26.01.2004

DEBATTESchuld hat, wer schießt

Ein Buch über das Erfurter Schulmassaker von 2002 provoziert Schüler und Eltern der betroffenen Stadt: Die Autorin wurde bei einer Lesung heftig geschmäht.
Am 26. April 2002 fanden die letzten Abiturprüfungen im Erfurter Gutenberg-Gymnasium statt. 10.58 Uhr ist Robert Steinhäuser mit einer Pumpgun auf dem Rücken und einer Pistole in der Hand auf dem Weg ins Schulsekretariat. 11.17 Uhr setzt er dem eigenen Leben ein Ende. In den Minuten dazwischen hat er 16 Menschen erschossen. Seine letzten Worte waren "Für heute reicht's."
Diesen Titel trägt das kontrovers diskutierte Buch der in Dresden geborenen Autorin Ines Geipel. Zwei Monate nach der Tat zog die Germanistin und Professorin der Berliner Schauspielschule Ernst Busch nach Erfurt. Sie blieb ein Jahr, recherchierte und schrieb darüber ein "literarisches Sachbuch", wie sie es nennt.
Dieses Buch (Rowohlt Berlin) erhitzt nun die Gemüter. Eine Stadt gerät in Aufruhr: Ines Geipel erhält anonyme Drohanrufe; über hundert Gutenberg-Schüler verlassen in der vergangenen Woche aus Protest die Buchlesung; die Gutenberg-Direktorin Christiane Alt sagt "Bild" gegenüber, das Buch sei überflüssig; die erste Auflage hat sich bereits in der ersten Woche und nahezu komplett in Thüringen verkauft; niemand der von der Autorin Befragten will hinterher mit ihr gesprochen haben, aus Angst, mit dem Buch in Zusammenhang gebracht zu werden. Was also hat es mit diesem Buch auf sich?
Die fiktive Heldin Elsa, Gutenberg-Absolventin und nunmehr Schauspielschülerin in Berlin, kehrt am Abend des Amoklaufs nach Erfurt zurück, weil sie verstehen will, was vorgegangen ist. Kolportagehaft montiert Geipel mit Hilfe von Zeugenaussagen aus Vernehmungen und literarischen Versatzstücken den Tathergang, sie untersucht das Umfeld des Täters, analysiert den Schulalltag und skizziert ostdeutsche Nachwenderealität.
Zu dem Zweck, einen neuen, jedoch ganz und gar unkriminalistischen Zusammenhang aufzudecken: "Es wurde nie explizit gesagt, dass die Tat in Ostdeutschland passiert ist", sagt die 43-Jährige und schreibt: "Die spezifische Identitätsschwäche der Elterngeneration verlängert sich in den Jahren der politischen Neuordnung in Ostdeutschland - in der Zeit also, da Robert Steinhäuser nächtelang vor dem Computer sitzt - wirkmächtig in die Kinder hinein." Unbequem sind die Ausführungen zu der Überforderung ostdeutscher Lehrer in der Zeit der Umstellung auf das westdeutsche Prinzip der Leistungsschule. Verärgern dürfte die Autorin diejenigen, die die Ermittlungen und Untersuchungen für abgeschlossen halten - die wenigsten Angehörigen erhielten bisher von den Behörden Antworten auf ihre Fragen.
Steinhäuser wurde zwar im Wendejahr eingeschult, trotzdem kann man dem ohnehin psychisch angeknacksten Osten größere Vorwürfe kaum machen. Die Frage des Buches lautet: Welche Mitverantwortung trägt die Gesellschaft an der Tat des Einzelnen? Noch wichtiger aber scheint seit ein paar Tagen: Was passiert mit einer Notgemeinschaft, in die die Not fällt?
Peter Ehrich war ein Freund von Robert Steinhäuser, sagt er. Fünf Jahre war er mit ihm im selben Jahrgang. Wie viele ärgert er sich über das Buch, das für ihn in der Mischung aus Fiktion und Tatsachenbericht "holprig" daherkommt, "aus der Luft gegriffen wirkt", er vermisst die Belege im Text, "wer was gesagt hat". Ehrich, der inzwischen Latein und Englisch studiert und später Lehrer werden möchte, kennt niemanden, mit dem die Autorin gesprochen hat.
An den Tag des Massakers aber erinnert er sich genau. Gerade vom Wehrdienst auf dem Weg nach Hause, hört er das Gerücht, am "Gutenberg" sei was passiert. Die erste konkrete Person, an die er denkt, ist Robert Steinhäuser: "Dass er es war, war klar." Zu oft hatte sich der spätere Attentäter in der Zeit zuvor zu Aussagen hinreißen lassen, die die Tat vorwegnahmen. Ehrich gibt zu, dass an der Schule "kein offenes Gesprächsklima" herrschte und die Direktion hierarchisch "von oben nach unten" agierte.
Nur Stunden nachdem man Steinhäuser des Gymnasiums verwiesen hatte, erfolgt am EC-Automaten eine Barabhebung von 900 Mark. 14 Tage später kauft sich Steinhäuser für 450 Mark eine Pistole Glock 17, die spätere Tatwaffe. "Die Wahrheit ist sehr konkret", sagt Ines Geipel.
Trotzdem steht Peter Ehrich während der Lesung von Ines Geipel auf und verlässt mit den anderen Schülern die Lesung in der Erfurter Kaufmannskirche. Auf ihrem Flyer steht "Wir brauchen dieses Buch nicht! Es schadet mehr, als es nützt."
Die Schüler wirken gereizt, sind kampfeslustig. Auf der Seite der Betroffenen fühlen sie sich sicher. Unterstützt werden sie von Erwachsenen, die höhnisch lachen, wenn sich die Autorin verspricht, und begeistert auf die Kirchenbänke klopfen, während jemand lautstark Kritik durchs Saal-Mikro formuliert. Hier sind alle derselben Meinung. Eine ganze Stadt hat denselben Gegner ausgemacht: Ines Geipel. Sie ist zum Ventil geworden, zum Blitzableiter.
Auch Lutz Pockel schiebt sich mit seinen Schülern durch den Mittelgang der Kirche ins Freie. Der Mathe- und Physiklehrer hatte am 26. April 2002 Aufsicht in den schriftlichen Abiturprüfungen. Die Kollegen Peter Wolff und Heidemarie Sicker übernahmen seinen Unterricht. Beide gehören zu den Opfern.
Lutz Pockel trägt gebetsmühlenartig dieselben Argumente vor wie schon sein ehemaliger Schüler Ehrich. Er wisse nicht, wo Realität aufhöre und Fiktion anfange. Vor allem erbost ihn, dass er ohne Absprache in dem Buch vorkommt, er werde "ins Schaufenster gezerrt" und kommt zum Schluss: "Schuldig ist der, der schießt!" Keine weiteren Fragen.
Das Gutenberg-Gymnasium wird noch immer saniert, innen wird es vollständig entkernt, nur die Fassade bleibt erhalten. Einen Ort des Erinnerns soll es nirgendwo in Erfurt, weder in der Stadt, noch an der Schule, geben. Fast zynisch erinnert nur das Schild am Bauzaun "Betreten des Geländes verboten. Eltern haften für ihre Kinder" an die Katastrophe vor fast zwei Jahren. Eine Stadt sucht den Alltag.
Diese Sehnsucht nach Normalität stört die Autorin Geipel nun mit ihrem Buch auf das Empfindlichste. Die Menschen vor Ort reagieren mit aggressiver Gegenwehr und setzen sich dem Verdacht aus, den Vorfall verdrängen zu wollen. Oder ihn allenfalls unter sich zu klären. Von der Veranstaltung in der Kirche sollte die Presse ausgeschlossen werden. Man entschied anders und findet dennoch kaum einen gangbaren Weg aus dem Dilemma zwischen persönlichem Beteiligtsein und dringenden Fragen gesellschaftlicher Brisanz, zwischen Privatsache und Öffentlichkeit.
Selbstkritische Fragen stellt in Erfurt kaum jemand. Den Argumenten der Autorin weicht man aus. Die Vorwürfe sind immer dieselben: Die Autorin sei eine Fremde und in der Sache nicht aussageberechtigt; formale Einwände gegen den Text sind wichtiger als dessen sachliche Fragen; solange die Informanten nicht öffentlich gemacht sind, werden die Fakten angezweifelt. Was aber ist daran ostdeutsch?
Der Osten Deutschlands steckt noch immer in einer Identitätskrise. Immer wieder reagiert die ostdeutsche Gemeinschaft auf Kritik mit Trotz, stellt sich Schulter an Schulter, bildet eine Trutzburg; wie zuletzt auch in Leipzig nach den Stasi-Vorwürfen um die Olympiabewerbung geschehen. Angstvoll und defensiv fühlt man sich der Aufbauleistungen der Nachwende beraubt. Dem Gefühl der Ausgrenzung wird wiederum Ausgrenzung entgegengesetzt. JANA HENSEL
Von Jana Hensel

DER SPIEGEL 5/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 5/2004
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DEBATTE:
Schuld hat, wer schießt

Video 07:00

Filmstarts der Woche Mark Wahlberg gegen die Roboterautomonster

  • Video "Filmstarts der Woche: Mark Wahlberg gegen die Roboterautomonster" Video 07:00
    Filmstarts der Woche: Mark Wahlberg gegen die Roboterautomonster
  • Video "London evakuiert Hochhäuser: Das ist total übertrieben" Video 01:34
    London evakuiert Hochhäuser: "Das ist total übertrieben"
  • Video "Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten" Video 02:48
    Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten
  • Video "OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an" Video 00:43
    OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an
  • Video "US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert" Video 01:01
    US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert
  • Video "Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte" Video 02:04
    Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte
  • Video "Chronik des Brexits: Wie sich die Briten gleich drei Mal verzockten" Video 02:45
    Chronik des Brexits: Wie sich die Briten gleich drei Mal verzockten
  • Video "Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?" Video 01:08
    Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?
  • Video "Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt" Video 01:06
    Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt
  • Video "Ein Jahr Brexit-Abstimmung: Breaksit for One" Video 03:06
    Ein Jahr Brexit-Abstimmung: Breaksit for One
  • Video "Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein" Video 00:51
    Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein
  • Video "Zynische Trump-Rede: Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen" Video 01:30
    Zynische Trump-Rede: "Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen"
  • Video "Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn" Video 01:00
    Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn
  • Video "Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen" Video 01:30
    Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen
  • Video "Game of Thrones: Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht" Video 01:50
    "Game of Thrones": Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht