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SENDER

Wir müssen da durch

Von Matussek, Matthias

Recherche-Flops, Rausschmisse, Demonstrationen - ihre kritische Irak-Berichterstattung bescherte der BBC die größte Krise ihrer Geschichte. Es ist nicht das erste Mal, dass die öffentlichrechtliche Institution mit der britischen Regierung hart aneinander gerät. Von Matthias Matussek

An diesem Morgen, Donnerstag vergangener Woche, verfrühstückt der BBC-Radio-Moderator John Humphrys in der "Today"-Show den britischen Verteidigungsminister Geoff Hoon. Seine Stimme hat dabei das behagliche Schnurren einer ziemlich großen Katze. Humphrys ist schmal, klein und grau, doch seine Stimme ist riesig und dunkel. Er beugt sich übers Mikrofon. Er fragt knapp und klug. Wenn es sein muss, unterbricht er den Minister. Er verstellt Schlupflöcher, er setzt nach. Allerbestes Jagdverhalten.

Der Kontrollraum liefert zu. Alle kämpfen. Alle wollen sich rehabilitieren.

Das Studio ist das Epizentrum der Katastrophe. Vor knapp einem Jahr hatte Reporter Andrew Gilligan von hier aus die BBC in die größte Krise ihrer 81-jährigen Geschichte gestoßen. Er hatte salopp behauptet, die Regierung lüge, ohne es zu beweisen. Sein Informant, Waffenexperte David Kelly, brachte sich danach um. Eine Untersuchung unter Lord Hutton konterte mit dem verheerenden Verdikt, die Regierung habe sich völlig einwandfrei verhalten, die BBC dagegen völlig falsch. Direktoren traten zurück. Das Haus wackelte.

Nun wackelt wieder die Regierung, und das "Today"-Team ist daran nicht unschuldig. Hat die Regierung vielleicht doch gelogen in ihrer Behauptung, Saddam Hussein könne Massenvernichtungswaffen in 45 Minuten gefechtsklar machen? Sie hatte zumindest einen Eindruck erweckt, der unhaltbar war. Für den Krieg sei das unerheblich gewesen, sagt Minister Hoon an diesem Morgen ausweichend. Für die Bevölkerung habe es überhaupt keine Rolle gespielt. Ach ja?! "Sprich ihn auf die Schlagzeilen an", ruft Redakteur Kevin Marsh seinem Moderator über Kopfhörer zu.

"Lesen Sie keine Zeitung?", fragt Humphrys und flicht fließend ein, was ihm gerade geflüstert wird. Die "Sun" vom 25. September 2002 zum Beispiel, mit ihrer Horrorzeile: "Noch 45 Minuten bis zum Untergang". Hätte man den Irrtum nicht aufklären müssen? Das ist der Moment, in dem Hoon in die Falle rennt. Er habe die "Sun" damals nicht gelesen, sagt er.

"Das ist es", brüllt Marsh. "Holt mir den Bericht."

Bald ist Hoon abgehängt, im Kontrollraum wird hektisch telefoniert. Das Programm schippert harmlos weiter. Es geht um den Schmuggel indonesischer Edelhölzer. Niemanden interessiert das. Das Team jagt dem Sekundenzeiger hinterher, und kurz vor Schluss ist es geschafft. Da kann Humphrys noch einmal Hoons Äußerung einspielen. Und dann präsentiert er seinem Publikum das, was das "Today"-Team ausgebuddelt hat: Hoons Äußerung vor dem Untersuchungsausschuss im O-Ton:

"Sind Sie sich der Tatsache bewusst", wurde er damals gefragt, "dass am 25. 9. eine ganze Reihe von Zeitungen mit den Schlagzeilen erschienen, die suggerierten, dass Saddam über strategische Waffen, gar Bomben verfüge?" - "Ja", sagt da der gleiche Hoon, "ich kann mich daran erinnern." Da hat er ja nun gerade etwas anderes gesagt, live auf Radio 4, in der "Today"-Show, kurz vor neun Uhr. "Wir haben uns um eine Stellungnahme aus dem Ministerium bemüht", schnurrt Humphrys, "aber bisher keine Antwort bekommen." Kurz darauf ist die Sendung zu Ende.

Als die Reporter, Redakteure und Aufnahmeleiter nach der Sendung zur Manöverbesprechung im Kreis herumstehen, sind sie abgekämpft, mit Schweißflecken unter den Armen wie nach einem sehr knappen Sieg: Die vergangenen Schlappen sind noch nicht vergessen, aber man ist auf dem Weg zurück an die Spitze.

Später wird Hoon toben, wird sich beim BBC-Vorstand beschweren. Und der "Daily Mirror" bereitet seine Hoon-Schlagzeile vor: "Lügner oder Idiot". Beides groß.

Doch Triumph-Jubel gibt es bei der "Today"-Mannschaft an diesem Morgen nicht. Leise Genugtuung, vielleicht. Und Müdigkeit. Interessieren sich die Leute überhaupt noch für das Thema? Hat Blair gelogen? "Ich glaube, der Unterschied zwischen den Waffentypen war ihm egal", sagt Co-Moderator James Naughtie, kahl und bullig, eine Art gemütvoller Metzger. "Blair war schon vorher zum Krieg entschlossen, das ist das Verheerende."

In diesen Tagen nach dem Hutton-Bericht sieht die Nachrichtenlage jeden Tag anders aus. Und mit jedem Dementi, jeder Spitzfindigkeit aus London und aus Washington wirkt die BBC professioneller, auch im Vergleich zu den Brüdern und Schwestern von CNN oder Fox News.

Während die erst einmal verschämt ihren verdummenden patriotischen Fensterschmuck einholen mussten - zwei Drittel der Amerikaner glaubten, dass Saddam hinter den Anschlägen auf das World Trade Center steckte -, kann die BBC nun getrost sagen: Wir haben''s gleich gesagt, alles Schwindel. Irakgate, das ist klar, kann mittlerweile zwei Regierungen zum Verhängnis werden.

Nicht, dass man in der BBC, insbesondere in der Belegschaft von "Today", schon wieder frei von der Leber weg reden könnte. Es ist öffentlichrechtliche Vorsicht am Platz. Noch werden Spitzenjobs neu besetzt. Noch gibt es keinen in der Morgenrunde, der bei dem Namen Gilligan nicht zusammenzucken würde. Man spricht über ihn wie über einen fehlgelenkten Torpedo, der beinahe den eigenen Tanker versenkt hätte.

"Wenn er sich nur an das gehalten hätte, was Kelly ihm gesagt hat", sagt Kevin Marsh, mit kaum erloschener Wut. Seine "Today"-Show wird von gut zwei Millionen Hörern eingeschaltet. Sie gibt oft die Nachrichtenlage des Tages vor. Sie ist der preisgekrönte Bulle des BBC-Hörfunks. Und das hat Gilligan in Gefahr gebracht, durchaus zur Schadenfreude von Konkurrenz-Redaktionen im Haus.

Gilligan, der Geheimniskrämer, der meistens nachts arbeitete und selten Skripte zu seinen Beiträgen einreichte. Jetzt geht ohne Skript gar nichts mehr über den Sender, und den Reportern wurde weitgehend verboten, für Zeitungen zu schreiben. Die Spielräume sind enger gemacht worden.

Am wütendsten ist man wohl darüber, dass seinetwegen zwei beliebte Chefs gehen mussten. Chefs, wie man sie sich wünscht. Chefs, die sich vor einen stellen. In diesem Fall stellten sie sich vor den Falschen.

In der BBC-Kantine sitzt man in diesen Tagen zusammen, weil man die eigene Stärke spüren möchte und weil man in der Gruppe besser überlebt. Meistens sind es Schreibkräfte, Techniker, Sekretärinnen. Gewerkschafter haben über Mittag zu Demonstrationen aufgerufen.

"Wir müssen da durch", sagt Naughtie, kippt seinen Tee und verabschiedet sich nach Hause. Er hat zu tun. Stars wie er demonstrieren eher selten.

Naughtie findet, dass der Sender aus dem Gröbsten raus ist. Hutton hat Gutes bewirkt. "Er hat uns zu Opfern gemacht." Naughtie grinst, als könne er das selber nicht glauben. Opfer!

Sie sitzen in einem runden Glaspalast, der vor sechs Jahren für 65 Millionen Pfund neben das alte Funkhaus geklotzt wurde. Die Opfer leben hier in behaglichen Lebensanstellungen, ohne echten Quotendruck.

Weltweit liefern rund 27 000 Mitarbeiter Programm, und sie haben eine Menge Spielgeld zur Verfügung. Rund vier Milliarden Euro, die an Rundfunkgebühren eingezogen werden. Wer nicht zahlt an die gute alte Tante BBC, kann ins Gefängnis kommen, selbst Cherie Blair.

Die BBC ist kein Opfer. Sie macht das beste Programm der Welt, mit glänzenden Dokumentationen, preisgekrönten Seifenopern, Nachrichtensendungen wie "Newsnight", vor denen jeder deutsche TV-Mann das Haupt senken müsste. Sie ist das Vorbild nicht nur der ARD in Deutschland.

Daneben ist die BBC aber auch ein Spielfeld für Seilschaften, Durchstechereien, Filz, beaufsichtigt von einem Board of Governors, einer Art Rundfunkrat. Sie ist ein Koloss, eine Nebenregierung, so eitel wie Hollywood und so arrogant und abgedichtet, wie DDR-Ministerien nie waren.

Der Krach zwischen BBC und Regierung in der Downing Street ist deshalb so unterhaltsam, weil sich beide so nahe sind. Während sie aufeinander einprügelten, riefen beide Kombattanten dem Publikum zu: Vertraut uns! Und sie blieben ohne jeden Selbstzweifel, auch als sie bereits längst widerlegt waren.

Auf beiden Seiten agieren Journalisten und Politiker gleichermaßen, und sie hassen sich, wie nur enge Verwandte sich hassen können. Blair-Berater Alastair Camp-

bell zum Beispiel, ehemaliger Boulevard-

schreiber, bezeichnete die Leute von der "Today"-Show als "Wichser".

Dass aber beide Seiten verwandt sind, war bisweilen lächerlich wörtlich zu nehmen: Blairs Berater Roger Liddle etwa ist mit BBC-Spitzenmanagerin Caroline Thomson verheiratet, die wiederum der Blair-Vertraute Mandelson einzuschüchtern versuchte. Unnötig zu sagen, dass der vom Labour-Kabinett gehasste Ex-Generaldirektor und Multimillionär Greg Dyke selbst glühender Labour-Anhänger ist.

Es ist wie die Qual-Verwandtschaft zwischen SPD und WDR in Nordrhein-Westfalen, allerdings mit besserem Programm, tolleren Grafiken, mondänerem Personal.

Neue Zeiten sind da angebrochen im Verhältnis zwischen BBC und Downing Street. Auf der einen Seite macht New Labour Politik wie ein TV-Programm, Schlagzeilen-Vorgaben inklusive. Auf der anderen Seite ist der Sender zur Ersatzopposition geworden - die Tories füllen den Job längst nicht aus. So trampeln sie sich gegenseitig auf die Füße.

Allerdings gab es diese bissige Nähe von Medium und Macht von Anfang an: Schon 1926, vier Jahre nach ihrer Gründung durch ein paar Fabrikanten, wollte Winston Churchill, damals noch Schatzkanzler, die BBC unter Regierungskontrolle stellen, weil sie während eines Generalstreiks zur einzigen Informationsquelle geworden war.

Sie blieb unabhängig. Und ließ sich nutzen: Mit seinen magischen Rundfunk-Reden beflügelte Churchill später auf BBC das britische Volk im Kampf gegen HitlerDeutschland. Der Zweite Weltkrieg war ein Rundfunkkrieg. Fernsehen gab es zwar, doch es war bei Kriegsausbruch eingestellt worden, mitten in der Ausstrahlung eines Micky-Maus-Films. Sechs Jahre später wurde der Sendebetrieb mit dem gleichen Film wieder aufgenommen.

"Wir bitten um Entschuldigung für die Unterbrechung", sagte der Sprecher, in schönstem, britischem Understatement.

Mit der Krönung von Elizabeth II. durchbrach auch das BBC-Fernsehen 1953 eine Schallmauer - 20 Millionen Menschen sahen zu. Ob Suez-Konflikt in den Fünfzigern, Kabinettskrisen in den Sechzigern oder Falkland-Krieg in den Achtzigern, immer wieder gab es Versuche, die BBC an die Kette zu legen. Und immer wieder scheiterten sie. Mag die Insel inzwischen ihren Supermacht-Status eingebüßt haben, die BBC herrscht über ein Sende-Empire, in dem die Sonne nicht untergeht, vom Wahlkampf in Iowa bis zur Seifenoper in Peschawar.

Den letzten Angriff auf die größte gebührenfinanzierte TV-Festung der Welt ritten die Privatanstalten in den neunziger Jahren mit ihren Vulgarisierungsoffensiven. Die BBC parierte die Attacke, indem sie mitritt. Mit Talkshows und Blödeleien setzte sie sich auch dort in den Quoten wieder an die Spitze. Und unter dem hemdsärmeligen Greg Dyke, der 2000 anheuerte, wurde sie noch bunter, noch reißerischer.

Ironischerweise war es genau diese Öffnung zum Markt hin, mit der Dyke zunächst der Politik, dann sich selber ein Bein stellte. Reporter Gilligan war vom "Sunday Telegraph" abgeworben worden, weil er mit seinen Geschichten Krach zu schlagen verstand. "Manche seiner Storys", witzelte sein damaliger Chef Rod Liddle, "stimmen sogar."

So ist die BBC alles andere als unschuldig an ihrer Krise in diesen Tagen. Doch sie ist eine britische Institution, und die wird verteidigt von ihren Hörern und Sehern, die sie in jeder Umfrage weit besser abschneiden lassen als die Regierung.

Unverdrossen kämpfen auch die Gewerkschafter auf dem Gelände in Londons Westen für die Unabhängigkeit, halten ihre Poster im Nieselregen hoch und winken ihren kritischen Sendestars, die zu ihren Jaguars eilen, solidarische Grüße zu.

"Nach dem Tumult um Huttons Report wird sich keiner mehr trauen, die BBC unsanft anzupacken", meint ein Redakteur. Noch während der neue Aufsichtsratschef, Lord Ryder, grenzenlose und komplette Unterwerfungserklärungen der Regierung gegenüber abgab, drehte sich der Unterbau in die Gegenoffensive.

In einer 135-seitigen Schrift, die dem "Independent" zugespielt wurde, zerpflückten die Juristen des Hauses Lord Huttons Bericht und empfahlen Klage. Selbst Gilligans Irrtümer seien von der in der europäischen Menschenrechtskonvention garantierten Meinungsfreiheit gedeckt.

Die BBC allerdings hätte nicht die Klasse, die sie hat, wenn sie die eigene Welle an Selbstgerechtigkeit nicht längst wieder zum Anlass für ein witziges Programm genommen hätte.

Um die neue Folge der Rundfunksatire "Absolute Power" hatte es in der vergangenen Woche Querelen gegeben. Dort erklärt der PR-Fachmann und Zyniker Charles Prentiss, dass er dem Premierminister, der sein Kunde ist, nichts mehr beibringen könne, was "Irreführung, Manipulation und Lügen angeht".

Im Lichte des Hutton-Reports wurden die "Lügen" und die "Manipulationen" herausgeschnitten. Und im Lichte der neuesten Entwicklungen wurde die "Irreführung" stehen gelassen. Es gab viel Geschrei um dieses Schnitt-Theater, das Autor Mark Tavener "völlig neurotisch" nannte.

Die Pointe der betreffenden Szene fiel offenbar niemandem auf, so dass sie auch von den Gutmenschen innerhalb der BBC unangetastet blieb. Da sagt Werbechef Prentiss lässig zu seinem Kompagnon: "Was brauchen wir schon Downing Street - wenn wir die BBC als Kunden haben."

* Mit Reporterin Najiba Kasraee beim BBC-Interview am 9. Oktober 2001 in der Downing Street.

DER SPIEGEL 7/2004
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