DER SPIEGEL



Der Stimmungs-Kanonier

Von Diez, Georg

Im dritten Jahr als Berlinale-Chef wirbt Dieter Kosslick nur gebremst fürs deutsche Kino.

Im Wettstreit der europäischen Filmfestivalchefs braucht man derzeit gute Nerven: In Venedig sitzt der Schweizer Moritz de Hadeln mit einem Dreimonatsvertrag auf dem Schleuderstuhl, in Cannes zappelt der Programmmacher Thierry Frémaux stets nervös an den Strippen des allmächtigen Festspiel-Paten Gilles Jacob. Sollte da nicht auch der Berlinale-Leiter Dieter Kosslick ein wenig Zerknirschung zeigen, als er auf der Programmkonferenz vergangene Woche verkünden musste, dass zwar Jack Nicholson in diesem Jahr nach Berlin komme, nicht aber der von Kritikern neugierig erwartete Ché-Guevara-Film des Brasilianers Walter Salles?

Ach was, der Ché-Film läuft nun wohl in Cannes, aber Dieter Kosslick macht, was er am liebsten tut: Er grinst lautvergnügt in die Kameras. Statt über die Walter-Salles-Pleite zu reden - die so spät passierte, dass man ihretwegen sogar den Druck der Programmbücher anhalten musste -, erzählt Kosslick erst mal von Nigerias Filmwirtschaft. "Also, die sind ziemlich gut drauf", ruft er in den Saal. Gut drauf ist auch er stets - und das ist sein größtes Kapital.

Kosslick, 55, ist ein Zauberer, dessen besonderes Talent darin liegt, das er das Kaninchen gleich noch mitspielt, das er aus dem Zylinder hervorholt. Seine Magier-Gala ist die Berlinale.

2002, in seinem ersten Jahr als Chef, stand er nachts mit der Gitarre um die Schulter neben der Rockgruppe BAP und rief: "So soll die Berlinale nächstes Jahr werden." 2003 war die Stimmung dann tatsächlich immer noch sehr gut. Warum sollte sie jetzt, 2004, plötzlich abstürzen?

Dieter Kosslick ist ein Beweger. Wo er sitzt und steht, zuckt er unentwegt mit den Augen, zwinkert Fotografen zu, verschränkt die Arme, herzt alte und neue Bekannte und dreht munter Pirouetten. Wenn er sich konzentriert, dann kneift er den Mund zusammen, und an der Nasenwurzel bildet sich eine Falte. Andere Gesichter sind vielleicht Masken; dieses Gesicht durchzuckt es in Wellen.

"Ich leite mal über", sagt Kosslick, während seine Pressesprecherin ihn etwas entgeistert anlächelt. "Dann kann ich überlegen, was ich eigentlich sagen wollte."

Als sich der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann Kosslick 2000 zum neuen Berlinale-Chef wünschte, da hieß es, das Filmfestival solle "hauptstädtischer" werden. Alles sollte ja hauptstädtischer werden damals. Kosslicks Vorgänger de Hadeln, der jetzt in Venedig werkelt, hatte länger regiert als Kanzler Kohl, seit 1979. Kein Wunder, dass seine Auftritte etwas zwiebacken wirkten.

Und weil die Leitung eines Filmfestivals, mehr noch als die Regierungsarbeit fürs ganze Land, eine Sache der Stimmung ist, entschied sich der Schröder-Minister Naumann für den Gute-Laune-Mann Kosslick.

Der war Boss der einflussreichen Filmstiftung Nordrhein-Westfalen und sagte Sätze wie: "Der Zustand des deutschen Films ist eine Million Mal besser als der des deutschen Frühstücksbrötchens."

Als Berlinale-Chef holte er 2002 vier deutsche Filme in den Wettbewerb, 2003 dann drei, 2004 nun zwei: Fatih Akins "Gegen die Wand" und Romuald Karmakars "Die Nacht singt ihre Lieder" (siehe Seite 129). Früher mal sagte Kosslick: "Die Berlinale dreht im großen Stil das Marketing-Rad für den deutschen Film."

Kosslick hat sich um die deutschen Produzenten und Regisseure gekümmert; er hat mehr internationale Stars nach Berlin geholt, hat den Glanz gebracht, den sich das Kanzleramt wünschte; er beherrscht die Kunst des Charmierens und muss doch mitunter die Härte eines kleinen Tyrannen zeigen. Innerhalb des Berlinale-Apparats mache er sich keineswegs als großer Kommunikator verdient, lästerten Ex-Mitarbeiter wie die einst fürs Kinderfilmfest zuständige Renate Zylla.

Nach außen aber kann Kosslick brillant kommunizieren, auch wenn sein Englisch alles andere als perfekt ist. "Er schafft es, Nicole Kidman zum Lächeln bringen", sagt der Filmregisseur Oskar Roehler, der 2002 in der Jury war und 2003 mit seinem Film "Der Alte Affe Angst" im Wettbewerb.

Roehler preist den Entertainer Kosslick als "wahnsinnig vital", als "Stehaufmännchen", der morgens bis um sechs auf Partys bleibe. Jakob Claussen, einer der Produzenten des Films "Lichter", der auf der Berlinale 2003 gezeigt wurde, sagt enthusiastisch: "Das ist ein Spitzentyp."

Beim Eröffnungsempfang 2002 hatte Kosslick sein Redemanuskript vergessen. Er entschuldigte sich mit dem Satz: "Sorry for the pan." Ist er, wie manche finden, ein Tausendsassa ohne eigene Talente oder doch "ein Glücksfall für Berlin", wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit meint? Der erinnert sich an "Kosslick-Momente" auf dem roten Teppich und lobt die "wuschlige freundliche Art", mit der Kosslick noch dem größten Chaos eine "sympathische Komponente" gebe.

Diese Qualitäten sind jetzt eher noch wichtiger als in Kosslicks Startphase, droht doch heute Berlin zur "depressiven Hauptstadt" zu werden, wie just Michael Naumann kürzlich in der "Zeit" warnte. Für elf Tage überstrahlt nun Dieter Kosslick als Hausherr am Potsdamer Platz alle hauptstädtischen Malaisen: Völker der Welt, forget about the pans! GEORG DIEZ


DER SPIEGEL 6/2004
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