09.02.2004

Aufmarsch der Überlebenden

Ortstermin: Udo Lindenberg trommelt das Panikorchester noch einmal zusammen - Comeback oder Abschied?
Morgens, so um 14.30 Uhr, befinden sich fünf ältere Herren sowie eine Dame in der Lobby des noblen Hotels "Elephant" zu Weimar. Die Männer hängen in tiefen Ledersesseln, starren vor sich hin, sie sind blass, unrasiert, einer gähnt, einer summt, und einer trägt einen schwarzen Filzhut, er blättert in einer Zeitschrift. Die Frau, etwa Mitte fünfzig, tippelt hin, tippelt her.
Der Mann mit der Zeitschrift ist Udo Lindenberg, er trägt eine Sonnenbrille von der Größe einer Taucherbrille. Und die müden Herren und die nervöse Frau sind seine Musiker, für zehn Tage. Aber früher, vor vielen Jahren, waren sie wirklich seine Musiker, sein Panikorchester, die stolzen Pioniere des Deutsch-Rock, die Helden einer Generation, die Männer von der "Andrea Doria".
Die Frau heißt Carola Kretschmer und gehörte damals dazu. Damals hieß sie noch Thomas Kretschmer und war Lindenbergs Sologitarrist, die ersten acht Jahre lang. Weil Kretschmer seine Riffs immer so grimmig spielte, nannte Lindenberg ihn den "Tiger von Eschnapur".
Aber Rockbands sind, falls sie nicht "Stones" heißen, nicht für die Ewigkeit geschaffen. Thomas Kretschmer trennte sich 1980 von der Band, er überstand Krisen, er unterzog sich einer Geschlechtsumwandlung, und als Carola Kretschmer lebt sie heute in einer schwäbischen Kleinstadt, als Gitarrenlehrerin. Als sie noch Thomas hieß, schrieb sie einen Hit, einen einzigen, den Udo Lindenberg sang, der Song "Nina" wurde oft im Radio gespielt, damals, und manchmal erzählt sie ihren Schülern davon, sie hat vier Schüler. "Diese Nostalgiesache hier", sagt sie, "macht mich ziemlich nervös." Sie lächelt und tippelt, sie, das ist klar, sie kann nicht zurück.
Ein großer Mann kommt jetzt in die Lobby gestapft: knöchellanger Mantel, breite Schultern, kahler Schädel - Eddy Kante, Lindenbergs Leibwächter, Fitness-Trainer, auch zuständig für die Versorgung mit Kräutertee und Thymian-Rosmarin-Zigaretten. Kante späht durch die Hotel-Glastür auf den Marktplatz von Weimar, eigentlich müssten da Scharen hysterischer Groupies stehen.
Nur ein paar Schüler sind zu sehen, die Bratwurst essen. "Der Bus ist da", sagt Kante.
In der Erfurter Messehalle, 25 Autominuten von Weimar entfernt, eröffnet Udo Lindenberg seine 30-Jahre-Jubiläumstournee unter dem Titel "Aufmarsch der Giganten", das ist Udo-Deutsch und heißt: "Ihr wisst schon, wie ich das meine."
Manche seiner Paniker sind noch im Geschäft, wie der Gitarrist Carl Carlton, der auch für Peter Maffay spielt, andere musste er aus der Versenkung zerren wie Carola Kretschmer. Nina Hagen ist dabei, Peter Maffay singt gutmütigerweise mit, der Schauspieler Ben Becker schlendert durch die Moderation, Nena wird in Hamburg auf die Bühne kommen, die Prinzen in Leipzig.
Wird es ein Comeback? Oder wieder mal ein Abschied?
Die neunziger Jahre waren für Udo Lindenberg bitter. Kein Mensch wollte seine Songs hören, die Medien duckten sich, sobald er mit seinen Rock-gegen-Nazi-Gewalt-Anliegen kam, allenfalls machten sie sich lustig über seine Nuschelphrasen. Lindenberg schrieb eine Revue, "Atlantic Affairs", von der Platte wurden knapp 7000 Stück verkauft - früher waren sechsstellige Verkaufszahlen normal.
So hockte der Kerl mit dem Hut in seiner Suite im Hamburger Hotel "Atlantic", starrte auf die graue Alster, hielt seinen Whisky-Pegel aufrecht und malte Aquarelle aus Blue Curaçao, die er "Likörelle" nannte. Er überstand Gelage, Wutanfälle und eine Knieoperation; seitdem schlingert er beim Gehen, seitdem benutzt er einen Gehstock, natürlich einen edlen, schwarzen, der Griff ist ein silberner Vogel.
Aber Stock bleibt Stock.
Udo war in den neunziger Jahren das Schlimmste widerfahren, was einem Rocker passieren kann: Er war alt geworden.
Heute braucht er eine Lesebrille, auch wenn er sie immer schamhaft versteckt. Aber er braucht sie: Das ist die schlichte Wahrheit.
Vor dieser Wahrheit kann man resignieren, sich verstecken: So hat es Carola Kretschmer, der "Tiger von Eschnapur", gemacht. Die Wahrheit kann man aber auch bekämpfen, das ist die Lektion des Rock'n'Roll: So macht es Lindenberg. Er bekämpft das Alter, indem er es ignoriert.
Vor drei Jahren hörte er mit dem Saufen auf, vor drei Monaten rief er seine alten Kumpel an und lud zu einer Art Klassentreffen ein, zu dieser Tournee. Welche Songs? Natürlich die alten, die bewährten Dinger - "Rudi Ratlos", "Andrea Doria", "Cello", dazu eine Multimediashow, mit Dutschke, Brandt, Tschernobyl, drei Jahrzehnte im Schleudergang.
So stehen sie also in Erfurt auf der Bühne, Nina Hagen singt "Ich glotz TV", ein Liliputaner flitzt über die Bühne, Udo singt "Sonderzug nach Pankow" und tanzt ein paar torkelnde Schritte, vorsichtig, wegen des Meniskus.
Der Aufmarsch der Giganten ist ein Aufmarsch der Überlebenden, Rudi Ratlos ist tot, Elli Pirelli verschollen, Fritz Rau in Rente, aus Thomas wurde Carola, und das Durchschnittsalter auf der Bühne beträgt schätzungsweise 56 Jahre, aber das ist egal. Darum kann sich Udo jetzt nicht kümmern, Rock'n'Roll heißt: weitermachen. RALF HOPPE
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 7/2004
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