DER SPIEGEL



BERLINALE

Glamour im Billiglohnland

Von Beier, Lars-Olav; Miesen, Nadine; Wolf, Martin

Hollywood dominiert das in dieser Woche beginnende 54. Berliner Filmfestival. Doch auch sonst drängen die kriselnden Filmkonzerne Richtung Europa. Viele US-Studios lassen mittlerweile auch in der deutschen Hauptstadt filmen - der Kosten und der Kulissen wegen.

Der Mann hat den undurchdringlichsten Dschungel und die heißeste Wüste überlebt, hat Hunderte von tödlichen Spinnen und Schlangen gebändigt, doch wenn der Hollywood-Produzent und -Regisseur Frank Marshall ("Jäger des verlorenen Schatzes", "Arachnophobia") das Wort "Berlinale" hört, weiten sich seine Augen, und ein leichter Schweißfilm legt sich auf die gegerbte Stirn.

"Ich hatte ein schreckliches Berlinale-Erlebnis, als ich 1988 Steven Spielbergs Film ,Das Reich der Sonne'' hier vorstellte", erzählt er. "Nach dem Abspann schmissen die Zuschauer wutentbrannt verschiedenste Sachen auf die Bühne und gegen die Leinwand. Nach diesem Aufruhr flüchtete ich in eine Bar und tat so, als hätte ich mit dem Projekt nichts zu tun."

Dann lehnt sich Marshall zurück, trinkt einen Schluck Mineralwasser und sagt grinsend: "Aber das hat sich zum Glück ja etwas geändert. Heute fühlt man sich als amerikanischer Produzent in Berlin fast wie zu Hause."

Tatsächlich hat sich das Festival, das am Donnerstag dieser Woche eröffnet wird, in den letzten Jahren von einer Schlachtbank zur perfekten Werberampe für US-Filme entwickelt. Weder in Cannes noch in Venedig tritt Hollywood mit ähnlicher Präsenz auf.

Die 54. Berliner Filmfestspiele zeigen gleich in den ersten Tagen vier US-Produktionen im Wettbewerb: Anthony Minghellas für sechs Oscars nominiertes Bürgerkriegs-Epos "Cold Mountain" mit Nicole Kidman und Jude Law, Nancy Meyers'' Liebeskomödie "Was das Herz begehrt" mit Jack Nicholson und Diane Keaton, den Western "The Missing" mit Tommy Lee Jones (siehe Porträt Seite 128) sowie das Drama "Monster" mit der Golden-Globe-Gewinnerin Charlize Theron.

Doch nicht nur auf der Leinwand zeigt sich Hollywoods wachsende Begeisterung für die Stadt. Zwei Oscar-Preisträger drehen gerade ihre neuen Werke in Berlin: Matt Damon ("Good Will Hunting") steht seit zwei Monaten für die Großproduktion "The Bourne Supremacy" - die Fortsetzung des Erfolgsthrillers "Die Bourne Identität" mit Franka Potente - vor der Kamera. Und Kevin Spacey ("American Beauty") dreht gerade sein Regiedebüt "Beyond the Sea" in Berlin und Potsdam - ein Musical über eine amerikanische Legende, den Sänger und Entertainer Bobby Darin.

Schon vergangenen Sommer filmte man das 110 Millionen Dollar teure Jules-Verne-Spektakel "In 80 Tagen um die Welt" weitgehend in Berlin ab; nun scheinen weitere amerikanische Regisseure und Produzenten schwer angetan von Berlin. Scouts durchstreifen die Stadt nach Schauplätzen für den dritten "Mission Impossible"-Film mit Tom Cruise, der demnächst in Berlin gedreht werden soll. Auch die aufwendige Science-Fiction-Produktion "Aeon Flux" soll in Berlin entstehen.

"Vom Tempo der Stadt war ich schon immer begeistert", sagt "Bourne"-Star Damon, während er durch den Berliner Schneematsch stapft und sich eine Zigarette anzündet. "Noch ein Grund, hier zu drehen: Im Gegensatz zu Hollywood darf man hier noch ungestraft rauchen."

Jahrzehntelang ließ Hollywood Berlin links liegen wie eine vergessene Insel. Nur dubiose Produktionen wie "Wildgänse 2" (1985) über die Entführung des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß aus dem Spandauer Militärgefängnis wagten sich in die Frontstadt. Selbst James Bond kam nur ein einziges Mal, 1982, für eine kleine Autoverfolgungsjagd in die Welthauptstadt der Spionage. Berlin hatte nie das Geld, das andere Städte den Bond-Produzenten zahlen konnten, damit der britische Agent werbewirksam ihre Stadt zerlegt.

Nach dem Ende des Kalten Krieges begeisterten sich Hollywoods Manager vor allem für den ebenso günstigen wie romantischen Filmstandort Prag. Action-Kracher wie "Mission Impossible" (1996) oder "xXx" (2002) bewegten sich meist so flüchtig wie Touristen durch die Moldau-Metropole und inszenierten sie als Sightseeing-Tour-de-Force. "Prag ist so gut wie abgefilmt", glaubt Pat Crowley, der gemeinsam mit Frank Marshall "The Bourne Supremacy" produziert.

Der Filmstandort Berlin und das Filmstudio Babelsberg fingen Ende der neunziger Jahre an, ihrem Hauptkonkurrenten Prag das Wasser abzugraben, indem sie die Wolga an die Spree verlegten: Das Stalingrad-Spektakel "Duell - Enemy at the Gates" wurde komplett in Babelsberg und Brandenburg gedreht. Zwar erntete das Werk 2001 als Eröffnungsfilm der Berlinale verheerende Kritiken; in Hollywood fand die Leistung, die Schlacht um Stalingrad nachzustellen, aber Anerkennung.

Der Durchbruch gelang den Babelsbergern im letzten Jahr, als Roman Polanskis Holocaust-Melodram "Der Pianist" bei der Oscar-Verleihung drei Academy Awards gewann, darunter den Regie- und den Hauptdarstellerpreis. Der Film, der im Warschauer Ghetto spielt, aber weitestgehend in Babelsberg und Umgebung entstand - so wurden etwa Jüterboger Kasernen in Warschauer Bürgerhäuser verwandelt -, war zudem ein weltweiter Kassenerfolg. "Das ist das beste Gütesiegel, das man sich vorstellen kann", sagt Studio-Produktionschef Henning Molfenter.

Europäische Filmstandorte wie Berlin und Prag sind für US-Produzenten vor allem aus Kostengründen attraktiv. Verglichen mit Hollywood-Gagen ist Deutschland ein Billiglohnland. Ein deutscher Produktionsfahrer verdient etwa ein Drittel dessen, was sein Kollege in den USA erhält.

Schon seit geraumer Zeit werden Hollywood-Filme auf der ganzen Welt gedreht: in Kanada ("Chicago"), Australien ("Matrix Reloaded"), Neuseeland ("The Last Samurai") oder Europa - nur nicht in Hollywood. Dort, lästerte der Schauspielveteran Nick Nolte, der mit seinem Film "Beautiful Country" auf der Berlinale erwartet wird, gäbe es "nur noch ein paar Büro-Heinis und einige Fernsehshows, aber selbst die werden selten".

Auch der Berlinale-Eröffnungsfilm "Cold Mountain" - die Geschichte spielt im US-Bundesstaat North Carolina während des amerikanischen Bürgerkriegs - wurde fast komplett in Rumänien gefilmt. "Ironie der Geschichte", nennt es Produzent Sydney Pollack, "dadurch, dass wir nach Rumänien gegangen sind, konnten wir einen weit authentischeren Film drehen, als wenn wir das in den Vereinigten Staaten versucht hätten."

Doch es war weniger die unverbaute Landschaft, die Pollack, Kidman & Co. an den transsilvanischen Bergen rund um den Skiort Poiana Brasov reizte. Vor allem konnte Regisseur Minghella für die Schlachtszenen der 80-Millionen-Dollar-Produktion wochenlang 1200 Soldaten der rumänischen Armee herumkommandieren, gegen minimale Tagesgagen. Auch gut ausgebildete rumänische Filmtechniker begnügten sich mit 200 Dollar Gage - pro Monat.

"Wenn wir den Film in den USA gedreht hätten, wäre er fast unbezahlbar gewesen", erzählt Minghella, der ein düsteres, blutiges Bild des Bürgerkriegs zeichnet. "Doch nun glauben in Amerika einige, wir - ein britischer Regisseur und sein internationales Team - hätten ihnen diese uramerikanische Geschichte gestohlen."

Tatsächlich rief die US-Vereinigung der "Film & Television Workers" sogar zum Boykott von "Cold Mountain" auf. In bestem Ursula-Engelen-Kefer-Duktus beklagten die Lobbyisten, dass "jeder Job, der nicht vom Standort abhängt, an einen ausländischen Arbeiter in einem ausländischen Wirtschaftssystem vergeben werden kann". Das Publikum solle gefälligst "ökonomischen Patriotismus" zeigen, fordern die Arbeitervertreter - und lieber Filme "Made in America" gucken.

Tatsächlich ist ein Grund für Hollywoods Flucht in die Fremde die Macht der heimischen Gewerkschaften, die die Interessen ihrer Klientel seit Jahrzehnten massiv durchsetzen. Sie haben nicht nur dafür gesorgt, dass mittlerweile jeder Mitarbeiter - vom Hauptdarsteller bis zum Pferdetrainer-Assistenten-Fahrer - im Abspann eines Hollywood-Films genannt werden muss. "Als ich in den USA Produktionsleiter war, hatte mein Auto mal einen Platten, und ich wollte den Reifen wechseln", erzählt Babelsberg-Mann Molfenter. "Da kam der Gewerkschaftsvertreter sofort zu mir und sagte: ,Lassen Sie die Finger davon. Wir haben jemanden, der das für Sie macht.'' Bei einer amerikanischen Produktion gibt es für jeden Handgriff einen Spezialisten. Das macht die Filme so teuer."

Solange die Filme trotzdem fette Gewinne garantierten, sahen die Studiobosse darüber hinweg und zahlten. Doch seit alle Studios börsennotierten Konzernen gehören, gucken die Erbsenzähler genauer hin - zumal die Zahl der Kinobesucher in den USA im letzten Jahr um mehr als vier Prozent zurückging, in Deutschland sogar um etwa zehn Prozent. Auf jedes erfolgreiche Spektakel wie "Der Herr der Ringe" oder "Findet Nemo" kamen im Jahr 2003 teure Flops wie "Tomb Raider 2" oder "Master and Commander".

Die alte Erfolgsformel in Hollywood - viel Geld ausgeben, dann kommen die Zuschauer schon - funktioniert nicht mehr. "Ein Schock", kommentiert das US-Branchenblatt "Variety"; die Studios müssten sich "verstörende Fragen" stellen wie: "Ist die Popkultur fix und fertig?"

Nur politische Gründe sprechen noch für Großproduktionen in den USA. So ma-

rodierte Arnold Schwarzenegger als "Terminator 3" im Großraum Los Angeles und sicherte damit einige hundert Arbeitsplätze in der Filmindustrie. Die Wähler honorierten seine lokalpatriotische Zerstörungswut, indem sie Schwarzenegger letzten Oktober, einige Monate nach dem Filmstart, zum Gouverneur kürten.

Doch der Kostenfaktor allein ist nur selten für Berlin ausschlaggebend. Denn im Vergleich sind Prag oder Budapest billiger. Was die Amerikaner vor allem an Berlin reizt, ist der Abwechslungsreichtum und die architektonische Vielfalt. "Die Stadt bietet viele völlig unentdeckte Motive", schwärmt Produzent Marshall.

So drehten Marshall und sein Regisseur, der Berlinale-Gewinner Paul Greengrass ("Bloody Sunday"), im fast fertig gestellten, aber noch nicht eingeweihten Tiergarten-Tunnel eine Autoverfolgungsjagd. "Der größte Set, in dem ich je gedreht habe", so Marshall. Dass Berlin eine Stadt im Umbruch ist, in der viele Gebäude noch nicht bezogen sind und andere noch nicht abgerissen wurden, kommt Hollywood sehr entgegen: Wo sonst kann man für einen Film so viele Gebäude in die Luft jagen wie in Berlin und Umgebung?

In Jackie Chans Star-Vehikel "In 80 Tagen um die Welt", das im letzten Sommer in Berlin und Umgebung entstand, doubelt die Hauptstadt sogar das Paris, das London und das New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Auf dem wochenlang für den Dreh gesperrten Gendarmenmarkt wurde die Fassade der Bank von England errichtet - zur Freude vieler Touristen.

Für "The Bourne Supremacy" werden über den Berlin-Teil hinaus auch Moskau- und Neapel-Szenen an der Spree gedreht.

Grund dafür, dass Kevin Spacey seinen Film "Beyond the Sea", der in den USA und Italien spielt, fast vollständig in Berlin und Potsdam dreht, ist auch eine 4,8-Millionen-Euro-Bürgschaft des Landes Brandenburg. "Sogar das Los Angeles der vierziger Jahre finden wir eher hier als in Los Angeles ", erzählt er. "Denn dort wurden zum Beispiel alle legendären Nachtclubs auf dem Sunset Boulevard abgerissen. Und die Gebäude, die noch existieren, wurden so stark verändert, dass man die Jahrzehnte mühsam Schicht für Schicht abtragen müsste. Hier dagegen wurde nichts angerührt - perfekt für uns."

Ganz perfekt läuft es in Berlin allerdings nicht. Als bei den Dreharbeiten von "The Bourne Supremacy" für eine aufwendige Verfolgungsjagd mehrere 50 Meter hohe Scheinwerfermasten aufgestellt wurden und die Gegend um den Bahnhof Friedrichstraße mitten in der Nacht in gleißendes Licht tauchten, brachte Hollywoods enormer Energieverbrauch die Hauptstadt an ihre Grenzen: Für mehrere Stunden fiel in Berlin-Mitte der Strom aus.

LARS-OLAV BEIER, NADINE MIESEN,

MARTIN WOLF

* Mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit.

DER SPIEGEL 6/2004
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