DER SPIEGEL



Wie war ich, Honey?

Von Jenny, Urs und Wolf, Martin

Der US-Schauspieler Jack Nicholson, 66, über die Kunst, ein Hollywood-Star zu sein, seinen Ruf als Frauenheld, die Einsamkeit im Alter und seinen neuen Film "Was das Herz begehrt"

SPIEGEL: Mr. Nicholson, seit Sie 1969 in "Easy Rider" mitgespielt haben, gelten Sie als der Hollywood-Star schlechthin - bis heute. Wie haben Sie es geschafft, so lange durchzuhalten?

Nicholson: Ich habe einfach immer weitergemacht, immer gearbeitet, und ich hatte nicht besonders viele Comebacks. Ich habe auch sehr viel Glück gehabt - aber ich sage mir natürlich, dass es an meinem guten Geschmack liegt.

SPIEGEL: Was heißt guter Geschmack?

Nicholson: Ich wusste immer, welche Regisseure etwas taugen, und mit denen wollte ich arbeiten. Und weil auch sie wussten, was gut ist, wollten sie mich haben. Deshalb fühle ich mich für meinen Erfolg genauso verantwortlich wie für meine Sünden. Heutzutage mag das anders sein, aber ich gehöre noch zu den Leuten, die glauben, dass ihre Gefühle und ihre Überzeugungen ihr Leben bestimmen.

SPIEGEL: Die Berliner Filmfestspiele zeigen in der Retrospektive einige Ihrer Filme aus den siebziger Jahren. Mögen Sie diese Filme noch?

Nicholson: Ich fühle mich nicht wohl dabei, mir meine eigenen Sachen anzusehen.

Insbesondere, wenn die Filme, bei denen ich Regie geführt habe, im Fernsehen laufen - verstümmelt und durch Werbung unterbrochen. Aber das Einzige, was ich wirklich veraltet finde, ist der Ton. Mir war immer das Visuelle wichtiger.

SPIEGEL: War Ihnen damals bewusst, dass Sie und Ihre Kollegen mit Ihrer Rebellion gegen die Hollywood-Studios Filmgeschichte schreiben würden - oder wollten Sie eigentlich bloß Spaß haben?

Nicholson: Ich bewundere jede Art von Egoismus. Deshalb bevorzuge ich die Formulierung: Wir haben dafür gesorgt, dass diese Filme in die Geschichte eingingen. Ich habe - hoffentlich - Filme gedreht, die auch nach 10 oder 20 Jahren nicht weniger wahrhaftig wirken als damals.

SPIEGEL: Von heute aus betrachtet, scheinen die frühen siebziger Jahre in Hollywood eine einzige Party gewesen zu sein.

Nicholson: Nicht nur in Hollywood. Die ganze Welt war damals so. Aber Aids hat alles verändert. Sie können Barbesitzer überall auf der Welt fragen, die werden Ihnen bestätigen: Die Party ist vorbei. Es wurde plötzlich populär, Sex zu verdammen. Jetzt sorgt der Terrorismus dafür, dass die Welt durch Misstrauen vergiftet wird.

SPIEGEL: Beeinflusst die Terrorfurcht auch Sie ganz persönlich?

Nicholson: Ja, ständig. Gestern Abend war ich in einem Restaurant, als es draußen plötzlich eine lauten Knall gab. Ich weiß immer noch nicht, was es war. Früher hätte man gedacht, jemand habe ein Klavier fallen gelassen; heute fragt man sich, ob jemand den Friedhof auf der anderen Straßenseite in die Luft gesprengt hat.

SPIEGEL: Sie haben zwei Kinder im Teenageralter. Mögen die Ihre Filme?

Nicholson: Sie werden es nicht für möglich halten: Sie lieben meine Filme. Nicht so sehr wie "Findet Nemo", aber ich bin zufrieden.

SPIEGEL: Dass Sie in Ihrem neuen Film "Was das Herz begehrt" einen alten Weiberhelden spielen, stört Ihre Kinder nicht?

Nicholson: Nein, im Gegenteil. Mein Sohn Ray, er ist elf, hat sich totgelacht über die Szene, in der ich das Wort "Titten" ausspreche. Als Vater war ich über diese Reaktion etwas beunruhigt, aber als Schauspieler fand ich sie großartig.

SPIEGEL: Die meisten Hollywood-Filme werden ja heute für Kinder gedreht. Aber "Was das Herz begehrt" richtet sich entschieden an ein erwachsenes Publikum. Hat dieser Film auch die Art verändert, wie Sie sich selbst sehen?

Nicholson: Nein, ich habe immer versucht, so genannte anspruchsvolle Filme zu machen, und das gilt auch für "Was das Herz begehrt". Romantische Komödien gibt es zwar wie Sand am Meer, aber so eine Geschichte hat noch niemand erzählt.

SPIEGEL: Sie schlägt vor allem komödiantisches Kapital aus Ihrem Image als Frauenheld.

Nicholson: Als Schauspieler würde ich nie irgendwelche Beschränkungen akzeptieren. Aber ich muss die Beschränkungen akzeptieren, die mein Alter mit sich bringt. In meinem Alter ist jede Art von Romantik ein Kompliment. Die meisten Romane und Filme über den so genannten dritten Lebensabschnitt strapazieren immer dieselben Klischees. Es geht fast nur um den Ruhestand oder tote Ehegatten.

SPIEGEL: Wie in der Tragikomödie "About Schmidt", für die Sie letztes Jahr eine Oscar-Nominierung kassierten.

Nicholson: Als "Schmidt" wollte ich mich diesen Tatsachen ohne jede Beschönigung stellen. Aber es gibt wenig Stoffe, die ehrlich sind und trotzdem lebensbejahend.

SPIEGEL: Der Mann, den Sie in "Was das Herz begehrt" spielen, kokettiert anfangs damit, dass er sich nie an Frauen über 30 heranmacht - weil, so wird ihm später vorgehalten, jüngere Frauen leichter zu beherrschen seien. Stimmt das?

Nicholson: Ich kann schlecht ganz allgemein darüber sprechen.

SPIEGEL: Reden Sie doch einfach über sich selbst.

Nicholson: Für viele Männer meines Alters ist eine junge Frau eher eine Art Accessoire als ein Mensch. Sie denken, es lässt sie attraktiver aussehen. Verstehen Sie? Ich persönlich bin darauf nicht angewiesen. Aber ich habe es bei anderen Männern beobachtet, und ich war der Meinung, es passe zu dieser Figur.

SPIEGEL: Jetzt verleugnen Sie Ihr Image als ewiger "Womanizer".

Nicholson: Ich verleugne nie mein Image.

SPIEGEL: Haben Sie denn Ihre jungen Freundinnen nicht mit Genuss in der Öffentlichkeit präsentiert?

Nicholson: Klar, solange es gut fürs Geschäft ist. Aber es steckt keine Strategie dahinter. Sich selbst zu kennen ist schon schwierig genug; zwei Menschen zu verstehen bedeutet Schwierigkeiten hoch zwei.

SPIEGEL: Aus Schaden wird man klug?

Nicholson: Ich habe geheiratet, als ich sehr jung war. Als mich Sandra Knight an einem Mittwoch im Jahr 1962 fragte, ob wir heiraten wollten, hatte ich nichts dagegen, und am Freitag waren wir verheiratet. Aber ich war wohl etwas voreilig, denn diese Ehe war kein Erfolg.

SPIEGEL: Sie wurden 1968 geschieden und haben seitdem nicht mehr geheiratet.

Nicholson: Ich hatte einige Beziehungen, die jahrelang hielten, ich habe Kinder. Doch es wäre unehrlich, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich heute gern eine Partnerin fürs Leben hätte. Die meisten meiner Kontakte sind rein beruflich - es wäre schön, diese Erfahrungen mit jemandem zu teilen.

SPIEGEL: Kennen Sie Sofia Coppolas neuen Film "Lost in Translation"?

Nicholson: Ja, schöner Film.

SPIEGEL: Er zeigt einen alternden Hollywood-Star, der einsam in einem Hotel in einem fremden Land sitzt und am Sinn des Lebens zweifelt. Kennen Sie das auch?

Nicholson: Nun, an einem bestimmten Punkt im Leben ist es tatsächlich so. Ich bin einsam, weil ich viel unterwegs bin. Ich habe zwar Freunde in Deutschland, aber keiner hat sich gemeldet - und ich weiß nicht recht, wie ich Werner Herzog oder Wim Wenders oder wen auch immer erreichen soll. Wenn sie auftauchen, gut, aber ich bin nur ein paar Tage hier. Die letzten Tage war ich in Großbritannien, wo ich noch mehr Freunde habe - aber die waren gerade alle auf den Bahamas oder sonst wo.

SPIEGEL: Früher haben Sie solche Gefühle durch exzessives Feiern verdrängt.

Nicholson: Ja, aber wenn man älter wird ... Ich frage nicht mehr: Welches ist die beste Disco in Berlin? Es macht mir keinen Spaß mehr. Ich will nicht mehr gegen die Musik anschreien müssen: Was hast du gesagt, Liebling? Es könnte zwar immer noch passieren, aber mein Verstand sagt mir: Es ist nicht mehr dasselbe wie vor 25 Jahren.

SPIEGEL: Müssen wir uns Sorgen um Sie machen?

Nicholson: Danke, mein Appetit oder meine Libido haben bisher nicht nachgelassen. Mir würde es immer noch Spaß machen, einige Frauen abzuschleppen. Aber ich denke, man wird allmählich reifer. Auf einem meiner früheren Deutschland-Besuche - diese Geschichten mag ich wirklich sehr! - musste mich ein PR-Mann aus einer Badewanne mit drei jungen Damen zerren. Die Frauen weinten alle, als ich ging. Das war eine der größten Huldigungen, die ich je erlebt habe. Ich könnte mir auch heute eine Nacht mit drei Damen in der Badewanne vorstellen ...

(In diesem Moment betritt Diane Keaton, Nicholsons Filmpartnerin in "Was das Herz begehrt", das Hotelzimmer. Die Klatschpresse spekuliert, die Romanze zwischen den beiden sei hinter der Kamera weitergegangen.)

Keaton: ... eine Nacht mit drei Damen in der Badewanne, schon klar, Jack! Hab ich dich erwischt! (Lacht, küsst Nichol-

son auf beide Wangen, setzt sich neben ihn.) Mach nur so weiter!

Nicholson: Ja, Honey, hör dem Meister zu! Jeder fragt, ob wir heiraten wollen.

SPIEGEL: Die Frage kommt noch.

Keaton: (lacht) Ja, wir haben jetzt einen Hochzeitstermin.

Nicholson: Wir sind beide skrupellos. Uns ist egal, was die Leute über uns reden.

SPIEGEL: Ms. Keaton, Sie sind in "Was das Herz begehrt" für den Bruchteil einer Sekunde nackt zu sehen, und Sie, Mr. Nicholson, präsentieren den Zuschauern in einer Szene Ihr entblößtes Hinterteil. In den USA war das ein großes Thema. Woher kommt diese amerikanische Obsession für nackte Tatsachen?

Keaton: Stimmt, in Amerika mussten wir dauernd blöde Fragen dazu beantworten. Aber in Deutschland auch.

Nicholson: Es gibt einen Unterschied zwischen Europa und den USA: Amerikaner mögen es, wenn Filme sexy sind; Europäer bevorzugen Filme mit Sex.

SPIEGEL: Der Filmheld bricht vor Schreck fast zusammen, als er Ms. Keaton zufällig nackt sieht. Und sein nackter Hintern ist auch für einige Gags gut. In Europa wird so etwas kaum registriert.

Nicholson: Die Leute im Kino sollen ihren Spaß haben. Falls die deutschen Zuschauer nicht lachen, wenn mein Arsch zu sehen ist, werde ich Ihnen Recht geben.

SPIEGEL: Gibt es nun diese spezifisch amerikanische Obsession oder nicht?

Nicholson: Wie man''s nimmt. 1981 habe ich mit Jessica Lange "Wenn der Postmann zweimal klingelt" gedreht. Es war nicht die erste Verfilmung von James M. Cains Roman, aber niemand hatte sich zuvor an dessen heißeste Szene gewagt: Nämlich, wie der Gangster und die Frau es neben der Leiche ihres Mannes treiben. Der Film hat in Europa dreimal so viel Geld eingespielt wie in den USA.

SPIEGEL: Was wollen Sie damit sagen?

Nicholson: Sexualität im Film regt die Amerikaner ein bisschen zu sehr auf. Angefangen mit "Bitterer Reis", der filmischen Masturbiervorlage schlechthin, als ich ein Teenager war - wegen eines nassen Kleids und einem bisschen Schamhaar. In US-Filmen war es lange nicht mal erlaubt, dass zwei Menschen auf einem Bett sitzen, wenn nicht wenigstens einer von ihnen einen Fuß auf dem Boden hatte.

SPIEGEL: Jetzt müssen Sie uns doch noch erklären, was an den Gerüchten über Ms. Keaton und Sie dran ist.

Nicholson: Ich bewundere vor allem ihre Bescheidenheit. Und dass sie umwerfend und phantastisch aussieht - ich habe sie schon bewundert, als sie Ende der sechziger Jahre am Broadway im Musical "Hair" mitspielte. Am Ende von "Hair" standen bekanntlich alle Schauspieler nackt auf der Bühne und sind dadurch berühmt geworden. Ms. Keaton aber machte sich als Einzige immer vor dem Finale davon. (zu Keaton:) Wie war ich, Honey? Hast du heute Abend schon was vor?

SPIEGEL: Ms. Keaton, Mr. Nicholson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit Dennis Hopper, Peter Fonda in "Easy Rider" (1969). Das Gespräch führten die Redakteure Urs Jenny und Martin Wolf in Berlin. * Mit Jessica Lange in "Wenn der Postmann zweimal klingelt" (1981).

DER SPIEGEL 7/2004
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DER SPIEGEL 7/2004

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