09.02.2004

ERNÄHRUNGDicke Kinder, kleine Welt

Ein Staatssekretär auf der Suche nach Fettleibigkeit in den USA
Matthias Berninger schaut auf seinen Cheeseburger. Dieses Stück gehacktes Fleisch ist so was wie der erste Programmpunkt dieser Reise, auf der es um dicke Kinder in Amerika und Deutschland gehen soll. Der Parlamentarische Staatssekretär hebt das Brötchen vom Fleisch, die anderen Delegationsteilnehmer sehen ihm belustigt zu. Sie sitzen abends im alten Washingtoner Restaurant Old Ebbitt Grill, das die deutsche Botschaft für sie ausgesucht hat, und besprechen das Besuchsprogramm.
Berninger hat im vorigen Sommer auf einem Flug von Frankfurt nach Berlin im Magazin "Time" eine Titelgeschichte über die Atkins-Diät gelesen. In jenem Moment ist die Idee für diese Reise entstanden. In ein paar Tagen wird er in Berlin mit den Krankenversicherungen und der Nahrungsmittelindustrie über den Kampf gegen die Übergewichtigkeit bei deutschen Kindern sprechen. Da sind amerikanische Details willkommen. Jedes dritte deutsche Kind ist zu dick, sagt der Staatssekretär. Vor 20 Jahren sprangen die deutschen Schüler im Sportunterricht durchschnittlich elf Zentimeter weiter als heute.
Am Morgen trifft sich die deutsche Delegation mit Morgan Downey, dem Direktor der Amerikanischen Gesellschaft für Fettleibigkeit. Downey ist ein dicker Mann mit rotem Kopf und einer von zwei Mitarbeitern seiner Organisation. Er sagt, Übergewichtigkeit sei ein globales Problem. Es gebe nur zwei Gegenden, in denen man nicht darüber nachdenken müsse. Eine davon sei die Sahel-Zone. Staatssekretär Berninger informiert ihn darüber, dass es in Deutschland gelungen sei, den Fettgehalt bei "Fruchtzwergen" zu reduzieren. Downey nickt. Fruchtzwerge.
Zum Mittagessen treffen die Deutschen Alison Kretser, die wissenschaftliche Direktorin beim Verband der Nahrungsmittelhersteller. Sie lacht beim Sprechen, denn sie hat es nicht leicht. Sie ist der Feind. Sie sagt, dass sie nicht an Vorgaben bei der Reduzierung von Zucker glaube, sondern eher an die Veränderung der gesamten Essgewohnheiten.
Bei der Fahrt zum nächsten Termin geraten die Deutschen in einen Stau, den der vorbeifahrende Präsident Bush auslöst, treffen einen stellvertretenden Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, einen Kongressabgeordneten aus Delaware und später in der Lobby des Watergate-Hotels Ed Bernstein, der in der "Nordamerikanischen Forschungsgesellschaft für Fettleibigkeit" arbeitet. Bernstein sagt, dass es in den amerikanischen Zeitungen mehr Veröffentlichungen zur Fettleibigkeit gebe als zum Irak-Krieg, was sich Berninger schnell in sein Notizbuch schreibt. Als Bernstein über die Bewegungsarmut der amerikanischen Kinder spricht, läuft ganz überraschend Caio Koch-Weser an ihrem Tisch vorbei. Der ist Staatssekretär im Finanzministerium. Berninger springt auf wie ein Soldat. Bernstein schaut verwirrt.
"Was machen Sie denn hier?", fragt Berninger seinen Kollegen.
"Bereite den Gipfel in Florida vor, und Sie?", fragt der Finanzstaatssekretär.
"Dicke Kinder", sagt Berninger.
"Viel Spaß", sagt Koch-Weser, dann läuft er weiter.
"Small world", sagt Berninger und setzt sich. Delegationsmitglied Michael Deckwitz studiert die Rückseite des Katalogs der Nordamerikanischen Forschungsgesellschaft für Fettleibigkeit, die für einen fünftägigen Kongress im November dieses Jahres in Las Vegas wirbt. Dem Diamanten der Wüste, wie es dort heißt.
"Da müssen wir unbedingt hin", sagt Deckwitz leise.
Am nächsten Tag treffen sie den amerikanischen Staatssekretär Eric Bost im Landwirtschaftsministerium. Bost sagt, dass sie versuchen wollen, den Schulkindern mehr Obst und Gemüse anzubieten, weil da weniger Fett drin sei. Die Deutschen nicken, als hielten sie das für eine interessante Überlegung. Berninger gesteht, dass seine Kinder keinen Salat mögen.
Alle schmunzeln. Es ist wie bei den anderen Terminen. Sie reden über dies und das. Die Kinder bewegen sich zu wenig, sehen zu viel fern, essen Fast Food. Man müsste was machen. Es ist ein großes Thema. Ob die Atkins-Diät hilft? Wer weiß.
Bost erklärt, dass an amerikanischen Schulen zu wenig Sport getrieben werde. Berninger sagt, das sei in Deutschland genauso.
"Haben Sie Getränkeautomaten in den Schulen?", fragt Eric Bost.
"Nein, aber wir haben lebende Getränkeautomaten. Die Hausmeister verkaufen Getränke und Snacks und verdienen dabei", sagt Berninger.
"Das ist wie ... äh ... wo war ich gerade?" Bost sieht seine Assistenten an, aber die wissen auch nicht weiter. "In Hongkong. Richtig. Es ist wie in Hongkong", sagt er.
Hongkong. Vielleicht sollte man da als Nächstes hin.
ALEXANDER OSANG
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 7/2004
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