office" (ERO) und bestellte zum Chef des Statistikbüros auf dem Laborgelände in Cold Spring Harbor den Dorfschullehrer Harry Laughlin aus dem Bundesstaat Missouri. Die Geschäftsgrundlage des ERO waren das Sammeln und die Katalogisierung menschlicher Stammbäume.
Im Sommer 1910 schickten Davenport und Laughlin die ersten Befragerkolonnen hinaus ins Land. Die Eugenik-Drücker selektierten in Gefängnissen und Irrenanstalten, in Kranken- und Waisenhäusern, in Schulen für Blinde und Taube die Insassen und ermittelten deren Leiden, Vergehen und Charaktereigenschaften, die sie als vererbt oder vererbbar einstuften. Zudem waren die ERO-Befrager darauf geschult, auf den Karteikarten auch ihre persönlichen Beobachtungen zu verzeichnen - ob beispielsweise jemand einen "blöden" oder "amoralischen" Eindruck machte oder depressiv und verwahrlost ausschaute.
Über die landesweiten Kommunikationsschienen der amerikanischen Viehzüchter und weiterer einflussmächtiger Geldgeber verbreitete sich das eugenische Konzept in Windeseile. Sogar Elite-Universitäten des Landes erlagen der "kompletten rassistischen Ideologie" (Black).
Columbia, Cornell und Brown etwa verliehen der Pseudowissenschaft die akademischen Weihen, als sie eugenische Kurse ins Lehrprogramm aufnahmen. Und in Harvard, Princeton und Yale entwickelten "die hellsten und klügsten Köpfe", so Black, "ein Verfahren zum Messen intellektueller Fähigkeiten, dem zufolge 70 bis 80 Prozent aller Schwarzen und Juden Trottel und Idioten waren".
In der US-Öffentlichkeit entstand der Eindruck, dass das, was in Harvard und Columbia anerkannt wurde, so falsch nicht sein konnte. In Drugstores und auf Main Streets, auf Jahrmärkten und Viehauktionen verbreiteten "Eugenik-Experten" den Slogan: "Einige Amerikaner sind nur geboren, um dem Rest der Gesellschaft zur Last zu fallen."
In der Folgezeit begann eine regelrechte Jagd auf die Außenseiter der Gesellschaft. Sie wurden in den Armenvierteln am Stadtrand eingesammelt, in abgelegenen Tälern und Wäldern aufgespürt, und auch in Schulen oder Gefängnissen wurde nach ihnen gefahndet. Nach der Festnahme kamen sie zunächst zur medizinischen Untersuchung; die Diagnose war schnell gestellt: "geistig verwirrt", "blind" oder "schwachsinnig", "epileptisch" lautete mancher Befund - oder schlicht "verarmt", "kriminell", "unmoralisch".
Fast immer entschieden die Ärzte, dass die bei den Eingefangenen entdeckten "Defekte" erblich bedingt waren und weitervererbt werden würden; folglich müsse ihnen die Fortpflanzung verboten werden. Viele wurden in "Kolonien" interniert oder in Heilanstalten abgeschoben, die für hohe Sterblichkeitsraten ihrer Insassen bekannt waren. Tausende andere wurden sterilisiert - mit erschlichener, aber auch ohne Zustimmung der Betroffenen.
Die Aktionen waren in der Regel nicht einmal illegal. Als erster US-Bundesstaat gab sich Indiana schon 1907 ein Gesetz, das eugenische Zwangssterilisationen erlaubte; 32 weitere Bundesstaaten folgten dem Beispiel. In etlichen Staaten wurde ein Modellgesetz als Vorlage benutzt, das im Eugenik-Hauptquartier von ERO-Superintendant Laughlin formuliert worden war.
Laughlins Wirkung blieb nicht auf Amerika beschränkt. Sein Modellgesetz für die Zwangssterilisation von "Geistesschwachen" übersetzten Hitlers Rassenhygieniker ins Deutsche und verwendeten Teile daraus für ein eigenes Eugenik-Gesetz, das die Zwangssterilisation von rund 350 000 Menschen legal erscheinen lassen sollte. Laughlins Verdienste um die nationalsozialistische Eugenik belohnte die Universität Heidelberg 1936 mit einem Ehrendoktortitel für den ehemaligen Zwergschullehrer.
Der nimmermüde Eugenik-Propagandist revanchierte sich, indem er beim Rassenpolitischen Amt der NSDAP den zweiteiligen Propagandafilm "Erbkrank" erwarb und in den USA für dessen Verbreitung sorgte. Das Nazi-Machwerk wurde in High Schools von New York und New Jersey gezeigt; auch Sozialarbeiter in Connecticut mussten es sich anschauen.
Zu dieser Zeit hatten unabhängige US-Forscher bereits damit begonnen, die Eugenik als Pseudowissenschaft zu entlarven. Das Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit an der Eugenik flaute während des Zweiten Weltkriegs stark ab. Das ERO wurde geschlossen.
Auch die Kenntnis von den Gräueln der NS-Rassenfanatiker und die Verfahren gegen NS-Mediziner hinderten amerikanische Ärzte jedoch nicht daran, weiter Zwangssterilisationen vorzunehmen. Noch in den siebziger Jahren wurde Hunderten Indianerinnen zwangsweise die Gebärmutter entfernt - unter anderem als Lernprogramm für angehende Gynäkologen kaschiert.
Erst im vergangenen April hob der US-Bundesstaat North Carolina das Gesetz auf, das unter bestimmten Voraussetzungen Zwangssterilisationen vorsah. RAINER PAUL
* Edwin Black: "War Against the Weak". Four Walls Eight Windows, New York; 552 Seiten; 27 Dollar.
Von Rainer Paul

DER SPIEGEL 5/2004
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